Naturgesetze
Magnus Hirschfeld
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Eine gemelnuerstfindllche Untersuchung
über den
Liebes-Hndruck, Liebes-Drons und Llebes-Ausdruck
mit 2 erläuternden Abbildungen
von
1912.
Verlag Alfred Pulvermacher & Co.
Berlin W. 30.
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V
Naturgesetze der Liebe
Alle Rechte,
sowie Obersetzung in fremde Sprachen
vorbehalten.
Copyright 1912
Alfred Pulvermacher & Co.
Berlin.
ERNST HAECKEL gewidmet
Ew. Exzellenz
haben mit Worten gütigen Interesses und freundlicher *
Anerkennung die Widmung dieses Buches entgegen-
genommen.
Sie selbst haben in Ihrer .Anthropogenie", in der
Sie den .Erotischen Chemotropismus als Urquell
der Liebe" bezeichnen, zum Ausdruck gebracht,
welchen hohen Wert Sie auf „eine vernunftgemäße
wissenschaftliche Behandlung der fundamentalen Sexual-
probleme" legen.
Wenn Sie in Ihrem Briefe an mich die Hoffnung
aussprechen, durch die Entgegennahme der Widmung
dieses Buches „die weitere Verbreitung und Ver-
wertung meiner sexuellen Aufklärungs-Bestrebungen
zu fördern", so bin ich fest davon überzeugt, daß es
für die aufstrebende Sexualwissenschaft von hoher Be-
deutung sein wird, wenn Sie auf der Höhe eines an
Arbeit und Errungenschaften überreichen Forscher-
lebens ihr jenes Zeichen der Anteilnahme auf den Weg
weiterer Entwicklung mitgeben.
Daß dieser Entwicklungsgang im Sinne Ihrer und
unserer Weltanschauung vorwärts und aufwärts
führen möge, ist der tiefempfundene Wunsch, mit
dem ich Ew. Exzellenz diese Arbeit überreiche.
In dankbarer Verehrung
Berlin, im März 1912.
Dr. med. Magnus Hirschfeld.
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„Alle biologischen Untersuchungen, alle Forschungen über die
Gestaltung und Lebenstätigkeit der Organismen haben zunächst den
sichtbaren Körper ins Auge zu fassen, an welchem uns die be-
treffenden morphologischen und physiologischen Erscheinungen ent-
gegentreten. Dieser Grundsatz gilt ebenso für den Menschen wie
für alle anderen belebten Naturkörper. Dabei darf sich die Unter-
suchung nicht mit der Betrachtung der äußeren Gestalt begnügen,
sondern sie muß in das Innere derselben eindringen ..."
Ernst Haeckel,Die Welträtsel,
Kap. 2.
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Naturgesetze der Liebe
«
Eine gemeinverständliche Untersuchung
Qber den
-
Liebes-Eindruck, Liebes-Drang und Liebes-Ausdruck
mit 2 erläuternden Tafeln in Farbendruck
von
Dr. Magnus Hirschfeld.
1912.
Verlag Alfred Pulvermacher & Co.
Berlin W. 30.
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Einleitung.
Liebe und Wissenschaft.
SJßjjgjH ie jede Anziehung in der Natur beruht auch die
iWM^ : der Liebe auf Gesetzen. Nach welchen Regeln
MiOl^j sich die Weltenkörper gegen einander bewegen
ist uns wohlbekannt, wir kennen die Anziehungsgesetze
der Erde, über der Atome Lieben und Hassen sind
wir unterrichtet, wir wissen, wie stark es den Kohlen-
stoff zu den anderen Elementen zieht, um mit ihnen
Milliarden verschiedenartigster Körper zu erzeugen —
die Gesetze jedoch, nach denen in uns selbst
Liebe und Haß, Zuneigung und Abneigung ihre folgen-
eiche Wirksamkeit entfalten, haben wir kaum studiert,
geschweige denn erkannt.
Fünfmal fünfhundert Jahre sind verflossen, seit von
griechischen Weltweisen das Streben der Elemente zu
inander mit menschlichen Leidenschaften verglichen
vurde. Heute tun wir das Entgegengesetzte. Wir ver-
gleichen, wie es Goethe in dem vierten Kapitel der
Wahlverwandtschaften tat, die Liebe der
Menschen mit chemikalischen Verwandtschaftspro-
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Goethe und Empedokles.
zessen. Aber nicht mehr als Gleichnisrede 1 ) ist es ge-
meint, sondern als tatsachliche Gleichsetzung psycholo-
gischer und physikalisch-chemischer Vorgänge.
Der hervorragendste unter den griechischen Natur-
philosophen war Empedokles, der als Arzt und Philo-
soph um das Jahr 450 v. Chr. zu Agrigent tätig war.
Er lehrte, daß in dem regellosen Durcheinander derUr-
stoffe, dem ursprünglichen Chaos, sich eines Tages die
Liebe als ein allgemeines Streben nach gegenseitiger Um-
armung und Vereinigung geregt habe. Durch den Hauch
der Liebe hätte sich der Weltenbrei geordnet, die Atome
hätten sich mit anderen Atomen zu Molekülen verbun-
den, und diese unter einander zu immer höheren Er-
scheinungsformen, zu Kristallen und weiter empor zu
pflanzlichen, tierischen und menschlichen Lebewesen. So
hätte die Liebe in dem ihrem innersten Wesen nach
einheitlichen unendlichen All der Welt vergäng-
liche Einzelheiten und Gestalten als Äußerungen des
Endlichen hervorgezaubert, und damit das Chaos
in den Kosmos, das Disharmonische in Harmonieen
verwandelt. Was neu geworden erschiene, sei in Wirklich-
keit nicht neu, sondern nur eine andere Gestaltung, beru-
hend auf der Trennung und Wiedervereinigung der alte»
ewig vorhandenen Stoffe durch zwei ewig wirksame Kräfte:
die Liebe und den Streit.
i) Aus den Wahlverwandtschaften: „Diese Gleichnisreden",
sagte Charlotte, „sind artig und unterhaltend, und wer spielt nicht gern
mit Ähnlichkeiten? .... Mir sind leider Fälle genug bekannt, wo eine
innige, unauflöslich scheinende Verbindung zweier Wesen durch ge-
legentliche Zugesellung eines dritten aufgehoben und eins der erst so
schön Verbundenen ins lose Weite hinausgetrieben ward." „Da sind
die Chemiker viel galanter", sagte Eduard; „sie gesellen ein viertes
dazu, damit keins leer ausgehe."
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Vor- und Nach-Sokratiker.
5
Die tiefe Weisheit dieser Anschauungen verdient um so
größere Bewunderung, als der hellenische Gelehrte
weder die Grundsatze der Physik und Chemie, noch die
der modernen Biologie kannte, jene „großen ehernen
Gesetze, nach denen wir alle unseres Daseins Kreise
vollenden." Aber fast noch erstaunlicher muß es erschei-
nen, daß in den mehr als zwei Jahrtausenden, seit Em-
pedokles lebte und litt, zwar in hohem Maße die An-
ziehungsverhältnisse der Weltenkörper, in verschwindend
geringem Grade jedoch die unserer eigenen Körper ein Feld
der Forschung geworden sind.
Ist dies ausschließlich auf die größere
Schwierigkeit der Erkenntnis seelischer
Vorgänge — denn um diese handelt es sich bei
der menschlichen Anziehung — zurückzuführen, Schwie-
rigkeiten, die erheblich, aber nicht unüberwindlich sind,
da eine scharfe Beobachtung und Prüfung der Er-
scheinungen ebenso sichere Grundlagen und Er-
gebnisse zeitigen kann, wie das in seiner Zuverlässigkeit
von der Wissenschaft der Gegenwart fast überschätzte
Experiment?
Diese Unterlassung muß noch andere Gründe haben.
Einer der triftigsten war, daß nicht lange nach dem vorso-
k ratischen Natur-Philosophen die Moralisten, in der
Steigerung Sokrates — Plato — Aristoteles — ■ Paulus,
die Oberhand gewannen und ihre spiritualistisch - a s->
ketischen Lehren, deren biologische Wurzeln wir
in dieser Arbeit ebenfalls zu untersuchen Gelegenheit
nehmen wollen, so tief und nachhaltig in den empfäng-
lichen Boden ihrer Zeit eingruben, daß sie bis zum heu-
tigen Tage wie ein Pflock im Gehirn der Menschheit
haften geblieben sind.
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6
Antihedonismus.
Hie und da schien es wohl — so in der Periode der
Renaissance und im Aufklärungszeitalter des 18. Jahr-
hunderts — als sollten freiere, natürlichere Gedanken
und Betrachtungen zum Durchbruch gelangen, aber es
schien doch eben nur so, von einem wirklich wissen-
schaftlichen Durchdringen des menschlichen Lie-
beslebens konnte auch nicht im entferntesten die Rede
sein. Und erwägt man, wie, wenn der lastende Druck
ein wenig sich löste, der unfreie Geist sich schließlich
immer noch als der stärkere erwies, so muß man fast
annehmen, daß die vielfach geäußerte Oberzeugung, die
moderne Naturerkenntnis werde hier nun endgültig
Wandel schaffen, auch jetzt noch mehr Hoffnung
als Zuversicht ist.
Ist es doch für jemanden, der die Zeichen der Zeit
betrachtet und prüft, unverkennbar, daß gerade neuer-
dings wieder die antihedonistischen Bestrebungen für
eine möglichst ausgedehnte Kontrolle des Geschlechts-
lebens in starker Zunahme begriffen sind. Liest ein ge-
wissenhafter Fachmann die Sittlichkeitsparagraphen, wie
sie in den englischen, holländischen und in anderen Par-
lamenten in den letzten Jahren eingebracht und vertreten
wurden, so gewinnt er oft den Eindruck, als seien diese
Gesetzesvorschläge und Gesetze nicht von lebensbejahen-
den Menschenfreunden!, sondern von eifervollen Lebens-
hassern verfaßt. Es hat beinahe den Anschein, als
handele es sich dabei vielfach um eine bewußte und un-
bewußte Reaktion gegenüber der Sexualforschung, die
sich im Laufe der letzten drei Jahrzehnte zu einer Sexual-
wissenschaft entwickelt hat. Findet sich doch der Name
Sexual Wissenschaft zum ersten Mal erst im Jahre
1906 im Vorworte zu B 1 o c h's „Sexualleben unserer Zeit".
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Liebe als Kunstobjekt. 7
Noch sind wir freilich trotz der mühevollen Arbeit
vieler, namentlich deutscher Gelehrter, weit von dem
Ziele entfernt, das Hermann Rohleder in seinem Werke
„Die Zeugung" (pag. 98) in dem Satze ausdrückt: „für
den zukünftigen Arzt wird die gründliche Kenntnis der
Sexologie die erste Grundlage sein." Immerhin hat die
methodische Sexualwissenschaft bereits einen solchen Um-
fang erreicht, daß auch der asketischste Geist sie nicht
mehr bannen kann; je mehr ihr Feld sich erweitert,
um so mehr wird ihre Bedeutung gewürdigt werden,
und wenn sie erst den ihr gebührenden Platz einnimmt,
wird es späteren Generationen unbegreiflich sein, daß an
einer so wichtigen Naturerscheinung, wie es die Liebe
des Menschen ist, die Naturforschung Jahrtausendelang
fast achtlos vorübergehen konnte.
Wie war es nur möglich, wird man dann fragen,
daß, während die Vertreter der redenden und bildenden
Künste in fast ununterbrochener Reihenfolge aller Gene-
rationen sich mit der Darstellung der Liebe in ihrer
unendlichen Vielgestaltigkeit beschäftigten, ein schier un-
erschöpflicher Quell tief eingreifender und ergreifender
Probleme, die Männer der Wissenschaft ihr Augenmerk
so wenig auf ein Studienobjekt richteten, dessen Er-
kenntnis und Ergründung, wenn je eines, menschlichen
Denkens und Sinnens wert und würdig ist? Liebe und
Wissenschaft erschienen förmlich als Gegensätze. Noch
als die großen deutschen Philosophen in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts, Schopenhauer und Nietzsche
voran, das Liebes- und Geschlechtsleben in den Kreis
ihrer Betrachtungen zogen, begegneten sie vielfach der
Auffassung, daß sie sich eigentlich um etwas bekümmer-
ten!, was mehr die Poeten als die Philosophen anginge.
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8
Medico-Theologen.
Das ist nun allerdings anders geworden. Die Wissen-
schaft, die alles erfassen soll und umfassen muß, ist
emsig bemüht, auch dieses weite Gebiet zu durchdrin-
gen, und viele Kräfte sind am Werke, das weltbewe-
gende, urgewaltige Mysterium der Liebe in seinem
Wesen, Werden und Wirken aufzuhellen.
Man hat den Einwand erhoben, daß die wissenschaft-
liche Behandlung des Liebesproblems Illusionen zerstöre,
es sei, als ob man eine schöne Blume, anstatt sich ihres
Duftes und Anblicks zu erfreuen, in ihre einzelnen Bestand-
teile zerlege. Schließt denn die wissenschaftliche Behand-
lung der Liebe die künstlerische aus? Gewiß nicht; dazu
ist das Sexualproblem denn doch ein zu weitschichtiges und
zu bedeutsames, als daß es nicht die allerverschiedensten
Betrachtungsweisen zuließe.
Andere haben der Sexualwissenschaft den wissenschaft-
lichen Charakter absprechen wollen, ein Geschick, das in
ihren Anfängen vielen Fächern beschieden war, die heute
in hohem Ansehen stehen. Ist es gegenwärtig noch nötig,
den Beweis zu erbringen, daß es sich bei der Sexualwissen-
schaft tatsächlichum eine Wissenschaft handelt? Für
den Sachkenner sicherlich nicht; da aber in der einfluß-
reichen Licentiaten- Literatur auf diesem Gebiet und ihr
nahestehenden Arbeiten von Ärzten, die Nyström
treffend als Medico-Theologen charakterisiert hat, immer
noch unbequeme Forschungsergebnisse mit dem bequemen
Wort pseudowissenschaftlich 2 ) abgetan werden, sei noch-
mals kurz festgestellt, was das Wesen der Wissenschaft ist.
2 ) Unter anderem geschieht dies in den recht oberflächlichen
Vorträgen von Seved Ribbing über sexuelle Hygiene und Ethik,
pag. 58, die in der Obersetzung von Dr. Oscar Reyher in Deutsch-
land leider weiteste Verbreitung gefunden haben.
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*
Wesen der Wissenschaft.
9
Die Voraussetzung jeder Wissenschaft ist
Wissen, das Kennen einer Summe von Tatsachen; die
Wissenschaft unterscheidet sich von dem bloßen Wissen da-
durch, daß sie als umfassendere Einheit eine Anzahl zu-
sammengehöriger Einzelerscheinungen in sich begreift, zu-
nächst rein äußerlich, dann aber, und dadurch erhebt sich
die niedere zu der höheren Wissenschaft, indem sie die
Einzdheiten auch innerlich, und zwar vor allem nach ur-
sächlichen Zusammenhängen verknüpft, sie erklärt.
Die Naturwissenschaft, und dieser gehört ja die Sexu-
alwissenschaft an, sammelt die Naturerscheinungen, ist
also vor allem beschreibend, dann verbindet sie aber auch
die Tatsachen durch Gedanken und läßt sie uns so ver-
stehen. Solange wir mit unserem Denken die Dinge
umfassen, wird keine Wissenschaft, und namentlich keine
höhere, gewisser Theorien entbehren können. Eine der
letzten Definitionen des Begriffes Wissenschaft befindet
sich in einer der jüngsten Abhandlungen Wilhelm Ost-
wald s. 8 ) Der Leipziger Biologe schreibt: „Der Name
Wissenschaft bezieht sich, seiner früheren Bedeutung ge-
mäß, auf das, was man weiß, wobei unter Wissen eine
Kenntnis des Gewesenen und des Gegenwärtigen verstan-
den wird. In seiner neuen Bedeutung soll Wissenschaft da-
gegen solches Wissen genannt werden, das aus der Kennt-
nis der Vergangenheit und der Gegenwart die) Vorhersagung
der Zukunft ermöglicht. Erst dieses letzte Kennzeichen
macht ein Wissen zu einer Wissenschaft, und alles Wissen
ist nicht wert, Wissenschaft genannt zu werden, wenn es
diese Anwendbarkeit auf die Zukunft nicht hat."
Ostwald fügt dann noch weiter ergänzend hinzu: „Ein
solches Wissen um die Zukunft ist ein jedes, welches zu
8 ) Monistische Sonntagspredigten Nr. 7, Seite 50 u. 51.
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10
«
Sexualwissenschaft.
- der Erkenntnis von allgemeinen Naturgesetzen oder Ge-
setzen des Geschehens führt. Denn nur das, was
sich gesetzmäßig, d. h. in bestimmter, wiederholt beobach-
teter und daher im Zusammenhange vorausbekannter Folge
vollzieht, kann vorausgesehen werden."
Fragen wir auf Grund dieser Auseinandersetzungen,
ob die Sexualwissenschaft wahre Wissenschaft ist, so kann
die Antwort nicht zweifelhaft sein. Die Sexualwissenschaft
stützt sich, wie jede andere, auf das Wissen der Einzeler-
scheinungen. Diese sammelt und beschreibt sie und sucht
sie zu erklären, indem sie mit Hilfe des Denkens aus den
Einzelbefunden das Gemeinsame ableitet, das Naturgesetz-
liche, um uns neu entgegentretende Einzelerscheinungen
dadurch verständlicher zu machen. Der wissenschaft-
liche Fortschritt aber liegt, wie bei der Erklärung der
meisten Lebensvorgänge, so auch bei denen der Liebe in
einer immer weitergehenden Zurückführung der Lebens-
erscheinungen auf physikalisch-chemisches Geschehen, in
der Reduktion der als spontan bezeichneten Bewegun-
gen auf das, was man Reflexe und Tropismen nennt; so
tritt ein relatives Verstehen und Beherrschen der Vorgänge
an die Stelle scheinbarer Willkürakte.
Überblicken wir unter den eben geltend gemachten
Gesichtspunkten die große fachwissenschaftliche Literatur,
welche die Sexualwissenschaft der letzten Jahrzehnte zu
Tage gefördert hat, so überwiegen freilich die beschreiben-
den Arbeiten sorgsamer Sammler an Zahl und Wert bis-
her bei weitem diejenigen Werke, in denen, um mit Ost-
wald zu reden, ein wirkliches Wissen um Gesetze und ein
Wissen um die Zukunft enthalten ist; das ist gut und
begreiflich. Gut, weil je zahlreicher die einzelnen
Tatsachen sind, aus denen Gesetze abgeleitet werden, um
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Theoretisches und Tatsächliches. 1 1
so mehr ihre Zuverlässigkeit und Gültigkeit verbürgt er-
scheint. Begreiflich aber auch, weil jahrtausendelang dieses
Gebiet brach lag, das oberflächlich und äußerlich be-
trachtet' zwar ziemlich konform, in der Tiefe der Erschei-
nungen aber höchst kompliziert und vielseitig ist. Jahr-
tausendelang hielt man es für wertvoller und vor allem für
würdevoller, alte Münzen oder Inschriften zu sammeln, als
die so unendlich mannigfaltigen Anschauungen, Einrich-
tungen, Sexualordnungen und Geschlechtsregulierungen, wie
sie auf dem Gebiet des Liebeslebens bei verschiedenen Völ-
kern und zu verschiedenen Zeiten in überreicher Fülle herr-
schend waren. Viele dieser überlieferten Formen wurden
in
•WH
■
so zur zweiten Natur, daß es schließlich kaum noch mög-
lich war, das Gewohnheitsmäßige von dem
Gesetzmäßigen, die erste Natur von der zweiten zu
trennen. Erst eine vergleichende Tatsachenfor-»
s c h u n g im großen Stile gestattet es, Schlüsse zu ziehen,
die wirkliche Bedeutung in Anspruch nehmen können.
Um so verwunderlicher muß es erscheinen, mit wel-
cher Sicherheit manche Autoren ohne statistische Unterlagen
in dieser Frage, Theoretisches als Tatsächliches
ausgebend, Behauptungen aufstellen. Würden wir beispiels-
weise diejenigen, die über die Vorteile geschlechtlicher Ent-
haltung schreiben, fragen, wie groß die Zahl der von ihnen
beobachteten Fälle ist, auf die sie ihre Aussagen stützen,
wir würden erstaunt sein, wie leichtfertig im Rufe der Ex-
aktheit stehende Gelehrte subjektive Anschauungen als ob-
jektive Befunde ausgeben.
Worin besteht nun der gegenwärtige positive Lite-
raturbesitzder Sexualwissenschaft?
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Literaturbesitz.
Wir besitzen zurzeit neben den zusammenfassenden
Compendien von Bloch, Forel, Rohleder, Ha-
velockEllisu. a. zahlreiche historische und ethnogra-
phische Arbeiten, die uns über die Geschichte der Ge-
schlechtsbeziehungen, sowohl der Ehe als der freien Liebes-
verhältnisse, des Konkubinats und der Prostitution Auf-
schluß geben, Werke, die uns über die von sozialen und
religiösen Faktoren in so mannigfacher Weise beeinflußten
Sexualsitten der Natur- und Kulturvölker, sowie
über die besonders eigenartigen Liebesgebräuche der Völ-
ker der Halbkultur berichten. Wir besitzen höchst
beachtenswerte Beobachtungen und Schriften über das
Liebesleben der T i e r e und Pflanzen. Wir verfügen
über eine sehr beträchtliche Kasuistik, die uns in das Sexu-
alleben derer Einblick gewährt, die in bezug auf die Trieb-
richtung, die Triebstärke und die Triebbetätigung von
der Mehrzahl abweichen. Alle Extreme von der Frigidi-
tät bis zu den erotomanischsten Zuständen sind an Einzel-
beispielen geschildert worden: Frauen, wie Cornelia, die
Schwester Goethes, von der ihr Bruder sagte „in ihrem
Wesen lag keine Spur von Sinnlichkeit", auf der einen, —
große „Amoureusen", deren ausschließlicher Lebensinhalt
die Liebe schien, auf der anderen Seite. Viele Fälle sind
auch beschrieben, in denen die Herrschsucht und ebenso
viele, in denen die Dienstbereitschaft der Liebe, viele auch,
in denen die Lust der Liebe am Leide sich weit
über den Durchschnitt in ein krankhaftes Übermaß gestei-
gert hatte.
Eine besondere Erwähnung verdienen auch die sexu-
alpsychologischen Wertungen hervorragender Geister, die
von tiefschürfenden Gelehrten und Kennern seit dem Vor-
gange von Möbius zahlreich verfaßt worden sind, nicht
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Autobiographieen.
13
immer, aber doch oft, eine Quelle und Fundgrube wich-
tiger Erkenntnisse. Neben diesen von Fachleuten beobach-
teten, behandelten und analysierten Fällen sind die A u t o-
biographieen von nicht zu unterschätzender Bedeu-
tung, und zwar nicht minder die Selbstschilderungen ein-
facher Menschen, denen es eine Befreiung gewährte,
sich über sich selbst Rechenschaft abzulegen, als
die hervorragender Persönlichkeiten: die Konfessionen
Augustins und Rousseaus, die Aufzeichnungen
Casanovas und Retifs, die Bekennmisse Grill-
parze r s und Kierkegaards, die Tagebücher
P 1 a t e n s und Ninon de L e n c 1 o s\ Allerdings müssen
alle diese Aufzeichnungen mit kritischem Auge betrachtet
werden. Manche der Autoren schmücken ihr Erleben und
Empfinden phantastisch aus, doch enthalten, selbst unter
Berücksichtigung dieses Umstandes, ihre Dokumente des
Bemerkenswerten genug.
In ungleich höherem Maße, wie in dieser, mischt
Wahrheit und Dichtung sich in der rein schöngeistigen
Literatur. Gleichwohl ist aber auch diese, richtig benutzt,
für den Sexualforscher eine wichtige Erkenntnisquelle. Ge-
rade das mit nichts sonst vergleichbare Rühmen der Liebe,
solange es eine Sprache gibt, bei allen Völkern, die wir
kennen, zeigt, was sie dem Menschen ist und bedeutet.
Wohin wir uns wenden, ob nach Asien, der Mutter, ob
nach Amerika, der Tochter Europas, überall ist sie, wie bei
uns, der große Mittelpunkt in Kunst und Leben, ernst und
gewaltig in stiller erhabener Größe, um den sich alles
Übrige ordnet. Jedes Liebeslied spottet asketischer Priester-
Jehren, ebenso wie die Natur selbst es tut, von der
Mantegazza einmal mit Recht sagte, daß sie „nur ein
einziger großer Liebeshymnus* ist
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Goethe und Maupassant.
Es gibt unter den Dramen und Epen, Romanen und
Balladen der Weltliteratur — von der Lyrik ganz zu
schweigen — viele, deren psychologischer Wert ihrem
Kunstwert nicht nachsteht, viele auch, deren psychologische
Bedeutung die künstlerische weit überragt. Für uns
Deutsche ist hier in erster Linie Goethe zu nennen, der,
wenn er nicht unser größter Dichter wäre, sicher als einer
unserer bedeutendsten Naturforscher gerühmt werden würde.
Treffend sind auch die Sätze, die Forel im Anhang seiner
sexuellen Frage, Goethe im Vergleich mit Maupassant, widmet:,
„Wenn G o e t h e die Liebespsychologie nicht nur poetisch
durchschaut und darstellt, sondern noch mit philoso-
phischem Geiste ergründet hat, so hat sie Maupassant
zunächst einfach in ihrem Formenreichtum naturwissen-
schaftlich beobachtet, dann aber künstlerisch erfaßt und
dargestellt. Beide waren große Dichter, deren Liebesdich-
tungen in alle Tiefen der menschlichen Seele hinabsteigen
und uns ewige Wahrheiten in vollendetster er-
greifendster Kunstform zum Bewußtsein bringen."
Angesichts der enormen Ausdehnung des Materials,
das der Sexualwissenschaft zugrunde gelegt werden kann, er-
scheint es zunächst fast unbegreiflich, daß es in rein natur-
wissenschaftlicher Hinsicht so wenig Verarbeitung gefunden
hat. Aber gerade in dieser kaum zu überblickenden, schwer
zu sichtenden und daher zuvörderst verwirrenden Fülle derf
Erscheinungen liegt vielleicht einer der Hauptgründe dieser
Unterlassung. Während Jurisprudenz, Philosophie (Ethik),
und Theologie — man ist versucht, hier mit Goethe aus-
zurufen „und leider auch Theologie" — sich unendlich viel
mit dem Geschlechtsleben beschäftigten, die öffentliche
Meinung formend und bildend, stand die reine Natur-
wissenschaft abseits, vor allem die Seelenforschung, die
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Freud und Hippokrates.
15
Psychologie, in deren Bereich das Liebesleben in erster und
letzter Linie fällt. Denn Sitz und Organ der Liebe ist die
Seele, Gehirn und Nervensystem des Menschen, nicht, wie
eine im Volke noch heute weit verbreitete materialistische
Richtung lehrt, „das Fleisch." Die Geschlechtsorgane selbst
sind nur ein Instrument der Seele.
In der psychologischen Erforschung des menschlichen
Liebeslebens nimmt das geistvolle Lebenswerk Freud's
eine besondere Stellung ein. Wir werden uns in diesem
Buche mit einer Reihe der von ihm aufgerollten Probleme
näher zu beschäftigen haben, manchem zustimmend; einiges
wie vor allem die übergroße Ausdehnung des Begriffes Liebe
werden wir freilich ablehnen müssen, ohne zu verkennen,
daß, wenn die Freud'sche Tiefenpsychologie kein anderes Ver-
dienst hätte, als in Seelengründen geschürft und gegraben
zu haben, die vordem fast unzugänglich lagen, sie für den
Sexualforscher höchster Beachtung wert wäre. Dabei tut
es dem Verdienste des Wiener Psychiaters keinen Abbruch,
daß im einzelnen viele vor ihm Ähnliches behaupteten. Schon
in der Ableitung des Wortes Hysterie von hysteron (die Ge-
bärmutter) ist die Lehre von der „Sexual-Verdrängung" in
nuce enthalten. Die Äußerungen, die in dieser Richtung
Hippokrates vor 2300 Jahren tat, wirken geradezu ver-
blüffend durch die Ähnlichkeit mit Gedankengängen un-
serer Zeit. Immerhin ermangelten verwandte Auffassungen,
die in der Geschichte der Medizin bald hier, bald dort zu
Tage traten, völlig jener methodischen Zusammenfassung,
die erst aus Bausteinen ein Gebäude schafften. Wir geben
daher Bleuler 4 ) vollkommen recht, wenn er Felzmann, der
*) Jahrbuch für psycho-analytische und psycho-pathologische
Forschungen. Herausgegeben von Professor Dr. E. Bleuler und
Professor Dr. S. Freud. Redigiert von Dr. C. G. Jung, zweiter
Band, II. Hälfte. Leipzig und Wien, Deuticke, Seite 691.
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Schwierigkeiten der Sexualwissenschaft.
äußert, Freud habe mit Ausnahme des Hinweises auf die
Bedeutung der Sexualität in der Kindheit eigentlich nichts
grundlegend Neues gezeigt, erwidert: „Auch Kopernikus
habe nichts grundlegend Neues gtzdgt f Theorien wie die
seine, seien schon 2000 Jahre früher geäußert worden, mit
Recht knüpfe sich aber der Name einer neuen Lehre an
diejenigen, die zwingende Beobachtungen und ordnende
Ideen hineingebracht haben." In der Tat, nicht die, welche
einen Gedanken hatten, sondern die, welche ihn in um-
fassender Weise begründeten und zur Geltung brachten,
verleihen ihm seine historische und kulturelle Bedeutung.
Wäre es nicht so, dann müßte man den Darwinismus Wel-
lismus und das kopernikanische System das aristarchische
nennen (nach Aristarch von Samos). In der Geschichte
gilt weniger der, der es zuerst sagte, als der, welcher sich
als Erster Gehör zu verschaffen verstand.
Es ist aber nicht allein die riesenhafte Ausdehnung
des Stoffes, die endlose Fülle der Fälle bei fast gänzlichem
Mangel statistischer Verarbeitung, welche das biologische
Erfassen und Lösen sexueller Probleme so schwierig er-
scheinen läßt, es ist auch nicht der widerstrebende Geist
innerer Sexualvereinigung, eng verknüpft mit Hemmungsvor-
stellungen mannigfachster Art, es kommen noch wichtige
andere Ursachen hinzu, von denen wir die drei wesent-
lichsten näher betrachten wollen. Es sind die sexuelle
Mimikry, sodann die zu vielen Mißverständnissen An-
laß gebende Auffassungsverschiedenheit
grundlegender Begriffe und Ausdrücke, wie „Liebe" und
„Geschlecht", endlich die durch die Unzugänglichkeit der
menschlichen Seele bedingte Unzulänglichkeit der
Forschungsmethoden.
Was verstehen wir unter sexueller Mimikry? Der Aus-
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Sexuelle Mimikry. 17
druck Mimikry — das Wort hängt mit mimen, das ist nach-
ahmen, zusammen — bezeichnet in der Lehre Darwins
die bewußte oder unbewußte Verstellung, mit der im Na-
turreich Lebewesen durch bestimmte Formen und Farben,
die sie haben oder sich geben, ihrer Umgebung so zu
gleichen wissen, daß es ungemein schwierig ist, sie zu er-
kennen und zu finden. Bei vielen Heuschrecken ist die
Ähnlichkeit mit den Blättern, zwischen denen sie sich auf-
halten, so groß, daß man Insekt und Pflanze tatsächlich
nicht voneinander unterscheiden kann. Manche Käferarten
ziehen beim Herannahen eines Gegenstandes Fühler und
Beine an und gleichen so vollkommen den kleinen Erd-
klümpchen, zwischen die sie sich fallen lassen; gewisse
Falter ahmen das gesprenkelte Aussehen der Granitblöcke,
auf denen sie ruhen, so genau nach, daß selbst das
geübte Auge des Sammlers sie nicht zu entdecken ver-
mag.
In ganz ähnlicher Weise sehen wir, daß sich auf sexu-
ellem Gebiet fast alle Menschen ihrer Umgebung anpassen.
Viele führen ein förmliches Doppelleben, ein sexuelles und
soziales, eines für sich und eines nach außen. Ältere Mäd-
chen, die sich vor innerer Liebessehnsucht verzehren,
scheinen völlig ruhig wie ihre Umgebung. Personen, die
namenlos unter abweichender Triebrichtung leiden, sind
in der sie beherrschenden Eigenart ihren Eltern, Ge-
schwistern, selbst Ehegatten oft völlig unbekannt. Bringt
ein zufälliges Ereignis ihre Sonderart zu Tage, so sind
die, welche ihnen am nächsten standen, oft die Erstauntesten.
Polygame stellen sich als treue Liebhaber; oft genug ist
die Zärtlichkeit des Ehemannes nur ein Ausdruck seines
bösen Gewissens. Die Einheit der Eindrücke
steht mit der Vielheit der Erscheinungen
Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 2
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18
Gründe sexueller Mimikry.
auf keinem Gebiete so sehr im Wider-
spruch wie auf sexuellem.
Viele tun in diesem mimischen Bestreben zu viel, ver-
fallen in ein entgegengesetztes Extrem und überkompen-
sieren sich. Liebeshörige geben sich herrisch, Messalinen
als frigide Naturen, Masturbanten als Don Juans; manche
umgeben sich in ihren Räumen mit Bildwerken, die völlig
ihrem wirklichen Geschmack zuwiderlaufen. Nicht selten
geschieht dies im Unbewußten, häufiger aber handelt es
sich um bewußte, wohlbedachte Verstellungen, sodaß der
Satz von Ricord „omnis syphiliticus mendax" erweitert
werden kann in „omnis in sexualibus mendax." Es bedarf
einer großen Übung, Erfahrung und Geschicklichkeit, vor
allem der Fähigkeit, sich unbedingtes Vertrauen zu erwer-
ben, um zu richtigen Ergebnissen und Erkenntnissen zu ge-
langen. Oft stellt es sich als nötig heraus, Kunstgriffe an-
zuwenden, sowie auch der Sammler sich solcher bedient,
wenn er, anstatt sich auf sein Auge zu verlassen, tüchtig
die Zweige schüttelt, auf denen er die von ihm gesuchten
Lebewesen vermutet.
Die Gründe der sexuellen Mimikry, die oft zur sexu-
ellen Hypokrisie und Heuchelei ausartet, beruht zum Teil auf
Scham, zum Teil auf Furcht vor der „öffentlichen Meinung"^
zum Teil auf der suggestiven Kraft des Überlieferten. Die
Suggestion der Tradition und der Umgebung reicht an
das Innenleben zwar nur selten heran, um so mehr aber an
die äußere Lebensgestaltung.
Daß die sexuelle Mimikry, wenn sie einen großen Auf-
wand von Energie erfordert, auf die Dauer für die Psyche
nicht gleichgültig ist und auf das Nervensystem nachteilig
wirken kann und wirkt, liegt auf der Hand. Sie hat recht
häufig ein Gefühl der Befangenheit, der Unbehaglich-
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Folgen sexueller Mimikry.
19
keit zur Folge, erzeugt innere Unruhe, Verstimmungen,
deren eigentliche Ursachen dem Verstimmten oft selbst
unklar bleiben, schlechten Schlaf, Kopfweh, Beklemmung&y
zustande, kurz Erscheinungen, die je nach der Labili-
tät des Nervensystems und der Stärke der „herunter-
gewürgten Affekte", von den einfachen Formen der Neu-
rasthenie bis zu den schwersten Zuständen der Hysterie
reichen. „Jedermann weiß," sagt Bleuler, 8 ) „wie sehr
heruntergewürgte Affekte aller Art geeignet sind, das
ganze subjektive und objektive Befinden, das Gebahren
eines Menschen zu beeinflussen, ihn direkt krank zu
machen." Die Frage, ob und inwieweit verhaltene Sexual-
spannungen ohne adäquate Entspannungen {vergeistigt („sub-
limiert") werden können, soll uns erst später beschäftigen;
an dieser Stelle handelt es sich nur um ein Streifen des
Umstandes, daß die sexuelle Verstellung, sowohl die be-
wußte als die unbewußte, durch Überspannung leicht Scha-
den stiften kann.
Erschwert der mangelhafte Ausdruck geschlechtlicher
Empfindungen, welche wir als sexuelle Mimikry bezeichnen,
ungemein die Erkenntnis der Einzelerscheinungen, woferrf
man sich nicht etwa von vornherein auf den Standpunkt
stellen will, daß alles, was der Gedanke im Sexualleben aus-
zudenken vermag, auch ein tatsächliches Correlat besitzt, so
ist ein auf anderem Gebiete liegender Mangel präziser Aus-
drucksmöglichkeit ein weiterer Übelstand, der die Klärung
scheinbar entgegenstehender Meinungen und Widersprüche
oft verhindert. Dieser Ausdrucksmangel hängt mit der
Schwäche der menschlichen Sprache zusammen. Worte
sind Gedankenpetrefakte; wie Fossilien uns von den vor-
dem existierenden Geschöpfen, so geben sie uns Kunde
5 ) 1. c. p. 696.
2*
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20
Liebe und Minne.
von Empfindungen und Anschauungen früherer Zeiten,
auch dann noch, wenn längst andere Ideen das Wort
füllen. Den verschlungenen Pfaden des sich ändernden
Sprachgebrauchs nachzugehen, ist oft ungemein schwierig.
Die Tatsache, daß das eine Wort L i e b e so unterschieds-
los für Empfindungskategorien angewandt wird, die so ver-
schiedenartig sind, wie die Liebe der Mutter zum Kinde,
die Vaterlandsliebe, die Heimatsliebe, die Liebe zu Gott,
zur Natur und Kunst verglichen mit der Liebe der Ge-
schlechter, legt die Vermutung nahe, daß das Wort Liebe
anfänglich nichts weiter als Zuneigung bedeutete, wie etwa
das gegenwärtige „lieb" haben = „gern" haben, möglicher-
weise aber auch, daß alle diese Gefühle ursprüng-
lich in der Seele unterschiedslos als. etwas so Gleich-
artiges wahrgenommen wurden, daß kein Bedürfnis nach
besonderer Bezeichnung vorhanden war.
In Deutschland gebrauchte man übrigens bis gegen
das Ende des Mittelalters statt der jetzigen Ausdrücke Liebe
und lieben die Worte Minne und m i n n e n. Minnen be-
deutete wiederum anfänglich „meinen", für etwas „Meinung
haben". Erst nach dem 13. Jahrhundert finden wir dieses
Wort seltener, bis es allmählich fast ganz verschwindet.
Weinhold 6 ) sagt darüber: „Das Wort Minne ist ein Edel-
stein unserer Sprache. Es bedeutet ursprünglich das Den-
ken und Sinnen." „In der Folge kam das Wort Minne
allerdings in Mißkredit, weil es vielfach auch in bezug auf
den Geschlechtsverkehr gebraucht wurde. Das Wort Minne
wich dem Worte Liebe, das zuerst Anmut, Wohlgefallen,
Freude, Lust bezeichnete und dann allmählich den Begriff
freundliche Gesinnung, Zuneigung, Liebe kräftiger ent-
wickelte." Die Minnesänger des Mittelalters unterschieden
6 ) Deutsche Frauen im Mittelalter, p. 207 ff.
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Freuds Begriff „Liebe".
21
übrigens zwischen Liebe und Minne, indem sie unter
Minne die durch die leibliche Schönheit der Geliebten ent-
zündete Neigung, unter der Liebe aber die auf geistigen
Eigenschaften, wie „guete" und „tugent" gegründete Sym-
pathie verstanden. So heißt es in einem Minnegesang „liebe
der minne Überguide", d. h. Liebe, die mehr gilt als
Minne.
Es gibt Autoren, die glauben, daß jedes Ge-
fallen an Menschen und auch an Dingen, selbst wenn
es keine Spur von geschlechtlichen Regungen auslöst, im
letzten Grunde doch geschlechtlich sei. Sie sind der An-
sicht, daß zum mindesten entwickelungsgeschichtlich jede
Geselligkeit und Gesellschaftsbildung (Soziabilität) im Sexu-
alismus wurzelt, daß bei jedem ästhetischen Genuß, jeder
Art von Sympathie, womöglich bei jeder freudigen Empfin-
dung ein erotischer Unterton in leichte unbewußte Mit-
schwingung versetzt werde. So meint G. Santayana in
seinem Werk „The sense of beauty", daß für den Menschen
die ganze Natur ein Gegenstand geschlechtlichen Fühlens
sei, und daß sich hieraus die Schönheit der Natur er-
kläre.
Unter denen, die neuerdings den Begriff Liebe, Libido
und Sexualität viel weiter gefaßt haben, wie wir es bisher
zu fassen gewohnt waren, steht obenan Professor Freud.
Er sagt in seinen amerikanischen Vorträgen über Psycho-
analyse: 7 ) „Ich gebrauchte das Wort in einem viel wei-
teren Sinne, als Sie gewohnt sind, es zu verstehen. Das
gebe ich Ihnen gern zu. Aber es fragt sich, ob nicht viel-
7) Ober Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur jäh-
rigen Gründungsfeier der Clark University in Worcester Mass. Sep-
tember 1909. Von Prof. Dr. Sigm. Freud LL. D. Leipzig und
Wien, Franz Deuticke 1910, pag. 51.
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22
Begriffsbeschränkung.
mehr Sie das Wort in viel zu engem Sinne gebrauchen,
wenn Sie es auf das Gebiet der Fortpflanzung ein-
schränken."
Wir werden weiter unten ausführlich darlegen, aus
welchem Grunde auch wir die Beschränkung des Be-
griffes Sexualität auf das Gebiet der Fortpflanzung für
verfehlt erachten, dann aber auch, weshalb wir uns nicht
entschließen können, seinen Inhalt so weit zu fassen, wie
Freud es tut. Hier sei nur bemerkt, daß zweifellos viele
Angriffe gegen die Freud'sche Lehre darauf beruhen, daß
die Gegner unter Sexualität etwas anderes verstehen wie
der Angegriffene selbst. Mit Recht sagt Bleuler dar-
über: 8 ) „Manche Einwände gegen die Sexualtheorie wären?
unterblieben, wenn man den Freud'schen Begriff des Sexu-
ellen verstanden hätte. Da man aber nur verurteilte und
nicht studierte, hat man nicht gemerkt, daß die Freudsche
„Libido" ein ungleich w e i t e r e r Begriff ist als dei<
gewöhnliche des sexualen Verlangens. In gewissen Bei
Ziehungen gehört all' unser Streben, soweit es positiv ist,
dazu; trennt der Autor doch seinen Sexualtrieb (beim Säug-
ling) nicht einmal vom Nahrungstrieb."
Die sehr verschieden weite Begriffsausdehnung kommt
noch für einen zweiten nicht minder wesentlichen Grund-
begriff der Sexualwissenschaft als Schwierigkeit in Fragen
für die Bezeichnungen „Geschlecht" und „geschlechtlich",
deren vielseitige und vieldeutige Anwendung gleichfalls die
Quelle vieler Mißverständüchkeiten ist. Unter dem Ge-
schlecht eines Menschen werden häufig nur die Ge-
nitalien verstanden, ebenso spricht man in verhältnismäßig
engem Sinne von Geschlechtskrankheiten, als von solchen,
die die Geschlechtsorgane betreffen oder von ihnen ihren
•) loc. dt. pag. 645.
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Das Wort „Geschlecht".
23
Ausgang nehmen, ähnlich auch oft vom Geschlechtsver-
kehr. Dann aber hat sich der Ausdruck von dem Teil auf
die Person übertragen (pars pro toto). Wir reden vom
männlichen und weiblichen, vom starken und schwachen,
vom schönen Geschlecht, ohne dabei an das eigentliche Ge-
schlechtsleben, an den Geschlechtstrieb oder gar an den
Geschlechtsakt zu denken. Noch mehr erweitert sich der
Inhalt des Wortes, wenn er auf das Geschlecht im Sinne
von Generation (das sich gleichfalls von gens, genus,
Geschlecht, ableitet) übertragen wird. Wir sagen, es
stammt jemand aus altem Geschlecht, wir sprechen von ver-
gangenen und zukünftigen Geschlechtern und ähnlichem,
ohne dabei das eine oder andere Geschlecht im Auge zu
haben. Das Merkwürdigste aber dürfte sein, daß man, und
offenbar geschah dies schon sehr früh, das Geschlecht auch
auf Gegenstände ausdehnte. Auch die Dinge besitzen in
den meisten Sprachen ein Geschlecht. Im deutschen unter-
scheiden wir deren drei, so ist der Baum männlich, die
einzelnen Bäume, wie: die Eiche, die Fichte, die Linde, die
Palme und fast alle anderen weiblich; warum? Warum, so
fragte eine deutsch lernende Engländerin ihren Lehrer, ist
der Löffel ein Mann, die Gabel eine Frau und das Messer
ein Kind? In diesem „Warum" steckt mehr als ein Scherz,
auch der Ernsteste könnte die gleiche Frage aufwerfen.
Deutet nun die Tatsache, daß man auch den Dingen einen
Geschlechts-Charakter beilegte, auf ursprünglichen P a n -
sexualismus oder besagt sie nur, daß Ausgang und
Ziel des Lebens, sein Innerstes und Äußerstes im Ge-
schlechte ruht, wie es etwa der Dichter Przybyszewski in
den ersten Worten seiner Totenmesse in dem Satze aus-
drückt: „Am Anfang war das Geschlecht, nichts außer
ihm, alles in ihm"?
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24
Untersuchungsmethoden.
Zu der Schwierigkeit der Erkenntnis, welche durch
jdie sexuelle Mimikry bedingt ist, zu der Unklarheit der Be-
griffe, welche von der Expansionsfähigkeit der in Betracht
kommenden Worte heirührt, gesellt sich ein Drittes: die
Feinheit seelischer Reaktionen, welche der Beobachtung:
eines Dritten, oft sogar der Wahrnehmung derjenigen Per-
sonen, in denen sie sich abspielen, nur zu leicht entgehen
können. Handelt es sich freilich um eine heftige Liebes-
leidenschaft, die gänzlich den Träger der Empfindung be-
herrscht und erfüllt, sein Wesen und Handeln in durch-
greifendster Weise verändert, so werden die Erscheinungen,
welche ein Mensch in einem anderen hervorbringt, infolge
ihrer Stärke meist unverkennbar sein. Aber diese heftig-
sten Grade erotischer Anziehung sind, verglichen mit den
schwächeren, verhältnismäßig nur selten, und so sehr sich
gerade die extremen Fälle im Liebesleben als Einfallstore
für das Verständnis der sexuellen Anziehung überhaupt
erweisen, so bleibt doch die Schwierigkeit bestehen, welche
dadurch bedingt ist, daß wir es hier mit einem Forschungs-
objekt zu tun haben, dem man mit den üblichen Mitteln
und Methoden wissenschaftlicher Untersuchung, mit In-
strumenten und Experimenten, Mikroskopen und Stethos-
kopen schwer beikommen kann. Hauptsache bleibt es, die-
jenigen Experimente zu studieren,, welche die Natur von selbst
in so unendlicher Menge anstellt; und wenn auch Ursprung
und Ablauf der meisten dieser subtilen psychophysischen
Vorgänge sich den bewaffneten und unbewaffneten Sinnes-
organen nicht ohne weiteres enthüllt, so besitzen wir schon
jetzt in einer rationell vertieften Befragung, in sorgfältig
vergleichenden und statistischen Erhebungen geeignete
Mittel, Fehlerquellen auszuschalten, und es ist kaum zweifel-
haft, daß wir mit dem weiteren Ausbau der Sexualwissen-
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Statistik.
25
schaft solche noch in höherem Maße erhalten werden. Eine
meines Erachtens besonders gut geeignete Methode sta-
tistischer Erhebungen für Einzelfragen differentieller Sexu-
alpsychologie (auch für andere Ermittelungen diskreter
Art) scheint mir die folgende zu sein: Den einzelnen Mit-
gliedern einer bestimmten, nach Tausenden zählenden Be-
völkerungsgruppe, die zu finden in unserer organisations-
reichen Zeit keine Schwierigkeit bereitet, werden im Ein-
verständnis mit der Organisation Zweck einer Erhebung in
ernster, wissenschaftlicher, allgemein verständlicher Weise
mitgeteilt. Die Befragten werden aufgefordert, auf einer
beigefügten Antwortkarte, möglichst unter Fortlassung
aller Zusätze, ohne Unterschrift ihres Namens, vorge-
druckte Antworten, die möglichst nur ja und nein lauten,
mit Unterstreichungen zu versehen. Es ist ratsam, nur
einige oder einige wenige Fragen zu stellen. Für sehr viele
Probleme, bei denen wir bisher noch sehr im Dunkeln tappen,,
wie Vorkommen, Dauer und Folgen sexueller Enthaltung,
Beginn des sexuellen Verkehrs, Häufigkeit der Geschlechts-
krankheiten, Ursache und Verbreitung der Frigidität, der
Impotenz, der Anwendung antikonzeptioneller Mittel, des
künstlichen Abortus und vieler anderer, würde man durch
diese Methode wertvolle Resultate erzielen können.
Bisher fehlen uns noch vielfach die positiven Unter-
lagen, die erforderlich sind, um über viele sexuelle Gegen-
stände wirklich begründete abschließende Urteile abgeben
zu können. Um so befremdlicher erscheint immer wieder
die Überhebung vieler Männer und Frauen, die in diesen
Dingen das große Wort führen, ohne sich der Mühe zu
unterziehen, auch nur bisher Gefundenes nachzuprüfen, ge-
schweige denn selbst exakte Untersuchungen anzustellen.
Sie verhalten sich genau so wie die Gegner Galileis, die
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26
Natur und Technik.
nicht zu bewegen waren, durch sein Fernrohr zu sehen.
So kommt es, daß auch heute noch im weiten Umfange der
Satz Gültigkeit hat, den Mantegazza einer seiner Arbeiten
vorausschickt: „Gegenüber der Liebe sind wir Alle noch
mehr oder weniger Wilde, — eine schreckliche Stupidität
herrscht angesicht der größten aller menschlichen Leiden-
schaften."
Anstatt den Kundgebungen der schaffenden Natur zu;
lauschen, anstatt sich in die erstaunliche Kompliziertheit
und Feinheit der Lebens- und Liebeserscheinungen, wie sie
sich in der gewaltigen Werkstatt des Universums voll-
ziehen, zu vertiefen, sehen wir auf diesem Gebiet eine Nicht-
achtung ohnegleichen vor dem Walten höherer Kräfte.
Je mehr wir uns aber in das Naturphänomen der Liebe
versenken, ein unbegrenztes Feld des Denkens und
Forschens, je mehr sich unser Blick erweitert, um so mehr
wächst unsere Bewunderung vor den hier obwaltenden
Naturgesetzen, um so kleiner und geringfügiger erscheint
das, was der Mensch hinzu getan hat. Mag er sich noch
so sehr als Magister naturae gebärden, er bleibt doch
immer nur ein Minister naturae. Wir glauben wunder
was wir vermögen, wenn es uns wirklich einmal gelingt,
technisch nachzuahmen, was die Natur in spielender Selbst-
verständlichkeit vollbringt. Betrachten wir nur einmal eine
Schwalbe, wie sie so sicher dahingleitet, und vergleichen
wir damit die unendliche Mühe, die es den Menschen ver-
ursachte, ein Luft-Fahrzeug zu schaffen, das auch nur
einigermaßen dem Vogelfluge gleicht, dann werden wir ein
wenig inne werden, wie sehr, und dies gilt f ür a 1 1 e Gebiete,
die Kunst in der Natur, der Natur in der Kunst überlegen ist.
Ich bin weit davon entfernt zu glauben, in den folgen-
den Ausführungen die Rätsel lösen zu können, die in den
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Wissensfundamente.
27
Naturgesetzen der Liebe so überreich enthalten sind. Nur
einige Gesichtspunkte hoffe ich aufzudecken, die für die
Erkenntnis und Klärung dieser theoretisch wie praktisch
gleichbedeutenden Fragen von Wert sind; nur Bausteine
will ich beibringen zu dem Bau, der bisher statt
auf dem festen Fundamente objektiven
Wissens auf dem schwankenden Boden
subjektiver Empfindungen ruhte.
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o
Teil I.
Der Liebeseindruck.
(Die zentripetale Phase der Liebe.)
Jede Anziehung in der Natur setzt zwei Körper vor-
aus, einen der anzieht und einen der angezogen wird. Ge-
hören diese Körper, wie in unserem Falle, Menschen an,
so nennen wir vielfach die Person, die uns anzieht, deren
Erscheinung und Wesen uns „fesselt", den Gegenstand oder
das Objekt der Liebe, dem nach dem gewöhnlichen Sprach-
gebrauch der Liebende dann als Subjekt gegenübersteht.
Genau überlegt ist aber eigentlich das Individuum, wel-
ches von der Neigung zu einem anderen ergriffen wird,
der befallene und passive Teil und als solcher Objekt des
ihn affizierenden Anderen. Es erscheint uns nur als Sub-
jekt, weil die äußere Einwirkung, die in ihm als ruhende
Kraft Platz greift, allsogleich bestrebt ist, sich in eine le-
bendige Kraft umzusetzen. Indem uns so der objektive
Teil zuerst als der tätigere, bewegtere entgegentritt, er-
scheint er uns als der subjektivere.
In Wirklichkeit ist die Liebe also' etwas, was sich in
uns als leidendem Teil entwickelt. Die große Bedeutung,
welche sie dann für eine zweite Person gewinnt und dar-
über hinaus für weitere Werdende gewinnen kann, ist ein
sekundäres Phänomen; das primäre — zeitlich und sach-
30
Subjekt und Objekt.
lieh — ist der sich in uns abspielende Vorgang, die Ver-
änderung der eigenen Wesenheit. Dessen
müssen wir uns bewußt bleiben, wenn wir auch in den
folgenden Ausführungen des leichteren Verständnisses
halber nicht selten den aktiv Liebenden als Subjekt, den,
der geliebt wird, das Sexualziel, als das Objekt der Liebe
bezeichnen werden.
Es tritt uns hier die Frage entgegen, welche Reak-
tion die Liebe einer Person in der Seele des geliebten
Gegenstandes hervorruft, ob es richtig ist, daß, wie man
sich oft ausdrückt, Liebe Gegenliebe erzeugt. Sagt doch
selbst ein so tiefer Dichter und Denker wie Dante: „Die
Liebe zwang noch stets zur Gegenliebe."
Es bestehen in dem Verhältnis zweier Personen zuein-
ander drei Möglichkeiten. Es kann sein, daß die liebende
Person ganz die gleiche oder fast die gleiche Anziehungs-
kraft auf die geliebte Person ausübt, wie diese auf jene;
es kann sein, daß das Geliebtwerden in dem Gegenstand
andere Empfindungskomplexe auslöst und es ist denkbar,
daß die Liebe in dem Objekt gänzlich ohne Widerhall
bleibt, an ihm reaktionslos abgleitet. Ein verhältnismäßig
nicht häufiges Zusammentreffen ist es, daß die Persönlich-
keit, welche geliebt wird, den Liebenden auch ihrerseits als
die ihrer sexuellen Eigenart völlig entsprechende Indivi-
dualität empfindet. „So lange auf unserm Planeten", sagt
Mantegazza einmal und nicht mit Unrecht in einer seiner
Plaudereien über die Liebe, „ein Mann und eine Frau
leben, werden sie stets die Klage wechseln: „Ach du liebst
mich nicht so, wie ich dich liebe!" Weshalb es theoretisch
unwahrscheinlich ist, daß sich das Objekt zu dem Sub-
jekt genau so verhält, wie das Subjekt zum Objekt, werden
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Liebe und Gegenliebe.
31
wir besser verstehen, wenn wir erkannt haben, wovon die
Anziehung im Einzelfalle abhängig ist. In den meisten
Fällen ist es so, daß die durch die Liebe auf der anderen
Seite geweckten Empfindungen anders geartete sind,
wobei sie an Intensität gleichwohl ein der Liebe fast gleich
starkes Band bilden können. Die Empfindungskompo-
nenten, die hier bei der geliebten Person in Betracht kom-
men — oft isoliert, oft zusammengesetzt — sind im wesent-
lichen folgende: das Gefühl der Freude, des Stolzes oder
der Eitelkeit, von einem Menschen begehrt zu werden, der
so viel ausgezeichnete Qualitäten hat; 9 ) dann Mitleid mit
einem Menschen, der um unseretwegen leiden soll. 10 ) Ferner
Empfindungen der Dankbarkeit für jemanden, der uns
so viel geopfert oder zu opfern bereit ist, Befriedi-
gung des Geselligkeitsbedürfnisses, Sympathie der Cha-
raktere, Interessengemeinschaft und Neugierde, vielfach auch
der Trieb für jemanden zu sorgen, sich eines alleinstehen-
den, womöglich gar Schwachen oder Verkannten anzu-
nehmen, ihn zu „bemuttern". In einer ihrer vortrefflichen
Abhandlungen zitiert Dr. Helene Stöcker 10 *) den Satz:
9 ) Schopenhauer meint einmal vom Manne: „Die Kunst, ein
schönes Weib durch seine Persönlichkeit zu gewinnen, ist viel-
leicht ein noch grösserer Qenuss für die Eitelkeit als für die Sinn-
lichkeit." Und Kant noch schärfer vom Weibe: „Der Mann ist
eifersüchtig, wenn er liebt, die Frau auch ohne dass sie liebt,
weil so viele Liebhaber, als von anderen Frauen gewonnen werden,
ihrem Kreise als Anbeter verloren sind."
10 ) Von der Liebe, den Frauen und der Galanterie aus Ninon
de Lenclos Briefen. Von A. Saager, Verlag Robert Lutz, Stuttgart,
pag. 87. — Die große Liebeskennerin Ninon de Lenclos sagt dies-
bezüglich „Die Frauen haben einen unerschöpflichen Vorrat an Güte
für diejenigen, von denen sie sich geliebt sehen."
10 a) in dem Sammelband „Ehe"? zur Reform der sexuellen Moral,
Berlin, Internationale Verlagsanstalt, 1911.
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32
Scheinliebe
„Alle Sorge für einander ist mütterlich und väterlich" und
Nietzsche 11 ) sagt einmal:
„In jeder Art der weiblichen Liebe kommt auch etwas
von der mütterlichen Liebe zum Vorschein. Bei dem Weibe
scheint dieser Mutterinstinkt sich nicht selten auch gegen-
über der Liebe des Mannes als Sehnsucht nach dem Kinde
zu regen, in extremen Ausnahmefällen so stark, daß der
Mann selbst als nicht erwünschtes Mittel zum erwünschten
Zweck betrachtet werden kann." In dem Briefe einer Frau
an mich über ihr Empfindungsleben heißt es: „Ach, wenn
man doch ohne Männer Kinder zur Welt bringen könnte."
Endlich kommt als Reaktion auf das Geliebtwerden auch
die periphere Sinnlichkeit — dieses Wort zunächst in seinem
landläufigen Sinne gebraucht — die Erregung, welche je-
mand, der die ars amandi gut beherrscht, auch dort, wo
er nicht wiedergeliebt wird, zu erwecken imstande ist, als
wesentlicher Faktor in Frage.
Alles dieses oder auch nur einiges davon sieht wie
Liebe aus, ist aber doch nur Scheinliebe (Pseudo-
erotik), es ist nicht das unwillkürliche Angezogenwerden,
das in den Untersuchungen dieses Buches unter Liebe ver-
standen wird.
Eine Person, die geliebt wird, kann den aus dem Zu-
sammenwirken verschiedener der genannten Komponenten
entstandenen Gefühlskomplex selbst für Liebe halten, na-
mentlich dann, wenn sie eine echte, starke Liebesleiden-
schaft zuvor nicht kennen gelernt hat. Die Beständig-
keit dieser, von der Liebe ausgelösten Reaktionen ist da-
bei oft größer als diese selbst, so daß man nicht selten
von einer Person sagen könnte: ihre Treue wurzelte in
mangelnder Liebe.
n ) Menschliches allzu Menschliches, pag. 303.
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Frauenliebe.
33
Finden sich in dem Verhältnis zweier Menschen zu-
einander au! der einen Seite Liebe, auf der anderen Seite
Zuneigungen, die in andere Gebiete fallen, so kann man
von vornherein keineswegs sagen, daß in diesem Aus-
tausch von Empfindungen eins von beiden zu kurz kommt.
Denn erklingt auch nicht bei verschiedenartigen Gefühls-
komplexen ein so vollharmonischer Akkord, wie im Zu-
sammenklang echter gegenseitiger Liebe, so erfährt doch
der Liebende eine Ergänzung, der Geliebte eine Bereiche-
rung seiner Lebenskräfte, und beide damit ein Lebensgut
von nicht selten nahezu gleichem Wert.
Unentschieden lassen wir hier vorläufig noch die
Frage, ob und inwieweit es richtig ist, daß, wie vielfach
behauptet wird, zwischen der Liebe des Mannes und des
Weibes überhaupt prinzipielle Empfindungsunterschiede be-
stehen. Sehr übertrieben ist es jedenfalls, wenn neuerdings
wieder eine Schriftstellerin H. v. Kahlenberg, 12 ) indem sie
energisch dagegen Einspruch erhebt: „. . . daß die Ge-
schlechtsem pf in düngen der Frau auf dieselbe Stufe
wie das Begehren des Mannes herabgesetzt
werden" meint, „daß in sexuellen Dingen Mann und Frau
eine völlig verschiedene Sprache reden." In Wirklichkeit
ist die wesentlichste Verschiedenheit wahrscheinlich nur
die: bei dem Manne ist das Bedürfnis zu
lieben, bei der Frau das Bedürfnis ge-
liebt zu werden, größer. Ganz außer Be-
tracht bleiben dabei zunächst die Fälle, in denen die
Liebe überhaupt nicht mit gefühlsmäßigen Regungen,
sondern mit verstandesmäßigen Überlegungen erwidert wird,
») „Die Sinnlichkeit der Frauen", Aufsatz im „März" Heft 20,
1911.
Hirschfeld Naturgesetze der Liebe 3
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34
Subjektivität der Liebe.
die zahlreichen Fälle also, in denen etwaige aus dem Ver-
hältnis sich ergebende praktische Vorteile den Ausschlag
geben.
Es ist für die Subjektivität der Liebe bezeich-
nend und beweisend, daß sie auch dort, wo sie kein Echo
findet, durchaus nicht immer Einbuße erleidet, daß die
Reaktionslosigkeit, daß selbst energische Abweisung, oft ge-
nug die Aktivität und Intensität der Liebe vennehrt. In
den Briefen der Liebeskünstlerin Ninon findet sich folgen-
der Rat, der in dieser Hinsicht Beachtung verdient: „Es
gibt keine bessere Angriffsweise," schreibt sie, „als Gleich-
gültigkeit zu heucheln. Nicht geruhen, auf Briefe zu ant-
worten; nicht zu dem bewilligten Stelldichein kommen; drei
Tage lang keinen Besuch machen; hierauf das kälteste Billet
schreiben, das man sich denken kann, das ist ein Meister-
streich i u
Es kommt aber auch vor, und dies ist für den
egozentrischen Charakter der Liebe nicht minder be-
zeichnend, daß vielen Liebenden an Gegenliebe nichts ge-
legen ist, ja, es gibt Ausnahmefälle, in denen sie sogar
eher abstoßend wirkt. Ein oft angeführtes lateinisches
Wort des Persius lautet: „non ut amare peto sed ut amare
sinas a , zu deutsch: „Ich will nicht, daß Du mich Hebst,
nur daß Du Dir meine Liebe gefallen läßt." Etwas Ähn-
liches spricht sich in dem deutschen Spruch: „Wenn ich
Dich liebe, was geht es Dich an" und vielen ähnlichen Sen-
tenzen aus. Dante bemerkt einmal: „Der Endzweck meiner
Liebe war vormals der Gruß meiner Herrin, und in diesem
Gruße lag meine Seligkeit und das Ziel meiner Wünsche.
Seitdem es ihr jedoch gefallen, mir solche zu verweigern,
hat Amor, mein Gebieter, alle meine Seligkeit in das ge-
legt, was mir nimmer verloren gehen kann." — Auf die
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Sexuelle Langeweile.
35
Frage, worin denn diese Seligkeit bestehe, antwortete der
Dichter: „In den Worten, die meine Herrin preisen." (Vita
nuova cap. 13.)
Einen extremen Fall sah ich vor einiger Zeit. Ein
Künstler suchte mich mit den Worten auf: „Ich kann keine
Frau lieben, die mich liebt." Es beherrschte ihn ein fort-
gesetzter Drang, Frauen zu erobern, Widerspenstige sich
gefügig zu machen, Widerstrebende in seinen Besitz zu
bringen. Sobald er sie aber so weit hatte, wie er wollte,
sobald sie seine Neigung zu erwidern schienen oder gar
sich zu ergeben bereit waren, wandelte sich seine Sieger-
freude in eisige Kälte um, die zu gänzlicher Verkehrsun-
möglichkeit führte. Bei vielen Personen tritt solche Indiffe-
renz erst ein, wenn der andere Teil sich ergeben hat, nicht
schon bei ihrer Bereitwilligkeit. Diese Schwächungen der
Aktivität, wenn um der Liebe willen keine Hindernisse zu
überwinden sind, führen in einem monogamen Verhältnis
nicht selten zu sexueller Langeweile. Was man
mit Leichtigkeit haben kann, verliert an Wert und Reiz, und
dieser Umstand ist nicht eine der geringsten Ursachen der
Polygamie. Umgekehrt steigert ein scheinbares Erlöschen der
Liebe, kleine Reibereien, nach deren Beseitigung sich beide
Teile wieder finden, erfahrungsgemäß oft die Empfindungs-
stärke. Sie wirken wie Gewürze, die an sich bitter, doch in
kleinen Mengen eine Speise schmackhafter zu machen ge-
eignet sind.
Auch viele ethnologische Gebräuche lehren, daß die
Voraussetzung der Gegenliebe nicht unbedingt im Wesen
der Liebe gelegen ist, wenn sie auch zweifelsohne in sehr
vielen Fällen ein sehr erwünschtes Ziel ist. Denken wir
an die früher weit verbreiteten und auch jetzt noch nicht vom
Erdball verschwundenen Formen der Brautgewinnung
3*
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36
Positive Gefühlstöne.
durch Raub und Entführung der Frau; an das auch
noch in der Gegenwart in vielen Gegenden übliche Ver-
heiraten der Kinder durch die Eltern in der Weise, daß
die füreinander bestimmten Personen sich vor der Hoch-
zeit überhaupt nicht zu sehen bekommen; an die Vorkomm-
nisse versuchter und vollzogener Schändung; an das Recht
der ersten Nacht (jus primae noctis), von dem die Guts-
herren im Mittelalter weitestgehenden Gebrauch gemacht
haben sollen. Alle diese Beispiele, die sich noch ver-
mehren lassen, zeigen, daß Liebesaktivität nicht notwendig
Gegenliebe zur Voraussetzung hat.
Die Betrachtungen, wie sich Subjekt und Objekt in
der Liebe zueinander verhalten, sind von Wichtigkeit, um
die eigentliche Bedeutung der Liebe zu begreifen. Wir
sahen und werden es im weiteren noch deutlicher er-
kennen, daß das, was wir Liebe nennen, eine Veränderung
ist, die sich in unserer eigenen Seele vollzieht. Es sind
bald schwächere, bald stärkere positive Gefühls-
töne, die in uns Platz greifen. Spinoza bemerkt ein-
mal: „Im Reiche der Affekte wird um Glück gekämpft. Es
handelt sich bei Liebe und Haß um Lust und Leid des
Daseins; Lust aber ist der Zustand, in dem der Geist zu
einer größeren, Leid, in dem er zu einer geringeren Voll-
kommenheit des Lebensprozesses übergeht. Lust und
Schmerz sind begleitet von Liebe und Haß. Wo sich mit
der Lust die Vorstellung eines äußeren Dinges als Ursache
verbindet, da entsteht Liebe, wo dieses beim Schmerz ge-
schieht, da Haß. Hier wie dort überträgt sich die Er-
regung des eigenen Wesens auf ihre Ursache."
Der Einfluß dieser psychischen Ver-
änderungen auf das unseren Körper beherrschende
Nervensystem ist ein ganz enormer. Alle Freudigkeits- und
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Liebe und Lebenslust.
37
Glücksgefühle, und welche Affekte vermittelten solche zahl-
reicher und 'stärker als die Liebe, beschleunigen den Stoff-
wechsel der Lebewesen in vorteilhaftester Weise. Blutkreislauf
und Herztätigkeit heben sich, Sauerstoffzufuhr und Ver-
brennung vermehren sich, die Ausscheidung der Lebens-
schlacken wird gesteigert und die Leistungsfähigkeit des Kör-
pers und aller seiner Teile gefördert. Es ist experimentell nach-
gewiesen, daß Freude das Gesichtsfeld erweitert und Leid e$
verengert, und es ist kaum zu bezweifeln, daß auch die Funk-
tionen aller anderen Sinnesorgane ähnlich günstig beein-
flußt werden. „Die Liebe," äußert sich einmal Michelet
in seinem Buche „die Frau", „verleiht uns die Fähigkeit,
Wunderdinge zu sehen, die wir sonst zu sehen außerstande
sind." Goethe aber, als er 17 Jahre alt sich in die Tochter
des Leipziger Weinwirts Schönkopf verliebte, schrieb an
seinen um 11 Jahre älteren Vertrauten Behrisch: „O, Beh-
risch, ich habe angefangen zu leben." 18 ) Und hundert Jahre
früher rief Samuel Butler aus: „Mir verbieten zu lieben,
heißt, meinem Puls das Schlagen verbieten."
So ist die Liebe die kräftigste Steigerung unseres
Selbst und damit die stärkste Bindung an das Leben; mit
der Lebenslust fördert sie einen gesunden, lebensbejahen-
den Optimismus wie keine andere Empfindung sonst. In-
dem sie den stärksten Egoismus mit dem höchsten Grade
des Altruismus verbindet, ist sie das wesentlichste Mo-
ment, den Existenzkampf zu mildern. Schillers Wort:
„Was ist das Leben ohne Liebesglanz?
Ich werf es hin, da sein Gehalt entschwunden,"
entspricht der Psychologie vieler Menschen, für die das
Leben ohne Liebe ein wertloses Dasein wäre. Es ist
") Ooethe, pag. 165.
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38
Zweck der Liebe
dasselbe Gefühl, das Ninon in die Worte kleidet: „Was
wäre die schönste Zeit unseres Lebens ohne die Liebe?
Man würde nicht leben, sondern nur vegetiere n a ;
dieselbe Empfindung, die Goethe veranlaßt, den armen
Werther sprechen zu lassen: „Ich habe verloren, was meines
Lebens einzige Wonne war, die heilige, belebende Kraft,
mit der ich Welten um mich schuf."
Sicherlich würde die Zahl der Selbstmorde ohne das
Lebensgut der Liebe beträchtlich zunehmen, auf der an-
deren Seite ist allerdings auch zu berücksichtigen, daß un-
glückliche Liebe in stärkstem Grade die Lebensfreudigkeit
und Lebensfähigkeit herabsetzt. Deshalb lautete unter den
Minneregeln (regulae amoris) des XII. Jahrhunderts schon
eine der wichtigsten: „Niemant sol seiner lieb und myne on
ursach (sine rationis e x c e s s u) beräubt werden." In der
Tat: Wer dem Menschen seine Liebe nimmt, verstümmelt
ihn. Würde man wohl ihretwegen so viel gelitten haben
und leiden, wenn sie es nicht als höchstes der Glücksgüter
verdiente?
Diese Fesselung des einzelnen an das Dasein könnte
zweifelsohne als ein sehr wesentlicher Zweck der Liebe an-
gesehen werden, wenn wir uns auf den Standpunkt stellen,
daß in der Natur, sei es planmäßig oder unbewußt, nach
bestimmten Zwecken vorgegangen wird. Man ist ja sehr
verschiedener Meinung, ob es das, was wir Natur-Zweck
nennen, tatsächlich gibt. Was sollte man wohl antworten,
wenn man den Zweck der Welt als ganzes klarlegen sollte.
So naiv es klingt, so erscheint es doch noch am vernünf-
tigsten, den Zweck jedes Dinges in sich selbst zu suchen.
Der Zweck der Welt ist die Welt, der Zweck der Liebe ist
die Liebe, sie hat zum Zweck sich selbst. Es gibt Natur-
forscher, die meinen, das Suchen nach Zwecken solle man
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Christliche Asketik.
39
Metaphysikern und Mystikern überlassen, dem Manne
reiner Wissenschaft gezieme es, nur nach kausalen Ver-
knüpfungen zu fahnden, nach dem Verhältnis von Ur-
sachen und Wirkungen, nach Gesetzen.
Hinsichtlich der Liebe glauben nun allerdings die
meisten, ihren Zweck genau zu kennen: die Fortpflanzung.
Die asketische Richtung, deren biologische Wurzel wir
später untersuchen wollen, wenn wir uns mit den Hem-
mt ngsmechanismen der Liebe befassen, zieht aus dieser
Überzeugung den Schluß, daß nur der Sexualakt als zweck-
entsprechend berechtigt und „natürlich" angesehen werden
könne, der der Fortpflanzung dient; dies sei die aus- .
schließliche Bedeutung der Liebe, die aber trotzdem ein
Übel sei, denn „in Sünde" sei der Mensch empfangen. Gab
es doch Kirchenväter, die schlechtweg erklärten: „Das Weib
sei Sünde."
Bis in unsere Zeit werden ähnliche Anschauungen ver-
treten. So sucht in einem 1907 zu Paderborn erschienenen
Werk, betitelt: „Christliche Asketik", der geistliche Ver-
fasser, Regens des erzbischöflichen Priesterseminars St.
Peter bei Freiburg i. B., eingehend zu begründen, wie
recht der heilige Chrysostomus hatte, als er sagte: „Die
Jungfräulichkeit ist so viel besser, als die Ehe,
als der Himmel die Erde überragt, als die Engel höher
stehen, denn die Menschen, ja, um die Wahrheit zu sagen,
noch mehr."
Die christlichen Verfechter der Idee, daß jeder Ver-
kehr, der nicht der Fortpflanzung diene, sündige Fleisches-,
lust sei, verfahren nicht immer folgerichtig. Sonst dürften
sie nicht nur die Mittel zur Verhütung der Empfängnis
verwerfen, sondern müßten konsequenterweise auch ver-
bieten, daß der Verkehr mit einer Frau vom Beginn der
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Fortpflanzung ohne Liebe.
Empfängnis bis zum Ende der Stillungszeit sistiere; der
Mann dürfte demnach die Frau, die bald nach der Hoch-
zeit befruchtet würde, ein und ein halbes Jahr nicht mehr
berühren. Und nach den Wechseljahren, wo die Empfäng-
nismöglichkeit erloschen ist, dürfte ebenfalls ein Verkehr
nicht mehr stattfinden, ebenso wie alle Menschen, deren
Unfruchtbarkeit festgestellt ist, von der Liebe ausgeschlossen
bleiben müßten. Denn alle diese Personen, und es sind
nicht die Einzigen, können den Zweck, der nach theolo-
gischer Auffassung allein zu sexuellen Handlungen berech-
tigen soll, nicht erfüllen.
Mit der Anschauung, daß der Zweck der Liebe die
Fortpflanzung sei, stehen nun allerdings viele Erfahrungen
des Lebens nicht im Einklang. Zunächst sehen wir, daß
der Verkehr viel häufiger trotz der Fortpflanzung als um
der Fortpflanzung willen ausgeübt wird. Ja, es findet sich
ein starker Liebestrieb selbst bei Personen, die keine Fort-
pflanzungskeime besitzen. 14 ) Sehr oft ist ein ausgesproche-
ner Geschlechtstrieb auch bei impotenten Männern vor-
handen, bei denen die Zeugung ein Ding der Unmöglich-
keit ist. Eine der liebeglühendsten, erotomanischsten
Frauen, die ich kannte, war eine Dame von vierzig Jahren,
die seit zwölf Jahren nicht mehr menstruierte, mithin un-
fruchtbar war. Ebensohäufig, wie Liebe ohne
Fortpflanzungsmöglichkeit, ist Fort-
pflanzung ohne Liebe. So sind die Fälle, in
denen ein Mädchen guter Hoffnung wurde, die weder
liebte noch geliebt wurde, Legion. H. von Kahlenberg
sagt in ihrer extremen Weise: „. . . ich glaube, daß
kaum ein Weib auf der ganzen Welt mir widersprechen
würde, wenn ich sage, aus Unerfahrenheit, sogar aus Edel-
M ) Vergl. die späteren Ausführungen über Kastraten.
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Liebe ohne Fortpflanzung.
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mut oder aus Berechnung sind mehr Mädchen gefallen als 1
aus Üppigkeit, Begierde oder Leidenschaft."
Wenn Friedrich Nietzsche in der „Morgenröte" 1 *)
bemerkt: „Die Zeugung ist eine oft eintretende gelegent-
liche Folge einer Art Befriedigung des geschlechtlichen
Triebes: nicht dessen Absicht, nicht dessen notwen-
dige Wirkung," und an anderer Stelle: „Fortpflanzungstrieb
ist reine Mythologie", so gibt er das wieder, was vor und
nach ihm Naturforscher und Philosophen oft ausge-
sprochen haben, die klarlegten, daß der Mensch nur einen
Geschlechtstrieb, aber keinen Fortpflanzungs-
trieb besitzt. Oewiß, ein Wunsch nach Fortpflanzung Ist
oft vorhanden,) aber Trieb und Wunsch 1 sind nicht das gleiche.
Dies sollte man endlich erkennen in einer Angelegenheit, die
so oft Gegenstand kühler Erwägungen ist, wie die Überle-
gung, ob und wieviel Kinder man haben möchte. Einige
Autoren seien hier noch zitiert: der alte erfahrene Frauenarzt
Kisch sagt in seinem Werke „Die Sterilität des Weibes": „Der
Geschlechtstrieb ist eine so wechselvolle, in gewissen Le-
bensperioden den ganzen Organismus des Weibes so über-
wältigend beherrschende, elementare Gewalt, daß ihre Ent-
fesselung der Reflexion über Fortpflanzung keinen Raum
läßt und daß im Gegenteil die Begattung begehrt wird,
auch wenn vor der Fortpflanzung Furcht herrscht oder von)
Fortpflanzung keine Rede mehr sein kann." Theodor von!
Wächter setzt in seinem Problem der Ethik 16 ) eingehend
auseinander, daß die Auffassung, welche die Liebe gleich-
bedeutend mit dem Fortpflanzungstrieb ansieht, den Kern-
16 ) Morgenröte, $ 503.
16 ) Ein Problem der Ethik. — Die Liebe als körperlich-see-
lische Kraftübertragung. Von Th. v. Wächter. Leipzig, Verlag
von Max Spohr.
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Dreifacher Liebeszweck.
punkt aller falschen und beschränkten Konsequenzen in
den Fragen menschlichen Liebesempfindens bilde. Und
Rohleder 17 ) schreibt: „Man gibt mit dem Worte Fortpflan-
zungstrieb dem Geschlechtstrieb einen Flicken, der ihm
absolut nicht anhaftet und auch nicht anhaften kann."
Nehmen wir aber in der Verknüpf ung von Liebe und
Fortpflanzung einmal einen Zweck an, so ist es ebenso wahr-
scheinlich, ja wahrscheinlicher, daß die Natur es für zweck-
mäßig hielt, die Fortpflanzung an die Liebe zu binden, sie
ihr als eine keineswegs immer erwünschte Folge beigab,
um sie sicher zu stellen. Das Einzelwesen hätte kein so
großes Interesse daran, die Art zu erhalten und Nach-
kommen zu erzeugen, weder der Mann als Ernährer der
Kinder, noch die Frau, die sie in Schmerzen gebärt, wenn
die Natur nicht die stärksten Lustgefühle, die Empfindungen
höchsten Erdenglücks als Prämie darauf gesetzt hätte.
Und wäre die Fortpflanzung tatsächlich nicht nur eine
der Wirkungen, sondern ein Zweck der Liebe, so ist damit
noch nicht gesagt, daß die Liebe um der Fortpflanzung
willen da ist, daß sie ihr einziger Zweck ist. Viele Organe
und Instinkte dienen mehr als einem Zweck, oft sehr ver-
schiedenen. Die Zunge ist für die Sprache ebenso wichtig,
wie für den Geschmack und die Nahrungsaufnahme, der
Bewegungstrieb dient der Erhöhung des Stoffwechsels, wie
der Erweiterung unserer Kenntnisse.
Die Liebe könnte so in dreierlei Weise der Erhaltung
des Lebens dienen. Einmal, indem sie uns durch Lust-
empfindungen an das Leben fesselt, es lohnend macht,
zum zweiten, indem sie die Einzelwesen anein-
ander bindet, den Zusammenhang zwischen dem „ich*
,? ) Die Zeugung beim Menschen, pag. 32.
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Verschwendung von Liebeskraft.
43
und „du a herstellt, aus dem sich die Menschheit als höherer
Organismus entwickelt, zum dritten, indem sie Mann
und Weib seelisch und körperlich über sich hinaus
wachsen läßt.
Zusammenfassend könnte man sagen, der Geschlechts-
und Liebestrieb ist nicht Fortpflanzungstrieb, sondern
Trieb nach Lust; derZweckder Liebe, wo-
fern er vorhanden, ist Lust- und Lebenssteige-
rung. Die Fortpflanzung aber selbst ist ein automa-
tischer Vorgang, der sich unmerklich — oft tagelang nach
dem Verkehr — durch die Begegnung zweier Keimzellen
vollzieht. Diese beiden Zellen sind die einzig überleben-
den von vielen Milliarden ihrer Kameraden, die nach
kurzer Lebensfrist, ohne der Fortpflanzung dienen zu
können, zugrunde gingen. Wäre der ausschließliche Zweck
der Liebe die Fortpflanzung, was sollte dann, fragt man
unwillkürlich, der Zweck dieser unermeßlichen Ver-
schwendung von Lebenskeimen, Zeugungsstoffen und
Liebeskraft sein, wie wir sie sowohl im Menschen, als im
ganzen übrigen Naturreich finden.
Ebenso wie, wenn man vom Fortpflanzungstrieb
spricht, Folge und Zweck, Trieb und Wirkung, Resultat
und Motiv miteinander verwechselt werden, so geschieht
dies, wenn andere Begleiterscheinungen der Liebe als Teil-
triebe für sich in Anspruch genommen werden. Moll hat
einmal den Geschlechtstrieb in den Contrectations- und De-
tumescenztrieb zerlegt, und viele Autoren haben diese Ein-
teilung in derselben, oder wie Havelock Ellis, in etwas
abgeänderter Weise übernommen. Es klingt sehr gelehrt, von
Contrectations-, Tumescenz- und Detumescenz-Trieb, zu
deutsch vom Annäherungs-, An- und Abschwellungsü ieb
zu reden, es ist aber, genau betrachtet, um nichts wissen-
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Phasen der Liebe.
schaftlicher, als wollte man den Nahrungstrieb zerlegen in
den Drang, sich den Speisen zu nähern und sie sich zu assi-
milieren, oder den Defäkationstrieb in einen Annäherungs-
trieb an die Toilette und einen Darmentleerungstrieb. Con-
trectationstrieb ist eine Tautologie, denn es liegt im Wesen'
eines jeden Triebes, daß er uns dorthin treibt, wo wir ihn
befriedigen können, auch unterscheidet sich der Trieb, das
geliebte Objekt dem Tastsinn fühlbar zu machen, in keiner
Weise von dem Verlangen der übrigen Sinne nach Wahr-
nehmung des anziehenden Gegenstandes. Tumescenz- und
Detumescenz aber sind Begleiterscheinungen, wie Ejacula-
tion und Orgasmus, so daß man mit demselben Recht auch
vom Ejaculationstrieb sprechen könnte. Für die kausale
Erkenntnis der Liebe ist mit solchen Einteilungen nicht das 1
geringste gewonnen, und Professor Katte 18 ) trifft durch-
aus das richtige, wenn er die Moll'sche Unterscheidung als!
eine „wissenschaftlich nicht exakte" bezeichnet und in bezug
auf diese Einteilung hinzufügt: „. . . Sein ganzes Vorgehen
zeigt den oft zu beobachtenden Fehler ungründlicher For-
schung, daß man gegenüber der Kompliziertheit eines Er-
scheinungskomplexes durch Schaffung neuer Begriffe oder
gar nur Worte die Schwierigkeit der wissenschaftlichen
Erkenntnis behoben zu haben glaubt, während man es an
einer Erklärung der Erscheinungen fehlenläßt"
Um das Naturgesetzliche in der Liebe zu erfassen,
müssen wir uns genau ihre drei Phasen: die zentripetale,
zentrale und zentrifugale klarmachen, aus denen sich
der Reflexmechanismus der Liebe zusammensetzt. Äußere
Sexualreize treffen die Nervenendigungen der Körperober-
18 ) Prof. Dr. Max Katte: Die Praeliminarien des Geschlechts-
aktes; ihre physiologische und psychologische Erklärung in der Zeit-
schrift f. Sexualwissenschaft 1908, pag. 601 sqq.
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Reflexe und Reflexionen.
45
fläche und dringen durch die sich an diese Endorgane an-
schließenden Nervenbahnen in das Gehirn. Hier erzeugen sie
eine sexuelle Spannung, die sich periodisch zu entspannen
sucht. An die Stelle direkter Außenreize können als ein,
wenn auch oft nur sehr unvollkommener Ersatz Erinne-
rungsbilder, Phantasie-Vorstellungen treten. Diesem re-
flektierenden Ablauf stehen Hemmungsmechanismen regu-
lierend gegenüber. Sie werden teils durch Kontrainstinkte,
teils durch Gegenvorstellungen gegeben, die auf hygie-
nischen, ethischen, religiösen, sozialen oder anderen Ge-
bieten liegen. Es stellt sich so die Liebe des Menschen als
ein Kampf zwischen Reflexen und Re-
flexionen dar, als ein Zusammenwirken von Instinkt
und Intellekt.
Was den Reflexvorgang der Liebe aber nun um so
vieles komplizierter macht als die meisten der uns sonst
bekannten Reflexe, ist zweierlei. Während bei den anderen
der Reiz nur von einem Sinnesorgan oder einigen wenigen
Nervenendpunkten ausgeht, kann bei der Liebe der lust-
betonte Reiz, der zur Sexualspannung führt, von jeder
Stelle der Körperoberfläche, vermutlich von jeder einzigen
Nervenendzelle, seinen Ausgang nehmen. Mantegazza
bemerkt einmal: „. . . Kein Teilchen eines liebenden Mannes
kann ungestraft ein Teilchen eines liebenden Weibes be-
rühren; und wäre die Berührung auch flüchtiger als der
Blitz gewesen, so hat doch jedes Molekül etwas von dem
Wesen der fremden Natur angenommen, hat in dieser et-
was von dem seinigen zurückgelassen."
Ferner handelt es sich bei der Liebe nicht um einen
einfachen, sondern um einen Treppenreflex mit un-
endlich vielen Stufen, wobei zunächst außer Betracht
bleiben kann, an welcher Stelle diese Reflexleiter hemmend
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Treppenreflexe.
durch jene Form des Denkens, die man als Bedenken zu
bezeichnen pflegt, unterbrochen wird.
Greifen wir zur näheren Veranschaulichung einige
Reflexbögen heraus. Staffel eins: Blondes lockiges Haar
erregt die periphere Ausbreitung eines Sehnerven. Dieser
Anblick ruft im Gehirn ein Lustgefühl wach, das die Hand
dazu führt, liebkosend das schöne Haar zu streicheln.
Staffel zwei: Diese Handlung bewirkt durch den Reiz, den
das weiche Haar an den Fingerspitzen hervorruft, ein ge-
steigertes Lustgefühl, das dazu treibt, das Haar zu küssen.
Staffel drei: Diese Tätigkeit erregt die zarten Tastkörper-
chen der Lippenschleimhaut, veranlaßt so eine stärkere
Luststeigerung, welche zu innigerer Umarmung drängt und
in dieser Weise geht es hirnaufwärts und hirnabwärts
weiter und weiter, bis entweder eine Unterbrechung oder
eine Lösung und Erlösung von dem inneren Drang und
Druck stattfindet. Wir sehen dabei, daß die so eng mitein-
ander verbundenen Dreieinheiten — Reiz — Lust — Re-
aktion — sich um so unmittelbarer folgen, je höher die
Climax ansteigt, indem jede Liebeshandlung die frühere
Reizung mehrt und der so summierte Reiz verstärkte
Tätigkeit erheischt. Die im Präludium des Liebes-
akts noch unregelmäßigen Aktionen werden dement-
sprechend immer schneller und rhythmischer, die willkür-
liche Beeinflussung infolgedessen immer schwieriger, bis
schließlich der nach möglichster Lusthöhe drängende Me-
chanismus, ganz ähnlich wie Goltz es bei enthirnten Tieren
demonstrieren konnte, fast automatisch funktioniert. Dieser
Automatismus drückt sich auch in dem fast unbelebten
Ernst aus, der nach voraufgegangenen Liebesscherzen sich
in den letzten Stadien der Liebe findet. Sterne sagt im
„Tristam Shandy": „There is no passion so serious as
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Ernst der Lust.
47
Lust." Und Schopenhauer fügt hinzu: „. . . In der Tat ist
die Wollust sehr ernst. — Denke Dir das schönste, lieb-
reizendste Paar, wie sie voll Grazie im schönen Liebesspiel
sich anziehen und zurückstoßen, begehren und fliehen, ein
süßes Spiel, ein lieblicher Scherz. Nun sieh* sie im
Augenblicke des Genusses, der Wollust — all* jener Scherz,
all' jene sanfte Grazie ist urplötzlich verschwunden und hat
einem tiefen Ernst Platz gemacht." ....
Wir haben dreierlei zu untersuchen. Erstens: die
Sexualreizung, den zentripetalen Teil der Liebe,
den Liebeseindruck, zweitens: die zentrale
Aktion, die Spannung, den Abdruck, den Liebesdrang,
drittens: die Entspannung, die zentrifugale Phase,
den Liebesausdruck; mit noch anderen Worten die
Liebesempfindung, die Liebesvorstellung
und die Liebesbetätigung.
Die Eintrittspforten der Liebe sind die Sinne. Jede
Liebe ist sinnlich, mußsinnlichsein. Der üble Bei-
klang, den das Wort Sinnlichkeit erhalten hat, ist unver-
dient. Es ist eins der vielen, durch die Askese herabgewür-
digten und in Verfall geratenen Worte, wie Lust, Wohllust
(Wollust), lüstern usw.
Diese Eingangstore sind über die ganze Körperober-
fläche ausgebreitet, hier liegen Millionen Empfangsstationen
von eigenartiger Empfindsamkeit, sensorische Reizstellen,
an denen das liebende Objekt auf das liebende Subjekt ein-
wirken kann. Allein in der Haut (ohne Kopf) enden nicht
weniger als 1 032 730 Nervenfasern. Mit Recht bezeichnet
man alle Einwirkungen auf die Nervenendigungen als
Eindrücke, denn wir wissen heute, daß die von den
Dingen der Außenwelt in Form von Wellenbewegungen
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Eintrittstore der Liebe.
ausgehenden Schwingungen in der Tat auf unserer Außen-
decke einen meßbaren Druck ausüben.
Damit wir etwas als Reiz wahrnehmen, ist zweierlei
notwendig: einmal ein Ding, in unserem Falle ein Mensch,
von dem die Strahlungen ausgehen, und zum zweiten: eine
Stelle an unserer Außenfläche, die für diese Strahlen emp-
fänglich ist. Wir haben nur für das Sinn, wofür wir ein(
Sinnesorgan besitzen. Nehmen wir einmal an, wir hätten
keinen Geruchssinn, gewiß würden uns auch dann die
Blumen erfreuen, aber nur durch ihren Anblick; daß sie
duften, bliebe uns unbekannt. So mögen viele Dinge Eigen-
schaften haben, von denen wir nichts wissen, weil wir für
sie kein Organ besitzen. Viele Lebewesen haben Sinnes-
werkzeuge, durch die ihnen Reize und Reflexe vermittelt
werden, die wir nicht kennen.
Der Bgp und die Leitungen unserer Sinne haben sich
ja unendlich viel komplizierter herausgestellt, als Johannes
Müller es ahnte, als er 1826 andeutungsweise und 1840 aus-i
führlich seine mit vollem Recht so berühmten Gesetze von
den spezifischen Sinnesenergien veröffentlichte. Heute wird
angenommen, daß nicht nur jeder Sinn, sondern jede ein-
zelne der vielen nach Millionen zählenden Sinnesfasern ihre
eigene spezifische Energie besitzt, durch die sie eine ganz
bestimmte Empfindung im Zentralnervensystem zur Aus-
lösung bringt, daß also den verschiedenen Tönen, Farben
und Gerüchen, den einzelnen Geschmacks- und Gefühls-
qualitäten verschieden konstruierte und abgestimmte End-
apparate entsprechen. Auch hier müssen uns wieder viele
Eigenschaften entgehen, wenn wir innerhalb unserer Sinnes-»
organe für sie keine abgestimmten Zellen besitzen.
Es genügt aber nicht, daß Strahlungen von Personen
oder Dingen unsere Körperoberfläche treffen, damit sie als
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Tropismen.
49
Eindruck von uns empfunden werden. Oft sind die Rei-
zungen so leise und fein, daß sie die Reizschwelle der
Wahrnehmbarkeit nicht erreichen, und dann sind wir an
die weitaus meisten Außenreizungen so gewöhnt, daß wir
nicht mehr auf sie achten. So geht das Meiste im Leben
unbemerkt an uns vorüber, wir stehen ihm indifferent gegen-
über, und nur eine Minderzahl von Eindrücken nimmt
unser Organismus wahr, nämlich die, welche sich durch
ihre Stärke unserem Gesichtskreis oder den anderen Sinnes-
feldern aufdrängen, oder die, auf welche wir uns einstellen,
die uns „interessieren".
Wir wollen später genauer darzulegen versuchen, was
es im sexuellen Leben mit diesem „Interesse" für eine Be-
wandtnis hat. Hier zunächst nur so viel, daß sich die Auf-
merksamkeit einem Dinge dann zuwendet, wenn nervöse
Endstellen auf optischem, chemischem, elektrischem oder
mechanischem Wege erregt werden. Die moderne Reiz-
physiologie hat für diese unwillkürlichen Reaktionen den
Ausdruck Tropismen eingeführt. Wir verstehen dar-
unter seit Lobs wichtigen Arbeiten gesetzmäßige Be-
wegungen, welche die Lebewesen auf be-
stimmte äußere Reize hin ausführen.
Für unser Thema ist vor allem die Tatsache von Be-
lang, daß viele der wahrgenommenen Sinnesreizungen von
einem bestimmten Gefühlston begleitet werden; ich sage
viele, nicht alle, denn auch unter den uns bewußt werden-
den Eindrücken verlaufen viele unbetont, sie lassen uns
gleichgültig, wir stehen ihnen neutral gegenüber. Die nicht
indifferenten Sinneseindrücke aber lösen Gefühlstöne in
verschiedenen Stärkegraden aus, und zwar entweder posi-
tive oder negative. Die positiven empfinden wir als wohl-
tuend, lebenssteigernd, wir nennen sie lustbetont; die ne-
Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 4
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50
Mutterliebe.
gativen oder unlustbetonten Eindrücke wirken auf uns
störend, die Stimmung und Lebenslust herabsetzend ein.
Von der Summe seiner positiven oder negativen Gefühls-
töne hängt es ab, ob ein Mensch sich glücklich oder un-
glücklich fühlt.
In den Beziehungen der Menschen untereinander kom-
men alle Gefühlstöne in verschiedenen Gradabstufungen
vor; der eine ist uns gleichgültig, ein anderer angenehm,
ein dritter unangenehm. Je nachdem ein Mensch in uns
positive oder negative Gefühlstöne auslöst, zieht er uns an
oder stößt er uns ab.
Aber nicht alle Sinneseindrücke, die auf uns angenehm
wirken, üben einen sexuellen Reiz aus. Wir können nur
solche als Sexualreize bezeichnen, die im Zentralorgan
Spannungen hervorrufen, die zu Sexuallösungen
drängen. Das ist bei der Empfindung, die ein Mensch für
einen andern hegt, durchaus nicht immer der Fall. Vor allem
beruht vielfach das Angezogenwerden gar nicht auf Eigen-
schaften, die körperliche oder geistige Vorzüge darstellen.
Wie unendlich groß ist die Liebe der Mutter zum Kind.
Gewiß freut sich auch die Mutter des blühenden, schönen
Aussehens ihres Kindes, aber das elende, leidende, ver-
krüppelte Kind ist in demselben Maße, oft sogar mehr, ein
Gegenstand ihrer Mutterliebe. Mag diese im allerletzten
Grunde auch im Sexuellen wurzeln — wir wissen nichts
Sicheres darüber zu sagen — , so wäre es sicherlich doch
ein Fehler, wollte man diese Anziehung der sexuellen gleich-»
setzen. Gustav Jäger drückt einen ähnlichen Gedanken ein-
mal in folgender Weise aus: ff . . . Die Liebe, welche Mutter
und Kind verbindet, ist fleischlich, aber keineswegs sexu-
elle Liebe, denn dem Kinde fehlen ja die Sexualdüfte völlig;
aber die Mutter liebt das Fleisch des Kindes, deswegen
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Körperliche Sensationen. 51
küßt sie dasselbe oft am ganzen Leibe und schmiegt sich
innig an dasselbe und umgekehrt: das Kind saugt am
Fleisch der Mutter."
Auch die Kindesliebe, die Anhänglichkeit an und Ver-
ehrung des Kindes für die Eltern, nicht selten auch an
die Großeltern, beruht, von verschwindenden Ausnahmen
(wie uns eine solche etwa Sophokles im Oedipus schildert)
abgesehen, auf anderen Vorgängen als Sexualreizen und
Sexualspannungen, und zweifellos gibt es auch sonst viele
andere Sympathien, die nicht erotischer Natur sind. Es
ist theoretisch an sich möglich, und kommt auch tatsachlich
vereinzelt vor, daß in alle diese Inklinationen gelegent-
lich einmal ein erotischer Einschlag hineinspielt, namentlich
scheint auch die Geschwisterliebe häufiger, als man dies
anzunehmen geneigt ist, eine leichtere oder stärkere ero-
tische Färbung zu besitzen, aber als Regel kann hier von
sexuellen Erregungen und Reizungen nicht die Rede sein.
Es fehlen bei allen diesen unerotischen Beziehungen vor
allem die körperlichen Sensationen, wie sie — um
aus unendlich vielen Literaturbeispielen nur ein markantes
herauszugreifen — etwa Werther 19 ) in den Worten schil-
dert: „. . . Ach wie mir das durch alle Adern läuft, wenn
mein Finger unversehens den ihrigen berührt, wenn unsere
Füße sich unter dem Tische begegnen! Ich ziehe zurück
wie vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht mich wieder
vorwärts."
Solche Empfindungen sind der nichterotischen „Ge-
sinnung" nicht eigen. In der gewöhnlichen Freundschaft
herrscht der Gedanke. Das Geistige tritt hinter dem Kör-
perlichen zurück, während in der Liebe das Körperliche
*•) Die Leiden des jungen Werther. Seite 28.
4*
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52
Freundschaft und Liebe
das Geistige beherrscht. Die Freundschaft beruht auf gegen-
seitiger Achtung, ähnlichem Anschauungen, gleichen ideellen!
und praktischen Bestrebungen. Sie gründet sich im wesenfc
liehen auf Übereinstimmung, die Liebe auf Verschiedenheit
der Individualitaten, obzwar auch in freundschaftlichen Be-
ziehungen verschiedene, in der Liebe wesensgleiche Züge
vorhanden zu sein pflegen. Weininger, der im übrigen die
Begriffe von Freundschaft und Liebe wenig scharf trennt,
macht an einer Stelle seines Werkes die feinsinnige Bemer-
kung: 20 ) „. . . Die Liebe ist wie der Haß ein Projektions-
phänomen, die Freundschaft ein Äquationsphänomen", und
fügt dann hinzu: „Die Voraussetzung der Freundschaft ist
gleiche Geltung beider Individuen, die Liebe aber ist stets
ein Setzen der Ungleichheit und Ungleichwertigkeit."
Zur Charakterisierung des Wesens beider Affekte sei
einiges aus der Zuschrift eines Mannes hinzugefügt, wel-
cher sowohl über die Freundschaft, als über die Liebe in
einem reichen Leben viel Erfahrungen gesammelt hat:
„Freundschaft, u führt er aus, „ist die innige, aber leiden-
schaftslose Zuneigung zu einem Menschen, das Bedürfnis,
mit ihm über alles, was mich bewegt, Gedanken auszu-
tauschen, ihm nahe zu sein in Stunden der Trauer und
Freude, ihn zu trösten und zu stärken, das Verlangen, mich
selbst im Verzagtsein an ihm aufzurichten, mit ihm meine
Freude zu teilen. Liebe? Das heiße Sehnen nach einem
Menschen und seinem Wesen zu allen Stunden, allen Zeiten,
das unendliche Schönheitsgefühl, mit dem seine Gegenwart,
mit dem das Bewußtsein allein schon, daß ein solcher
Mensch lebt, mein Dasein erfüllt, das Aufgehen meiner
20 ) Geschlecht und Charakter, Eine prinzipielle Untersuchung
von Dr. Otto Weininger. Zweite, mehrfach verbesserte Auflage.
Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller 1904, pag. 326.
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Pansexualismus.
53
Person in seine und die daraus sich ergebende Geburt von
etwas Anderem, Höherem, Besserem in mir. Es gibt für
mich viele Freunde, ohne daß ich für sie dieses Gefühl der
Liebe empfände, es gibt aber keinen geliebten Menschen,
der nicht meine treueste Freundschaft besäße." Mit Recht
deutet hier der Schreiber an, daß sexuelle und nichtsexu-
elle Anziehung sich in dem Verhältnis eines Menschen zu
einem anderen nicht ausschließen, daß sie nebeneinander in
verschiedenen Stärkegraden vorkommen können. So kann
zu einer leichten erotischen Anziehung, die nicht zu sexu-
ellen Akten zu führen braucht, eine sehr entwickelte Freund-
schaft treten, und heftige Liebesleidenschaft kann mit kame-
radschaftlicher Schätzung verbunden sein. Wenn das Feuer
der Liebe erloschen ist, glimmt oft noch die Flamme der
Freundschaft lange erwärmend weiter.
Ist die Neigung der Menschen zueinander zweifellos
sehr häufig keine sexuell betonte, so ist es die der Menschen
zu den Dingen noch viel weniger. Manchem mag die
Erwähnung dieses Umstandes überflüssig erscheinen, sie
erscheint aber nötig angesichts der bei manchen Psycho-
logen, namentlich neuerer Zeit, wieder unverkennbar her-
vortretenden Richtung, einen Pansexualismus an-
zunehmen, der alles auf Sexualität zurückführt.
Die schöne Landschaft, die unser A u g e oft so unge-
mein erfreut, die Wunder des Meeres und der Berge, zu
denen wir uns so hingezogen fühlen, rufen in uns Lust-
und Glücksgefühle wach, die aber sicherlich nicht als ero-
tische anzusprechen sind. Ebenso werden die übrigen
Sinne, das Ohr durch die Musik, der Geruchssinn durch
den Duft der Blumen, der Geschmacks sinn durch das
Aroma der Früchte lustbetont erregt, aber nicht im sexu-
ellen Sinne. Auch der Haut sinn, wenn auch seltener, er»
Digitized by Göogle
54 Liebe zu Kunstwerken.
freut sich unerotischer Lustgefühle. Vielen ist es wohl-
tuend, wenn der kühle Wind ihre Haut umspielt, die Welle
sie vorwärts drängt. Im Orient kann man noch jetzt in
den Händen von Millionen würdig aussehender Männer
rosenfcranzartige Spielketten aus allen möglichen Holz- und
Steinarten erblicken, die keine andere Bedeutung haben, als
den Tastsinn durch Kitzelgefühle zu erfreuen. Wer möchte
wohl behaupten, daß der Anblick des Niagara, die neunte
Symphonie Beethovens Sexualreize sind?
Sehr viele Sinneswahrnehmungen wirken lustbetont,
weil sie der Erhaltung unser selbst förderlich sein können;
so der Eindruck eines leckeren Mahls, einer schönen woh-
ligen Kleidung und Wohnung. Die Freude an der künst-
lerischen Gestaltung unserer Umgebung ist aus vitalen Ur-
sachen schon schwieriger abzuleiten, wenn man nicht mit
Bö Ische annehmen will, daß den Lebewesen das Streben!
nach harmonischer Formung an und für sich als Natur-
trieb eigen ist.
Auf die Beziehungen, welche das künstlerische
Schaffen zu dem Liebesempfinden hat, werden wir
erst genauer einzugehen haben, wenn von der Erhöhung
der Leistungsfähigkeit durch den Liebeswettbewerb und
von der sexuellen Entspannung durch künstlerische Lei-
stung die Rede ist. Hier, wo wir von den Reizbarkeiten
handeln, haben wir es nur mit den Lustempfindun-
gen zu tun, welche Kunstwerke im Zuschauer und Zu-
hörer auslösen. Da sind zunächst die vielen künstlerischen
Darstellungen in Betracht zu ziehen, welche wir lustbetont
empfinden, weil sie uns ein Abbild der Objekte geben, die
uns reizen. Viele Männer und Frauen stehen entzückt vor der
Venus von Milo und dem Apollo von Belvedere, ja vor der
Sixtinischen Madonna, ohne sich deutlich bewußt zu werden,
Digitized by Google
Uebertragungen der Liebe
55
daß es nicht das Künstlerische an sich ist, was sie so un-
gemein fesselt, sondern die vollendet dargestellte Schönheit
der menschlichen Erscheinung. In der Fachliteratur findet
sich mehr als ein extremer Fall verzeichnet, in denen Jüng-
linge und Männer vor Madonnen masturbierend betroffen
wurden. 21 ) Im Jahre 1894 wurde in Paris eine vom Bild-
hauer Dampt in Stahl und Elfenbein ausgeführte Gruppe
„Die schöne Melusine und der Ritter Raymond" entwendet.
Der Täter war ein junger Künstler, der sich in die Gruppe
verliebt hatte, vermutlich ein „Voyeur". Trotz der
Fürsprache Dampfs wurde er verurteilt und nahm sich bald
darauf aus Scham und Reue über seine Tat im Gefängnis
das Leben. Von der Mona Lisa, die jüngst auf so rätsel-
hafte Weise aus dem Louvre verschwand, schrieb einst
Michelet, der berühmte Verfasser von „Pamour a :
„. . . Dieses Bild zieht mich an; es ruft mich zu sich; es
reißt mich hin, es nimmt mich vollkommen ein; ich gehe
zu ihm wider Willen, wie der Vogel zur Schlange fliegt."
Oft beruht die Freude an gewissen Gesichts-, Gehörs-
und Geruchseindrücken auf unbewußten Gedanken-
verbindungen, welche auf sexuelle Erinnerungsbilder zu-
rückgehen. Eine Frau teilte mit, daß Ledergeruch ihr ero-
tische Wallungen verursache. Mehrere Personen berichteten
ähnlich vom Heugeruch. Auch der berauschende Duft von
Lindenblüten und Jasmin übt ähnliche Wirkungen aus.
Ebenso ist es mit bestimmten Tönen und Melodien.
Werther schreibt an Wilhelm: „Sie hat eine Melodie, die
sie auf dem Klaviere spielet mit der Kraft eines Engels, so
simpel und so geistvoll! Es ist ihr Leiblied, und mich stellt
es von aller Pein, Verwirrung und Grillen her, wenn sie
") 8. Havelock EUis „Qattenwahl" Seite 230 über Pygmalio-
nismu9.
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Assoziative Verknüpfungen.
nur die erste Note davon greift. Kein Wort von der alten
Zauberkraft der Musik ist mir unwahrscheinlich. Wie mich
der einfache Gesang angreift! Und wie sie ihn anzubringen;
weiß, oft zur Zeit, wo ich mir eine Kugel vor den Kopf
schießen möchte! — Die Irrung und Finsternis meiner
Seele zerstreut sich, und ich atme wieder freier . . . •
Von einer anderen assoziativen Übertra-
gung berichtet er kurz darauf am 18. Julius dem
Freunde: „. . . Heute konnte ich nicht zu Lotten; eine un-
vermeidliche Gesellschaft hielt mich ab. Was war zutun?
Ich schickte meinen Diener hinaus, nur um einen Menschen
um mich zu haben, der ihr heute nahe gekommen wäre.
Mit welcher Ungeduld ich ihn erwartete, mit welcher
Freude ich ihn wiedersah! Ich hätte ihn gern beim Kopfe
genommen und geküßt, wenn ich mich nicht geschämt
hätte. Man erzählt von dem Bononischen Steine, daß er,
wenn man ihn in die Sonne legt, ihre Strahlen anzieht, und
eine Weile bei Nacht leuchtet. So war mir's mit dem Bur-
schen. Das Gefühl, daß ihre Augen auf sei-
nem Gesicht, seinen Backen, seinen Rock-
knöpfen und dem Kragen am Surtout ge-
ruht hatten, machte mir das alles so
heilig, so wert! Ich härte in dem Augenblick den
Jungen nicht um tausend Taler gegeben. Es war mir so
wohl in seiner Gegenwart. Bewahre dich Gott, daß du
darüber lachest! Wilhelm, sind das Phantome, wenn es
uns wohl ist?"
Derartige assoziativeVerknüpfungen, wie
sie uns hier Goethe so poetisch veranschaulicht, sind häufig
sehr verschlungen und halten sich meist unter der Schwelle
des Bewußtseins. Ich führe noch einige Beispiele aus dem
Leben an. Ein Mann aus der Mark Brandenburg hatte
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Ola Hansen
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eine große Sympathie für die an der Nord- und Ostseeküste
liegenden Teile Deutschlands, und eine fast ebenso starke,
ihm zunächst unerklärliche Antipathie gegen Süddeutsch-
land. Alles, was mit dem Meere zusammenhing, zog ihn
mächtig an. Er liebte leidenschaftlich den Wassersport. Die
Sprache der Hannoveraner, Mecklenburger und Holsteiner
klang ihm „wie Musik". Der süddeutsche Dialekt irritiertes
ihn dagegen. Er aß am liebsten Seefische, der Geruch vort
Tauen, Teer und Tang tat ihm wohl. Es ergab sich, daß
diesen Mann von Jugend auf die nordländischen Frauen-
typen, die blonden, gesunden, großen Mädchen, wie sie
besonders häufig in Friesland und Holstein vorkommen,
besonders anzogen. Von dieser erotischen Anziehung aus
scheint sich die lustbetonte Assoziation weiter entwickelt und
seine Geschmacksrichtung, seine Lebensanschauung, seine
politischen und sonstigen! Ansichten in entscheidender Weise
beeinflußt zu haben.
Es gibt mehr als einen Anhänger der Frauen-
stimmrechtsbewegung, der von sich selbst überzeugt ist,
er sei ein Freund der „Emanzipation", während er in
Wirklichkeit nur ein Freund der „Emanzipierten" ist. Er
fühlt sich zu den selbstbewußten, selbständigen, sicher auf-
tretenden Frauen hingezogen, sucht die Stätten auf, wo er
sie sehen und hören kann, und von dieser Sympathie aus
übertragen sich die Assoziationen auf das, was diese
Frauen anstreben und vertreten.
Noch ein letztes Beispiel sei hier angeführt. Ola
Hanson, einer der feinsten Sexualpsychologen unter den
zeitgenössischen Dichtern, läßt eine seiner Gestalten folgen-
des sagen: „Sie wissen, ich habe mich in den April und
Mai verliebt, in die ersten zaghaften Knospen auf den
dürren Zweigen, in die weißen Anemonen auf noch halb
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Heroenkult
gefrorener Erde, in die zarten Apfelblüten auf dem blätter-
losen Ast, die unter dem ersten Schnee oder Regenschauer
verderben, in all* diese „puberte" souffrante",
die das Feinste, Verletzüichste, Gefährlichste und Ver-
sprechendste ist, was es gibt, und darum liebe ich
die Monate, wo air das hervorbricht, den Jubel und
den Schmerz und den Kummer, den sie wecken, und die das
Herz so groß und so warm machen, und die Hand so
groß und so gierig."
Zweifellos gibt es eine Menge Anschauungen auf den
allerverschiedensten Gebieten, die mit Sexualität zunächst
nicht die mindeste Beziehung zu haben scheinen, sich aber
durch unbewußte Ideenverbindungen aus einem ge-
gebenen erotischen Fundament ableiten. So
beruht, um nur eins herauszugreifen, der unter den Men-
schen so weit verbreitete Heroenkult, beispielsweise der
heute mehr denn je in allen Ländern und Ständen weitver-
breitete Napoleonkult, nicht selten auf passivistischen,
um nicht zu sagen masochistischen Einschlägen in der»
Psyche vieler Menschen.
Es läßt sich nicht leugnen, daß manche Neigungen zu
leblosen Dingen in der Tat fast den Eindruck hervor-
rufen, als trügen sie einen direkt erotischen Charakter.
Auch hier ein Beispiel: Dr. Körber erzählte einmal den Fall
eines jungen Mädchens, das ich später selbst persönlich
kennen lernte, welches sich in eine große, schöne Kristall-
schale verhebt hätte. Sie ging täglich vor das Schaufenster,
hinter dem die Schale stand, um sich an ihrem Anblick zu
weiden. Eines Tages war das Gefäß verschwunden, ein
Käufer aus dem Auslande hatte es erworben. Dem Mäd-
chen aber war es, als sei ihr jemand gestorben, und lange
schmerzte sie eine Sehnsucht, der sie kaum Herr werden
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Liebe zu leblosen Dingen.
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konnte. Der Fall scheint mir so merkwürdig, daß ich der
brieflichen Schilderung der jungen Dame, die angibt, Men-
schen gegenüber anerotisch zu sein, selbst Raum geben
möchte: „Schon in meiner frühesten Kindheit," schreibt sie
mir, „gab ich mich den Wonnen des Kristalls hin. Wie diese
Liebe in mir erwachte und wodurch, kann ich nicht sagen; ehe
sie sich auf die Kristallgegenstände unseres Hauses verschlug,
verleitete sie mich schon zu kühnen Träumen von Kristall-
Palästen, die es irgendwo auf der Erde geben mußte —
ich quälte meine Umgebung mit der Frage, wo dies Land
liege — , aber da es mir kein Mensch sagen wollte, wußte
ich, daß ich es mir dereinst selbst suchen würde. Ich saß
dann später stundenlang vor Bildern, die ich in Büchern
gefunden, wo Grotten von Eis und phantastische Gebilde
mich fesselten, und ich verlor mich in der Vorspiegelung
der Spiele von Licht in den kristallenen Formationen. Der
Einsatz mit Essig und öl war eine Zeitlang für mich das
Schönste, was auf dem Tische stand. Ich freute mich wäh-
rend des ganzen Mittagessens auf das Kompott, da es
solches von Kristalltellern gab — und wenn ich es end-
lich vor mir hatte, konnte ich vor Aufregung nicht essen,
denn es war so etwas Unfaßbares, die Brechung von all'
dem Licht und dann der sonderbare Lichtrand, den die
Sauce da hervorrief, wo sie den Teller berührte. — Zum
Geschmack vieler Dinge, sowohl eß- wie trinkbarer, hat
das Kristall immer viel beigetragen und es gibt manches,
das mir nur von Kristall genießbar wäre. — Einmal fand
ich auf der Wiese an unserem Hause in ein Papier einge-
wickelt ein Prisma von einem Kronleuchter. Als ich das
Papier aufrollte und die Sonne sich funkelnd in dem Kri-
stall brach, wurde ich heftig erregt und masturbierte. — An
einem Kronleuchter mit Kristallprismen versenkte ich mich
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Kristallfetischismus,
immer wieder in die Brechungen des Lichts und ließ mich
von dem Farbenspiel betören. — Ich studierte den Kron-
leuchter während der verschiedenen Beleuchtungen des
Tages; ich wußte, wann die Sonne sich darin fangen
würde, und ich unterließ es nie, um die Stunde meinen Be-
such bei ihm zu machen. Das strahlende Licht, was zu
allen Seiten sprühte, bereitete mir einen außerordentlichen
Genuß — es war, als wenn es wie feiner Goldstaub durch
mein Blut sickerte — , ich fühlte es heiß durch meinen
ganzen Körper rieseln bis zur Ermat-
tung. — Oftmals ging ich in Geschäfte und frug nach
den Preisen verschiedener Kristallschalen, Gläser, Karaffen
usw., nur ein Vorwand, die verschiedenen Gegenstände in
die Hand nehmen zu können, mit ihnen in Berührung zu
kommen, über den Schliff streichen zu können, aber vor
allem ihre Schwere zu spüren; die Schwere kostbarer
Kristalle bereitet mir eine ganz sonderbare Freude. — Im
Alter von 20 Jahren hatte ich an dem Schaufenster eines
Geschäftes eine Kristallschale von außerordentlicher Schön-
heit entdeckt. Sie schien mir mit ganz besonders myste-
riösem Schleier das vielfache Licht diskret zu verhüllen, um
desto verlockender anzuziehen. Jeden Tag mußte 'ich ein-
mal an dieses Fenster, das Wunder anzusehen, ich träumte
von Räumen, wo sie stehen müßte, von eigenartigen Tisch-
chen mit einer Platte aus Edelgestein als Untergestell für
sie, von farbigen Seiden auf denen sie ruhte und die sich mit
ihren matten Tönen vielfach darin schmeichelten. Am lieb-
sten aber dachte ich sie mir auf einer Platte aus dunklem
Silber, einfach und ruhig, wo keine Farbe sich in ihr Far-
benspiel mengen würde. Dann stellte ich sie mir in der
Mitte eines Raumes auf einem hohen, schlanken Unterbau
vor. Es mußte Halbdunkel dort sein, an den Wänden nur
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Anhänglichkeit an Tiere.
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einige Kerzen aus Wachsleuchtern. Ich würde dann öl
hineinschütten — ein wasserklares öl, aber schwer und
dickflüssig, daß der Schliff eigenartiges Licht flimmern und
es unten in der Schale strahlen würde wie von Sternen.
Dann wollte ich einen Rubin in das öl werfen, und ich
konnte mir nicht Genüge tun an den Träumen über die
Wunder, die sich mir alle enthüllen müßten. Ich ging in
das Geschäft und frug nach dem Preis — ich wußte im
voraus, daß er unerschwinglich für mich sei — , aber ich
durfte bei dieser Gelegenheit das kostbare Stück in die
Hände nehmen und seine Schwere fühlen. Ich überlegte
hin und her, wie ich doch noch in seinen Besitz gelangen
könnte — eines Tages war sie aus dem Fenster verschwun-
den, und ich war sicher, daß sie verkauft sei; ich ging
hinein und frug nochmals nach ihr und bei der Bestätigung
grämte ich mich sehr . . .
Auch die Anhänglichkeit an Tiere macht nicht selten
einen etwas erotisch gefärbten Eindruck, von der Liebe man-
cher alleinstehenden alten Jungfer oder Witwe zu ihren
Schoßhündchen bis zu der Friedrichs des Großen zu seinen
Windspielen. Mir fällt da ein Erlebnis aus meiner ärzt-
lichen Praxis ein, das mir, als es sich ereignete, zunächst
trotz des traurigen Anlasses ein Beispiel unfreiwilligen
Humors erschien, bei tieferem Nachdenken jedoch nicht
eines ernsteren Gehaltes entbehrt. Ich war lange Jahre
Arzt bei einem alten Ehepaar gewesen. Eines Tages erlitt
der Mann, ein höherer pensionierter Offizier aus altem
Adel, einen Schlaganfall. Als ich in der Frühdämmerung
gerufen wurde, konnte ich nur noch seinen Tod feststellen.
Ich teilte es der Gattin so schonend wie möglich mit. Da
erwiderte sie wörtlich: „Ach, Herr Doktor, was habe ich
in diesem Jahr schon durchmachen müssen. Im Januar
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Liebe und Soziabilität
starb unser Papagei, im April mein Hund und jetzt noch
mein Mann."
Trotz aller dieser Beispiele halte ich die Ansicht, daß
alle Sympathien im letzten Grunde auf erotischen An-
ziehungen beruhen, daß jede, selbst die Zuneigung zu
technischen Problemen, letzten Endes sexuell sei, für un-
richtig. So gewiß wir die Bedeutung des sexuellen Faktors
auch in seinen entferntesten Ausstrahlungen nicht unter-
schätzen sollten, so ist doch sicherlich seine Über-
schätzung, vor allem aber die gar zu weite Verallgemeine-
rung des Begriffes Liebe, als sexueller Liebe, ein Übel.
Wohl ist es möglich, daß entwicklungsgeschichtlich
der soziale Instinkt aus sexuellen Attraktionen seinen
Ursprung nahm, daß die Soziabilität und der Altruis-
mus in atavistischen Zeiten von diesen Regungen aus-
gegangen sind. Es ist auch wohl denkbar, daß die Liebe
dasjenige Band war, welches die ohne sie nur auf sich
bedachten Einzelwesen zuerst über das Selbsterhal-
tungsbedürfnis hinauswachsen ließ, sie zu Verbänden ver-
einigte, zu Herden und Horden, zu Gruppen und Gesell-
schaften, aus denen sich schließlich Staaten entwickelten.
Ich halte es auch keineswegs für ausgeschlossen, daß einj
Rudiment dieser erotischen Empfindungen, eine ganz abge-
schwächte Sexualität in überaus feinen und kleinen, unmerk-
lichen Mitschwingungen auch heute noch in vielen mensch-
lichen Beziehungen mitvibriert, die einen vollkommen un-
erotischen Eindruck machen.
Viele körperliche Berührungen, die heute als Symbole
unter Bekannten und Verwandten gang und gäbe sind;,
mögen, als sie in der Urzeit aufkamen, zunächst sexuelle
Hautkontakte gewesen sein. Das gilt selbst von der heute
so allgemeinen Sitte, sich einander die Hände zu reichen.
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Liebessymbole.
63
In der Sprache, die ja so viel konservativer als die Sitte
ist, hält ja noch heute der Mann um die „Hand" des
Weibes an, und sie „reicht dem Manne die Hand fürs Leben*.
Wie mit dieser Berührung der Hände, so ist es auch mit der;
Verschlingung der Arme, dem „Unterhaken", ja selbst mit
dem Kusse. Küsse und Umarmungen, wie sie bei Be-
grüßungen und Verabschiedungen von Verwandten, bei Be-
gegnungen von Staatsoberhäuptern alltäglich sind, sind zu
Sympathiebezeugungen ohne sexuelle Betonung herabge-
sunken.
Welcher Unterschied zwischen dem kurzen, flüchtigen
Händedruck sich begrüßender Freunde und dem langen,
innigen zweier Menschen, die sich Heben, bei welchen von
der Berührungsstelle aus ein Strom wohltuender Erschütte-
rungen durch die Reihen der Neurone zum Zentralorgan
zieht. Wie verschieden der oberflächliche Kuß der Eti-
kette von jenem Kontakt der Lippen, bei dem die Summa-
üon der Nervenreize zu einer weit im Körper irradiieren-
den Hyperämisierung führt. In einer mir zugegangenen
Zuschrift vergleicht einmal jemand die unerotischen Küsse,
die er übrigens von seiner Frau erhielt, mit einer „Suppe
ohne Salz a .
Wenn Schiller in seinem Hymnus an die Freude in
den ekstatischen Ruf ausbricht:
„Seid umschlungen Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt"
oder Goethe dichtet:
„Glücklich, wer sich vor der Welt ohne Groll ver-
schließt
Einen Freund am Busen hält und mit ihm
genießt",
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Genotropismus
so ist schwerlich anzunehmen, daß ihnen hierbei auch nur
im Unterbewußtsein sexuelle Küsse und Berührungen
vorschwebten.
Aber mögen auch, um mit Schopenhauer zu reden,
— „amor" und „Caritas" — eines Stammes sein, mag immer-
hin die allgemeine Menschenliebe, die Nächstenliebe Christi
und die „Fernstenliebe" des Antichrists Nietzsche ihre End-*
wurzel in der Geschlechtsliebe haben, fürdieGegen-
w a r t müssen wir uns an die zurzeit wirksamen Naturer-
scheinungen und Naturgesetze halten, und diese lehren zur
Gewißheit, daß die sexuelle Liebe eine besondere Ge-
fühlsqualität ist, wenn man will, geworden ist, eine
andere als es die allgemeine Menschenliebe und die vielen
übrigen, ebenfalls als Liebe bezeichneten Zuneigungen sind.
Wodurch aber, fragen wir nun noch einmal,
unterscheidet sich die geschlechtliche Anziehung
von der nichtsexuellen? Einmal dadurch, daß es das
Äußere des Objekts ist, seine Gestalt, seine Bewe-
gung, seine Stimme, von denen der eigenartige Reiz
ausgeht, welcher das liebende Subjekt lustbetont er-
schüttert, zweitens dadurch, daß die Sinnesorgane sich
unwillkürlich nach den angenehm empfundenen Sinnesreizen*
wenden. So wie die Pflanze sich nach den Regeln des He-
liotropismus nach der Sonne kehrt, wie die Atome sich
nach den Gesetzen des Chemotropismus zueinander be-
geben, wie es nach den Prinzipien des Geotropismus einen\
Körper zu einem anderen treibt, so neigt sich ein Mensch
demjenigen zu, von dem er unter dem Einfluß des Geno-
tropismus angezogen wird. Das ist nicht etwa nur bild-
lich zu verstehen. Das Wort sexus leitet sich von „sequi"
= „folgen" ab, und in der Tat folgen spontan unsere
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Innere Harmonisierung.
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Sinne, Auge, Ohr und die anderen den angenehmen Ein-
drücken, und mit den Sinnen folgt unser Körper und
sucht der leichteren oder stärkeren Lustempfindung teil-
haftig zu werden.
Jeder kennt Beispiele, in denen ein Mensch weite
Strecken zurücklegte und große Widerstände überwand und
besiegte, um sich zu der Person zu begeben, zu der die
Sinne ihn hindrängten. Erst, wenn das Wiedersehen end-
lich bewerkstelligt war, und zwar oft lediglich
durch dieses, trat der beruhigende Ausgleich, die
innere Harmonisierung ein. Goethe hat sowohl im
Werther, als auch in den Wahlverwandtschaften diese
Anziehung trefflich zum Ausdruck gebracht. In
Werthers Leiden heißt es: „. . . der Tag ist gar zu
schön, ich gehe nach Wahlheim, und wenn ich nun
da bin, ist's nur noch eine halbe Stunde zu ihr! — ich
bin zu nah in der Atmosphäre — zuck!, so bin ich dort.
Meine Großmutter hatte ein Märchen vom Mag-
netberg: die Schiffe, die ihm zu nahe kamen, wurden
auf einmal alles Eisenwerks beraubt, die Nägel flogen dem
Berge zu, und die armen Elenden scheiterten zwischen den
übereinanderstürzenden Brettern."
Und in den Wahlverwandtschaften: „Nach wie vor
übten sie eine unbeschreibliche, fast magische Anziehungs-
kraft gegeneinander aus. Sie wohnten unter einem Dache;
aber selbst ohne gerade aneinander zu denken, mit anderen
Dingen beschäftigt, von der Gesellschaft hin- und herge-
zogen, näherten sie sich einander. Fanden sie sich in einem
Saale, so dauerte es nicht lange und sie standen, sie saßen
nebeneinander. Nur die nächste Nähe konnte sie beruhigen,
aber auch völlig beruhigen, und diese Nähe war genug;
Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 5
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Liebesanziehung.
nicht eines Blickes, nicht eines Wortes, keiner Gebärde,
keiner Berührung bedurfte es, nur des reinen Zusammen-
seins. Dann waren es nicht zwei Menschen, es war ein
Mensch im bewußtlosen, vollkommenen Behagen, mit sich
selbst zufrieden und mit der Welt. Ja hätte man eins von
Beiden am letzten Ende der Wohnung festgehalten, das
andere hätte sich nach und nach von selbst ohne Vorsatz
zu ihm hinbewegt."
Ich erinnere mich eines jungen Menschen, und wer
wüßte nicht ähnliche Fälle anzuführen, der von seiner Fa-
milie weit über das Meer geschickt wurde, um einer Nei-
gung Herr zu werden, die von den Angehörigen als ein
Unglück erachtet wurde und unter der er auch selbst litt.
Kaum an dem entfernten Bestimmungsort angekommen, ar-
beitete er sich auf einem Schiffe nach kurzer Zeit immer
wieder zurück, meist unter nicht geringen Schwierigkeiten,
bis er wieder die Stimme hörte und die Gestalt sah, ohne die
er nicht leben zu können glaubte. So tauchte er, erst nach
England, dann nach Amerika, schließlich nach Australien
verschickt, von Sehnsuchtsweh getrieben, stets nach einigen
Monaten vor dem Fenster des geliebten Objekts auf. Sein
Erscheinen entsprach vollkommen der Beobachtung der
Schmetterlingssammler, die uns berichten, daß, wenn sie
im geschlossenen Zimmer ein Weibchen zum Ausschlüpfen
bringen, alsbald außen am Fenster die passenden Männ-
chen sichtbar werden, von denen sie nach Beschaffenheit
der Gegend nachweisen können, daß sie aus Entfernungen
von vielen Kilometern, den süßen Geruch witternd, heran-
geflogen sind.
Bei erotischen Anziehungen leichteren Grades ruft
oft der Eindruck adäquater Sinnesreize ein Wohlgefühl wach,
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Liebessättigung.
67
das den Träger der Empfindung meist nicht zum Bewußt-
sein kommen läßt, daß es sich bereits um schwächere Zu-
stände sexueller Erregung handelt. Dieses Unbewußtsein
ist um so erklärlicher, als die Reizung, wie wir bei Be-
sprechung der partiellen Attraktionen sehen werden, oft
durch außerordentlich geringfügige Kleinigkeiten bewirkt
wird, Eigenschaften, die nicht nur bei Unbeteiligten keine
Beachtung finden, sondern infolge ihrer Winzigkeit von
dem Betroffenen selbst lange Zeit nicht als das eigent-
lich wirksame Agens erkannt werden.
Selbst der strengste Asket läßt seine Blicke, ob er will
oder nicht, angenehmen Eindrücken folgen und fühlt sich
durch sie glücklicher und gehobener. Ein Priester teilte mir
einmal über sich selbst folgendes mit: Wenn er die Kanzel
betrete, um zu predigen, fahnde er erst nach Personen, die
ihm gefielen. Der Anblick eines Menschen genüge ihm
— fände er einen solchen in der Gemeinde, und meist sei
dies der Fall — dann könne er frei und sicher auftreten, er
beherrsche die Rede und ginge aus sich heraus; sei nie-
mand unter seinen Zuhörern, mit dem er sich in diesen
Kontakt setzen könne — er nannte dies selbst magnetische
Anziehung — , dann fühle er sich unruhig, eingeengt, befan-
gen und nur mit Mühe ringe er sich die Worte heraus. So
fühlen sich die meisten Menschen, wenn sie sich in der Ge-
sellschaft sie leicht erotisch anziehender Personen befinden,
ohne daß die eigentliche Geschlechtlichkeit in Betracht
kommt, gekräftigt. Ein Gruß, ein Blick, ein freundliches
Zunicken der betreffenden Person beglückt sie. Sind sie in
der Ausübung eines Sportes oder Spiels, beruflich oder
außerberuflich mit ihnen zusammen, so verspüren sie ein
Gefühl der Belebung und Sättigung.
Je stärker eine Neigung ist, um so mehr und um so
5*
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Impressionen und Depressionen.
häufiger sind die Sinnesorgane bestrebt, die wohltuenden
Sinnesreizungen zu suchen. Dieses Suchen kann sich zu
einer Sucht steigern, zu einer Sucht des Sehens, die,
als Sehnsucht bezeichnet, einer der wesentlichsten Affekte im
Liebesleben ist. Vermissen die Sinnesorgane nur kurze
Zeit, etwa einige Tage, die sie so angenehm erregenden und
befriedigenden Impressionen, so stellen sich bei den
Liebenden Depressionen des nervösen Zentralorgans
ein, wie sie ganz ähnlich bei der Entziehung narko-
tischer Rauschmittel, etwa des Morphiums, beobachtet
werden. Die Sehnsucht ist in der Tat ein der Rauschsucht
verwandter Zustand des Nervensystems. Der Schmerz bei
der Entbehrung macht oft erst die echte Liebe manifest; es
können hier bei gewaltsamer Trennung ganz furchtbare
Zustände grenzenloser Leere, namenlosen Jammers, ver-
zweiflungsvollsten Verlangens eintreten, welche das ganze
Seelenleben in Mitleidenschaft ziehen und nicht selten zum
völligen Lebensüberdrusse führen. „Ach!" ruft der sehn-
suchtskranke Werther aus, „diese Lücke, diese ent-
setzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen
fühle ! Ich denke oft, wenn du sie nur einmal, nur einmal
an dieses Herz drücken könntest, diese ganze Lücke würde
ausgefüllt sein."
Bei der Sehnsucht handelt es sich um eine Unlust-
empfindung, die so recht eigentlich als ein negativer Ge-
fühlston bezeichnet werden kann, denn hier ist es weder
ein lust-u nbetonter noch ein u n 1 u s t -betonter E i jn-
druck, sondern eben die völlige Negation, der Man-
gel, der diesen bejammernswerten Zustand hervorruft.
Ooethe hat noch an vielen anderen Stellen den psychophy-
sischen Charakter der Sehnsucht überaus fein getroffen, so
in Mignons Liebesseufzer:
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Sehnsucht als Unlust.
69
„Nur, wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh' ich ans Firmament
Nach jener Seite.
Ach, der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide.
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!"
Hier werden am Schlüsse recht deutlich die körper-
lichen Sensationen erwähnt, die zeigen, wie tiefgreifende
Veränderungen die Lust- und Unlustempfindungen in dem
Nervensystem zur Folge haben.
Wer die Liebesliteratur, und mehr als die Hälfte der
Weltliteratur ist ja Liebesliteratur, durchforscht, wer die
Angaben glücklich oder unglücklich Liebender prüft, kann
fortwährend Beschreibungen 1 begegnen, die lehren, daß es sich
in den ersten Stadien sexueller Gravitation 1 tatsächlich bereits
um objektive Veränderungen handelt. Da finden sich immer
wieder Äußerungen wie: es „durchströmt", „durchdringt",
„durchschauert", „durchzuckt", „durchrieselt" den Körper,
es fühlt sich jemand wie „elektrisiert", wie „festgebannt",
„bezaubert", „ganz betroffen", „fieberhaft erregt", „völlig
verwirrt", „es geht ihm durch und durch", „es überläuft
ihn ganz eigentümlich", „sein ganzes Wesen revoltiert", „es
ist, als ob ihm das Herz oder der Atem stockt". „In den
Armen der Geliebten", sagt Theodor v. Wächter in
seinem Problem der Ethik, 22 ) „fühlen wir voll und ganz die
M ) Ein Problem der Ethik v. Th. v. Wächter, loa cit. S. 32.
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70
Körperliche Durchströmung.
magnetische Durchströmung. Wir fühlen unsern Körper
durchströmt von einer belebenden, nervenstärken-
den, wunderbaren Lebenskraft. Wir fühlen uns wie neu-
geboren. Schon die geringste Einzelberührung wirkt ähn-
lich." In einem alten deutschen „ersten Liebeslied eines
Mädchens** schildert dieses seine Empfindungen wie folgt:
„Es beißt sich, o Wunder,
Mir keck durch die Haut,
Schießt's Herze hinunter,
O Liebe, mir graut!"
Ich will aus einer größeren Anzahl körperlicher Schil-
derungen noch zwei herausgreifen: Ein Herr schreibt;
„Beim Anblick meines Falles gerät mein Blut in Wallung,
das Herz schlägt rascher, und die innere Bewegung würgt
so an der Kehle, daß ich kaum sprechen kann, zuerst kann
ich mich auf nichts besinnen von dem, was ich vorher sa-
gen wollte, ich bin wie gelähmt, und erst ganz allmählich
löst sich dieser Bann und geht über in eine intensive
Lebensfreude, die auch meine intellektuellen Fähigkeiten
verstärkt und mich über das gewöhnliche Maß meines all-
täglichen Lebens hinaushebt"; und ein anderer, ein sich
durch gute Selbstbeobachtung auszeichnender ärztlichen
Kollege bemerkt: „Der Gedanke an ein geliebtes Wesen und
der Verkehr mit demselben ruft bei mir ein ganz bestimmtes
Wärmegefühl physischer Art in der Herz-, oder genauer
gesagt, Magengegend hervor, das ich, so komisch es klingt,
grob gesprochen, nur mit dem Genuß eines guten hollän-
dischen Schnapses vergleichen kann." Goethe erzählt von
einem Bauernburschen, der in seine Hausfrau verliebt war:
„. . . Er habe weder essen, noch trinken, noch schlafen
können; es habe ihm an der Kehle gestockt;
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Beteiligung aller Sinne.
71
er sei als wie von einem bösen Geist verfolgt gewesen; bis
er eines Tags, als er sie in einer oberen Kammer gewußt,
ihr nachgegangen, ja vielmehr ihr nachgezogen wor-
den sei."
Die zu Sexualspannungen führenden, durch einen be-
sonderen Gefühlston wahrnehmbaren Strömungen sind ein
wesentliches Kennzeichen der erotischen Anziehung, die
sich außerdem dadurch von der unerotischen unterscheidet,
daß es unsere Körperoberfläche ist, auf der die von einer
Person ausgehende Reizung erfolgt, die peripheren Sinnes-
werkzeuge, welche sich unabhängig von Überlegungen zu-
erst an die lustbetonten Eindrücke heften.
Wenn ein Mensch eine sexuelle Anziehung ausübt, so
kann von jeder Stelle seines Körpers diese
Reizbarkeit ausgehen. Alle Quellen, mit denen uns eine
Person von ihrem Vorhandensein Kunde gibt, können auch
sexuelle Reizquellen sein, sowohl die von ihrer Gestalt aus-
gehenden Lichtstrahlen, welche die Netzhaut im
Auge, als die von ihren Stimmbändern erzeugten Schall-
wellen, die unser Gehörsorgan treffen, sowohl ihre
Duftstoffe, die verdunstet unser Geruchssinn — ge-
löst unser Geschmacksinn — wahrnimmt, als endlich die
mechanischen und thermischen Eindrücke,
die unseren Hautsinn berühren.
Diese Beteiligung sämtlicher Sinnesorgane haben
die alten Dichter in ihren naiven Liebesschilderungen oft
als eine besondere, merkwürdige Eigentümlichkeit der Liebe
hervorgehoben. Ein gutes Paradigma dafür ist das hohe
Lied der Bibel. Auch die folgenden Beispiele aus der in-
dischen Dichtkunst sind dafür charakteristisch. Bloch
führt») eine im Pali-Kanon überlieferte Rede Buddhas an
M ) Das Sexualleben unserer Zeit, S. 33.
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72
Quellen der Liebe.
seine Jünger an, die lautet: „Nicht kenne ich, Ihr Jünger,
auch nur eine andere Gestalt, welche das Herz des Mannes
so fesselt, wie die Gestalt des Weibes. — Die Gestalt
des Weibes, Ihr Jünger, fesselt das Herz des Mannes.
— Nicht kenne ich, Ihr Jünger, auch nur eine andere
Stimme, welche das Herz des Mannes so fesselt, wie die
Stimme des Weibes. — Die Stimme des Weibes,
Ihr Jünger, fesselt das Herz des Mannes. — Nicht kenne
ich, Ihr Jünger, auch nur einen anderen Geruch, welcher
das Herz des Mannes so fesselt, wie der Geruch des
Weibes. — Der Geruch des Weibes, Ihr Jünger,
fesselt das Herz des Mannes. — Nicht kenne ich,
Ihr Jünger, auch nur einen anderen Geschmack,
welcher das Herz des Mannes so fesselt, wie der Ge-
schmack des Weibes. — Der Geschmack des Wei-
bes, Ihr Jünger, fesselt das Herz des Mannes. — Nicht
kenne ich, Ihr Jünger, auch nur eine andere Berührung,
welche das Herz des Mannes so fesselt, wie die Berührung
des Weibes. — Die Berührung des Weibes,
Ihr Jünger, fesselt das Herz des Mannes."
In ganz ähnlicher Weise singt ein indischer Spruch-
dichter: 84 ) „Was ist lieblich anzuschauen? Liebchens hol-
der Lächelmund. — Was doch gibt, als ihre Worte, süßer
sich dem Ohre kund? — Und was duftet denn noch mehr,
als — Duffger Hauch von ihrem Mund? — Was ist süßer
denn zu kosten, — Als ihr saft'ger Lippenzweig? — Was
ist süßer zu berühren, — Als ihr stolzer, schlanker Leib?"
Die ganze Körperoberfläche des Objekts
kann in allen ihren Teilen Ausgang, die ganze Kör-
Liebesbrevier. Herausgegeben von Franz Voneisen. Leip-
zig S. 26.
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Fern- und Nahreize.
peroberf lache des Subjekts Eingang der sexuellen Er-
regung sein. Nach den Reizempfangsstellen haben wir den
Sinnesorganen entsprechend 5 Gruppen von Sexualreizen
zu unterscheiden: die optischen, akustischen, olfaktorischen,
gustatorischen und takülen Sexualreize = Seh-, Hör-, Riech-,
Schmeck- und Tastreize.
Betrachten wir die Objekte, welche in uns erotische
Empfindungen hervorzubringen vermögen, noch etwas ge-
nauer auf das hin, was ihnen gemeinsam, und auf das hin,
was ihnen verschieden ist, so können die fünf Reizausgangs-
stellen in zwei weitere Gruppen geteilt werden: die eine
wirkt mittelbar durch das Medium der Luft
auf unsere Körperoberfläche, die andere durch di-
rekten Kontakt unmittelbar. Es gibt also d i s t a n-
zielle Sexualreize und das sind die, welche die Netz-
haut, das Trommelfell und die Riechfläche treffen, und
proximale Sexualreize, welche Haut und Zungen-
schleimhaut berühren. Der Geschmackssinn spielt beim
Menschen eine verhältnismäßig geringere Rolle, während in
der Tierwelt das „Belecken" des Objekts weit verbreitet ist.
Die beiden Gruppen der Fern- und N a h r e i z e
zeigen noch andere Unterscheidungsmerkmale. Die Fern-
reize sind diejenigen, denen sich die Sinne fast stets zu-
nächst zuwenden. Sie gehen den proximalen voraus, sind
also die primären, während die wesentlich massiveren
Nahreize meist als sekundäre auftreten. Sie wirken nur
dann als Luststeigerung, wenn durch die distanziellen Sexu-
alreize bereits eine V o r 1 u s t geschaffen ist.
Allerdings kommen hier auch Ausnahmen vor, indem
bestimmte, für Sexualreize besonders empfindsame Zonen
der Haut gelegentlich auch durch solche Objekte und Per-
sonen erregt werden können, denen der Opticus, Acusticus
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74
Vorlust und Höchstlust.
und Olfactorius gleichgültig oder gar mit Abneigung gegen-
überstehen. Wenn Spinoza die Liebe einmal durch den
Satz definierte: amor est titillatio quaedam concomitante
idea causae externae, so zeigte der große Philosoph, der
sonst so tief in den Weltzusammenhängen zu schürfen ver-
stand, daß er dem Liebesproblem gegenüber im wesent-
lichen an der Oberfläche haften blieb. Denn die „Idea", die
Vorstellung als solche, ist weder eine Begleiterscheinung,
noch eine Folgeerscheinung der von Spinoza als titillatio
bezeichneten Hautreizung. Der kausale Zusammenhang
ist vielmehr so, daß ursächlich und zeitlich das p r i m u m
m o v e n s der Gedanke, die Idee ist, erzeugt durch die
distanzielle Wahrnehmung. An diese primäre Reizung
schließt sich alles andere als Reflexkette oder rich-
tiger als Treppenreflex, bald gehemmt, bald ungehemmt
an. Suchen wir uns den Vorgang wiederum genau zu
veranschaulichen. Ein Sinneseindruck dringt lusterregend
zum Zentralorgan; das so entstandene Gefühl veran-
laßt auf der motorischen Nervenbahn eine Reaktion;
diese Reaktion selbst geht als neuer stärkerer Reiz
von der Peripherie wieder zum Zentralorgan zurück. Die
so bewirkte zentrale Steigerung der Lust setzt sich auf dem
motorischen Nervenstrang in eine neue Aktion, deren
Wahrnehmung wiederum zentralwärts dringt. So geht
es von außen auf der sensorischen Bahn nach
innen, von innen auf der motorischen Bahn
nach außen und wiederum zentripetal-sensorisch,
zentrifugal-motorisch, bald bewußt, bald unbewußt, bald
unterbrochen, bald ununterbrochen staffelweise, bis durch
Reizsummation die Höchstlust erreicht ist, wenn nicht
auf einer niedrigeren Stufe bereits vorher Halt ge-
boten wurde. Es sei noch bemerkt, daß die Gefühls-
1
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Abdrücke der Eindrücke
75
bahnen, die sich anfänglich zu den hochgelegenen Hirn-
partien erheben, allmählich zu den immer tiefer befindlichen
Gegenden des Zentralnervensystems verlaufen, bis schließ-
lich die letzten Reflexbogen nur bis zum Lendenteil des
Rückenmarks aufsteigen.
Dementsprechend greifen auch die von distanziellen
Sinneseindrücken hervorgerufenen Abdrücke der Eindrücke
leichter auf zerebrale Assoziationsbahnen über als die zu
tieferen Zentralstellen gelangenden Reflexbögen. In umge-
kehrtem Verhältnis zu der Höhe der Reflexbögen steht die
Stärke des Gefühlstons. Diese ist um so gewaltiger, je
tiefer, um so geringer, je höher von den peripheren Ner-
venenden aus die Reflexbogen ansteigen. Doch kommen
gerade hinsichtlich der Stärke der Lustbetonung auch unter
den distanziellen Eindrücken, je nach der Intensität des
Reizes und der Empfänglichkeit des Reizempfängers, alle
möglichen Stärkegrade vor. So kann der Anblick eines
Menschen von einem ganz schwachen Gefühlston begleitet
sein, der nur ein rasch vorübergehendes Interesse, viel-
leicht nur ein flüchtiges Wenden des Kopfes zur Folge hat.
Es kann der Eindruck in stärkeren Graden mit einer Em-
pfindung anscheinend nur ästhetischen Wohlbehagens oder*
auch lebhafter Erregung verknüpft sein, bis er endlich in
noch höheren Graden irgendwelche Bewegungen auslöst,
die bei leichteren Stadien keineswegs vorhanden zu sein
brauchen.
Betrachten wir nun aber die distanziellen Sinnesreize
im einzelnen, so können wir auch unter ihnen eine be-
stimmte Gesetzmäßigkeit feststellen. Das am weitesten tra-
gende Sinnesorgan eines Lebewesens ist im sexualen Leben
für ihn das leitende und führende. Für den Menschen ist
die Reihenfolge: Gesicht — Gehör — Geruch. Das Auge
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76
Bedeutung des Auges
steht als Vermittler der menschlichen Liebe obenan, mög-
lich, daß es sich gerade durch die Übung auf erotischem
Gebiet, das unwillkürliche Ausschauen, Suchen und Fahn-
den nach Sexualreizen, zu dem entwickelt hat, was
es für uns als Empfangsstelle des Schönen gewor-
den ist.
Bei anderen Tieren nehmen andere Sinne diese leitende
Stellung ein, und zwar ist jedes Tieres feinstes
Organ auch das erotisch empfindsamste
und reizbarste. Bei vielen steht das Gehör, bei an-
deren der Geruch an erster Stelle. So wissen wir, daß die
Vogelmännchen ausschließlich mit ihrer Stimme, oft im
Dunkel der Nacht, das Weibchen locken. Wirkt auch das
bunte Kleid des Männchens auf manches junge Mädchen
in der Vogelwelt ähnlich, wie der „bunte Rock a auf man-
ches junge Menschenmädchenherz, so sehen wir doch,
daß in erster Linie das durch den Gesang aus weiter
Ferne angelockte Weibchen dem Männchen zufliegt, wel-
ches nach seiner Empfindung die schönsten Liebestöne und
Liebeslieder erschallen läßt.
Auch die Anreizung durch den Geruch spielt im Tier-
reich eine sehr große Rolle, und zwar überall dort, wo
das Geruchsorgan am feinsten entwickelt ist. Sehr viele
Tiere haben drüsige Organe, deren Absonderung lediglich
die Aufgabe hat, das Weibchen anzulocken, es zu verführen.
Aus unglaublichen Entfernungen wittern die Männchen den
ihnen sympathischen Duft, Insekten nähern sich aus meilen-
weiter Ferne dem Standort des wohlriechenden Weibchens.
Viele Tiere berauschen sich förmlich durch ein immer stär-
keres Beschnüffeln, um schließlich in der Geruchsekstase nur
zu einem einzigen momentanen Liebessprung auszuholen.
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Lehrreiche Anekdote Rabelais'
77
Rabelais*) erzahlt in seiner drastischen Art die Ge-
schichte von Panurg, der sich an einer Dame, die seine
Liebe verschmähte, dadurch rächte, daß er die Genitalor-
gane einer läufigen Hündin zerschnitt, pulverisierte und
dieses Präparat der Geliebten am Fronleichnamsfest un-
merklich in die Falten ihres seidenen Kleides streute. „Alle
Hunde der Stadt, die großen und kleinen, dicken und
mageren, begannen alsbald das Präparat zu wittern" und
kamen bei der Prozession in Scharen zu ihr gelaufen,
knurrten und schnüffelten an ihr herum, schlugen das
Wasser an ihr ab und setzten ihr in erschrecklicher Weise
zu. Rabelais beschließt seine groteske Erzählung mit fol-
genden Worten: „Alle Leute blieben stehen und sahen zu,
wie ihr die Hunde bis an den Hals hinaufkletterten und die
schönen Kleider verdarben, bis ihr zuletzt nichts übrig
blieb, als in ihr Haus zu flüchten. Aber auch da waren
die Hunde noch hinter ihr her, so daß sie sich verstecken
mußte, und die Kammerzofen vor Lachen platzen wollten.
Als sie endlich im Haus drinnen war, und man die Pforte
hinter ihr zugemacht hatte, liefen alle Hunde der Um-
gegend hin und urinierten so gewaltig gegen die Haustür,
daß aus ihrem Harn ein Bach entstand, in dem Enten
hätten schwimmen können. Und das ist derselbige Bach,
der noch jetzt bei St. Victor vorbeifließt, und in dem
Gobelin seinen Scharlach färbt, weil er im Hundeharn am
schönsten wird."
*) Francois Rabelais, dieser einzigartige Satiriker (Mark Twains
Humor erinnert am ehesten an ihn), der von 1495—1553 bald als
Priester, bald als Arzt in Frankreich und Italien lebte, erzählt obige Ge-
schichte unter dem Titel „Wie Panurg der Pariser Dame einen Streich
spielte, der ihr nicht gut bekam" in Gargantua und Pantagruel (in der
Gelbckeschen Übersetzung pag. 265).
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78
Sicherheitsmassregeln der Natur.
Sind die Geruchs- und Schalleindrücke bei den Nasen-
und Ohrentieren, und zu diesen gehören unter den Säuge-
tieren die große Mehrzahl, von dominierender Bedeutung
in der Liebeswahl, so tritt ihre tropistische Wirksamkeit
bei den Menschen als Augentieren weit hinter den
Gesichtswahrnehmungen zurück. Das erkennen wir deutlich
auch darin, daß in der Liebesliteratur die Schilderungen
der Schönheit des geliebten Objekts, die eingehende Be-
schreibung ihrer äußerlich sichtbaren Reize, den größten
Raum einnehmen.
Wie das geliebte Wesen riecht, tönt, schmeckt und
sich anfühlt, wird namentlich in der höheren Dicht-
kunst viel seltener und nebensächlicher erörtert. Immer
wieder wird in staunenerregender Variation und Aus-
führlichkeit das Thema behandelt, das Oscar Wilde in
dem ersten Satz der „Salome" in die Worte des jungen
Syriers zusammenfaßt: „. . . Wie schön ist die Prinzessin
Salome diesen Abend. u Daß nicht nur das weittragendste
Sinnesorgan als Empfangsstelle für distanzielle Sexualein-
drücke funktioniert, überhaupt nicht nur eins, sondern
mehrere, ist eine der Sicherheitsmaßregeln, der wir in der
Natur immer dort begegnen, wo es sich um die Liebe han-
delt. Auch dem Blinden und Tauben sollte nicht das
größte Gut vorenthalten bleiben, welches die Natur zu
vergeben hat.
So sehen wir, daß, wenn das Auge erloschen ist,
andere Sinnesorgane den leeren Platz ausfüllen. Ich führe
die Mitteilungen eines Offiziers an, der in West- Afrika einen
Schuß in die Stirn erhielt, welcher ihm das Seh- und Ge-
ruchsvermögen raubte. Vor seiner Verletzung waren es fast
ausschließlich der Gesichts- und Geruchssinn, durch welche
die Sexualreize sich den Weg in sein Inneres bahnten. Als
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Liebe der Blinden.
79
ihm dann durch die schwere Verwundung die beiden wich-
tigsten Sinneszentren verloren gegangen waren, merkte er
nach und nach, daß, wie er sich selbst mir gegenüber aus-
drückte, „der Strom der Sympathie, welcher früher durch
das Auge geleitet war, auf das Ohr überging." „Das Gehör
war schon ehedem," schreibt er, „sehr fein entwickelt, es
übersah aber oft seine warnende Pflicht, weil das Auge
fortgerissen wurde. Seitdem meine Neigungen durch das
Gehör geleitet werden, glaube ich viel sicherer zu gehen."
Wohllaut des Organs, Aussprache und Satzbildung seien
jetzt das ihn Anziehende. Was weiter aus der Zuneigung
würde, entscheide die Beschaffenheit der Haut, vor allem
die Form der Hand. Eine schmale, weiche Hand, kleine,
dünne Finger wirken abkühlend, während kräftige Hände
mit derberen Fingern die Erregung steigern. Dabeisei
der Typus, zu dem er sich hingezogen
fühle, ganz der gleiche geblieben, und er
wundere sich selbst, wie sein Gehör und Gefühl dieselbe
Art geliebter Menschen herauszufinden wisse, wie früher
sein Gesicht und Geruch.
Victor Cherbuliez sagt einmal: 25 ) „Für den Blind-
geborenen ist die Stimme einer Frau so viel, wie ihre Schön-
heit;" er zitiert dann die schönen Verse eines verüebten
Blinden, welche sich in den „Chants et legendes de
raveugle" par Edgar Q u i 1 b e a u (prof . d'histoire ä Finsti-
tution nationale des jeunes aveugles) finden (Paris 1901):
„£clat vibrant, note touchante,
Son timbre en moi vint se graver;
Elle me plut . . . eile m'enchante!
Tous ses attraits me font röver . . .
»*) „Die Kunst und die Natur", S. 65.
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80
Wirkung der Stimme.
Cette voix que j'adore absenie
Et dont l'echo suit tous mes pas,
Je la voudrais toujours presente,
Car l'echo ne me suffit pas. a,e )
Der Ersatz des Gesichts durch das Gehör stimmt auch
mit dem überein, was Haller anführt: 27 ) „Nicht das
Tasten, sondern das Hören ist die primäre bewußte
Sinneswahrnehmung des Blinden, und somit sind es die
vom Gehör vermittelten Bildungselemente, welche ihre
Wirkungen zuerst auf das Denken und Fühlen des zum
geistigen Leben erwachenden blinden Kindes ausüben.** 28 )
Wie aber, wenn außer der Lichtwelt und der Ge-
ruchswelt auch die Schallwelt um uns herum stumm ist,
wenn kein Fernreiz mehr uns von der Existenz anderer
Menschen Kenntnis gäbe? Dann würde vermutlich, so lange»
26 ) „Schwingender Schmelz, ergreifender Ton!
Auch wenn sie lern von mir, bet' ich sie an, die
Stimme,
Die ihr Gepräge tief in meine Seele grub,
Und deren Liebreiz in mir Träume weckt.
Zuerst gefiel sie nur; jetzt hält ihr Zauber mich gefangen,
Doch stets lebendig wollt' ich sie bei mir;
Ihr Echo folgt all meinen Schritten.
Das Echo nur, es sagt mir noch nicht alles.**
Übersetzt von Renfe Stelter.
27 ) Die Bildungselemente der Blinden. Verhandlungen des VIII.
Blindenlehrer-Kongresses in München, pag. 205.
28 ) Ellis sagt in der „Gatten wähl beim Menschen**, pag. 157:
„Die Stimme ist zweifellos ein höchst wichtiges Moment des sexu-
ellen Reizes beim Blinden. Hinsichtlich dieses Umstandes fehlen
mir indes die Daten. Die Ausdrucksfähigkeit der Stimme der Blin-
den und der Bereich, in welchem ihre Lust- und Unlustgefühle durch
stimmliche Mittel geäussert werden, wurden trefflich von einem
amerikanischen Arzte behandelt, der selbst seit früher Kindheit
blind war: James Cooke, „The voice as an Index to the Soul**.
Arena, Jan. 1894.
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Wechsel der Sinne.
81
noch ein Stückchen unserer Oberhaut Empfindungsnerven
besäße, dieses genügen, um den belebenden Strom der
Liebe hindurch zu lassen, und vermutlich würde auch
dieser letzte Sinn noch die Fähigkeit besitzen, unter den Ob-
jekten eine Auswahl zu treffen.
Es kommt übrigens gar nicht selten vor, daß auch bei
Vollsinnigen ein anderes Sinnesorgan als das Auge an die
erste Attraktionsstelle rückt. So heißt es in
einem kroatischen Volksliede:*»)
„Hab Dich lieb,
Doch nicht, weil Deine Schönheit einem Engel paßt,
Sondern, weil Du als Kroatin
Solche schöne Sprache hast."
In dem Dichtwerk „Durch's Ohr« schildert Wil-
helm Jordan, wie sich ein Weib in die Stimme eines
Mannes verliebt. Es heißt hier (pag. 5):
„Mit des Vergnügens langentbehrter Labe
Erscheint Romantik, die verbannte Fee,
Berührt mein Herz mit ihrem Zauberstabe
Und glüht es reif zum Liebeswonneweh,
In dem ich nun mit meinen Ohren schwimme:
Jawohl, ich bin verhebt in — eineStimme!"
pag. 105:
„Durchs Auge lieben, nichts ist abgeschmackter —
Der Kehlkopf nur verrät uns den Charakter."
pag. 107:
H. „Was meinst Du, Robert, bin ich noch ein Tor?
R. Das Olück der Liebe fandest Du durchs Ohr!"
w ) Übersetzt von Dr. Harmening.
Hirachfeld, Naturgeaetze der Liebe. 6
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82
Gesang als Entblößung.
Lazarus teilt in seinem „Leben der Seele" mit, daß die
talmudische Orthodoxie den gläubigen Juden das Anhören
des weiblichen Gesanges verbietet. Der Grund sei der,
daß der Gesang der Frauen nach Ansicht der Talmudisten
wie eine Entblößung wirkt; der Talmud sähe
darin eine geistige Entblößung und Stimulierung des Ge-
schlechtstriebes. Von unterrichteter Seite wird bestätigt,
daß auch jetzt noch bei galizischen und russischen Juden
dieses Verbot Geltung hat.
In einem mir zur Verfügung gestellten Liebesbrief
findet sich folgende Stelle, die ich zu diesem Punkte noch
anführen möchte: „Wenn ich mir die erste Stunde, in der
ich Dich fand, vergegenwärtige, — weiß ich, daß Ohr und
Auge die gleiche Anziehung nach Dir hin spürten. Doch
nenne ich absichtlich das Ohr zuerst, weil es, ehe ich Dich
erblickte, — Du hieltest eine Rede und es saßen viele Men-
schen zwischen uns — Deine wunderbar klangvolle, dunkel-
weiche und biegsame Stimme war, welche mich — fast
körperlich — durchzuckte — ; mir war, als hätte ich noch
nie solche Töne aus meiner Seele Heimatlande gehört.
Dann erst sah ich Dich, und mein Auge suchte den Mund,
aus welchem jene Glockenklänge kamen!"
Hinsichtlich des Geruchs könnte ich ebenfalls eine
Reihe ähnlicher Fälle anführen, in denen auch beim Men-
schen dieser Sinn die anderen beherrschte. So zeigte mir
einmal eine Dame, die heftig unter sexuellen Abstinenzer-
scheinungen litt, ein kleines Stück Juchtenleder, das sie an
einem Bande befestigt unter ihrer Bluse trug. In starken
Superlativen schilderte sie die Bedeutung, welche der Ge-
ruch dieses Leders für sie besitze. Die erotische Neigung
zu ihrem Manne, der von auffallender Häßlichkeit gewesen
wäre — sie war früh verwitwet — sei ganz von Gerüchen
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Geruchsberauschung.
83
beherrscht gewesen, vor allem von einem „mit Mannsge^
ruch vermischten Tabaks- und Juchtengeruch." Sie be-
rausche sich noch jetzt an den Kleidern ihres Mannes,
denen immer noch ziemlich viel von diesem „süßen Aroma"
anhafte. Es würde für sie eine große Beherrschungskraft
erfordern, einem Manne Widerstand zu leisten, der sich
ihr gegenüber dieses Lockmittels bedienen würde.
E 1 1 i s führt in seinem Werke „Die Gattenwahl beim
Menschen" mehrere psychische Riechtypen an, die für ero-
tische und antierotische Geruchseinwirkungen eine beson-
ders starke Empfänglichkeit besessen hätten. Er rechnet zu
ihnen auch die Schriftsteller, die in ihren Werken dem Ge-
ruchssinn die erste Stelle als sexuellem Attraktionssinn ein-
räumten, wie Baudelaire, Zola, Nietzsche und Gustav
Jäger; er erwähnt, daß in dem Hohen Liede, zweifellos
einem der schönsten Liebesgedichte der Weltliteratur, nicht
weniger als 24 Anspielungen auf Geruchsreize vorkommen;
so singt die Braut: „Mein Geüebter ist mir wie ein Myrten-
zweig, der zwischen meinen Brüsten ruht. Mein Geliebter
gleicht einem Haufen Hennablüten im Garten Engadi, seine
Wangen sind wie ein Balsamlager, wie Ruheplätze süßer
Kräuter." Und der Bräutigam erwidert: „Der Geruch
Deiner Brust ist wie Apfelgeruch."
Von den vielen Zitaten, die der verdienstvolle Forscher
Ellis aus der belletristischen, wissenschaftlichen und folklo-
ristischen Literatur zusammengetragen hat, sei noch eine
der irischen Sagas erwähnt, in der ein Weib von
einer Schar ihm begegnender Männer also singt: 80 )
„Es war, als wenn ich in einem Obstgarten wäre, nach der
w) Ellis, „Oattenwahl", pag. 106, zitiert nach Cuchulain ol
Muirthemne, p. 161.
6*
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84
Geständnis der Liebe.
milden Empfindung, die über mich kam, als der leise Wind
über die Männer hinstrich und ihre Kleider bewegte."
Aber alle diese Fälle stellen doch nur Ausnahmen dar.
Im allgemeinen sind fast alle Sexualforscher, die sich mit
dem Problem der Sexualanziehung beschäftigt haben, einig,
daß dem Sehorgan die erste Stelle gebührt.
Etwas verschiedener Meinung ist man darüber, ob die
zweite Stelle dem Gehör oder dem Geruch zukommt. Es
erscheint mir von vornherein schon deshalb naheliegend,
anzunehmen, daß für den Menschen das Gehör die
zweite Stelle lals Liebesreizempfänger einnimmt,
weil uns das Ohr nicht nur den Klangreiz, den Wohllaut
des Organs übermittelt, sondern auch den Inhalt der
Stimme, der freilich oft genug von einem in die Stimme
Verliebten über dem Wohllaut vernachlässigt, „überhört"
wird. Immerhin haben die Gehörsreize bei dem der
Sprache mächtigen Menschen eine weit höhere Bedeutung
als das in der Tierwelt so hochentwickelte Geruchsorgan,
weil das Wort mehr als alles andere ein
Ausdruck der Persönlichkeit ist und auch
das Geständnis der liebe, die Liebeserklärung, die Sprache!
zum Träger hat.
Wenn manche Autoren, die sich mit „Osphresiologie"
beschäftigten, aus der großen Rolle, welche die Körper-
ausdünstungen in der Tierwelt spielen, folgern, es müsse
für den Menschen ähnlich sein, so ist dies schon des-
halb ein mangelhafter Schluß, weil, wie wir wissen, das
Geruchsvermögen der Menschen an und für sich sehr viel
schwächer entwickelt ist als das Witterungsvermögen der
Tiere. Anatomisch gibt sich dies dadurch kund, daß die
Riech Zentren, die Geruchslappen, im Tiergehirn viel größer
sind als im Menschengehirn, und daß die Lockdrüsen»
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Wettbewerb der Sinne.
85
welche die Riechsubstanzen bilden — es finden sich beim
Menschen noch Reste davon an den glandulae vestibuläres
majores — funktionell bei uns vollkommen verkümmert
sind.
Es scheint fast, als ob die Sinnesorgane der verschie-
denen Lebewesen ursprünglich in einen Liebeswett-
bewerb getreten sind. Der eine Sinn suchte vor dem an-
deren einen Vorsprung zu gewinnen. Je mehr er sich übte
und anstrengte, um so mehr verschärfte er sich, und der
schärfste wurde der erotisch reizbarste, und wiederum der
erotischste der schärfste; bei manchem errang das Auge,
bei anderen das Ohr, bei wieder anderen die Nase das Ziel,
und so kann man nach diesem Gesichtspunkt die Lebewesen
einteilen in die visuellen, die auditiven und die olfakto-
rischen. Der Mensch ist zweifellos ein visuelles
Lebe - und Liebeswesen. Im allgemeinen ver-
tieft die Stimme nur die Eindrücke oder sie dient als
Reservesinn. Dem Geruch aber kommt beim Menschen mehr
eine hemmende und warnende Rolle zu, er dient mehr der
sexuellen Aversion als sexuellen Attraktion. Damit stimmt
überein, daß viele Personen, die ich befragte, angaben,
daß ihnen auch bei denen, die sie heben, jeder
wahrnehmbare Ausdünstungsgeruch unangenehm sei. Es
gibt aber sicherlich auch hier viele individuelle Ab-
weichungen, wie ja im Liebesleben überhaupt infolge
der enormen persönlichen Färbung jede Regel nur
etwas Durchschnittliches aussagen kann. Wir können
daher auch nicht Männer, denen der „odor di fe-
mina a , wie die Italiener sich ausdrücken, höher steht als
das, was sie vom Objekt ihrer Liebe sehen und hören, an-
gesichts der großen sexuellen Mannigfaltigkeit als ata-
vistische Erscheinungsformen oder mit Degenerations-
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86
zeichen Behaftete ansehen, wie dies gelegentlich behauptet
wurde.
Ist das Gesetz richtig, daß die erotische Attraktions-
fähigkeit eines Sinnesorgans sich zu seiner Feinheit und Diffe-
renziertheit direkt proportional verhält, so würde der Ge-
ruch beim Menschen an dritter Stelle rangieren. Er nimmt
zwischen den Fernreizen (Auge, Ohr) und den Nahreizert
(Haut, Schleimhaut) insofern eine Mittelstellung ein, als es
nicht reine Lufterschütterungen sind, welche die Nerven-
endigungen treffen, sondern corpusculäre Elemente, unend-
lich feine Teilchen von ungemein geringem spezifischen Ge-
wicht, wie sie die Nasenschleimhaut berühren. Aus dieser
ihrer substantielleren Beschaffenheit begreift sich, daß bei
vielen Völkern, namentlich Mittelasiens, statt des Lippenkusses
und Zungenkusses ein Riech- oder Nasenkuß vorkommt,
während den rein distanziellen Reizempfängern (Auge,
Ohr) ein dem Kusse analoges Reiz- und Lustmittel nicht
bekannt ist.
Daß die von einem Menschen ausgehenden Dünste in
früheren Zeiten für Sympathien und Antipathien bedeutungs-
voller waren als gegenwärtig, scheinen noch jetzt viel-
gebrauchte Redewendungen anzudeuten, wie: „sich im
Dunstkreise eines Menschen wohlfühlen", „in gutem
Geruch stehen", „man könne jemanden nicht riechen". Daß
aber die unlustbetonten Riecheindrücke für sexuelle Kontra-
instinkte eine ungleich größere Rolle spielen als lustbetonte
für die Anziehung, bestätigt meines Erachtens auch der
Satz: bene olet quod non olet (angenehm riecht, was über-
haupt nicht riecht). Gustav Jäger und mehrere seiner
Schüler haben diese Sentenz dahin aufgefaßt, „daß eine po-
sitive Chemotaxis im Sexualleben auch in solchen Fällen
vorliegen könnte, wo sie nicht zum Bewußtsein gekommen
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Nasale Geschlechtspunkte.
87
ist*, zumal ja, wie sie hinzufügen, die vergleichende Phy-
siologie lehrt, daß bei gewissen Insekten der erotische Che-
motropismus von geradezu unfaßbar geringen Mengen
spezifischer Stoffe? ausgelöst werden kann. In Wirklich-
keit dürfte es einfach so liegen, daß die unangenehm
empfundenen Gerüche nur scheinbar leichter die Bewußt-
seinsschwelle überschreiten, als die angenehmen: die
letzteren riechen an sich nicht weniger
stark, aber die negative Unlustbetonung der Gerüche
ist im allgemeinen stärker als ihre positive
Ltstbetonung.
Auch darin nähert sich der olfaktorische Sinn dem
taktilen, als es in der Nasenschleimhaut bestimmte Par-
tien gibt, die für die Sexualreizung eine besonders hohe
Empfindlichkeit besitzen. Hauptsächlich liegen diese Ge-
nitalstellen an der unteren Nasenmuschel. Aus den Be-
obachtungen von Fließ, Schiff und anderen geht hervor,
daß bestimmte Geschlechtspunkte in den Schwellkörpern
der Nase mit Vorgängen der Sexualsphäre in Wechselbe-
ziehungen stehen. Mögen die von den Autoren gezogenen
Schlüsse, namentlich hinsichtlich einer nasalen Behandlung
sexueller Leiden, auch zu weit gezogen sein, so weisen
die Grundlagen ihrer Anschauungen doch mit großer
Wahrscheinlichkeit darauf hin, daß in der Nasenschleim-
haut erogene Zonen vorhanden sind, wie wir sie in der
Hautsinnessphäre seit langem kennen.
Ob nicht auch Auge und Ohr solche erogenen Zonen
besitzen? Möglich ist es, nach Analogien sogar wahr-
scheinlich, doch fehlen uns vorläufig die Mittel und Wege,
diese Vermutungen durch direkte Beobachtungen zu stützen*
Das Vorhandensein erogener Zonen in den Sinnesorganen
legt den Gedanken nahe, ob nicht die besondere Empfin-
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88
Erogene Zonen
dungsqualität, welche die Uebesempfindung von anderen
Empfindungen unterscheidet, an bestimmte, in den Sinnes-
organen vorhandene, nach dem Prinzip des Abgestimmt-
seins konstruierte Sexualendkörperchen gebun-
den ist.
Wenn heute die bedeutendsten Psychologen mit von
Frey 81 ) sich für die Existenz eines besonderen Schmerz-
sinns, der durch Schmerzpunkte charakterisiert ist, ausge-
sprochen haben, so erscheint es nach allem, was wir von
der Spezifiziertheit der Sinneseindrücke kennen gelernt
haben, durchaus nicht unwahrscheinlich, daß auch für die
geschlechtliche Empfindung besondere Empfangsstationen,
Sexualzellen mit Substanzen von eigenartiger Empfänglich-
keit und Empfindlichkeit, innerhalb der verschiedenen
Sinnesorgane vorhanden sind.
Innerhalb der Haut treten uns erogene Zonen (der
Ausdruck „zones erogenes" findet sich zum erstenmal bei
den Franzosen), hauptsächlich an a c h t Stellen entgegen.
Es sind die vier mit Haaren und die vier
mit Schleimhaut bekleideten Partien der Körper-
oberfläche, welche für das Subjekt besonders reizbar
sind und zugleich auch an dem Objekt vielfach als
besonders erregend empfunden werden. Die vier Haar-
stellen sind die behaarte Kopfhaut, die Gegend der
Bart-, Achsel- und Schamhaare. Nach Ansicht einiger
Autoren stellen sie nicht nur für den Gesichts-, son-
dern auch für den Geruchssinn wesentliche Sexualreize
dar. 82 ) Ganz ähnlich verhalten sich die vier Stellen der
81 ) v. Frey, Beiträge zur Physiologie des Schmerzsinnes, Be-
richt d. mathematisch-physikal. Klasse der sächs. Akademie. Leip-
zig, Dezember 1894.
3S ) So sagt Wilhelm Bölsche im III. Bande seines Liebes-
lebens in der Natur auf S. 72: „Hier will mir nun die Vermutung
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Sexuelle Erregungsstellen.
89
Körperoberflache, die sich von ihrer Umgebung durch eine
zartere, dünnere Oberhaut abheben, die nach ihrer ganzen 1
Beschaffenheit in der Mitte zwischen der gewöhnlichen
Epidermis und der die inneren Kanäle auskleidenden
Schleimhaut steht (regio labialis, mammillaris, genitalis und
analis). Außer diesen acht Punkten finden sich noch sexu-
elle Erregungsstellen dort, wo die Oberhaut besonders prall
gespannt ist und ohne viel Unterhautfettgewebe den Muskeln
und Knochen aufliegt. Bei den Menschen sind derartige
Reizstellen die Handteller, die Fußsohlen, die Fingerspitzen,
die Zehenspitzen, Kniee und Ellenbogen.
Weitere erogene Zonen sind bei vielen die innere Seite
des Oberschenkels, die Nackengegend, die Ohrmuschel und
Ohrläppchen. Auch hier gibt es wiederum ganz individu-
elle Besonderheiten, welche anatomisch vermutlich durch
eine stärkere Anhäufung sexueller Nervenendkörperchen an
gewissen Stellen charakterisiert sind. Um einige hierher
gehörige Seltenheiten anzuführen, erwähne ich den Fall
eines Mannes, der angab, daß er durch Zwicken des
äußeren Augenwinkels, eines anderen, der durch Einführen
des Fingers in die äußere Öffnung des Gehörganges ero-
tische Lustgefühle vermittelt erhielt. Beide erregten diese
Partien künstlich zu masturbatorischen Zwecken.
Bei den Hautreizen tritt der Charakter der Liebe als
Treppenreflex besonders deutlich zu Tage. Vom ersten
nicht aus dem Sinn, es möchte in unseren menschlichen Achsel-
und Schamhaaren eine verwandte uralte Beziehung stecken zu ero-
tisch wirksamen Düften. Wenn diese Haare nun erhalten geblieben
oder gar nachträglich wiederhergestellt worden wären, weil sie
ganz ähnlich wie die Duftzäpfchen der Schmetterlinge lange Zeit
hindurch noch als Zerstreuer und Zerstäuber gewisser Lockgerüche
der Liebe9zeit dienen mußten? — Mindestens vom Geruch der
Achselgegend ist noch heute kein Zweifel, daß er eine gewisse ero-
tische Wirkung ausübt. Vor allem der des Mannes auf das Weib."
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90
Kontaktreflexe.
leisen Streicheln bis zur stärksten Liebsumarmung folgen
sich nicht selten in fast ununterbrochener Reihenfolge Be-
rührungsreiz und Berührungslust, lawinenartig sich stei-
gernd. Die Reflexbogen gehen schließlich oft so momentan
von dem sensoriellen Anstieg auf den motorischen Abstieg
über, daß es fast unmöglich wird, die zentripetale von der
zentrifugalen Phase zu trennen. Trotzdem ist beim Men-
schen noch in ziemlich weit vorgeschrittenem Stadium der
Kontaktreflexe eine Abstellung durch Hemmungsmechanis-
men möglich. Bis wie lange, ist freilich im Einzelfalle
schwer zu entscheiden, da wir weder für die Starke des
Antriebes noch für die Starke der Hemmungen Meßinstru-
mente besitzen.
Als Sachverständiger vor Gericht wird man nicht
selten gefragt, ob in einem konkreten Falle der Geschlechts-
trieb beherrschbar war ( § 51 RStrGB.). Ich habe mich in
solchen Fällen wiederholt auseinanderzusetzen bemüht,
daß, als der Angeklagte sich mit seinem Sexualobjekt ein-
ließ, möglicherweise nur der Wunsch bestand, sich durch
ein einfaches Zusammensein eine leichtere Lustempfindung
für Auge und Ohr zu verschaffen, ohne daß die Absicht
einer strafbaren Handlung, der Dolus, vorlag, welchen
Staatsanwälte und Richter meist schon in der bloßen An-
näherung erblicken. Erst während des Zusammenseins stei-
gerte sich die Erregung nach und nach, bis dann plötzlich
ein Moment kam, in dem der Betreffende unwillkürlich, ohne
dann mehr nach den Konsequenzen seiner Handlung zu
fragen, also unter Ausschluß seiner freien Willensbestim-
mung die Tat begangen hätte, die ursprünglich nicht in
seinem Plane lag, über deren Tragweite er sich aber
schließlich nicht mehr völlig klar war.
Die durch den Hautsinn hervorgerufenen Lustempfin-
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Sexueller Automatismus.
91
düngen, welche wesentlich leichter als die Fernreize vaso-
motorische Veränderungen im Körper auslösen, bilden ge-
wöhnlich die Stufen des Treppenreflexes, an denen die Be-
herrschungskraft und Widerstandsfähigkeit der immer
stärker nach Entspannung drängenden Triebe am ehesten
nachläßt. Wenn irgend, so heißt es hier: „principiis obsta"
und „respice finem". Besteht eine heftige erotische An-
ziehung, so können schon ganz leichte Hautberührungen
starke sexuelle Affluxe bewirken. Man hat nicht mit Un-
recht diese nach Steigerung drängenden Liebkosungen mit
einer Katze verglichen, mit der man anfangs tändelnd spielt
und die sich unter den Händen allmählich in einen Tiger
verwandelt, zu dessen Spielball der Spielende wird.
Um hier ein Beispiel anzuführen, so berichtete mir ein
Mediziner von 25 Jahren: „Er sei einem Mädchen be-
gegnet, das ihn sexuell sehr angezogen habe, und sei mit
ihm in seine Wohnung gegangen; dort habe er verdächtige
Flecke auf ihrem Körper bemerkt, die er als syphilitische
angesprochen habe. Er hätte sich daher von dem intimeren»
Verkehr zurückgehalten, habe nur mit dem Mädchen ge-
spielt und gescherzt, sei aber nach einigen Stunden dieses
Kosens so erregt worden, daß er, trotzdem er die An-
steckungsgefahr noch genau übersah, dennoch den Koitus
vollzog, durch den er sich tatsächlich infizierte." Ähnliche
Fälle, in denen Männer mit Frauen verkehren, die ihnen
als gonorrhoisch oder luetisch bekannt sind, sind nicht gar
so selten.
Gegen das Ende des Treppenreflexes ist bei fast allen
Lebewesen — den Menschen eingeschlossen — ein Stadium
unverkennbar, in dem der Reflexmechanismus fast automa-
tisch arbeitet. Ein extremes Beispiel „kopfloser** Sexualent-
spannung gibt der französische Naturforscher Poiret. Ein
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licdg tjcscn iccnisioscr Lcdcwcscu*
Insektenmännchen springt mit zärtlichem Ungestüm auf ein
Weibchen. Dieses wehrt den Begehrlichen energisch ab,
indem es mit einem jähen Schlage seiner Greifzange, die
wie eine kleine Sense aussieht, dem sie überfallenden In-
sekt den Kopf vom Rumpf abtrennt. Diese energische Ab-
wehr hindert aber den enthaupteten Liebhaber nicht, das
Weibchen fest umschlungen zu halten; sein abgetrennter
Leib vollendet allein in elementarer Leidenschaft den Liebes-«
akt, als wäre ihm überhaupt nichts geschehen. Und das
Weibchen schwelgt in der Umarmung des sich der Liebe
opfernden Männchens, um, wenn die Beseligung vorüber,
in größter Gemütsruhe den abfallenden Leichnam des von
ihm getöteten Liebesspenders zu verzehren.
Es wird vielfach angenommen, daß die Sexualität
dieser niederen Organismen lediglich auf Kontaktliebe be-
ruhe, daß nicht der taktilen Beeinflussung eine distanzielle
Reizung vorangehe. Nachdem wir aber durch die Experi-
mente Löb's und seiner Schule erfahren haben, daß geringe
chemische Zusätze zum Seewasser ausreichen, die Entwick-
lung weiblicher Seeigelkeimzellen genau so anzufachen, als
ob ein männlicher Keimpartner in Wirksamkeit getreten sei,
haben wir keinen Grund, in Zweifel zu ziehen, daß nicht
auch schon auf einer Entwicklungsstufe, in der die indiffe-
renzierte Haut einen einheitlichen Primitivsinn bildet, der
sexuellen Vereinigung Fernwirkungen, höchstwahrschein-
lich chemischer Natur, vorausgehen, die bereits eine indivi-
duelle Einwirkung und Auslese ermöglichen.
Dies kann selbst dort angenommen werden, wo eine
Geschlechtstrennung noch nicht besteht, sich also nicht
Männchen und Weibchen, sondern geschlechtslose Indivi-
duen durch sogenannte Konjugation zur Schaffung neuer
Wesen paaren.
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Voraussetzungen taktiler Reizbarkeit.
93
Nicht ohne Grund hat man den Hautsinn als den
„unter den Sinnen am wenigsten intellektuellen, ästhetisch
unbedeutendsten" bezeichnet. Zweifellos sind auch bei
höheren Lebewesen Tasteindrücke bei weitem nicht so in-
dividuell verschieden geartet, bleiben auch in der Vor-
stellung und in der Erinnerung nicht so spezialisiert haften,
wie die durch Auge, Ohr oder Geruch vermittelten Reize.
Immerhin fühlt sich auch die Haut nach Geschlecht,
Alter und Individuum verschieden an, und die Erfahrung
zeigt, daß nicht selten auf die Beschaffenheit der Haut, ob
sie sich beispielsweise weich oder straff, zart oder rauh
anfühlt, als auf einen erotisch oder antierotisch be-
deutsamen Faktor großes Gewicht gelegt wird. Doch läßt
sich die Tatsache nicht verkennen, daß auch von einer nicht
als sympathisch empfundenen Haut, zum mindesten von der
Haut eines nicht sympathischen Menschen gelegentlich eine
sexuelle Erregung ausgehen kann. Im allgemeinen hat aber
bei den Menschen die taktile Erregungsmöglichkeit die
distanzielle Reizung zur Vorausset-
zung. Es ist dies gerade ein Hauptunterschied zwischen
erotischer und nicht erotischer Anziehung, daß eine Be-
rührung von Personen, deren Eigenschaften den Sinnes*
organen und der Vorstellung gleichgültig oder gar un-
angenehm sind, auch dem Hautsinn gleichgültig oder un-
angenehm isi
Gerade die oft schwer zu definierende, stets aber doch
deutlich wahrzunehmende Art der Empfindung während
der Berührung ist dafür entscheidend, ob eine Erregung
sexueller oder unerotischer Natur ist. Ist ersteres der Fall,
so können schon ganz leichte Berührungen, etwa der Fuß-
oder Fingerspitzen, der Kniee oder Ellenbogen, das eigen -
artige Lustgefühl wachrufen, das bei unsympathischen alsun-
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94 Attraktionsskala.
angenehm, bei neutralen als neutral wahrgenommen wird,
d. h. als belanglos überhaupt nicht ins Bewußtsein dringt.
Wenn Chamfort einmal die Liebe definiert als
„Pechange de deux fantaisies et le contact de deux epider-
mis a oder Dante im Purgatorio meint, daß das Sehen
und Fühlen die beiden Kanäle seien, durch welche die Liebe
ziehe, so muß daran festgehalten werden, daß es sich hier
nicht um koordinierte, sondern subordinierte Vorgänge
handelt, indem das Fühlen zu dem Sehen nicht nur im
zeitlich äußerlichen, sondern im innerlich ursächlichen Ver-
hältnis steht.
Das Gesagte nochmals kurz zusammenfassend, sehen
wir also in der Liebe des Menschen mit relativ großer Ge-
setzmäßigkeit einander folgen, die:
I. Fern- oderlp .
II. distanzielle /
Reize. III. Mittelreize.
IV. Nah- oder
} R eize.
I. visuellen, Seh-
II. auditiven, Hör-
III. olfaktorischen, Riech-
IV. gustatorischen, Schmeck
V. taktilen, Tast- J V. proximale
Das eigentlich genitale Stadium stellt bis zu der
sekretorischen Entspannung, welche der or-
gastischen End-Spannung unmittelbar folgt, nur
eine Steigerung durch Summation und Konzentration
der taktilen Reize dar, ohne Hinzutreten neuer Sinnes-
eindrücke. Die visuellen (Seh-), auditiven (Hör-) Reize
kann man als distanzielle (Fernreize), die taktilen und
gustatorischen Reize (Gefühls- und Geschmacksreize) als
proximale (Nahreize) zusammenfassen. Die Riechreize
stehen in der Mitte zwischen Fern- und Nahreizen. Die
distanziellen Reize sind zumeist die eigentlichen Lock-
reize, die anderen sind Verstärkungsreize.
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Lock- und Verstärkungsreize
95
Die attraktive Bedeutung eines Sin-
nesorgans verhält sich zu der Entfer-
nung, die zur Wahrnehmung der Reiz-
objekte notwendig ist, direkt propor-
tional. So reicht das Auge als hauptsachlichstes
Organ der Reizbarkeit am weitesten, die menschliche
Stimme, die dem Gehörsorgan weniger weit wahrnehmbar
ist, steht als sexuelles Erregungsmittel an zweiter Stelle.
Es folgen der Geruch, für dessen Erregung im allgemeinen
eine noch größere Nähe des reizenden Objektes
erforderlich ist, und schließlich der Geschmacks- und
Hautsinn, welche den unmittelbarsten Kontakt bean-
spruchen.
Endlich ist noch zu bemerken, daß wir dieselbe Reihen-
folge, in der die sexuellen Reize für den Menschen wirksam
sind, hinsichtlich des Grades der Feinheit des Mediums
finden, durch welches die Objekte auf uns wirken. Die
Lichtschwingungen sind auf den Äther als feinsten Stoff
angewiesen. Die Schallschwingungen bedürfen schon des
festeren Aggregatszustandes wägbarer Luft. Die Duft-
schwingungen hängen von verteilten Stoffteilchen ab, die
Schmeckschwingungen von in flüssigem Medium gelösten
Molekülen, die Tastwellen endlich brauchen einen festen
Aggregatszustand.
Man wird hier einwenden, daß es doch nicht allein
die körperlichen Ausstrahlungen sind, die unsere Liebe er-
wecken, sondern daß es in sehr vielen Fällen geistige und
seelische Charaktereigenschaften, wie Kraft, Frische, Mut,
geistige Bedeutung, Ruhm, Milde, Treue, Hingabe, Scham-
haftigkeit sind, die uns eine Person so überaus lieb und
teuer machen. Schiller sagt an einer Stelle der „Braut
von Messina":
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96 Körperliche Vermittlung seelischer Eigenschaften.
„Nicht ihres Lächelns holder Zauber war's,
Die Reize nicht, die auf der Wange schweben,
Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt —
Es war ihr tiefstes und geheimstes
Leben,
Was mich ergriff mit heiliger Gewalt",
und ähnliche Angaben finden sich in der schöngeistigen
Liebesliteratur, sowie in fachwissenschaftlichen Typenschil-
derungen häufig vor; von letzteren ein Beispiel. Ein Mann
in den mittleren Jahren schreibt: „Ich liebe an dem Weibe
ein lebhaftes Temperament, offenen Charakter, hingebendes
und doch selbstbewußtes Wesen und Interesse für Kultur-
fragen. Das hausbackene Weib, selbst mit äußeren Vor-
zügen ausgestattet, vermag keinen nachhaltigen Eindruck
auf mich zu machen. Bezüglich der äußeren Reize liebe
ich ein durchgeistigtes Auge, welches Gemüt und Lebens-
freude, vielleicht auch etwas Übermut wiederspiegelt. Alles
in allem kann ich sagen, es muß Harmonie und Liebreiz
auf dem Wesen lagern, zu dem ich mich besonders hinge-
zogen fühlen soll."
Wir dürfen bei der sexuellen Anziehung durch anschei-
nend rein seelische Eigenschaften nicht übersehen, daß
alles Geistige uns erst durch den körper-
lichen Eindruck vermittelt wird. So teilt sich
uns Energie, Mut und Kraft eines Menschen erst durch
Leistungen mit, von denen unser Ohr hört, unser Auge
sieht oder liest; Treue und Hingabe einer Person lernen
wir erst dadurch kennen, daß wir direkt wahrnehmen oder
indirekt erfahren, wie der Betreffende an einer anderen Per-
son, einer Sache oder Idee hängt. „. . . Es besitzt etwas
eigentümlich Reizvolles für die meisten Frauen", sagt G e-
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Die Sexualobjekte.
97
orge Elliot in „The Millonthe Floss", „wenn ihnen der
Arm angeboten wird: physisch brauchen sie in dem Augen-
blicke keine Hilfe; aber das Gefühl, daß ihnen geholfen
wird — die Verfügung über eine Kraft, die nicht die ihre
und doch ihnen zu Dienst ist — befriedigt ein fortwährend
vorhandenes ideelles Bedürfnis. . , a,s ) Wir werden später,
wenn von den zentralen Assoziationen die Rede ist, noch
eingehend darauf zurückkommen müssen, daß wir in allem
Körperlichen höchstwahrscheinlich durch die Gedanken,
die wir mit den Eindrücken verknüpfen, nur den Ausdruck
von etwas uns Adäquatem, Seelischem lieben; hier
sei zunächst nur betont, daß, wenn wir an einem Wesen
nur geistige Eigenschaften lieben oder zu lieben meinen,
wir deren innere Eigenart nur durch ihr äußeres Wesen
und Benehmen wissen können.
Ehe wir uns aber der zerebralen Verarbeitung der
Sexualreize zuwenden, wollen wir noch einige Betrach-
tungen den Sexual Objekten selbst widmen, von denen
sich diese Reize auf die Sinnesorgane des Subjekte als sexuell,
erregsam fortpflanzen. Da geht es uns dgentümlich: Zu»
nächst kommt uns die Fülle und Mannigfaltigkeit der an-
ziehenden Sexualobjekte so endlos groß vor, daß die Auf-
gabe, in diese Riesenanzahl von Einzeltatsachen Ordnung
zu bringen oder gar ein einheitliches Prinzip aufzufinden
— die Gemeinsamkeit des Verschiedenen und die Verschie-
denheit des Gemeinsamen — unlösbar erscheint. Dann aber
erkennen wir eines Tages, daß gerade diese Unbegrenztheit
reizbarer Eindrücke die Lösung des Problems wesentlich
vereinfacht, so daß es sich fast erübrigt, in eine nähere Schil-
derung der Sexualobjekte überhaupt einzutreten. Es
M ) E 1 1 i s : Die Gattenwahl beim Menschen, p. 236.
Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe.
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98
Der Primärreiz
stellt sich nämlich heraus, daß es nichts
an einem Menschen gibt, keinen Teil und
keine Eigenschaft, von der nicht die
Se x u a 1 r e i z u n g ihren Ausgang nehmen
könnte. Was denkbar ist, kommt auch tatsächlich vor.
Auch hier erinnern wir uns Goethes: „Was ist das
Allgemeine?" sagt er. — „Der besondere Fall. Was ist
das Einzelne? — Millionen Fälle."
Die wichtigste Tatsache aber, welche eine sorgsame
Prüfung ergibt, ist die, daß es nie die g a n z e Persönlich-
keit ist, von der die Erregung ausgeht, sondern daß in
allen Fällen diejenigen Eindrücke, welche auf die Sinnes-
organe einwirken und Gefallen erregen, nur ein Teil,
eine oder einige wenige Eigenschaften der anziehenden Per-
sönlichkeit sind. An diesen Primärreiz schließt sich dann
erst der Eindruck weiterer Attribute an, die entweder den
ersten Eindruck verstärken und vertiefen oder abschwächen
oder unverändert lassen. Nehmen wir ein Beispiel: Jemand
ist gefesselt durch den schönen — schön immer nur im
Geiste des Beschauers — Teint, Mund, Gang einer ihm
begegnenden Person. Die Art ihrer Sprache und der In-
halt der Rede erhöhen den angenehmen Eindruck; unsym-
pathische Eigenschaften, wie häßliche Hände und Füße —
häßlich natürlich auch nur im Sinne des Beschauers —
tun der Neigung nur wenig, Abbruch, während gleichgültige
Dinge, wie die Kleidung oder Haarfarbe, die Empfindung
weder positiv noch negativ verändern.
Jedes Wesen setzt sich ja aus einzelnen Eigenschaften
zusammen, und es ist unschwer nachzuweisen, daß die Vor-
liebe für einen bestimmten Typus stets in dem Lustgefühl
an einzelnen körperlichen und geistigen Eigenschaften,
beruht, von denen einige eine schwächere, andere eine stär-
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Partielle Attraktion.
99
kere Anziehungskraft besitzen. Von der Summe der Ein-
zelattraktionen hängt die Starke der Liebe ab.
Oft freilich kann ein bestimmter Teil so ganz besonders
sexuelles Gefallen erwecken, daß daneben alle anderen
Eigentümlichkeiten nur eine untergeordnete Beachtung fin-
den. Je stärker ein Teil einer Persönlichkeit reizt, um so
mehr verblassen die übrigen. So ist beispielsweise bei
manchen die Vorliebe für einen bestimmten Gang so stark,
daß alles andere, Alter, Figur, übriges Aussehen dagegen
zurücktritt. Würde sich ein Dritter nur an die Physiogno-
mien der von einem „Brustfeüschisten" geliebten Personen
halten, er könnte über die Verschiedenheit ihrer Gesichts-
züge leicht in Erstaunen geraten.
Umgekehrt kann auch eine bestimmte Eigentümlichkeit
ein so hochgradiges Unlustgefühl hervorrufen, daß daraus
gegen eine im übrigen anziehende Person ein sexueller
Widerwille resultiert, der zu psychischer Impotenz führt.
Ich führe aus einer Zusammenstellung, die im „Neurolo-
gischen Centraiblatt" 34 ) unter dem Titel „Über Horror sexu-
alis partialis (sexuelle Teilaversion, antifetischistische
Zwangsvorstellungen, Fetischhaß)*, von mir veröffentlicht
wurde, zwei Beobachtungen an:
Einer der Fälle betrifft einen ärztlichen Kollegen. Er
ist 35 Jahre alt, verheiratet, vollkommen heterosexuell, stark
libidinös. Seine Abneigung bezieht sich auf die weiblichen
Brüste. Sie ist so stark, daß Ausdrücke wie „Busen",
„Brust", „Mammae" u. ähnl. ihm das größte Unbehagen
bereiten. Es koste ihm eine große Überwindung, das
*«) „Neurologisches Centraiblatt", Obersicht der Leistungen
auf dem Gebiete der Anatomie, Physiologie, Pathologie und The-
rapie des Nervensystems einschließlich der Geisteskrankheiten. 1911.
Nr. 10. Red.: Dr. Kurt Mendel. — Leipzig,
1*
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100
Partielle Aversion.
Wort „Brust" auszusprechen; er suche es nach Möglichkeit
zu vermeiden. Seine Frau singe häufig die schöne Kompo-
sition des Heineschen Gedichtes: „Wenn ich in Deine Augen
seh". Vor der Stelle dieses Liedes:
„Wenn ich mich lehn* an Deine Brust,
Kommts über mich wie Himmelslust,"
spüre er ein Bangen und Zittern, er schäme sich in die
Seele seiner Frau, die übrigens seine Aversion nicht kenne,
und atme erleichtert auf, wenn der ominöse Passus vor-
über sei. Die Vorstellung eines aus der Milchdrüse her-
ausfließenden Milchtropfens, nicht nur der Anblick, son-
dern auch der Gedanke daran verursache ihm Brechreiz.
Der Anblick einer dekolletierten Dame, einer stillenden
Mutter, einer starkbusigen Frau, Bilder wie die Tizian-
sche Venus erregten ihm Übelkeit. Auslagen von Korsettge-
schäften erschienen ihm als Gipfel der Indezenz. In seinem
Beruf als Arzt habe ihm diese unüberwindliche Aversion
wiederholt Schwierigkeiten bereitet. So könne er Perkussion
und Auskultation weiblicher Brustorgane nur vom Rücken
aus vornehmen: eine Frau, die ihn wegen eines karzinoma-
tösen Knötchens in der Mamma konsultierte, vermochte er
nicht zu palpieren; er überwies sie ununtersucht einem
Spezialarzt. Um des Anblicks des ihm verhaßten Körper-
teils in der Praxis weniger teilhaftig zu werden, wurde er
Kinderarzt. Eine Erklärung für seine ihm unerklärliche und
peinliche Antipathie weiß er nicht anzugeben. Daß sie
durch eine Gelegenheitsursache, einen „choc fortuit", ent-
standen sein könne, hält er für ausgeschlossen; er habe
sich eingehend daraufhin geprüft, aber nichts zu entdecken
vermocht, worauf seine Antipathie zurückzuführen wäre.
Eine den besseren Ständen angehörige Dame, etwa
40 Jahre alt, erklärte ihrem Gatten, sie müßte sich von ihm
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Fälle von Fetischhass.
101
scheiden lassen, wenn er sein Vorhaben, sich einen Voll-
bart wachsen zu lassen, ausführen würde. Die Patientin
ist ausschließlich heterosexuell, fühlt sich zu Männern, die
ihrem Geschmack entsprechen, stark hingezogen, liebt seit
mehreren Jahren einen Mann sehr, hat dagegen, solange
sie zurückdenken kann, einen förmlichen Haß gegen Voll-
barte. „Schon als ganz junges Ding," schreibt sie, „habe
ich mich dagegen empört, wenn ich Zeitungsanzeigen las,
in denen vom Bart als „höherer Zierde" oder „Stolz eines
Mannes" die Rede war, oder wenn Bartwuchsmittel ange-
priesen wurden. Ich kann nicht ausdrücken, wie greulich
mir so ein wallender oder auch gestutzter dunkler oder
heller Vollbart ist. Ich gebe ja zu — fährt sie fort —
daß Kragen und Chemisettewäsche damit gespart, selbst
minderwertige Schlipse darunter aufgetragen werden
können; das kann doch aber für den Geschmack nicht
maßgebend sein. Nie und nimmer könnte ich für einen
Vollbartträger in Liebe entbrennen. Ist nicht das Genie,
wenn auch oft mit starkem Haarwuchs, doch meist glatt
rasiert? Cäsar, Napoleon, Luther, die Humboldts, Goethe
und Schiller, Moltke und Mommsen und noch viele an-
dere Geistesheroen trugen keinen Vollbart. Hat man ihn
den katholischen Geistlichen nicht ganz untersagt, damit
sie ein gewisses seelisches Übergewicht besser zum Aus-
druck bringen können? Ich meine — und dies soll wahr-
haftig nicht frivol klingen — selbst ein Christuskopf am
Kreuz müsse ergreifender und rührender erscheinen, wenn
die weh und schmerzlich verzogenen Lippen nicht ein Voll-
bart bedeckte. Für mich ist der Vollbart ein Abzeichen von
Brutalität und Gewaltmenschentum; ich liebe nur die feine,
stolze Männlichkeit, deshalb ist mir ein Vollbart im aller-
höchsten Grade ekelhaft."
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102
Der Bari.
Man beachte wohl, daß sich in diesen beiden Fällen
bei völlig heterosexuellen Personen der Fetischhaß auf se-
kundäre Geschlechtscharaktere wie die Brüste des Weibes
und den Bart des Mannes erstreckt, die im allgemeinen als
besonders typische und anziehende Geschlechtszeichen an-
gesehen werden. 35 )
Für den Liebenden selbst verbirgt sich nicht selten
sowohl das, was ihn fesselt, als auch das, was ihn abstößt,
in der Tiefe des Unbewußten, zumal ja nicht nur im Seh-
organ, sondern in allen Sinnesorganen Empfangsstationen
für sexuelle Reize gelegen sind. Die Erkenntnis der an-
ziehenden Reize ist darum so schwierig, weil es sich oft um
ganz außerordentlich kleine Besonderheiten handelt; so kann
es eine bestimmte Art des Lächelns, eine eigentümliche
Kopfhaltung oder Kopfform, eine gewisse Bewegung des
Körpers, eine eigene Gangart, etwa ein schwebender, schie-
bender, schwerfälliger oder elastischer Gang sein, der den
Geschlechtssinn fesselt.
Nichts ist zu geringfügig, ja nichts zu grotesk, zu ab-
surd, zu monströs, als daß es nicht in der Liebe eine Be-
deutung gewinnen könnte. Die sich auf dem Gebiete der
sfi) Bezüglich des Bartes sei übrigens auf eine bemerkenswerte
Stelle in Iwan Bloch's „Sexualleben unserer Zeit 44 verwiesen, wo
es p. 27 heißt: „Schon spielt der Männerbart nicht mehr die
Rolle als sexuelles Anziehungsmittel, die ihm früher zukam. Und
Schopenhauers Behauptung, daß der Bart mit fortschreitender Kul-
tur verschwinden werde, hat etwas Richtiges für sich. Die Rasur
ist ihm das Abzeichen der höheren Zivilisation. Sie ist gewisser-
maßen ein logisches Postulat der natürlichen Entwicklung." Hier-
zu fügt Bloch folgende Anmerkung: „Würde man heute eine Um-
frage bei den Frauen der europäischen und anglo-amerikanischen
Kulturwelt veranstalten, ob bärtige oder bartlose Männer ihrem
Schönheitsideal mehr entsprechen, so würde sicher eine große
Zahl, wenn nicht die Mehrzahl derselben, sich gegen den männ-
lichen Vollbart aussprechen."
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Prinzip der Individualisierung. 103
Teilanziehung darbietende Fülle der Erscheinungen ist in
ihrer Unübersehbarkeit wahrhaft erstaunlich. So wenig es
in der Natur zwei ganz gleiche Individuen gibt — jeder
Mensch ist ein Problem und Phänomen für sich — , so wenig
gibt es zwei Wesen mit gleichem Oeschlechtstrieb. Auch
die kühnste Phantasie kann sich von der endlosen Mannig-
faltigkeit der hier in Betracht kommenden Kleinigkeiten,
Nuancen und Schattierungen keine Vorstellung machen.
Die hohe Bedeutung dieser partiellen Attraktion betonte
schon Krafft-Ebing. Er nannte sie „individuellen Fe-
tischzauber" und hält es in der Einleitung seiner berühmten
„Psychopathia sexualis" für wahrscheinlich, daß sie den
Keim jeder physiologischen Liebe bildet. Sehr bemerkens-
wert für diese Auffassung sind die Worte, mit denen er
den Abschnitt seines Werkes (p. 163) beginnt, welcher die
Oberschrift trägt: „Verbindung der Vorstellung von ein-
zelnen Körperteilen oder Kleidungsstücken des Weibes
mit Wollust-Fetischismus." Dieselben lauten: „Schon in
den Betrachtungen über die Psychologie des normalen
Sexuallebens, welche dieses Werk einleiten, wurde dargetan,
daß noch innerhalb der Breite des Physiologischen die aus-
gesprochene Vorliebe, das besondere konzentrierte Inter-
esse für einen bestimmten Körperteil am Leibe der Personen
des entgegengesetzten Geschlechts, insbesondere für eine be-
stimmte Form dieses Körperteils eine große psychosexu-
elle Bedeutung gewinnen kann. Ja, es kann geradezu diese
besondere Anziehungskraft bestimmter Formen und Eigen-
schaften auf viele, ja die meisten Menschen, als das eigent-
liche Prinzip der Individualisierung in
der Liebe angesehen werden. Diese Vorliebe für einzelne
bestimmte, physische Charaktere an Personen des entgegen-
gesetzten Geschlechts — neben welcher sich auch ebenso
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104
Breite des Physiologischen
eine ausgesprochene Bevorzugung bestimmter psychischer
Charaktere konstatieren läßt — habe ich in Anlehnung an
Binet (Du Fetischisme dans Pamour, Revue philosophique
1887) und Lombroso (Einleitung der italienischen Ausgabe
der 2. Auflage dieses Buches) „Fetischismus" genannt . . ."
Ich habe bereits in einer früheren Arbeit auseinander-
gesetzt, daß ich die Bezeichnung „Fetischismus" für eine
so allgemeine Erscheinung sehr wenig glücklich gewählt
halte und vorgeschlagen, sich hierfür des Ausdruckes
„Teilanziehung* oder (wenn man auf eine fremd-
sprachliche Terminologie Wert legt) der Bezeichnung
„partielle Attraktion" zu bedienen.
Auch hier wird es sich empfehlen, wie im Sexualleben
überhaupt, die Grenzen des Physiologischen und Anthro-
pologischen, der Varietäten und Spielarten möglichst
weit zu ziehen. Den Ausdruck „Fetischismus" sollte man
nur für ausgesprochen pathologische Fälle reservieren und
von solchen möglichst nur dann sprechen, wenn eine
Eigentümlichkeit oder ein Gegenstand auch ohne die Per-
son, an der sie haften, geschlechtlich erregend wirken; und
selbst dann wird man noch Einschränkungen machen
müssen. So wird man es kaum Fetischismus nennen
können, wenn Faust zu Mephisto sagt:
„Schaff mir etwas vom Engelsschatz!
Führ mich an ihren Ruheplatz!
Schaff' mir ein Halstuch von ihrer Brust,
Ein Strumpfband meiner Liebeslust!"
Auch hier führen wiederum vom Physiologischen zum
Pathologischen alle erdenklichen Obergänge, etwa von dem
Gefallen an blonden Haaren bis zu ihrer schwärmerischen
Verehrung, vom leidenschaftlichen Versinken in der gol-
Digitized by Googl
Einteilung der Partialreize. 1° 5
denen Haarflut bis zu deren Raub, von dem Manne, der
eine Haarlocke seiner Liebsten im Medaillon trägt bis zu
dem, der die Hotelbediensteten besticht, um des Morgens
aus den Betten derDamen ausgegangene Haare zu sammeln.
Suchen wir nun die Partialreize noch näher einzu-
teilen, so können wir zunächst zwei Gruppen unterschei-
den, je nachdem der Partialreiz ein mit seinem Träger ver-
wachsener oder nur locker, trennbar mit ihm verbundener
Teil ist Die einen können wir als inhärente Par-
ti a 1 r e i z e , die anderen als adhärente bezeichnen.
Die Erfahrung zeigt nämlich, daß keineswegs bloß leib-
liche Stücke oder Funktionen geliebt werden, sondern daß
vielfach auch Dinge als Sexualreize für sich oder als erheb-
liche Liebesverstärkungen empfunden werden, die von den
Menschen gebraucht oder ausgeübt werden.
So sind für das Auge nicht nur der Körper und seine
Bewegung ein Anziehungsmittel, sondern häufig auch Klei«
dungs- und Schmuckgegenstände. Das Ohr liebt nicht nur
die von einem Menschen erzeugten vokalen, sondern auch
von ihm ausgehende instrumentale Töne. So manches Mäd-
chen wurde von Liebe ergriffen, als man ihr eine Serenade
brachte, so mancher Mann durch ein auf dem Klavier ge-
spieltes Lied.
Auch das Geruchsorgan ist nicht nur für die natür-
lichen, sondern auch für künstliche Gerüche (Parfüms)
erotisch empfänglich, und selbst der Hautsinn wird außer
durch den natürlichen Hautkontakt nicht selten durch die
Berührung von Stoffen wie Seide, Leder, Pelz erregt,
ohne daß man solches als krankhaft anzusehen Veran-
lassung hätte.
Völlig verfehlt ist es, zu glauben, daß der nackte Kör-
per oder ein entblößter Körperteil unbedingt erotisch er-
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106
Abstossung des Nackten
regender oder, im Sinne gewisser Sittlichkeitsverfechter
gesprochen, „unsittlicher" wirke als ein bekleideter:
Au! sehr viele Männer und Frauen übt es im Gegenteil
einen abkühlenden Einfluß aus, wenn sich ihr Partner ent-
kleidet. Ein Arzt sagte mir einmal: „Eine Frau, die sich
die Strümpfe auszieht, hat für mich jeden Reiz verloren."
Sehr viele Menschen erregt sexuell am stärksten der ver-
hüllte, sehr viele der unverhüllte und ebensoviele der teils
verhüllte, teils unverhüllte Körper; der Anblick der
Sexualorgane stößtviele direkt ab.
Von den Eiferern gegen das Nackte in der Kunst wer-
den diese wichtigen biologischen Tatsachen meist gänzlich
übersehen. Da die verhältnismäßig stärkste sexuelle An-
ziehung immer noch ein schönes Gesicht ausübt, so
müßten die Sittlichkeitsfanatiker, denen „sexuell erregend*?
gleichbedeutend mit „schamverletzend" ist, — wären sie
naturwissenschaftlich geschult und konsequent — mit dem-
selben Recht, wie sie gegen die Nachbildung des nackten
Körpers eifern, für die Verhüllung des Gesichts, der
Augen, der Haare, der Hände eintreten.
Warum sollen auch ein unbedecktes Gesicht, ein aus-
geschnittener Hals, bloße Hände anständiger sein als nackte
Beine oder andere entblößte Körperteile?
Krafft-Ebing berichtet von einem Schuhfetischisten,
der die Ausstellung von Damenstiefeletten in Schaufenstern
als höchste Unmoralität empfand; mir erzählte ein einem
Keuschheitsverein (der Heilsarmee) angehörender Korsett-
fetischist, daß für ihn die Auslagen der jetzt so zahlreichen
Korsettgeschäfte den Gipfel der Unsittlichkeit und ero-
tischen Erregung darstellten.
In das Kapitel vom Anständigen und Unanständigen
gehört die köstliche Geschichte eines kleinen Mädchens, die
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Rhythmische Reize.
107
Nietzsche 86 ) erzählt. Das Kind fragt seine Mutter: „Ist
es denn wirklich wahr, daß der liebe Gott allgegenwärtig
ist?" „Gewiß, mein Kind," antwortete die Mutter, „Gott
ist überall da, wo du bist". „Das finde ich aber von ihm
recht unanständig," erwiderte unschuldsvoll die Kleine.
Nietzsche fügt hinzu: „Ein Wink für Philosophen!"
Außer in inhärente und adhärente kann man die
Sexualreize einteilen: in ruhende, bewegte
und rhythmische. Lebendige Bewegung und vor
allem ihr Rhythmus pflegen einen Sexualreiz erheblich
zu verstärken. Für das Auge sei als Beispiel der
Tanz genannt, die sich der Tonharmonie anschmie-
gende Körperharmonie. Aber auch schon im gewöhn-
lichen Gang und Marsch, in vielen Spielen und sport-
lichen Übungen wirkt die harmonische Bewegung, deren
Reiz oft noch durch eine der Übung angepaßte Tracht ge-
steigert wird, anziehend. Die sexuelle Bedeutung des
Tanzes ist dadurch besonders groß, daß mehrere Sinnes-
organe gleichzeitig dem rhythmischen Zauber unterliegen:
der Gefühlssinn durch die in wechselseitiger Berührung
stattfindende Bewegung, das Gehör durch die begleitende
Tanzmelodie, der Geruch durch die gesteigerte Haut-
transpiration.
Der rhythmische Reiz für das Gehörorgan Hegt
in allem Metrischen von der Wortdichtung bis zur wort-
losen Musik. „Jede Melodie ist Bewegung,** sagt Helmholtz.
„Graziöse Eile, ernstes Einherschreiten, ruhige Fortbewe-
gung, wildes Stürmen, alle diese verschiedenen Bewegungs-
charaktere und tausend andere können durch die Aufein-
anderfolge von Tönen dargestellt werden. Und da die
*) Nietzsche, Der Fall Wagner u. Nietzsche c/a. Wagner,
pag. 81.
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108
Beschleunigung der Reizfolge.
Musik solche Bewegungen ausdrückt, so drückt sie auch
die psychischen Bedingungen aus, welche natürlicherweise
ähnliche Bewegungen hervorrufen, seien es solche der
Stimme oder des Körpers oder der Denk- und Fühl-
sphäre selbst."
Dem Geruchssinn wohnt ein rhythmischer
Wechsel schon durch den Rhythmus der Atembewegungen
inne. Wir empfinden den Geruch nur, wenn der inspira-
torische Luftstrom an den Riechsinneszellen der Nase vor-
überstreicht. Das besonders unter den Tieren verbreitete
Schnüffeln bewirk^ ebenso wie das Züngeln,
nur eine Beschleunigung der Reizfolge. Für den Ge-
fühlssinn ist der rhythmische Wechsel zwischen Be-
lastung und Entlastung geradezu eine conditio sine qua
non, die auch darin ihren Ausdruck findet, daß das Wort
für Berührung, tactus, dasselbe ist, wie Takt
für die Regelmäßigkeit der Tonfolge.
Im übrigen müßten wir, wenn wir auch nur an-
nähernd dem Sexualpartialismus gerecht werden wollten,
den Körper in alle seine Teile und Teilchen zerlegen. Wir
müßten, ähnlich wie es im „Hohen Liede" geschieht, in
monotoner Aufeinanderfolge ein Stück des Körpers nach
dem anderen namentlich aufzählen: ist doch keines von
Kopf bis zu Fuß, oder noch präziser, vom Scheitel bis zur
Sohle, von dem nicht die Sexualreizung ausgehen kann.
Vorausstellen kann man dabei die Regel, daß die
in Betracht kommenden Sonderreize um
so vielgestaltiger sind, je feiner diffe-
renziert das Sinnesorgan ist, auf wel-
che sie einwirken.
Im Gesicht des Menschen ist es das Auge, das wie im
Subjekt als Empfangsorgan, so im Objekt als Ausgangsstelle
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Gesichts- und Augenausdruck.
109
obenan steht. Es ist als Primärreiz so bevorzugt, daß im
Auge, das ein anderes Auge sah, mit am häufigsten die
Liebe ihren ersten Ursprung hatte. Weitere Prädilektions-
stellen des Kopfes sind die behaarten Teile, vor allem das
Haupthaar des Weibes und das Barthaar des Mannes, auch
die Augenbrauen und Augenwimpern, dann Nase und
Mund, Lippen und Zähne, Wangen und Ohren, Kinn- und
Wangengrübchen. Auch die Stirne samt den Schläfen ist
oft von hoher Bedeutung, ferner die Farbe der Gesichts-
haut (Teint), die Form des Gesichts und vor allem der
schwer zu definierende Gesichts- und Augen ausd ruck. Wir
führen eine Typenangabe als Beispiel an: „Für meine Nei-
gung," teilt ein Herr mit, „sind die Augen und ihr Aus-
druck am wichtigsten. Ein Paar frisch dreinblickende, in-
telligente, hellblaue Augen, sie können mich auf dem Fleck
fesseln, wie ich denn die Worte des alten Liedchens: „Blaue
Äuglein sind gefährlich" in ihrer ganzen Wahrheit durch-
kostet habe. Dunkle Augen ziehen mich weniger an, ob-
schon auch sie nicht ihren Reiz verfehlen, wenn der Aus-
druck der oben beschriebene ist. Die Gestalt darf nicht
zu groß und muß gut proportioniert sein, nicht zu voll.
Schöne, blonde, lockige Haare haben für mich den größten
Reiz, nur dürfen sie nicht en vogue frisiert sein (die Frisur
spielt bei mir keine kleine Rolle). Der Gesichtsausdruck
muß ein fester, intelligenter, aber doch kein griesgrämlicher
sein. Am Charakter liebe ich ein angenehmes, ernst-fröh-
liches Gemüt, einen Verstand, der mehr ist, als der land-
läufige Salondamenverstand. Ziererei, Koketterie, ange-
lernte Phrasen sind mir zuwider; dagegen mag ich eine
gesunde, natürliche Sinnlichkeit an einem Weibe, wo sie
nicht überherrscht. Eine merkwürdige Anziehungskraff
üben auf mich auch die Hände aus. Sie dürfen nicht zu
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110 Ueberschätzung der Genitalzone als Lockreiz.
groß und vor allem nicht zu weiß sein, aber sie müssen
gut gepflegt und dürfen nicht rauh sein. Das Alter, das
ich bevorzuge, ist etwa zwischen 20—24 Jahren. Jüngere
Mädchen stoßen mich meist wegen ihrer Unreifheit im
Charakter ab, wenn ich mich auch etwa für einen Augen-
blick in die äußere Gestalt eines solchen verlieben kann."
Auch von der Hals- und Nackenpartie geht oft ein
Fetischzauber aus und in noch höherem Grade von der
oberen Rumpfhälfte, namentlich der Brustpartie. Die Kör-
perverengerung, die die Brust- von der Hüftgegend trennt,
gilt namentlich beim Weibe als attraktiv und vor allem die
Hüften selbst, während die Gliedmaßen, die Arme und
Beine und vor allem die Hände und Füße, Finger und
Zehen, ja sogar Finger- und Zehennägel nicht selten bei
beiden Geschlechtern Gegenstand sexueller Bewunderung
sind.
Die Genitalzone spielt als visueller Lockreiz keineswegs
die Rolle, welche man nach der Bedeutung, die sie in der
Sexualbetätigung spielt, vielfach annimmt. Dieser Rück-
schluß von dersexuellen Entspannungs-
sphäre auf die sexuelle Erregungs-
sphäre ist eine der vielen Naivitäten, der wir wohl auf
keinem Gebiet so häufig begegnen wie auf sexuellem.
Hat doch im Jahre 1911 zu Eßlingen ein Polizeiamt-
mann die gefährdete Sittlichkeit dadurch zu retten versucht,
daß er anordnete, es sollten an einem Karussel die Ver-
zierungen verhängt werden, welche Wassernymphen, flie-
gende Engel und Amoretten nackt darstellten. Ich habe
mich im Lateran und Vatikan und anderen Museen, in
denen oft selbst bei den kleinsten Bambinos ein keuscher
Gipsklumpen die Genitalregion bedeckt, über die Inkon-
sequenz gewundert, welche diese natur- und kunstunver-
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Scham und Sittlichkeit.
111
ständigen Zeloten davon abgehalten hat, auch die analogen
Stellen auf den Gemälden Raffaels oder Michel Angelos
mit einem entsprechenden Farbenklex zu übermalen.
Jedenfalls zieht durchschnittlich das Gesicht ungleich
stärker an als die Sexualorgane, und es fragt sich, ob nicht
die Orientalen logischer handeln, wenn sie auf die Ge-
sichtsverhüllung ihrer Frauen mehr Wert legen als auf die
Geschlechtsverhüllung. BernhardStern (Geschlechts-
leben in der Türkei, p. 162) berichtet darüber einmal: „In
den lebhaftesten Straßen Konstantinopels sah ich tiefver-
schleierte Frauen stehen bleiben, um sich ungeniert die
Röcke zu heben und sich in der Schamgegend zu kratzen.
Dort verhüllt bekanntlich die Frau vor allen Dingen ihr
Angesicht durch einen dichten Schleier, der nur für die
Augen einen schmalen Spalt offen läßt. Nur ganz aus-
nahmsweise arbeitet sie mit freiem Gesicht, wenn sie glaubt,
sich darauf verlassen zu können, daß kein Mann sie er-
blicken wird. Geschieht dies aber nun zufällig doch, dann
hält sich die Überraschte in schamhafter Verwirrtheit schleu-
nigst das fallende Hemd ihres Leibes vor das Angesicht;
das Gefühl, daß dadurch nun wieder Teile sichtbar wer-
den, deren Anblick bei uns ganz besonders „die Scham
tnd Sittlichkeit verletzt", ist ihr gänzlich fremd. u
Auch die bewegten Sehreize zeigen den Par-
tialcharakter. Im Gesicht ist es beispielsweise das indivi-
duell so mannigfaltig geartete Mienenspiel, vor allem das
Lächeln, auf das sich die Aufmerksamkeit mit Vorliebe
lenkt; ferner sind die Kopf- und Armbewegungen und vor
allem der Gang stark attraktiv. Ich führe als Beispiel eine
mir gegebene Mitteilung an: „Ganz besonderen Wert lege
ich auf den Gang einer Frau. Ich erkenne aus dem Gang,
ob sich ein Mensch selbst schätzt, und wenn ein Weib so
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112
Adhärente Sexualreize.
stolz dahinschreitet, schmeichelt es meinem Ehrgeiz, einer
Frau zu gefallen, die selbst so viel auf sich hält. Es er-
regt mich heftig, wenn ich eine Dame sehe, die nicht kleine
Schritte macht, sondern fest auf den Boden tritt und dabei
die Füße so leicht wie ein Pferd hebt. Mit solchem Weib
möchte ich dann am liebsten Arm in Arm durch die
Straßen gehen, recht, recht weit und vor aller Welt. Ich
halte sehr viel auf mich selbst, und ich meine immer, wenn
ein so stramm auftretendes Weib mich vorzieht und mit
mir geht, so beneideten mich die anderen, daß eine so
kräftige Persönlichkeit, die sich doch bewußt ist, viel be-
wundert zu werden, unter vielen mich gewählt hat."
Zu den adhärenten Sexualreizen gehören
ebenfalls eine endlose Reihe von Gegenständen, die für das
Auge anziehend sind. An sich leblose Dinge erhalten durch
den Gebrauch des Menschen Leben und Bedeutung. Merk-
würdig ist, daß, während bei den inhärenten Reizen die Be-
trachtung mehr von dem Kopf nach den Füßen schreitet,
sie für die adhärenten Reize häufiger an der Fußbekleidung
beginnt und an der Kopfbedeckung endet. Dies gilt so-
wohl in bezug auf den zeitlichen Ablauf der Beobachtung
als auch für die Skala der Wertung.
Eine ungewöhnlich große Rolle spielt als Sexualreiz der
Schuh, eine ungleich geringere, der Hut. Auch die Leib-
wäsche wirkt sexuell erregend, sowie die Unter- und Ober-
kleider nach Farbe, Muster, Schnitt und Stoff und endlich
alles andere bis zu den Handschuhen und Krawatten.
Goethe hat unter dem Titel: n Lebendiges Andenken"
ein Gedicht verfaßt, aus dem wir zwei Verse wiedergeben:
„Der Liebsten Band und Schleife rauben,
Halb mag sie zürnen, halb erlauben,
Euch ist es viel, ich will es glauben
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Cohärente Reize. 113
Und gönn' Euch solchen Selbstbetrug.
Ein Schleier, Halstuch, Strumpfband, Ringe
Sind wahrlich keine kleinen Dinge,
Allein mir sind sie nicht genug.
Leben d'gen Teilvon ihrem Leben,
Ihn hat nach leisem Widerstreben
Die Allerliebste mir gegeben,
Und jene Herrlichkeit wird nichts,
Wie lach* ich all der Trödlerware!
Sie schenkte mir die schönen Haare,
Den Schmuck des schönsten Angesichts."
Zwischen den inhärenten und adhärenten Sexualreizen
stehen noch die c o h ä r e n t e n. Es sind dies die nicht nur bei
wilden Völkerschaften üblichen Bemalungen, Tätowierungen
und Behängungen der Haut mit Tusche, Schminke, Puder,
Kohle, Ohrringen, Nasenringen, Fingerringen und ähn-
lichem. In meinem Buche „Die Transvestiten" 37 ) habe ich
eingehend geschildert, daß es vom psychologischen Stand-
punkt aus ganz das Gleiche ist, ob sich die Primitiven
Muschelschalen oder die Zivilisierten ein kostbares Perlen-
halsband umhängen, ob jene rohe Metallstücke um Finger,
Arme und Beine legen oder wir goldene Ringe und sil-
berne Armspangen, ob sich ein Volk Stifte, Ringe und
Knöpfe durch die durchbohrte Nase zieht, ein anderes durch
durchlöcherte Ohren, ob die Wilden sich Vogelfedern direkt
ins Haar stecken oder die Modernen noch ein bearbeitetes
Stück Stroh oder Filz dazwischen legen, ob jene sich einen
größeren Teil der Körperoberfläche färben und bemalen,
wir nur das Gesicht schminken und die Haare färben, ob
S7 ) „Die Transvestiten". Eine Untersuchung über den erotischen
Verkleidungstrieb. Berlin 1910.
Hirsohteld Naturgesetze der Liebe. 8
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114 Narbenverzierungen und Renommierschmisse.
die bunten Farbstoffe der Haut unmittelbar aufgesetzt oder
ob sie auf Tücher übertragen sind, die umgebunden oder
zu Kleidern verarbeitet getragen werden, ob asiatische
Völker sich nur die Füße verkleinern und zusammenzwän-
gen oder europäische mit Hilfe fischbeingesteifter Korsetts
viel wichtigere Teile einschnüren; selbst die Narbenver-
zierungen der Südaustralier und die „Renommierschmisse"
deutscher Studenten kommen rein psychologisch genommen
auf dasselbe heraus.
Es zeigt sich, daß wir heute noch wie in uralten
Zeiten alle möglichen Gegenstände aus den drei Natur-
reichen — Blumen, Blätter und Pflanzenfasern, die
Felle der Tiere mit Haut und Haar, Metalle und Edel-
steine — gebrauchen, um uns Glanz und Ansehen
zu verleihen; es unterliegt keinem Zweifel, daß auf diesen
überall verbreiteten Hang, den Körper „schöner" und reiz-
voller erscheinen zu lassen, sowohl das Kleid an und für
sich (das Wort Kleid im weitesten Sinne gefaßt) zurück-
zuführen ist, als auch der Wunsch, die Tracht immer
eigenartiger, neuartiger, wirkungsvoller zu gestalten —
die M o d e.
Wie ungemein detailliert die sexuellen Sehreize wirk-
sam sind, zeigen am besten die spezifizierten und eingehen-
den Schilderungen, wie sie sich in der Liebesliteratur aller
Völker und Zeiten vorfinden. Viele solcher Beschreibungen
sind in Houdoys „La beaute des femmes", in
Ploß-Bartels „Das Weib" und Ellis „Gatten-
wahl" zusammengestellt. Ich greife aus der Literatur
und meiner Materialien-Sammlung nur je zwei Fälle
heraus, da die Anführung zu vieler Beispiele mehr
verwirrend als klärend wirkt. In dem berühmten Ge-
dicht von Aucassin und Nicolette wird letztere wie folgt
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Spezifizierung der Sehreize. 115
geschildert: „Nicolette hatte blondes, zartes und gelocktes
Haar, ihre Augen waren grau und lächelnd; ihr Gesicht
reizend geformt, ihre Nase hoch und gut angesetzt, ihre
Lippen klein und röter als die Kirsche oder die Rose im
Sommer, ihre Zähne waren klein und weiß; ihre kleinen,
festen Brüste wölbten das Kleid wie zwei Nüsse. Ihre
Taille war so schlank, daß man sie mit beiden Händen
umspannen konnte, und die Gänseblümchen, auf die sie
trat, wie sie mit bloßen Füßen ging, erschienen schwarz im
Vergleich mit ihren Füßen und Beinen, so weiß war ihre
Haut."
Eine andere Schilderung aus dem 12. Jahrhundert
lautet: „Ihr Haar war in einem doppelten Zopf ge-
flochten, der lang genug war, um den Boden zu berühren,
der Scheitel, lilienweiß und schräg gezogen, trennte das
Haar, und dieser Mangel an Symmetrie schadete der Schön-
heit ihres Gesichtes nicht, sondern gehörte zu ihrer Schön-
heit. Ein goldener Kamm hielt das mit seinem Glänze wett-
eifernde Haar, so daß das entzückte Auge kaum das Gold
des Kammes von dem des Haares unterscheiden konnte.
Die breite Stirn hatte die Weiße der Milch und wetteiferte
mit der Lilie, ihre hellen Augenbrauen, glänzend wie Gold,
waren nicht buschig, sondern, ohne dürftig zu sein, glatt.
Die heiteren, in freundlichem Glänze strahlenden Augen
waren wie zwei Sterne; ihre Nasenlöcher dufteten wie von
Honig und waren, weder zu breit noch zu schmal, edel
geformt; die Narde ihres Mundes gewährte dem Gerüche
einen Hauch süßer Düfte, und ihre halboffenen Lippen
luden zum Kusse ein. Die Zähne schienen aus Elfenbein
geschnitten; ihre Wangen, hell von Rosenfarbe, erleuchteten
sanft ihr Gesicht; ihr Glanz war durch den durchsichtigen
weißen Schleier gedämpft. Ihr Kinn, ihr schlanker Hals
8*
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116
Typenschilderungen .
verbanden den Kopf harmonisch mit den Schultern, die feste
Rundung ihrer Brüste zeugte von frisch erblühter Jugend;
ihre reizenden Arme schienen ausgestreckt nach Liebkosung
zu verlangen, die regelmäßige Rundung ihrer Hüften voll-
endete ihre Schönheit. Alle sichtbaren Züge ihres Gesichts
und ihrer Gestalt ließen verraten, wie jene Reize sein
mußten, die nur ihr Bett kannte.*
Aus selbstgesammelten Typenschilderungen zwei
weitere Beispiele. Ein Mann schreibt: „Ich liebe nur das
Weib und zwar im Alter von etwa 20 Jahren, bin selbst
Ende 20, doch war mein Geschmack mit 18 Jahren eben-
so. Ich achte sehr auf die Figur, kräftig, wie ich selbst,
aber nicht korpulent und nicht größer als ich — bin 1,70
groß •—, Taille muß sich stark markieren, volle Büste. Von
Wert ist mir die Haarfarbe, welche ich goldblond am
liebsten habe, bin selbst dunkel und finde, daß eigentlich
alle Männer brünett und alle Frauen blond sein sollten,
weil mir diese Farben mehr dem aktiven und passiven Ge-
schlechtscharakter zu entsprechen scheinen, beziehentlich
die blonde Farbe dem weicheren, gemütvolleren, liebens-
würdigeren Weibe zukommt. In bezug auf den Charakter
liebe ich das Weib lebenslustig und hingebungsvoll, recht
natürlich und vor allem treu, die Eingebildeten, Preten-
ziösen lassen mich kalt. Auge seelenvoll, Farbe gleich-
gültig. Durchaus nicht ausstehen kann ich große Hände
und Füße, namentlich letztere verlange ich zierlich und
klein. Stimme darf dem kräftigen Körper entsprechend
nicht zu zart und muß von schönem Klang sein. Ich halte
die Stimme für eins der wichtigsten Anziehungsmittel. Ro-
siger Teint, Körperfarbe „wie Alabaster", vor allem ohne
jedes unnormale Haar, während mir langes Kopfhaar und
ganz besonders Achselhaare sehr zusagen. Sehr aufregend
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Differenziertheit der Gehörsreize.
117
wirkt auf mich Parfüm; fühle mich im übrigen frei von
irgendwelchem Fetischismus."
Ein anderer macht folgende Angaben: „Der Typus
„Weib", zu welchem ich mich sinnlich hingezogen fühle,
ist etwa folgender: Eine mittelgroße, etwas üppige Oestalt
mit leichtem Sinn und einem Durchschnittsalter von etwa
22 Jahren, mit vollem, dunklem Haar und lebhaften, lachen-
den Augen, voller Brust und vollen Wangen. Ein solches
Weib, auch wenn es nicht die Eigenschaften besitzt, die
meinen ethischen und ästhetischen Vorstellungen von Mo-
ral und Schönheit entsprechen, ist imstande, bei mir ein
starkes Verlangen nach, geschlechtlichem Genuß wachzu-
rufen. Das Weib, welches das Ideal meiner Jugend war,
welches ich als Lebensgefährtin wählen wollte und wel-
ches auch heute noch meinen Anforderungen entspricht,
hat etwa folgende Eigenschaften: Eine mittelgroße, schlank
gebaute Figur mit vollem, blondem oder braunem Haar,
gutmütig-heiteren, blauen oder braunen Augen, schönem
vollen Gesicht und Brust. Sie soll eine eigene, in sich ge-
schlossene, harmonisch gestimmte, heitere, gerade Natur
sein, die bei aller ideologischen Veranlagung einen klaren
Blick fürs tagliche Leben, wie auch für die die Gesellschaft
interessierenden Fragen der Zeit hat."
Die für das Gehör in Betracht kommenden Sexual-
reize sind wesentlich weniger differenziert als
die des Sehorgans. Die von der menschlichen Stimme aus-
gehenden Schallwellen, und um diese handelt es sich ja in
der Hauptsache, zeigen bei weitem nicht so viele Varia-
tionen und Abstufungen wie die sichtbaren Dinge. Immer-
hin zeigen sich in bezug auf Höhe und Tiefe der Stimme,
Klangfarbe, Dialekt usw. bedeutende Unterschiede.
Die größte Differenziertheit erfährt die Stimme
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118
Reizverstärkung durch Bewegung
durch die Sprache. Die hohe Bedeutung, die dem ge-
sprochenen Wort im Liebesleben zukommt, rührt freilich
weniger von dem Gehörreiz als von dem geistigen Gehalt
der Worte her, durch welche sich die Gedanken und Ge-
fühle nach außen projizieren.
Auch andere von dem Objekt ausgehende Geräusche,
der Schritt einer Person („und kommt sie getrippelt das
Gäßchen herab Ä ), ihre Atemzüge, selbst Dissonanzen, wie
ihr Schnarchen, werden von dem Liebenden nicht selten
als Lustempfindung perzipiert. 88 ) Das eigenartigste Bei-
spiel auditiver Sexualreize hörte ich einmal von einem
60 jährigen Manne, der mir mitteilte, daß, solange er sich
erinnern könne, ihn sexuell nichts so stark errege, wie
„kullernde Leibgeräusche". Eine Frau berichtete mir, daß
sie das abgemessene Geräusch taktmäßig marschierender
Männer jeder Musik vorzöge.
An diesem Beispiel zeigt sich wieder die Bedeu-
tung des Rhythmus, welche gerade bei den Gehörsein-
drücken ganz besonders groß ist. Auch für Bewegun-
gen des eigenen Körpers sind ja rhythmische Begleit-
töne, wie wir sie bei Schiffern, die Taue ziehen, bei
Schmieden, die den Hammer schwingen, zu hören
Gelegenheit haben, von belebender Wirkung. Haben
manche doch sogar in der taktmäßigen Lautbegleitung kör-
perlicher Arbeit den Ursprung der Marschmusik und der
Musik überhaupt erblicken wollen. Im Liebesleben ist
jedenfalls der Tonrhythmus als ein die erotische Wirksam-
keit der Hörreize erhöhendes Agens von unverkennbarem
Einfluß.
Hinsichtlich der G e r u c h s eindrücke erscheinen
die inhärenten, vom Körper selbst ausgehenden Duftstoffe als
8> ) Goethe, «Römische Elegien".
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Inhärente und adhärente Gerüche. 119
Anziehungsmittel beim Menschen von fast geringerer Wirk-
samkeit als die adhärenten Gerüche. Von Körpergerüchen
kommen im Liebesleben hauptsächlich die Ausdünstungen
der Haarbalg-, Schweiß-, Talg- und Schleimhautdrüsen in
Betracht. Diese nach Intensität und Qualität individuell
sehr verschiedenen Duftstoffe pflegen im Zustande sexueller
Erregung heftiger auszuströmen als im Ruhestadium. Wir
betonten bereits, daß bei vielen Menschen diese Ausdün-
stungen mehr antfpathisch als sympathisch wirken; doch
verdient erwähnt zu werden, daß sehr starke ero-
tische Erregungen imstande sind, unangenehme Gerüche
zu überwinden. Es zeigt sich, daß unsympathische
Eindrücke bei einer starken Liebe schließlich selbst Lust-
gefühle erwecken können, die allerdings dann meist eine
masochistische Grundlage haben. So ist mir ein Fall be-
kannt, in dem ein Mädchen heftig in einen Athleten ver-
liebt war, der an einer übelriechenden Ozaena litt. Der
widrige Geruch war ihr anfangs höchst peinigend, doch
war ihre Leidenschaft so stark, daß sie sich nicht nur an
ihn gewöhnte, sondern ihn schließlich vermißte und suchte.
Unter den adhärenten Gerüchen stehen die sexuell stark
stimulierenden Parfüms obenan, unter ihnen wieder der
Moschus, der übrigens, wie eine Reihe anderer Duftstoffe,
tierischen Sexualdrüsen entstammt.
Die für die H a u t in Betracht kommenden Reize be-
ziehen sich auf die Temperatur des Objekts — ich kenne
mehrere Fälle, in denen eine erotische Vorliebe für kalte
Hände bestand — , auf den Feuchtigkeitsgehalt und vor
allem auf die Elastizität der Haut. Die Wahrneh-
mung der Tasteindrücke ist für das Subjekt eine merklich
andere, je nachdem sie von einer harten, muskulösen oder
weichen, fettreichen Haut herrühren. Und auch hier be-
Digitized by Google
120 Subjektive und objektive Schönheit.
obachten wir wieder in analoger Weise die Bedeutung
adhärenter Druckwirkungen, wie sie durch das Be-
rühren bestimmter Stoffe, in gewissen Fällen auch durch
die mehr oder weniger schmerzhafte Einwirkung von In-
strumenten (Stock, Peitsche, Sporen usw.) auf die Haut-
sinnessphäre vermittelt werden.
Dieser sexuelle Partialismus ist nun aber ein solcher,
daß nicht der Teil an und für sich gefällt, son-
dern nur dann, wenn er bestimmte Vorbedingungen er-
füllt. Die Sinnesorgane wenden sich zwar zunächst
spontan mehr im allgemeinen nach den be-
treffenden Teilen, sie bleiben aber nur dann an ihnen
haften und vermitteln „Lust a , wenn dieser Teil spe-
zielle Eigenschaften besitzt. Es wird also nicht
jemand, der schöne Augen hebt, durch jedes Auge
gefesselt, sondern nur durch die, welche er schön
findet: Augen von besonderer Art, Form, Farbe
und Umrahmung, etwa solche mit langen Wimpern. Und
wie das Sehorgan nur Gesichtseindrücke von eigener Art
wünscht, so sucht auch das Ohr bestimmte Tonhöhen und
Klangfarben, und auch das Geruchs- und Gefühlsorgan
nicht alle, sondern nur gewisse Gerüche und Tastempfin-
dungen. So wird der Sexualpartialismus zu einem
Sexualpartialspezialismus, der eine ganz
außerordentlich große Differenzierung bedingt. Wir finden
dementsprechend auch selten, daß jemand in der Liebe sich
des Ausdrucks „schön" schlechtweg bedient, sondern er
sucht seinen Schönheitsbegriff näher zu erläutern. Dieser
erotische Schönheitsbegriff ist ein absolut subjektiver, wie
es ja überhaupt fraglich ist, ob es eine objektive Schönheit
gibt, so sehr sich auch Ästhetiker bemüht haben, bestimmte
Harmoniegesetze für Formen, Farben und Töne aufzu-
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Aesthetik und Erotik
121
stellen. Mögen sie in der Ästhetik immerhin eine gewisse
Gültigkeit haben, in der Erotik versagen sie nur zu oft.
Fast immer ist die gesuchte Formation und Kombina-
tion der Eigenschaften eine solche, daß sie in der spezi-
ellen Besonderheit und Verbindung nur dem einen oder
dem anderen Geschlechte zukommen und innerhalb dieses
Geschlechts nur einem kleinen Bruchteil, oft nur ganz
wenigen Einzelwesen.
Es ist klar, daß diese Personen untereinander sehr un-
ähnlich sein können, wenn nur die anziehenden Erforder-
nisse, etwa ein bestimmter Gesichtsausdruck, eine gewisse
Bewegungsart usw. vorhanden sind. Da diese Personen
im übrigen blond oder dunkel, groß oder klein, stark oder
schwach, kurzum verschieden geartet sein können, so
glauben die Liebenden oft selbst, daß sie sich zu ganz
verschiedenen Menschen hingezogen fühlen und
tatsächlich sind dies ja auch die anziehenden Personen;
nur besitzen sie alle ein „gewisses Etwas"; und
dieses, das Gemeinsame und Typische, ist eben das An-
ziehende.
Das Detail der Partialreize ist ungemein minimin und
mannigfach, wie leicht zu erkennen ist, wenn man von
einer größeren Reihe befragter Personen die Wünsche zu-
sammenstellt, die von den einzelnen bezüglich eines sie an-
ziehenden Körperteiles geäußert werden. So erstreckt sich,
um nur ein Beispiel herauszugreifen, die so verbreitete An-
ziehung der Haare nicht etwa nur auf die Farbe und Fülle des
Haupt- oder Köperhaares, auf seinen Geruch, seine
Weichheit oder Härte, sondern vor allem auch auf die Haar-
tracht. Der eine liebt offenes, der Andere zum Zopf ge-
flochtenes, der dritte gescheiteltes Haar. Von zwanzig Be-
fragten erklärten 5 den Scheitel an der Seite für am anziehend-
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122 Kombination der Partialreize.
sten, 3 in die Stirne fallendes Haar, 3 ungescheitelt nach
hinten gestrichenes, 2 den Scheitel in der Mitte, 2 fest an-
gekämmtes Haar, 2 Lockenhaar, 2 kurzgeschnittenes, einer
den Scheitel zwischen der Seite und der Mitte; ja, es gibt
sogar Leute, die für Perücken ein Faible haben. Auch ist
mir der Fall einer Prostituierten bekannt, die eine ausge-
sprochene Glatzenfetischistin war. Bei einer anderen Um-
frage, in der sechzig Männer und Frauen ihren Typus an-
geben sollten, erklärten 9 blondes, 7 dunkles, 2 schwarzes
Haar für anziehend. Andere Angaben lauteten hellblond,
dunkelblond, goldblond, braun, brünett, aschblond, blond-
gelockt, nicht en vogue frisiert, rot wellig, etwas gekräuselt,
schlicht, blond hochstehend, schwarz gescheitelt, „mög-
lichst dunkle Haare auf weissem, zartem Teint sich ab-
hebend", recht üppig in Wellen, fettglänzendes Schwarz,
usw. usw.
Hinsichtlich des Auges, des Mundes und fast jeden
Körperteiles könnten ganz ähnliche Zusammenstellungen
beigebracht werden.
Es kann sich nun eine jede dieser Spezialformen einer
einzelnen körperlichen und auch seelischen Eigenschaft mit
ebensoviel verschiedenen Spezialformen einer jeden an-
deren kombinieren, diese beiden wiederum mit ebenso zahl-
reichen Varietäten einer dritten, vierten bis xten Eigenschaft.
Es ist ganz klar, daß aus diesen unendlich vielen Kombi-
nationen sich unendlich viele und vielgestaltige Typen er-
geben, von denen jede eine sexuelle Anziehungskraft ent-
falten kann.
Die Typenliebe ist der Ausgangs-
punkt der Liebe überhaupt. DieSinnes-
organe reagieren niemalsauf alle ihnen
begegnenden Objekte, sondern nur auf
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Zusammenfassung.
123
eine Auswahl, eine Gruppe, auf die sie „lossteuern".
Diese Gruppen können groß oder klein sein, sind aber
doch stets begrenzt. Ihre einzelnen Mitglieder
ziehen nicht als Ganzes erotisch an, sondern
nur durch eine Auswahl von Eigenschaften, die einer-
seits für die Geschmacksrichtung des Liebenden, anderer-
seits für die Eigenart des geliebten Objekts typisch ist In-
nerhalb dieser Typen streben die Sinnesorgane nach Indi-
viduen, die möglichst viele der anziehenden Eigenschaften
in sich vereinigen. Von der Summe der Einzelattraktionen
hängt die Stärke der Liebe ab.
Zusammenfassend ergibt sich also hinsicht-
lich der Sexualobjekte, daß nicht die Person
als ein Ganzes, sondern nur einzelne ihrer Eigen-
schaften eine Anziehungskraft ausüben — sexueller
Partialismus — , daß diese Eigenschaften nur dann
anziehen, wenn sie von bestimmter Beschaffen-
heit sind — - sexueller Partialspezialismus — .
Die Qualitäten, welche das Sexualobjekt dem reagierenden
Partner durch Licht- und Schallschwingungen in gas-
förmiger, gelöster oder fester Form über-
mittelt, sind entweder inhärente, adhärente oder
cohärente Teile einer Person. Ferner kann man
diese Reize in ruhende, bewegte und rhyth-
mische einteilen.
naen
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.r-r\ jtt\ .*~T~K X
(Ol
tssJ
3, r.
63
Teil II.
Der Liebesdrang.
(Die zentrale Phase der Liebe.)
Wie aber kommt es, daß gerade die bestimmten
Eigenschaften der einem Typus angehörenden Personen die
Sinnesorgane unserer Körperoberfläche erregen und jenen
spezifischen positiven Gefühlston hervorrufen, der im Ge-
hirn als Lust wahrgenommen wird und zu sexuellen Re-
gungen führt? Um den sich hier abspielenden Vorgang zu
verstehen, wollen wir uns noch einmal ein Beispiel ver-
gegenwärtigen:
Irgendeine Person entfaltet mit oder ohne Sexualab-
sichten eine Außenwirkung, indem sie sich sehen und
hören läßt; nehmen wir einmal an, eine Altsängerin, etwa
30 Jahre alt, ein großer, starker, blonder Heroinentypus,
produziert sich eines Abends auf einer Bühne. Die
von ihr ausgehenden Schau- und Hörreize treffen die
Sinnesnervenendapparate von etwa 2000 Zuschauern und
Zuhörern. Von diesen empfinden 1999 nur einen rein
künstlerischen Eindruck ohne irgendwelche erotische
Alteration, einige verspüren vielleicht eine gewisse Anti-
pathie gegen das Äußere der Künstlerin, ihre zu große
Gestalt, ihre ungraziösen Bewegungen. Nur auf einen
einzigen unter den 2000 übt ihre Figur, die Art ihres
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Erklärung der Gefühlsverschiedenheit. 125
Auftretens, ihre Stimme einen so nachhaltigen Eindruck
aus, daß er sich in sie verliebt. Die nähere Bekannt-
schaft vertieft die Sympathie und Neigung; er meint,
ohne sie nicht mehr leben zu können, heiratet sie,
und 40 Jahre führen sie eine glückliche, kinderreiche Ehe.
Wie ist es nun zu erklären, daß an jenem Abend 1999
nichts und nur der eine so viel und Folgenschweres
empfand?
In der Person, von der die Wirkung ausging, kann die
Verschiedenheit des Eindrucks nicht begründet
sein, da sie zweifellos mit sich selbst identisch ist.
Auch die von ihrer Körperoberfläche in den Raum
ausstrahlenden Licht und Schallwellen müssen ob-
jektiv für alle Anwesenden die gleichen gewesen sein.
Die Verschiedenheit des Eindrucks kann erst in dem
Moment eingesetzt haben, als diese licht- und Schallwellen
die Netzhäute und Trommelfelle der 2000 im Raum an-
wesenden Menschen trafen, und zwar können sich entweder
in den Augen und Ohren dieser Empfangspersonen ner-
vöse Sexualzellen von individueller Beschaffenheit befun-
den haben, oder es kann die Einwirkung auf die Körper-
oberfläche zunächst auch noch eine bei allen Anwesenden
einheitliche gewesen sein, ebenso die Qualität und Inten-
sität der von der Peripherie nach dem Gehirn verlaufen-
den Nervenleitung, und erst im Seh- und Hörzentrum
des Gehirns kann der Reiz auf individuell geartete
Zentralstellen gestoßen sein. Es kann aber auch so sein,
und diese Annahme hat am meisten für sich, daß auch die
zentralen Enden der Seh- und Hörnerven der 2000 Per-
sonen noch denselben Eindruck empfingen, daß
sich aber von dieser Empfangsstation aus der Strom
durch weitere Leitungsbahnen, die sogenannten Assozia-
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126
Abgestimmtheit der Empfangsstellen
tionsfasern, nach einem individuell gebildeten Sexualzen-
trum begab, das nur auf ganz bestimmte Eindrücke ab-
gestimmt ist; Eindrücke, für die es nicht eingerichtet
ist, gleiten wirkungslos an dieser individuell gearteten
Empfangsstelle ab, wie etwa drahtlose Leitungen des
elektrischen Stroms an Tausenden elektrischer Empfangs-
apparate spurlos vorübergehen und nur jenen Appa-
rat zum Ertönen bringen, der für die speziell gearteten
Wellen des speziellen Wellenabsenders die spezielle Ein-
richtung besitz!
Mit diesem im Gehirn sich abspielenden zentralen
Vorgang haben wir uns jetzt des näheren zu befassen, um
tiefer in die Naturgesetze der Liebe einzudringen. Wir
kommen damit zum schwierigsten, weil verborgensten
Teil unserer Untersuchung, denn die von außen nach
innen dringenden Sexualreize können wir verfolgen,
auch die von innen nach außen strebende motorische
Lösung ist der Betrachtung zugänglich; zwischen dem
sexuellen Eindruck und Ausdruck liegt aber der Ab-
druck in der Seele selbst verborgen. Daß wir aus
zwei sichtbaren Erscheinungen — dem Reiz und der
Reaktion — den dritten intermediären Vorgang folgern,
teilt der Sexualreflex mit fast allen anderen im Körper vor-
handenen Reflexmechanismen, wie ja auch sonst in der
Natur oft Zwischenglieder angegeben und in ihren Wir-
kungen geschildert werden, ehe die technische Möglichkeit
bestand, sie positiv zu demonstrieren. Hat man doch nach
den Atomgewichten die im periodischen System der Ele-
mente noch fehlenden Stoffe im voraus berechnen können,
ehe man sie fand, sowie man aus den Abständen der Pla-
neten Stelle und Umlaufsbahn des Neptun beschrieb, ehe
man ihn entdeckte.
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UmschaUung der Sexualströmungen. 127
Der Endpunkt im Gehirn, bis zu dem wir die sen-
sible und motorische Bahn verfolgen können, ist ein ver-
hältnismäßig weit vorgeschobener. Nur die Verbindungs-
strecke zwischen beiden Energien, die Stelle, wo die U m -
schatftung der von außen nach innen in die von innen nach
außen führende Leitung stattfindet, wissen wir bisher nicht
zu lokalisieren. Wir kennen das Sexualobjekt, die von ihm
ausgehenden Schwingungen, die Empfangsstellen am Sexual-
subjekt, die von hier fortwirkenden Strömungen und die
zentrale Empfangsstation. Dann stoßen wir auf die Lücke
bis zu den Bewegungszentren, von denen aus die moto-
rische Leitung bis an ihre peripheren Nervenendigungen
läuft. Wie innen im Gehirn, so geht auch außen an
der Peripherie der eine Nervenstrom in den anderen über,
und zwar der motorische in den sensiblen, um rückläufig
auf der Empfindungsbahn zur Perzeptionsstelle zu gelan-
gen, wo wiederum die Lücke einsetzt.
Die sensiblen, motorischen und vasomotorischen Zen-
tren sind im Gehirn bereits lokalisiert, auch das automa-
tische Zentrum im Lendenmark, von wo die Nervenbahn
zu den Genitalorganen verläuft, um von dort wieder auf-
wärts zu ziehen. An welcher Stelle des Gehirns nun aber
auch die Region gelegen sein mag, in der die sexuellen
Energien, die zentripetale und zentrifugale, sich treffen und
in einander umsetzen, eins ist sicher: in dieser Zentralstelle
befinden sich die für die Richtung der Liebe maß-
gebenden gangliösen Zellen. Da diese Richtung, wie wir
sehen, eine so ungemein verschiedene ist, so muß auch diel
Hirnprovinz, wo sie ihren Sitz hat, ebenso verschieden be-
schaffen sein; oder mit anderen Worten: die Ver-
schiedenheit der sexuellen Triebrich-
tung beruht auf einer Verschiedenheit
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128
Die endogene Variabilität.
der entsprechenden Gehirnzentren, wo-
bei wir zunächst die Frage außer Acht lassen, ob diese
Verschiedenheit eine angeborene, konstitutionelle, orga-
nische, stabile, oder eine im Laufe des Lebens erworbene,
labile ist.
Hier handelt es sich zunächst um folgende Fest-
stellung: Da die von unzähligen Außendingen ausgehen-
den zahllosen Sexualreize unendlich viele Seh-, Hör-, Riech-
und Fühlnerven in ihren peripheren Endigungen treffen,
diese Reize aber nur von sehr vereinzelten Personen lust-
betont empfunden werden, so muß diese eigenartige Emp-
findsamkeit und Erregbarkeit unbedingt auf der inneren
Verschiedenheit der gereizten Individuen beruhen.
Wir können noch einen Schritt weiter gehen. Nicht
nur die Verschiedenheit des sexuellen Geschmacks beruht
auf der endogenen Variabilität der Gehirne, sondern auch
die Verschiedenheit der sich aus der unterschiedlichen Ge-
schmacksrichtung ergebenden Urteile. Das Gefühl ist hier
das Primäre, die Motivierung das Sekundäre. Man
liebt und haßt nicht aus Gründen, son-
dern man sucht und findet Gründe, wo
man liebt und haßt.
Aus der ungeheueren Verschiedenheit der Objekte, die
sexuell zu reizen imstande sind, können wir den Schluß
ziehen, daß dieser Spezialisiertheit der vorhandenen Reiz-
quellen eine ebenso große Spezialisiertheit der Emp-
fangsstellen dieser Reize entsprechen muß. Diese
Mannigfaltigkeit des Geschlechtstriebes ist keine relative,
sondern eine absolute Größe: so mannigfach die Menschen
sind, so mannigfach ist ihre Liebe; so wenig es in der
Natur zwei gleiche Individuen gibt — jeder Mensch ist ein
Phänomen und Problem für sich—, so wenig gibt es zwei
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Die Sexualindividualität.
129
Menschen mit gleichem Geschlechtstrieb. Wenn auch viele
einen ähnlichen Geschmack haben, so sind doch Nuancen
immer vorhanden, wobei noch eine Beobachtung nicht
ohne Interesse ist: der Geschmack zweier Menschen er-
scheint um so ähnlicher, je ähnlicher sie selbst einander
in ihren physischen und psychischen Eigenschaften sind.
Diese grenzenlose Mannigfaltigkeit der Triebrichtung,
der Trieb- und Sexualziele hat eine ungünstige und eine
günstige Konsequenz. Die ungünstige Konsequenz zeigt
so recht die Kurzsichtigkeit der Menschen, die günstige
die Weitsichtigkeit der Natur. Die ungünstige Folge ist,
daß die große individuelle Mannigfaltigkeit der sexuellen
Richtung, die Verschiedenheit der Bedürfnisse eine objektive
Beurteilung sexueller Vorkommnisse ungemein erschwert.
Die meisten Männer und Frauen sind so sehr mit ihrer
eigenen Sexualindividualität eins, daß sie meinen, da sie
an den andern Menschen doch auch dieselben Sinnesor-
gane, Augen und Ohren, bemerken wie an sich selbst,
müßten diese doch auch hinsichtlich eines so wich-
tigen Lebensfaktors, wie der Sexualpsyche, ebenso be-
schaffen sein, wie sie selbst. Wenn s i e eine Person,
die ein anderer liebt, nicht schön finden, sagen sie,
die Liebe sei blind, während sie doch in Wirklichkeit die
Sinne schärft; wenn eine Neigung ihrer Natur wider-
spricht, nennen sie sie unnatürlich, als ob die Natur sich
nach ihrer Natur oder auch nur nach der Natur der Mehr-
zahl richtete; wenn sie ohne Beschwerden sich während
einiger Monate des sexuellen Verkehrs enthalten konnten,
sagen sie, der Mensch brauche überhaupt nicht sexuell zu
verkehren, er könne auch ebensogut „abstinent" leben.
Die günstige Folge der sexuellen Geschmacksvaria-
bilität ist die Ermöglichung des großen Naturgesetzes,
flirschleld, Katargesetze der Liebe. 9
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130
Sexuelle Auslese.
das wir seit Darwin als „sexuelle Zuchtwahl" bezeichnen.
Nehmen wir einmal an, es gäbe keine subjektive Ge-
schmacksverschiedenheit, der Begriff dessen, was schön,
anziehend ist, wäre ein festgelegter, objektiver. Dann würde
um die objektiv schönen Frauen und Männer ein großer
Wettbewerb entstehen; diejenigen aber, welche dem objek-
tiven Schönheitsgesetz nicht entsprächen, hätten nur geringe
Aussicht, geliebt und gewählt zu werden. Um in den Besitz
der schönsten Menschenexemplare zu gelangen, würden
sich vermutlich die Konkurrenten vernichten, während die
objektiv häßlichen von allen Freuden der Liebe ausge-
schlossen blieben. Solcher grausamen Maßnahmen ist
wohl der Mensch fähig, nicht aber die
Natur.
Wir sehen zwar, daß jedes Lebewesen, auch der
Mensch, darnach trachtet, sich mit Wesen seiner Art zu
verbinden, die nach seinem Empfinden möglichst viele kör-
perliche und geistige Vorzüge besitzen, daß er davor zu-
rückschreckt, sich mit verkrüppelten, mißgestalteten oder
kranken „Männchen oder Weibchen" zu vereinigen — und
im Interesse der Vervollkommnung der Arten und der
Rassenhygiene ist eine solche Beschränkung gewiß vorteil-
haft — , aber diese sexuelle Auslese ist doch eine rein sub-
jektive. Der Mensch wählt die Formen und Eigenschaften,
die er selbst für schön und gut findet, und damit ist einer
unendlich großen Anzahl Menschen mit allen nur erdenk-
lichen Formen und Eigenschaften die Aussicht gegeben,
Personen zu finden, denen sie Hebens- und begehrenswert
erscheinen. Üben doch sogar kleine Fehler oft genug eine
Anziehung aus. Vor einiger Zeit suchte mich ein Marine-
offizier auf, der eine große Vorliebe für Frauen hatte, die
lispelten; unter diesen waren ihm solche mit blassen, lei-
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Anziehung des Hässlichen
131
denden Gesichtern, die einen recht schwächlichen, hilfsbe-
dürftigen Eindruck machten, besonders sympathisch. Per-
sonen, die ein leichtes Schielen an der Frau gern haben,
sind mir wiederholt vorgekommen, eine Geschmackseigen-
tümlichkeit, die ja, wie mehrfach berichtet wird, auch dem
Philosophen Cartesius eigen gewesen sein soll. Von Frauen
kann man nicht selten hören, daß sie von einem Manne
sagen, er sei von anziehender Häßlichkeit. Selbst für hin-
kende, verwachsene Menschen gibt es Liebhaber; wir
kennen „Glatzenfetischisten" (s. oben), „Brillenfetischisten",
Fetischisten für Holzbeine, Liebhaber für Frauen mit
starker Bartentwicklung sind beschrieben worden. Einen
besonders merkwürdigen Fall sah ich vor einiger Zeit:
einen Mann, der eine leidenschaftliche Neigung für
schwangere Frauen hatte. Er suchte auf der Straße
nach Frauen, die guter Hoffnung waren, und ging
ihnen oft weite Strecken nach. Man wird geneigt sein,
solche Geschmacksabsonderlichkeiten in das Gebiet der
Pathologie zu verweisen, und Fälle, wie der letztbeschrie-
bene, dürften wohl auch in dieser Weise zu bewerten sein,
doch ist gerade auf dem Gebiet der Teilanziehung die
Fülle der Erscheinungen so unbegrenzt, und des über-
raschend Grotesken gibt es so viel, daß man das Gebiet
der Varietäten immer mehr erweitern, das des Krankhaften
immer mehr verengern sollte.
Immerhin ist es besser, wenn sich jemand mit einer
Person verbindet, deren Fehlerer als Vorzüge empfindet, als
mit einer, für deren Vorzüge er unempfindlich ist. Leider ist
es ja in der gegenwärtigen Kulturperiode fast etwas Alltäg-
liches geworden, daß Männer Frauen ehelichen, lediglich um
ihren Vermögensstand zu heben, oder) Frauen Männer nur
um des Namens willen oder um „versorgt" zu sein. Die Ver-
9*
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132
Rassenveredelung.
nachlässigung wirklicher sexueller Attraktion gegenüber
Reichtum und Rang steht im strikten Gegensatz zu dem
Naturprinzip der Rassenveredelung durch die natürliche
Auslese, der Eugenik. Diejenigen, die einer Entartung der
Menschen im Sinne des Nietzsche'schen „nicht fort sollt
Ihr Euch pflanzen, sondern hinauf", entgegenarbeiten
möchten, sollten vor allem im Auge behalten, daß ohne
Liebe „lieben" und ehelichen mehr als alles andere eine Ver-
sündigung an der Natur, an den Nachkommen, an der
Menschheit ist.
Viele Eigenschaften des einen oder des anderen Ge-
schlechts verdanken zweifellos der sexuellen Auslese zum
großen Teil, wenn nicht ihre Entstehung, so doch ihre
Förderung. Denn wenn auch die Geschmacks Verschie-
denheit eine ungemein große ist, so sehen wir doch,
daß eine große Reihe von Eigentümlichkeiten, namentlich
Charaktereigenschaften, beliebter als andere sind. Wie im
Tierreich viele sekundäre Geschlechtszeichen „der Auswahl
der Besten" ihre Existenz verdanken, wie z. B. die Mähne
des Löwen, das Geweih des männlichen Hirsches und der
Sporn des Hahns, der melodische Gesang der Singvögel und»
die prachtvolle Färbung der Schmetterlinge — man lese, was
Darwin in seinem letzten Hauptwerk „Die Abstammung
des Menschen und die geschlejgitiiche Zuchtwahl" darüber
gesammelt hat — , so kann man wohl annehmen, daß auch
die körperliche und geistige Eigenart des Mannes, seine
Tapferkeit und Stärke, ebenso wie das Gemüt der Frau,
ihre Hingebung, Treue und Wirtschaftlichkeit sich dadurch
erhielten und steigerten, daß sie eben allgemeiner bevor-
zugt und begehrt wurden und sich so nach den Gesetzen
der Vererbung auf die Nachkommen des einen oder des
andern Geschlechts leichter übertragen konnten.
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Sexueller Dimorphismus,
Würden nun allerdings diese Naturprinzipien —
die Bevorzugung von Einzelwesen mit besonderen,
möglichst ausgeprägten Sexualcharakteren und die aus-
schließliche Vererbung dieser Eigenschaften entweder nur
auf männliche oder nur auf weibliche Personen — von
absoluter Gültigkeit sein, so müßte dies zur Folge
haben, daß die Verschiedenheit der Geschlechter, der „sexu-
elle Dimorphismus", stetig zunehmen, die Kluft zwischen
beiden Geschlechtern immer größer und größer werden
würde. Bei manchen Lebewesen ist ja in der Tat die Diffe-
renzierung der beiden Geschlechter so bedeutend, daß die
Zoologen oft genug Mühe gehabt haben, zu dem einen
Geschlecht das hinzugehörige andere aufzufinden; denken
wir an „Distomum haematobium", wo das Weibchen ganz
unscheinbar in einer am Körper des männlichen Partners
sich befindenden Rinne sein Dasein verbringt, oder an „Bo-
nellia viridis", wo in entgegengesetzter Weise das kaum
auffindbare Männchen im Eileiter des Weibchens seinen
Wohnsitz hat.
Beim Menschen ist die Differenzierung der Ge-
schlechter bei weitem nicht so groß wie bei zahl-
reichen auf tieferer Entwicklungsstufe stehenden Orga-
nismen und hat sich sicherlich in dem Zeitraum, den wir
von der Geschichte unserer Art zu überschauen in der
Lage sind, nicht wesentlich verstärkt; eher scheint es, als
ob zeitweise, beispielsweise auch gegenwärtig, die Tendenz
vorherrscht, die Geschlechtsunterschiede nicht so scharf zu
akzentuieren: die Vorliebe vieler Frauen für bartlose
Männergesichter, die Neigung vieler Männer für schlanke
Figuren und dementsprechend die Neigung vieler Männer,
sich bartlos zu tragen, der Wunsch vieler Frauen, Ent-
fettungskuren zu machen, ließen sich in diesem Sinne
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134
Geschlechfsdifferenzierung.
anführen. Kunsthistoriker haben darauf hingewiesen, daß
in der antiken Kunst männliche Bildwerke in ihrem Körper-
bau oft einen auffallend weiblichen, weibliche dagegen
einen stark männlichen Eindruck machen. Ist es doch
erst vor kurzem wieder vorgekommen, daß ein Torso,
den man lange für eine Darstellung des Apollo ge-
halten hatte, als Überrest einer Athene - Statue er-
kannt wurde. Andererseits haben Forschungsreisende und
Anthropologen darauf aufmerksam gemacht, daß bei wil-
den Völkerstämmen und Völkern der Halbkultur die sekun-
dären Geschlechtsunterschiede nicht so scharf differenziert
sind wie bei kultivierten Nationen; so sagt Riehl: „Bei
den rohen Naturmenschen und bei verkümmerten, in ihrer
Gesittung verkrüppelten Volksgruppen zeigt sich der Gegen^
satz von Mann und Weib noch vielfach verwischt und ver-
dunkelt." Hält man alle diese Tatsachen zusammen, so
kann man wohl sagen, daß sich in historischer Zeit der
Unterschied der Geschlechter im ganzen kaum wesentlich
geändert hat, wenn er auch bei manchen Völkern und zu
manchen Zeiten etwas schärfer, zu anderen etwas schwächer
markiert hervorgetreten ist.
Daß dem so ist, rührt einmal davon her, daß,
wie wir schon andeuteten, keineswegs das eine Ge-
schlecht bei dem anderen nur Typen auswählte, welche
die ihrem Geschlechte eigentümlichen Zeichen in abso-
luter Reinkultur besaßen, beispielsweise, daß Frauen
keineswegs im allgemeinen bei Männern Vollbarte und
tiefe Stimmlage, sowie möglichste Aktivität wünschten,
Männer dagen nur Frauen mit breiten Hüften, stark ent-
wickelten Brüsten und möglichster Passivität begehrten;
zum zweiten aber daher, daß stets die sexuelle Vererbung
von der gemischten durchkreuzt wurde, indem alle mann-
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Neutralisierung von Einseitigkeiten. 135
liehen Kinder auch von der Mutter, alle weiblichen vom
Vater zahlreiche seelische und körperliche Eigenschaften
übernahmen.
Namhafte Autoren haben in dem sehr verschieden-
artigen Mischungsverhältnis männlicher und weiblicher
Eigenschaften im Körper und in der Seele eines jeden Men-
schen einen grundlegenden Faktor für die sexuelle Ge-
schmacks- und Triebrichtung erblicken wollen.
Der bedeutendste wissenschaftliche Vertreter dieser Mei-
nung ist Arthur Schopenhauer, welcher im II. Bande
von „Die Welt als Wille und Vorstellung" (Kapitel 44)
ausführlich auseinandersetzt, daß die männliche oder weib-
liche Einseitigkeit in dem einen Individuum in höherem
Grade ausgesprochen sei als im anderen, und daß jedes zu
seiner Ergänzung und Neutralisierung im Interesse neu zur
erzeugender Individuen „einer der seinigen individuell ent-
gegengesetzten Einseitigkeit bedarf." Schopenhauer fährt
dann wörtlich fort: „Die Physiologen wissen, daß Mann-
heit und Weiblichkeit unzählige Grade zulassen, durch
welche jene bis zum widerlichen Gynander und Hypospa-
däus sinkt, diese bis zur anmutigen Androgyne steigt: von
beiden Seiten aus kann der vollkommene Hermaphroditis-
mus erreicht werden, auf welchem Individuen stehen,
welche, die gerade Mitte zwischen beiden Geschlechtern
haltend, keinem beizuzählen, folglich zur Fortpflanzung
untauglich sind. Zur in Rede stehenden Neutralisation
zweier Individualitäten durcheinander ist demzufolge er-
fordert, daß der bestimmte Grad seiner Mannheit dem be-
stimmten Grade ihrer Weiblichkeit genau entspreche, da-
mit beide Einseitigkeiten einander gerade aufheben. Dem-
nach wird der männlichste Mann das weiblichste Weib
suchen und vice versa, und ebenso jedes Individuum das
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136
Prinzip der Ergänzung.
ihm im Grade der Geschlechtlichkeit entsprechende. Inwie-
fern nun hierin zwischen zweien das erforderliche Verhält-
nis statthabe, wird instinktmäßig von ihnen gefühlt und
liegt, nebst den anderen relativen Rücksichten, den höheren
Graden der Verliebtheit zugrunde."
Am weitesten in der Verfechtung dieser Lehre ist der
junge Wiener Gelehrte Otto Weininger gegangen,
der, um seinem Werke Leben zu geben, sich selbst das
Leben nahm.
In dem Buche „Geschlecht und Charakter", das trotz
alles Bizarren und Paradoxen, trotz vieler Übertreibungen
und Oberschreibungen nach meinem Dafürhalten das Auf-
sehen verdiente, welches es erregte, formulierte er (p. 34)
ein Gesetz geschlechtlicher Anziehung, welches lautet: „Zur
sexuellen Vereinigung trachten immer ein ganzer Mann und
ein ganzes Weib zusammen zu kommen, wenn auch auf die
zwei verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Fall in
verschiedenem Verhältnisse verteilt." Er geht sogar so
weit, aus der Anziehung sich ergänzender „Hälften" ein
mathematisches Gesetz konstruieren zu wollen. Er macht
aber seine Formel selbst lächerlich, wenn er nach ihrer
Aufstellung sagt: „Als Proben auf das Verhältnis wirk-
licher komplementärer Ergänzung ließe sich eine Menge
spezieller Konstanten namhaft machen; man könnte z. B.
das Naturgesetz boshaft so formulieren, die Summe der
Haarlängen zweier Verliebter müsse immer gleich groß
cpin "
Es lassen sich gegen die Annahme, daß die männ-
lichen Eigenschaften eines Mannes sich durch die weib-
lichen einer Frau und gleichzeitig seine weiblichen Züge
durch ihre männlichen zu komplementieren trachten, man-
cherlei Einwände erheben. Zunächst der, daß der Begriff
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Die Begriffe „männlich" und „weiblich".
137
dessen, was männlich und weiblich ist, überhaupt noch
keineswegs feststeht. Was wir unter einem Mann und
einer Frau im landläufigen Sinne zu verstehen haben,
wissen wir, was aber unter männlich und weiblich zu ver-
stehen ist, ist viel schwerer zu normieren. Auch Weininger
bleibt uns eine präzise Erklärung dieser Begriffe schuldig,
trotzdem sie doch die fundamentale Voraussetzung seines
Lehrgebäudes sind. Ich selbst habe, ebenso wie Havelock
Ellis und andere, mich verschiedentlich bemüht, die Begriffe
„Mann" und „Weib" im einzelnen klarzulegen, zuletzt in
meinem Buche „Die Transvestiten", 89 ) bin mir aber wohl
bewußt, daß auch mir, so wenig wie den anderen Autoren,
die Lösung dieser schwierigen Aufgabe bisher 1 nicht in allen
Teilen gelungen ist. Das liegt daran, daß die fort und fort
sich wiederholende Vermischung männlicher und weiblicher
Erbmassen durch die Übertragungen aus beiden Ahnen-
reihen eine so innige und komplizierte ist, daß es weder
im allgemeinen noch im Einzelfalle möglich ist, die männ-
lichen und weiblichen Komponenten scharf zu trennen.
Außerdem gibt es viele Eigenschaften — darunter zahlreiche,
die in der sexuellen Anziehung eine große Rolle spielen — ,
welche man überhaupt nicht, wie etwa die Farbe der Haare
oder Augen und viele geistige Neigungen, mit dem Vor-
zeichen „männlich" oder „weiblich" versehen kann. Ferner
ist gegen Weininger einzuwenden, daß, wie schon ein ge-
ringes vergleichendes Beobachtungsmaterial lehrt, sich
durchaus nicht immer gegensätzliche Sexualcharaktere mit
Vorliebe suchen, daß also beispielsweise nicht etwa Männer
mit tiefer durch Frauen mit hoher Stimme, schmalhüftige
89 ) „Die Transvestiten. Eine Untersuchung über den erotischen
Verkleidungstrieb/* 1910. Mediz. Verlag von Alfred Pulvermacher & Co.,
Berlin.
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138
Anziehung des Gegensätzlichen.
Frauen durch breithüftige Männer besonders heftig und
häufig gereizt werden.
Wir kommen damit zu einer der umstrittensten Fragen
auf diesem Gebiet, ob sich überhaupt in der Liebe mehr
das Gegensätzliche oder das Gleiche anzieht. Beide An-
sichten haben sehr hervorragende Vertreter.
Schopenhauer sagt („Die Welt als Wille und Vor-
stellung", Band II, p. 23): „Jeder liebt, was ihm fehlt. Da-
mit eine wirkliche Leidenschaft entstehe, ist etwas erforder-
lich, was sich nur durch eine chemische Metapher aus-
drücken läßt: Beide Personen müssen einander neutrali-
sieren, wie Säure und Alkali, zu einem Mittelsalz."
Mantegazza äußert sich wie folgt: „Wenn die Wissen-
schaft der Zukunft unsern Enkeln einst ermöglichen wird,
alle Erscheinungen der Natur, von den einfachsten bis zu
den kompliziertesten, von der einfachsten Bewegung eines
Moleküls bis zum erhabensten Geistesblitz in eine ununter-
brochene Reihe zusammenzufassen, dann werden vielleicht
die ersten Ursprünge der Liebe in der Elementarphysik der
ungleichen Atome gesucht werden, welche sich
suchen und sich verbinden und durch ihre entgegengesetzte
Bewegung das Gleichgewicht erzeugen: der positiv elek-
trische Körper sucht den negativ elektrischen. — Wie das
Kaliummolekülchen dem Wasser mit gewaltiger Entwicke-
fung von Licht und Wärme den Sauerstoff entreißt, ist
nicht ebenso die Verbindung jener zwei Moleküle, welche
sich Mann und Weib nennen, begleitet von einem Sturm
von Leidenschaften, von Geistesblitzen, von einem unend-
lichen Leuchten von Flammen und Gluten?"
Micheler 40 ) meint in seinem Buche „Die Frau": „Die
Verschiedenartigkeit ist das Mittel, dessen sich die Liebe
40 ) Mic h e 1 e t , Die Frau, pag. 140.
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Der Reiz des Unbeka
ÜlHMl
139
bedient, der Kontrast ist der Reiz des Unbekannten, der
Zauber ein Geheimnis, das man durchforschen will; die
Fremdartigkeit, die abzustoßen scheint, birgt den Spora
der Begierde in sich." Und Michels 41 ) „ Jedes Geschlecht
fordert vom andern nur das Gegensätzliche." Schiller
endlich sagt:
„Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang."
Von denen, die meinen, daß sich nicht das Gegen-
satzliche, sondern das Ähnliche anziehe, wären ebenso
viele und nicht minder kompetente Beurteiler anzuführen. 41a )
Zunächst nenne ich Leonardo da Vinci, der in seinen
„Frammenti" (Ausgabe von Solmi, p. 177 ff.) wiederholt
äußert, daß wir in der Liebe von dem, was uns ähnlich,
angezogen würden. Auch Goethe scheint dieselbe An-
schauung gehabt zu haben, denn er schreibt an Charlotte
von Stein: „Nun ist es ein Gesetz, daß Liebende gleich
roh oder gleich weich sein müssen, denn sonst verstehen
sie einander nicht; Dauer der Liebe ist immer ein Beweis
der seelischen Ähnlichkeit." Byron sagt von der unbe-
kannten Geliebten, welche ihn längere Zeit in Pagenklei-
dern begleitete: „Sie glich von Antlitz mir, von Haar, von
Auge, in allem selbst bis zu der Stimme Ton war sie mir
4I ) Die Grenzen der Qeschlechtsmoral, pag. 114.
Häckel schreibt Ober „chemische Sexualdivergenz':
„Die Verschmelzung würde nicht eintreten können, wenn nicht
beide Zellen „Empfindung" für ihre chemische Verschiedenheit
und Neigung zur gegenseitigen Verbindung hätten; dadurch getrieben»
ziehen sie sich an." „Die Empfindung, die sie dazu treibt, ist eine
chemische, dem Geruch nnd Geschmack verwandte Sinnestatigkeit,"
siehe auch: Anthropogenie, Bd. II, Kap. 29, S. 875 Ober „Erotischen
Chemotropismus" als Urquell der Liebe.
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140 Anziehung gleicher Eigenschaften.
ähnlich." L es sing endlich: „Gleichheit ist immer
das festeste Band der Liebe." Von Schriftstellern neuer
Zeit sei hier Maupassant angeführt, welcher meint:
„. . . Wenn die Liebe entstehen soll, müssen die bei-
den Wesen eins für das andere geboren sein und viel ge-
meinsame Berührungspunkte haben, den gleichen Geschmack,
Verwandtschaft des Leibes, des Geistes und Charakters", und
W.Helm us, welcher in seinem Aufsatz „Die physiogno-
mische Ähnlichkeit der Liebenden" (Jahrg. 1907, Heft 2
der Zeitschrift „Geschlecht und Gesellschaft") meint: „Man
kann es ja nicht als Regel aufstellen, daß sich die Lieben-
den in ihrer äußeren Erscheinung gleichen, aber ebenso-
wenig wird man die Tatsache leugnen können, daß diese
Gleichheit so häufig vorkommt, daß man sie dem Zufall
nicht mehr aufs Konto setzen kann, daß man nach einer
befriedigenden psychologischen Erklärung suchen muß."
Dieser Autor sagt im weiteren Verlauf seiner Abhandlung,
daß, wenn sich Ähnliches zueinander hingezogen fühlt,
von der Natur die Stärkung, wenn sich Kontraste heben,
die Regeneration einer Art beabsichtigt sei.
In der Tat hat es viel Wahrscheinliches für sich, daß —
ganz ähnlich wie die Züchter nach den Grundsätzen von
Kreuzung und Inzucht seit altersher entweder verschieden
gestaltete Pflanzen paaren, um neue Varietäten hervorzu-
bringen, oder gleich gestaltete, um erwünschte Eigen-
schaften festzuhalten — , die mit so feiner Witterung
begabte Liebe ebenfalls bald gleiche, bald verschiedene
Eigenschaften sucht, je nachdem sie bei den Liebenden und
ihren Nachkommen eine Ergänzung oder Verstärkung ge-
wisser Attribute beabsichtigt.
Um in dieser Frage zu einigermaßen exakten und be-
friedigenden Resultaten zu gelangen, müßte man natürlich
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Ähnlichkeit der Liebenden.
141
unter Berücksichtigung zahlreicher Kautelen und Unter-
fragen unendlich viel zahlreicheres Material als bisher, Be-
obachtungsreihen von vielen tausend Personen zur Ver-
fugung haben, wobei das anziehende Objekt dem reagieren-
den Subjekt gegenübergestellt werden müßte, da sicherlich
in der Abhängigkeit der sexuellen Reizbarkeit von der
eigenen Gesamtpersönlichkeit die Lösung des Problems liegt.
Bisher sind die Statistiken viel zu unzureichend, um
aus ihnen Schlüsse zu ziehen, die über Hypothetisches hin-
ausgehen; da, wie wir sehen, die Mannigfaltigkeit der Er-
scheinungen eine so unendliche ist, können abschlie-
ßende Urteile über das, was sich anzieht und abstößt,
erst dann gegeben werden, wenn die vergleichenden
Gegenüberstellungen sich nicht wie bisher nur auf Dutzende
oder Hunderte von Personen beziehen.
Immerhin seien einige hierher gehörige Untersuchungen
angeführt. Zunächst sei der Anatom Hermann Fol er-
wähnt. Er hatte die Anschauung, die ja oft zum Ausdruck
gebracht ist, daß sich bei älteren Eheleuten allmählich durch
die Gemeinsamkeit ihrer Lebensschicksale 41 b ) eine nicht nur
innerliche, sondern auch äußerliche Ähnlichkeit heraus-
bilde; während eines Aufenthaltes in Nizza fiel es ihm je-
doch auf, daß sich auch unter den jungen Ehegatten,
welche den Mittelpunkt der Riviera vielfach zum Ziel ihrer
Hochzeitsreise wählten, überraschend häufig einander ähn-
liche Paare wahrnehmen ließen. Er sammelte nun Photo-
graphien von 251 Ehepaaren und fand, daß unter 198
jungen Eheleuten 132 oder 66,66% , unter 53 alten 38 oder
71,70% einander ähnlich sahen, woraus er den Schluß zog,
daß in der weit überwiegenden Zahl der Ehen die Individuen
Hier könnte auch die chemische Imprägnation als Ursache
mitherangezogen werden. (Vgl. weiter unten pag. 184 f.)
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142
Statistische Gegenüberstellungen.
nicht durch Unähnlichkeiten, sondern durch ähnliche Eigen-
schaften angezogen würden. Alle übrigen bisher ermittelten,
sehr mangelhaften und geringfügigen Daten beziehen sich
nur auf einzelne Attribute, wie die Statur, die Pigmentie-
rung der Regenbogenhaut und der Haare. So gibt Have-
lock Ellis in seinem Werke „Die Gattenwahl" eine Über-
sicht von 30 Männern und Frauen, von denen 17 mög-
lichst gleich große, 13 solche von ungleicher Größe be-
gehrten, ferner stellt er 26 blonde und brünette Männer und
Frauen zusammen, unter denen 12 die gleiche, 14 die un-
gleiche Haarfarbe wünschten. In bezug auf die Färbung
der Iris fand Karl Pearso n 4S ) unter 774 Ehepaaren
die Neigung zur Gleichheitswahl starker hervortretend.
Eine vergleichende Zusammenstellung eigener Eigen-
schaften mit solchen, die an anderen Personen bevorzugt
werden, wurde neuerlich von mir hinsichtlich einiger Qua-
litäten an 50 Männern und Frauen vorgenommen. Sie
ergab folgendes Resultat:
1. Körpergröße:
21 große oder mittelgroße Personen lieben ebensolche Verhältnisse.
21 „ n « . größere Figuren.
6 „ w ^ „ n kleinere kräftige Gestalten.
2 kleine Personen n kleine, dünne, zierliche Qe-
stalten.
50 Fälle,
von denen 23 Gleiches, 27 Ungleiches bevorzugen.
2. Muskulatur:
28 Personen mit kräftiger Muskulatur lieben ebensolche muskulöse.
17 schwacher, weicher „ „
5 , „ „ ebensolche.
50 Fälle,
von denen 33 Gleiches, 17 Ungleiches bevorzugen.
") Phil. Trans. Royal Soiety 187. Bd., p. 273 und 115. Bd..
p. 113. — Proceedings of the Royal Society 56. Bd., p. 28. — -
Grammar of Science (1900), 2. Aufl., p. 425. — Biometrika, No-
vember 1903.
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Untersuchungsresultate. 143
3. Haarfarbe:
15 Personen mit blondem Haar lieben ebensolche Farbe.
9 M „ „ dunkles Haar.
18 . „ dunklem „ „ ebensolche Farbe.
7 „ „ „ blondes Haar.
1 » liebt silbergraues oder weißes
Haar.
50 Fälle,
von denen 33 Gleiches, 17 Ungleiches bevorzugen.
4. Hand und Fuß:
12 Personen mit großen Händen u. Füßen lieben ebenfalls große Hänüe u. Füße.
13 „ . mittleren „ • • » ■ .
10 n . u n n n n Weine „ „ » .
* 5 » » klein en „ „ große „ 9 m .
50 Fälle,
von denen 12 Gleiches, 38 Ungleiches bevorzugen.
5. Körperlinien:
18 Personen mit schlanken Körpern lieben ebenfalls schlanke Körper.
15 . * n n „ VOlle m
7 . , runden Linien . „ runde Linien.
10 » i « muskulöse, derbe Körper.
50 Fälle,
von denen 25 Gleiches, 25 Ungleiches bevorzugen.
6. Brüste:
16 Personen mit runden, vollen Brüsten lieben ebenfalls runde, volle, feste Brüste.
3 » » « n n n flache m .
12 m n flachen n „ ebensolche m m .
19 * m runde, volle, feste . .
50 Fälle,
von denen 28 Gleiches, 22 Ungleiches bevorzugen.
7. Augen:
17 Personen mit hellen Augen lieben ebensolche Farben.
19 n n n , „ dunkle n .
3 , „ dunklen „ m blaue Augen.
H n » * n ebenfalls dunkle Farben.
50 FäUe,
von denen 28 Gleiches, 22 Ungleiches bevorzugen.
Im ganzen zogen sich gleiche Eigenschaften in 182 Fällen,
ungleiche „ . 168 an.
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144 Das wirksame Moment der Fesselung.
Nach allem, was bisher vorliegt, kann man nur sagen:
Es trifft nicht zu, daß in der Liebenur
das Ungleiche anzieht; ebensowenig
ist es richtig, daß nur das Gleiche an-
zieht: es muß das wirksame Moment in
einer Summierung ungleicher und glei-
cher Eigenschaften liegen, abgesehen von
solchen, die weder anziehen noch abstoßen, in Fällen also,
in denen die Partner einander neutral gegenüberstehen.
Man könnte vermuten, daß das Gleiche vielleicht mehr
geistig, das Ungleiche mehr sinnlich fesselt oder daß das
Gleiche mehr kameradschaftlich, ungeschlechtlich, das Un-
gleiche, sich Ergänzende mehr sexuell anzieht oder endlich,
daß die erste Anziehung mehr in dem Verschiedenen, das
Dauerhafte, Standhafte und Monogame einer Verbindung
aber mehr in dem Gemeinsamen als im Gegensätzlichen
ruht. Doch alles dies sind vorläufig nur Vermutungen, da
zahlenmäßige Unterlagen nicht in ausreichender Menge
vorhanden sind.
Wie die Wesensart der eigenen Persönlichkeit, so vielen
äußeren Einflüssen und Wandlungen sie auch während
ihres Lebens ausgesetzt sein mag, normaler Weise in ihren
Grundzügen dieselbe bleibt, so bleibt auch der Typus, der
uns anzieht, derselbe. Es gilt hier so recht das Wort
Goethes: „Nach dem Gesetz, nach dem Du angetreten,
so mußt Du sein, Du kannst Dir nicht entfliehen."
Das ist ja eine der allerältesten Beobachtungen und an-
erkanntesten Maximen auf dem Gebiete geschlechtlicher An-
ziehung, daß jeder sein „Genre" hat, das ihn besonders
anspricht, seinen „Fall", der ihm vor allem gefällt, eben
seinen Typus. Gewöhnlich ist es auch für Dritte, die sich
die Mühe geben, durch eine Reihe von Jahren Personen
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Ähnlichkeit reizausübender Objekte.
145
-
zu beobachten, welche mit dem Gegenstand ihrer mehr
oder weniger starken geschlechtlichen Zuneigung wechseln,
nicht schwer, die objektiven Ähnlichkeiten zwischen den
reizausübenden Objekten festzustellen.
In dem schlichten, feinen Buche der französischen
Näherin Margarete Audoux, das die Lebens-
und Liebesgeschichte von Marie -Ciaire schildert, heißt
es wiederholt von Männern, welche die Sympathie der
Titelheldin auf sich zogen: „er hatte gleich Henry
Deslois sanfte Augen und etwas Ernstes in seinem
Wesen." Ähnlich sagt Maeterlinck einmal vom
Manne: „Und wenn wir gleich Don Juan eintausend-
unddrei Frauen küssen, werden wir schließlich einsehen,
daß immer dieselbe Frau vor uns ist, die gute oder
die böse, die zärtliche oder die grausame, die liebende oder;
die ungetreue." Bei Wiederverheirateten kann man oft kon-
statieren, daß die zweite Frau der ersten sehr ähnlich ist.
Ein Herr berichtete mir, daß er in einer Erbschaftsange-
legenheit eine angeheiratete Verwandte besucht hätte, die er
sehr lange nicht mehr gesehen hatte. In ihrem Wohn-
zimmer hing die Photographie eines älteren Mannes, bei
deren Anblick der Besucher bemerkte: „Das ist doch Ihr
verstorbener Gatte." „Nein," erwiderte die Frau, „das ist
mein jetziger Freund; ich habe mich in ihn verliebt, weil
er meinem verstorbenen Mann so ähnlich sieht." Ein
Herr teilte mir mit, daß ihn in einem Kaufhause eine ele-
gante Dame angesprochen habe, die er dann in ihr Hotel
begleitete, wo es zu einem intimen Verkehr gekommen sei;
die Dame gestand ihm, sie sei vorübergehend in Berlin,
ihr Gemahl sei Offizier in einer kleinen Garnison, der Mann
hätte sie in seinem Äußern und seinen Bewegungen so
sehr an ihren Gatten erinnert, daß sie, aus Liebe und Sehn-
Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 10
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146
Reizkombinationen
sucht zu diesem, sich ihm genähert hätte. Es ließen sich
noch manche ähnliche Beispiele anfuhren.
Es gibt Personen, die versichern, sie liebten keinen be-
stimmten Typus; es seien ganz verschieden geartete Men-
schen, die auf sie einen Reiz ausübten. Analysiert man
aber ihren Geschmack genauer, so wird man bald einen
oder mehrere Partialreize finden, die den in vieler Hin-
sicht so verschiedenen Objekten ihrer Neigung gemeinsam
sind. So berichtete mir einmal eine Frau, es seien einander
völlig unähnliche Männertypen, die auf sie einen Eindruck
machten. Auf näheres Befragen ergab sich jedoch eins,
„das unbedingt nötig sei": „eine weiche Stimme". Ein
Mann registrierte vier ihn anziehende Typen; sie wichen
in der Tat stark voneinander ab, doch stellte sich heraus,
daß es „vor allem schöne Hände" und ein lebhaftes,
frisches, wie er sich ausdrückte, „moralinfreies" Wesen war,
das ihn fesselte. Vielfach ist bei sonstiger Verschiedenheit
„ein gewisser undefinierbarer Gesichtsausdruck" das Ent-
scheidende. Je zahlreicher die anziehenden Partialreize
sind, um so enger begrenzt ist die in Frage kom-
mende Zahl der Typen, welche die Reizkombina-
tion aufweisen; ist der Kreis der wirksamen Typen
ein sehr weit gezogener, so sind gewöhnlich nur sehr
wenige Teilanziehungen, häufig auch seelischer Natur,
das bewußt oder unbewußt Entscheidende. Immer ist
es jedenfalls der sexuelle Partialismus,
der die Typenliebe beherrscht. Der Typus,
zu dem sich jemand hingezogen fühlt, ist während
der ganzen Lebensdauer nur sehr geringen Veränderungen
unterworfen; es sind meist im hohen Alter noch ganz die-
selben Arten von Menschen, die gefallen, wie in der Ju-
gend. Wenn Sprüche, wie „on revient toujours ä ses pre-
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Sexuelle Zielstrebigkeit
147
miers amours" oder „alte Liebe rostet nicht" hinsichtlich
eines geliebten Einzelwesens auch nicht immer passen
mögen, in bezug auf den anziehenden Typus treffen
sie sicherlich zu. Dabei ist von hoher Wichtigkeit, zu er-
kennen, daß dieser Typus auch schon meist in der Kind-
heit vor dem Erwachen des eigentlichen Sexualtriebes als
sympathisch empfunden wird, man interessiert sich für ihn,
ohne daß ein erotischer, wenigstens ein bewußt erotischer
Charakter der Zuneigung in Frage kommt.
Nachdem wir gesehen haben, in wie unmittelbarem Zu-
sammenhang der anziehende Typus mit der eigenen Per-
sönlichkeit steht, wie eng er vom ersten Erwachen bis zum
Erlöschen des Geschlechtstriebes mit uns verbunden ist,
ist nun die Frage zu erörtern, wie die Geschmacksrich-
tung, die gerade diesen Typus sucht, in uns entstanden ist.
Daß nicht der Außenreiz als solcher, sondern die innere
Organisation ausschlaggebend ist, erkannten wir, aber es
bleibt immer noch die Möglichkeit, daß der Außenreiz
selbst erst der Liebesrichtung ihr charakteristisches Ge-
präge gegeben hat. Die Frage also, ob die Vorliebe für
einen bestimmten Typus angeboren oder erworben ist,
bleibt vorläufig offen.
Viele, und darunter recht bedeutende Gelehrte sind der
Meinung, daß die Liebesrichtung erworben ist. Solange man
sich mit diesem Problem beschäftigt hat, haben Fachleute
und Laien der Meinung Ausdruck gegeben, die Richtung des
Geschlechtstriebes werde nicht durch sich selbst kraft
eigener Zielstrebigkeit, sondern durch das äußere Ge-
schlechtsziel „determiniert". Diese Annahme entspricht dem
allgemeinen Bedürfnis, für unsere Gefühle und Wahrneh-
mungen, Vorstellungen, Leiden und Freuden möglichst die
Ursache immer außerhalb unseres Körpers, für alles, was
10*
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148
Erworben oder angeboren?
in uns ist, eine von uns unabhängige Ursache, etwas, „was
daran schuld ist", zu suchen.
Bei den Vertretern der Meinung, daß die Richtung
des Geschlechtstriebes erworben sei, finden wir wieder
verschiedene Auffassungen. Einige sagen, die Richtung des
Geschlechtstriebes werde durch die ersten Eindrücke, welche
ein sexuelles Lustgefühl erweckten, in frühester Kindheit er-
worben; eine zweite Ansicht lautet, der Geschlechtstrieb sei
in seiner Richtung in der vorpubischen Zeit in keiner Weise
festgelegt, erst nach der Reife, oft erst kurz vor oder nach
dem 20. Jahre, entschieden äußere Reize und Einflüsse
die Triebrichtung; eine dritte Meinung geht noch weiter:
die Richtung des Geschlechtstriebs sei überhaupt nicht be-
stimmt, es bestehe vielmehr dauernd ein Variationsbedürf-
nis, ein Reizhunger, ein Verlangen nach Abwechslung, so
daß der Mensch dazu neige, den ihn anziehenden Typus
zu ändern, von einem übersättigt, sich einem anderen zu-
zuwenden.
Diesen weit verbreiteten Lehren stehen zwei andere
gegenüber: eine vierte also, welche die Richtung des Ge-
schlechtstriebs genau so, wie sie ist, für an-
geboren hält, sie schlummere nur bis zur Reife, sei aber im
Keim völlig festgelegt; und eine fünfte, die annimmt, daß
ein Zentrum des Geschlechtstriebs von individuellem Ge-
präge angeboren sei. Dieses sei aber nur für ganz be-
stimmte Sinneseindrücke, Vorstellungen und Gedankenver-
knüpfungen zugänglich und empfänglich, und zwar nur
für solche, für die es gemäß seiner anatomischen und funk-
tionellen Beschaffenheit abgestimmt ist, während die über-
große Mehrzahl äußerer Reize keine Erregung hervorzu-
bringen vermöge. Die letztgenannten beiden Anschau-
ungen messen also den äußeren Anlässen nur die sekun-
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Objektfindung des Kindes.
149
däre Bedeutung auslösender Momente bei. Das Primäre
ist nach ihnen die endogene und nur auf Adäquates rea-
gierende Triebrichtung, deren Sitz im Gehirn, Geist, Kör-
per des Individuums selbst zu, suchen ist. Nurdender
eigenen Individualität entsprechenden
Außenreizen wendet sich der Liebes-
trieb elementar zielstrebig zu.
Es ist klar, daß es für die Beurteilung der mensch-
lichen Liebe in mehr als einer Hinsicht von Bedeutung ist,
ob wir ihre Ursache und ihr Wesen für in der mensch-
lichen Organisation selbst begründet oder durch äußere
Einflüsse und „Zufälligkeiten" („chocs fortuits") bedingt
halten. Fassen wir kurz zusammen, was für das Ange-
borensein der Triebrichtung spricht, so ist es zunächst
der Umstand, daß die Triebrichtung seit frühester Kindheit
dieselbe ist. Jeder, der sich genau prüft, wird nach-
weisen können, daß sein „Geschmack" in der Hauptsache
schon vor dem Erwachen des Geschlechtstriebs vorhanden
war, wenn auch der erotische Charakter desselben sich erst
mit oder nach der Reife geltend machte und ins Bewußt-
sein trat. Gelegentlich findet man auch bei Kindern,
namentlich solchen aus neuropathischen Familien, schon
erotisch betonte Sympathien. Es beruhen diese auf einem
vorzeitigen Vibrieren des Sexualzentrums meist frühreifer
Gehirne und haben ebenso wie die Träume eine für die
Triebrichtung nicht zu unterschätzende, diagnostische Be-
deutung, entstammen aber auch wie diese inneren, nicht
äußeren Vorgängen. Wir können Freud folgen, wenn
er in seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" 48 )
meint, daß „der Prozeß der Objektfindung im Kinderleben
'*) II. Aufl. Leipzig und Wien, pag. 38 u. 79.
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150
Änderung der Triebrichtung
bereits vorgebildet sei", ferner, daß „das Kind Keime von
sexuellen Regungen mit zur Welt bringt", wenn er von
„infantilen", zur Pubertät aufgefrischten Andeutungen sexu-
eller Neigung des Kindes spricht. Aber es sind doch eben
nur „Keime", Andeutungen, leise Regungen in dem bis zur
Reife 1 im Latenzzustand befindlichen Sexualzentrum. Zwei-
tens spricht für das Angeborensein die außerordentliche
Festigkeit, mit der die Triebrichtung sozusagen organisch
mit der Persönlichkeit verknüpft ist. In den meisten Fällen
ist es völlig unmöglich, die Trieb r i c h t u n g umzuändern;
sie bleibt selbst den stärksten Einflüssen, Wünschen und
Hemmungen gegenüber stets dieselbe. NurdieBetäti-
gung des Triebs, auch wohl die Triebstärke,
nicht aber die Triebrichtung ist beein-
flußbar. Eine beabsichtigte Einwirkung kann sich da-
her niemals an die Reflexmechanismen, sondern immer nur
an die Hemmungsmechanismen wenden. Wenn neuer-
dings ein Autor 44 ) den Standpunkt vertreten hat,
daß man durch methodisches Heineinsenden von Assozia-
tionen in das Gehirn den Trieb ummodeln könne, so steht
diese Anschauung im Widerspruch mit allem, was wir von
der spezifischen Haftbarkeit von Sinneseindrücken wissen.
Es ist diese Methode nicht viel anders, als wenn man einen
Blinden, der gut hören kann, dadurch sehend machen will,
daß man ihm starke Lichtquellen vor sein Ohr hält, oder
einem Farbenblinden mit den von ihm nicht richtig er-
kannten Farben umgibt, oder einen Tauben heilen zu
können meint, indem man ihn in Konzerte führt. Was
44 ) Zeitschrift für Psychotherapie und medizinische Psycholo-
gie. Sonderabdruck aus Band III, Heft 1. Moll, die Behandlung
sexueller Perversionen mit besonderer Berücksichtigung der Asso-
ziationstherapie. Stuttgart, 1911.
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Individuelles Gepräge der Haftstelle.
151
Goethe vom Sehorgan sagt: „War' nicht das Auge
sonnen h a f t , die Sonne könnt es nie erblicken," gilt von
jedem Sinnesorgan, jeder Sinneszelle, auch vom Geschlechts-
sinn: ist der Geschlechtssinn nicht frauenhaft, so kann
das schönste Weib ihn nicht in Vibration versetzen; es
fehlt die Haf tstelle.
Drittens können wir auch das Angeborensein des
Geschlechtstriebs aus der Analogie aller übrigen Geschlechts-
charaktere folgern. Ohne Ausnahme tragen, wie leicht er-
sichtlich und erweislich, sämtliche Geschlechtszeichen des
Körpers und der Seele ein individuelles Gepräge auf ein-
geborener Grundlage; alle erscheinen zunächst einheitlich
geartet, verharren längere Zeit, vielfach von der Geburt bis
zur Reife, in einem Latenzzustand, um sich dann, ent-
sprechend den in ihnen ruhenden Kräften, in bestimmter
Weise zu entfalten. Diese Sexualdifferenzierung geht, von
außen völlig unbeeinflußt, nach immanenten Gesetzen vor
sich. Ebenso ist es mit denjenigen Teilen des Nerven-
systems, in denen der Geschlechtstrieb seinen Sitz hat.
Auch hier geht der Differenzierung ein indifferenzierter Zu-
stand voran, funktionell erkenntlich an einem Tasten,
Schwanken, Pendeln, bis entweder der Trieb sich ganz
allmählich aus dem Unklaren, Unbewußten und Unbe-
stimmten heraus auf das adäquate Geschlechtsziel ein-
richtet, oder sich plötzlich durch eine große Liebesleiden-
schaft, fast möchte man sagen „mit hörbarem Ruck", ein-
stellt.
Tatsächlich handelt es sich bei der Annahme, daß eine
erstmalige und von da ab dauernde sexuelle Exzitation und
Attraktion primär durch das reizauslösende Objekt, nicht
aber durch die individuelle Beschaffenheit der sexuellen
Empfangsorgane im Nervensystem bedingt sei, um eine
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152
Außenreiz und Konstitution
Theorie, die bisher weder bewiesen ist, noch überhaupt be-
wiesen werden kann. Denn daß das erstmalige Zu-
sammentreffen des entwickelten Geschlechtssinnes mit dem,
was „sein Fall" ist, Lustempfindungen auslösen muß, die,
wenn sie stark genug sind, auch ins Bewußtsein dringen,
bedarf als selbstverständlich keiner Erörterung.
Viertens zeigt immer wieder eine Gegenüberstellung
der außerordentlichen Verbreitung der in Betracht
kommenden Sexualreize und der Seltenheit der von
ihnen ausgehenden individuellen Sexualreaktion — des enor-
men Elektivismus, welcher den menschlichen Geschlechtstrieb
beherrscht—, die eine Tatsache, daß von demselben Objekt,
an dem Hunderttausende achtlos und reaktionslos vorüber-
gehen, ein einziges Subjekt in die höchste Ekstase versetzt
wird, daß nicht die Beschaffenheit des
Ob jekts, sondern die des Subjekts, nicht
der Außenreiz, an dem sich nur die Flamme ent-
zündet, sondern die innere Konstitution,
die A n 1 a g e oder Disposition das Ausschlag-
gebende ist.
Übrigens erkennen die Gelehrten, welche glauben, daß
die Richtung des Geschlechtstriebs erworben werden könne,
fast ausnahmslos an, daß eine Disposition für die jeweilige
Triebrichtung angeboren sein müsse. Indem sie aber diese
Anlage als conditio sine qua non zugeben, unterscheiden
sie sich von denen, die auf dem Standpunkt des Ange-
borenseins stehen, nur noch graduell, nicht mehr prinzi-
piell.
Allerdings herrschen wieder Meinungsverschieden-
heiten darüber, welcher Art dieseJDisposition ist. Die meisten
unterscheiden hinsichtlich des Sexualtriebes lediglich eine
gesunde und eine nervöse Disposition und meinen, daß
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Konstitutionstypen.
153
alles, was man gemeinhin im Sexualleben als normal be-
zeichnet, au! einer gesunden Anlage beruhe, alles was in
bezug auf Richtung und Stärke der Liebe von der Beschaffen-
heit der Mehrzahl (die ja gewöhnlich mit dem, was man die
Norm nennt, gleichbedeutend ist) abweicht, auf die neu-
ropathische Disposition zurückzuführen sei. Weitere Be-
sonderheiten der nervösen und nicht nervösen Anlage wer-
den meist nicht angenommen.
Mehr ins Spezielle geht Loewenfeld in seinem
Werke über „Die sexuelle Konstitution und andere Sexual-
Probleme": er nimmt 10 sexuelle Konstitutionstypen an,
die 5 gegensätzliche Konstitutionspaare bilden. Es sind
dies 1. die robuste und schwächliche Sexualkonstitution,
die er auf die Stärke sexueller Leistungs- und Widerstands-
fähigkeit bezieht, 2. eine erotische und torpide je nach dem
Grade sexueller Erregbarkeit, 3. die libidinöse und frigide
Sexualkonstitution, für welche ihm die Bedürftigkeit nach
sexueller Betätigung maßgebend ist, 4. die plethorische und
anämische Konstitution, die sich nach dem allgemeinen Er-
nährungszustand und der Produktion des Genitalapparates
richten, und endlich 5. auf pathologischem Gebiete noch
die sadistische und masochistische resp. sadistisch-maso-
chistische (algolagnistische) Konstitution, für welche er
„die Verbindung von Schmerz und Wollust" als be-
stimmend erachtet. Es erhellt ohne weiteres, daß alle diese
Konstitutionen, deren Grenzen nicht feste sind, für die
eigentliche Richtung des Geschlechtstriebes mit Aus-
nahme des 5. Konstitutionspaares fast ohne Bedeutung sind.
Sie beziehen sich fast sämtlich nur auf die Trieb stärke
und sind zum großen Teil davon abhängig, wie stark der
sexuelle Außenreiz dem anziehenden Typus entspricht, den
der Autor übrigens nicht als konstitutionell bedingt anzu-
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154
Unbegrenztheit spezifischer Anlagen
sehen scheint. Was die „sacnstisch-masochistische Konsti-
tution Loewenfelds 45 ) anlangt, von welcher der Autor sehr
richtig bemerkt, daß sie keineswegs zum Sadismus und
Masochismus (er meint zu Grausamkeitsakten) „führen
müsse", so würde es für die Erkenntnis und Konstruierung
sexueller Konstitutionstypen nutzbringender sein, wenn
man diesem Konstitutionspaar anstatt des pathologischen
Extrems den physiologischen Ursprung dieser Erscheinungen
zugrunde legen würde. — Dieser Ursprung ist beim Sadis-
mus im sexuellen Aktivismus, beim Masochismus im Passi-
vismus zu suchen.
Es scheint uns fraglich, ob sich überhaupt die Aufstel-
lung solcher Konstitutionstypen empfiehlt. Denn wenn es
richtig ist, was wir ausführten, und es erscheint uns diese
Tatsache über jedem Zweifel zu stehen, daß es nicht zwei
Menschen mit gleicher Sexualität gibt, und daß diese von
endogenen Ursachen abhängt, so erübrigt sich angesichts
dieser Unbegrenztheit spezifischer Anlagen die Einteilung in
Typen, wofern man sich nicht auf einige Hauptgesichts-
punkte im Wesen der Sexualpsyche beschränken will, die
allerdings für die Triebrichtung wertvolle Anhaltspunkte
bieten können. Hier würden sicherlich die Grundlagen
des Sadismus, in dem wir eine übermäßig gesteigerte und
verzerrte Form des sexuellen 1 Aktivismus zu erblicken haben,
sowie die des Masochismus, der sich aus dem übertriebenen
sexuellen Passivismus entwickelt hat, wichtige Unter-
scheidungsmerkmale darstellen.
Beide Wesenheiten kommen allerdings nie in einer
Psyche isoliert vor, sondern in unendlich mannigfaltigen
Mischungen. Wir können uns ein schematisch es Bild davon
4fi ) loc. cit. pag. 129.
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Aktivismus und Passivismus.
155
machen, wenn wir beide ; Agentien in je 1000 Einheiten ein-*
teilen würden — wir könnten freilich ebensogut 1 000 000 an-
nehmen. Dann kann je 1 Teil Aktivismus mit 999 Teilen Passi-
vismus verbunden sein, 2 Teile A mit 998 Teilen P und so
weiter 500 A mit 500 P bis 999 A mit 1 P. Aus verschie-
denen noch zu erörternden Gründen sind wir berechtigt,
das Aktivitätsprinzip im allgemeinen als männlich,
das Prinzip der Passivität als weiblich zu bezeichnen;
allerdings nicht etwa in dem Sinne, daß der Mann der
Typus der absoluten Aktivität, die Frau alleinige Trägerin
der Passivitäts-Komponente ist, sondern so, daß beide,
Mann und Weib, in einer Person aktiv und passiv,
aggressiv und rezeptiv, gebend und nehmend, suchend und
empfangend, leitend und leidend sind, und zwar in unend-
lich variablem Verhältnis.
Einige der Gründe, weshalb durchschnittlich die Akti-
vität mehr Eigentümlichkeit des Mannes, die Passivität mehr
Eigenart der Frau ist, seien bereits hier angeführt. Zu-
nächst sind die männlichen Keimzellen an Aktivität und
Produktivität den weiblichen weit überlegen. Die geißei-
förmigen männlichen besitzen ein Bewegungsorgan und da-
mit Eigenbewegung, die runden weiblichen Zellen nicht, sie
können nur passiv bewegt werden. Der Mann kann will-
kürlich nach Belieben die Keimzellen aus seinem Körper
entfernen, die Frau ist dazu außerstande. In derselben Zeit,
in der im Weibe 12 Keimzellen reifen, entwickeln sich im
Manne weit mehr als doppelt so viel Milliarden Keim-
zellen. Der Mann könnte in einem Jahre Dutzende, in
seinem Leben Hunderte von Kindern zeugen, die Frau un-
vergleichlich viel weniger. Trotzdem ruft die Ablösung der
Zellen beim Manne kaum Veränderungen hervor; der erste
Verkehr verändert seinen Körper nicht, die Frau dagegen
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156
Männliche und weibliche Erbmasse.
wird durch ihn „erschlossen", defloriert, und jede Ovula-
tion ruft periodische Vorgänge hervor, für die es beim
Manne keine Analogien gibt. Die Frau empfängt das
Kind, bewahrt, trägt und nährt es. Ebenso wie seine Keim-
stöcke ist im allgemeinen auch der männliche Körper und
Geist von stärkerer Aktivität beherrscht als der weibliche.
Bei der Frau steht wie im Leiblichen, so auch im See-
lischen das Empfangende, sich Hingebende im Vorder-
gründe.
Je stärker in einer Psyche das männliche oder das
weibliche Element allein vertreten ist, um so gefestigter und
einheitlicher erscheint sie; je mehr beide Elemente konkur-
rieren, um so gelockerter, labiler und komplizierter erscheint
das ganze Seelenleben. Sicherlich ist nicht nur für die Ge-
samtpersönlichkeit, sondern auch für das Sexualzentrum
das Verhältnis der männlichen zur weiblichen Erbmasse
das bedeutsamste Charakteristikum, und in der Schopen-
hauerschen Behauptung, daß sich ein bestimmter Grad von
Mannheit durch einen bestimmten Grad von Weibheit zu
ergänzen sucht, steckt viel Berechtigtes. Allein erschöpfend
ist das Problem dadurch nicht gelöst. Der Begriff Virilität
(Mannheit), Muliebrilität (Weibheit) ist nicht nur in quan-
titativer Hinsicht nicht einheitlich, sondern noch weniger
in qualitativer. Es können viele Tausende, um bei unserem
früheren Zahlenschema zu bleiben, beispielsweise 500 männ-
liche Einheiten und ebenso viele weibliche in sich beher-
bergen, bei jedem aber setzen sich die 500 Einheiten aus
ganz verschiedenen männlichen und weiblichen Eigenschaf-
ten zusammen.
Solange wir das Wesen der Persönlichkeit selbst, wel-
che sich angezogen fühlt, nicht in ihrer individuellen Eigen-
art erkannt haben, und bisher sind wir noch weit entfernt
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Das Wesen der Persönlichkeit.
157
davon, solange werden wir auch außerstande sein, die Ge-
setze völlig zu begreifen, nach denen die eine Wesenheit die
andere so mächtig affiziert. Außer Frage ist jedenfalls, daß
sowohl für die Erkenntnis des Wesens der Persönlichkeit
als für die Erkenntnis der sexuellen Attraktionen das
Mischungsverhältnis aktiver und passiver oder männlicher
und weiblicher Quotienten den Ausgangspunkt bilden muß,
das Aj wenn auch nicht das denn es gibt auch Eigen-
schaften, die, ohne männlich oder weiblich zu sein, gleich-
wohl für die sexuelle Anziehung bedeutungsvoll sind.
Aber nicht nur das Fundament für die Wirksamkeit sexu-
eller Reize ist der seelische Aktivismus und Passivismus,
sondern auch für die Umsetzung der ruhenden Spannkraft
in die lebendige Kraft der Liebesbetätigung.
Ehe wir uns diesen Vorgängen zentrifugaler Sexual-
lösung, der Art, wie sich die ruhende Kraft der Liebe in
die lebendige umwandelt, zuwenden, wollen wir des
besseren Verständnisses halber noch einmal die nervösen
Leitungsbahnen zusammenfassen, die im Sexualzentrunt
ihren End- und Ausgangspunkt haben. 46 ) Es sind dies
folgende:
I. Die von äußeren Sexualreizen ausgehenden Ein-
drücke gelangen über das äußere periphere und innere
zentrale Ende der entsprechenden Sinnesnerven zum Sexu-
alzentrum, wo lustbetont nur solche Reize haften, für die
spezifische Empfangsstellen vorhanden sind (Wahrneh-
mungsbahnen.)
II. Der Außenreiz ist nicht unbedingtes Erfordernis.
Es gilt hier das, was der große Schöpfer der Lehre von den
4 «) vgl. Tafel Sexualbahnen.
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158
Wahrnehmungsbahnen .
spezifischen Sinnesenergien, Johannes von Müller,
in seinen klassischen Leitsätzen bereits betonte: „es ist gewiß,
daß die Zentralteile der Sinnesnerven im Gehirn unab-
hängig von den Nervenleitern der bestimmten Sexualemp-
findungen fähig sind". Auch hinsichtlich der Sexualreize
kann an die Stelle der bestimmten Wahrnehmung die be-
stimmte Vorstellung treten; allerdings ist diese in seltenen
Fällen so wirksam wie der direkte Sexualreiz (V o r s t e 1 -
1 u n g s b a h n e n). Im allgemeinen wird die Bedeutung der
reinen Phantasietätigkeit im Sexualleben etwas überschätzt.
Sie ist jedenfalls nicht größer als die Macht bestimmter Ideen,
und Empfindungen auf den Körper im allgemeinen. Wir wis-
sen ja,i daß vielfach bereits beim bloßen Anblick eines leckeren
Mahles, ja manchmal schon beim Lesen des Menüs, die
Speichel- und Magensaft-Absonderung beginnt („das
Wasser läuft uns im Munde zusammen"), daß eingebildete
Gefahren fast genau dieselben Körperveränderungen her-
vorrufen können, wie wirklich vorhandene. Wie Ernst
Weber 47 ) erst neuerdings wieder zeigte, tritt bei Unlust-
gefühlen aktive Kontraktion der Hirngefäße ein mit Ab-
nahme der Blutfülle des Gehirns, bei Lustgefühlen eine Er-
weiterung der Rindengefäße und Zunahme der Blutmenge.
Ähnlich erzeugen auch sexuelle Lustvorstellungen ohne
den direkten Sinnenreiz einer anwesenden Person da-
durch, daß sie durch Erinnerungsbilder, Schilderungen
(Lektüre), Nachbildungen irgendwelcher Art, Traumphan-
tasien an den Stellen hervorgerufen werden, wo sonst der
lebendige Eindruck perzipiert wird, mehr oder minder
starke Lustgefühle (deren Erregung zum Teil von dem
§ 184 R.Str.G.B. mit Strafen bedroht wird). Aber diese
* 7 ) Ernst Weber: Der Einfluß psychischer Vorgange auf
den Körper, insbesondere auf die Blutverteilung. Berlin 1910.
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Vorstellungsbahnen
159
Vorstellungsreflexe können die eigentlichen Sinnesreflexe
nur dann vertreten, wenn sie denselben In-
halt haben wie die, für welche das Sexualzentrum die
spezitische Haftbarkeit besitzt. So läßt der Anblick des
zierlichsten Fußes denjenigen, der große Füße liebt,
„kalt", und die Vorstellungen allein sind niemals imstande,
einen unsympathischen Körper in einen sympathischen zu
verwandeln.
Die Vorstellungen, welche auf das Sexualzentrum er-
regend wirken, zeigen außerdem die Eigentümlichkeit, daß
sie bei weitem nicht so ins Spezielle gehen, wie die der
direkten Wahrnehmung zugänglichen Sexualreize. Sofern
die Vorstellungen nicht durch detaillierte Schilderungen
oder Abbilder hervorgerufen werden, beziehen sie sich
mehr auf den reizenden Gesamttypus als auf seine Ein-
zelheiten, von denen, wie wir sahen, in so unend-
licher Spezialisiertheit eine erotische Reizung ausgehen
kann. Es legt diese Beobachtung den Gedanken nahe,
daß die Sinneseindrücke nicht einfach von der zen-
tralen Endstelle der nervösen Leitungsbahnen durch das
Vorstellungszentrum hindurchpassieren, um so, wie sie
sind, das Sexualzentrum zu erregen, sondern daß eine
ineinandergreifende Kette von Gedankenverknüpfungen
zwischen den beiden Polen — dem äußeren Gegenstand
der Liebe und dem endogenen zielstrebigen Zentrum —
gelegen ist. Irgendeine Eigenschaft wird durch unwillkür-
liche und meist unbewußte Ideen als besonders typisch für
den Typus empfunden, auf den das Sexualzentrum gemäß
seiner individuellen Beschaffenheit abgestimmt ist. Die
Brücke also zwischen Sexualreiz und Sexualzentrum, die
Verbindung zugleich zwischen den wichtigen Grundge-
setzen des sexualen Partialismus und Elektivismus ist durch
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160
Assoziationsbahnen .
zentrale Ideenassoziationen gegeben, die fest in einer ganz
spezifischen Sexualpsyche wurzeln. Der rei-
zende Teil wird als pars pro toto, als eine konzentrierte
Versinnbildlichung der anziehenden Gesamtper-
sonlichkeit in ihrer psycho-somatischen Besonderheit emp-
funden. 48 ) Es dürfte nicht ganz leicht sein, in allen Fällen
den assoziativen, oft sehr verschlungenen, meist unterbe-
wußten Verbindungsbahnen nachzugehen, die von der
psychosexuellen Konstitution des Individuums in Etappen
zu dem Gegenstande führen, den es hebt oder haßt.
Verhältnismäßig am nächsten kommt man noch den
Assoziationswegen, wenn man die Gedankengänge und die
ihrer Meinung nach objektiven Deutungen, welche manche
Personen für ihre Attraktion oder Aversion selbst angeben,
zu subjektivieren sucht. So begründete ein Schriftsteller,
welcher eine besondere Vorliebe für schöne Arme hatte,
seine Vorliebe folgendermaßen: „Für mich, der ich schöne,
gesunde, in voller Schaffenskraft stehende Personen liebe,
ist der Arm ein Fetisch; er ist mir wie eine Essenz der
mir sympathischen Persönlichkeit; in ihm spricht sich die
ganze mich berauschende Machtfülle einer stolzen, statt-
lichen, herrschenden Individualität aus. Er ist das Sinn-
bild der Energie, des kraftvollen Schaffens, das ich an einer
mich fesselnden Person besonders liebe." Und die oben
(pag. 100 f.) erwähnte Dame, der es unmöglich ist, „für
einen Vollbartträger jemals in Liebe zu entbrennen",
schreibt folgendes: „Ein Mann, den ich liebe, soll mir,
") Auch Iwan Bloch definiert in seinen Beiträgen zur Ätio-
logie der Psychopatm'a sexualis (II, p. 131) und im SexuaUeben
unserer Zeit (p. 672) „die sexuellen Fetische als in den jeweiligen
Fällen besonders geeignete Symbole des Wesens der geliebten Per-
son, an die die Vorstellung des ganzen Typus am leichtesten an-
knüpfen kann."
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Hemmungsbahnen. 161
die ich selbst einen männlichen Einschlag habe, zwar an
Verstand, scharfer Logik und starker Willenskraft über-
legen sein, es darf dies aber durchaus nicht durch Derb-
heit, Brutalität, Gewaltmenschentum hervortreten. Ich ver-
lange in Verbindung mit seinem geistigen Obergewicht eine
zarte Psyche, ich verlange eine feine, stolze, geistreiche
Männlichkeit, keine plumpe Aufdringlichkeit und Überhe-
bung, wie sie der ekelhafte Vollbart als häßliches Schau-
und Prunkstück deutlich genug verrät."
Nicht etwa also irgendein äußeres Erlebnis, das sich
zufälligerweise mit sexuellen Gefühlsbetonungen ver-
knüpfte, wie dies nach dem Vorgang von B i n e t und
Krafft-Ebing noch heute viele Psychiater annehmen,
ist für die Geschmacksrichtung, gleichviel ob das Sexualziel
von der Norm abweicht oder nicht, bestimmend, sondern nur
die spezifische Sexualpsyche — das Sexualzentrum
— , das nie auf etwas Beliebiges, Zufälliges, Gleichgültiges,
sondern immer nur auf Vorstellungen reagiert, die
-dem adäquaten Sexualziel entsprechen.
III. Mit den Wahrnehmungs- und Vorstellungsbahnen
ist die Zahl der zum Sexualzentrum ziehenden Nerven-
leitungen keineswegs erschöpft. Es kommen hinzu die
Hemmungsbahnen, welche von der Hirnoberfläche
ausgehend an denselben Zentren wie die Reflexmechanis-
men angreifen, um als Regulatoren zu wirken. Wir werden
uns mit der Bedeutung dieser Hemmungsmechanismen im
dritten Teile dieser Arbeit noch eingehend zu befassen
haben.
IV. Vorher müssen wir aber noch die vom Sexual-
zentrum ausgehenden Nervenäste und ihre Wirkungen
genauer kennen lernen. Den auf der einen Seite in das
Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 1 1
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162
Trieb- und Handlungsbahnen.
Sexualzentrum einlaufenden sensorischen Erregungsbahnen
entsprechen die auf der andern Seite auslaufenden moto-
rischen Bahnen, die sich zunächst zu den lokomotorischen.
Gehirnzentren begeben, die neben der Rolandsfurche ge-
legen sind. Es sind dies das Sprachzentrum, die Zentren
für Bewegungen der Beine, Arme und des Gesichts. Die
reflektorische Innervation dieser zentralen Endstellen der
Bewegungsnerven bewirkt die zahllosen Liebesäußerungen
vom ersten Anschauen und Liebesgruß bis zum Kuß, zum
Liebesbrief, zur Umarmung und zu allen Arten sexueller
Vereinigung (Handlungsbahnen).
V. Wie aber der sensible Ast vom Sexualzentrum nicht
immer bis zur Wahrnehmungsstelle an der Körperober-
fläche, sondern oft nur bis zum zentralen Vorstellungsende,
reicht, so erstreckt sich auch der motorische Reflexast oft
nur bis zum zentralen Ende der Bewegungsbahnen im Ge-
hirn, keineswegs stets bis an die im Muskel befindliche
Endstelle. Mit anderen Worten, die reflektorische Reizung
führt oft nur bis zum Triebe, nicht immer zur Tat;
sexuelle Absichten, Wünsche gehen durchaus nicht immer
in sexuelle Handlungen über (T r i e b b a h n e n).
VI. Außer den genannten muß aber noch eine weitere
Verbindung zwischen dem Sexualzentrum und anderen Ge-
hirnteilen bestehen, und zwar mit denen, an welche die
geistige Eigenart eines Menschen geknüpft ist. Wir sahen,
daß es gerade diese Charaktereigenschaften sind — etwa
die Kühnheit eines Mannes, die Schamhaftigkeit einer
Frau — , die oft eine so große Anziehungskraft ausüben.
Wir erinnern uns nun nochmals, daß viele der seltsamen
Kleinigkeiten, die eine so hohe sexuelle Bedeutung gewinnen
können, dies dem Umstände verdanken, daß sie durch
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Projektionsbahnen.
163
Vorstellungen, die sich an ihren Eindruck reihen, derartige
seelische Eigenschaften verkörpern. Die Sporen beispiels-
weise, durch deren Anblick viele Frauen erregt werden —
Kavalleristen wissen davon zu erzählen — , reizen nicht
durch ihren Glanz oder ihre Form, sondern durch die an
sie sich knüpfende Vorstellung von Tapferkeit, ähnlich wie
ein Frauenschuh mit hohen Absätzen im Gegensatz zum
Mannesstiefel als ein Symbol weiblicher Zierlichkeit reizt.
Ohne daß wir uns darüber klar sind, empfinden wir diese
leblosen Stücke als Ausdruck von etwas Geistigem. Diese
geistigen Eigenschaften haben aber in ihrer sonstigen
Lebenswirksamkeit mit dem Sexuellen direkt nichts zu tun.
Wir können kaum annehmen, daß der Mut eines Mannes
im Kriege, das stille hauswirtschaftliche Wirken einer Frau
im Sexualzentrum selbst ihren Sitz haben. Es sind aber
gleichwohl nicht nur Eigenschaften, die uns am Sexualziel
anziehen, sondern die auch, wenn in uns selbst vorhanden,
besonders bestrebt sind, sich zu ergänzen. Sie drücken zum
guten Teil dem Zentrum unserer Geschmacksrichtung so
sehr seinen individuellen Stempel auf, daß wir allen Grund
haben, anzunehmen, daß zwischen den Partien sexuellen
Fühlens und den Zentren seelischer Beschaffenheit Verbin-
dungsbahnen laufen. Fraglich bleibt nur, ob die seelischen
Charaktereigenschaften Projektionsfasern in das Sexualzen-
trum senden oder ob dieses aus seiner angeborenen, wenn
auch lange latenten Sonderart seinerseits Leitungen aus-
streckt, die den Charakter gestalten. Letzteres scheint aus
entwickelungsgeschichtlichen Erwägungen das Wahrschein-
lichere. Jedenfalls verstehen wir bei dieser Vertiefung in
den Zusammenhang, weshalb von mehr als einem Denker
das Geschlechtliche als die Wurzel alles Seins bezeichnet
wurde. So sagt Nietzsche: „Grad und Art der Geschlecht-
11*
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164
Mündungsslelle der Leitungsbahnen
lichkeit eines Menschen reicht bis in den letzten Gipfel
seines Geistes hinauf. u
Fragen wir uns, nachdem wir die in das Sexualzen-
trum ein- und von ihm auslaufenden Leitungsbahnen bis
in die Nähe der Zentralstelle verfolgten, wo diese selbst
ihren Sitz haben mag, so dürfte es kaum zweifelhaft sein,
daß es sich um eine im Mittelpunkt des Gehirns belegene
Gegend handeln muß, wohin und von wo sämtliche Eüv
und Ausstrahlungen konvergieren und divergieren. Am
eingehendsten beschäftigte sich mit der Lokalisationsfrage
des Geschlechtstriebs bisher Franz Joseph Gall , 50 )
der vielgeschmähte, neuerdings aber von Möbius und
Bunge mit Recht wieder zu Ehren gebrachte geniale
Gelehrte. Er nahm an, daß das Kleinhirn der Sitz des
Geschlechtstriebes sei, und zwar stützte er sich dabei im
wesentlichen auf folgende Argumente:
I. Das Kleinhirn ist bei Neugeborenen im Verhältnis
zum Gesamthirn schwach entwickelt, wie 1 : 9—20. Es
wächst am stärksten nach der Pubertät, besonders im IS.
Lebensjahre, und es ist beim Erwachsenen dann das Ver-
hältnis wie 1 : 5 — 7.
II. Die individuellen Verschiedenheiten in der Ent-
wicklung des Kleinhirns sind sehr groß. Der Grad der
Entwicklung beim lebenden Menschen ist äußerlich kennt-
lich an dem Abstand der Processus mastoidei. Je weiter
diese von einander abstehen, desto breiter und stärker ist die
M ) Franz Joseph Gall. Anatomie et Physiologie du Systeme
nerveux. 4 Bände. Paris 1810 — 18. Die uns interessierenden Stellen
finden sich Vol. III. p. 85—138. P. J. Möbius: Ober Franz Jo-
seph Gall. Schmidts Jahrbücher. Bd. 262. p. 260. 1899. O. v.
Bunge, Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Leipzig 1901.
I. Band 16. u. 17. Vortrag, p. 222 ff., besonders auch p. 236.
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Galls Kleinhirntheorie. 165
Nackenmuskulatur. Gall will nun an einem sehr umfassen-
den Material beobachtet haben, daß Personen mit breitem,
muskulösem Nacken einen besonders starken Geschlechts-
trieb haben.
III. Das Kleinhirn ist beim Manne durchschnittlich
stärker entwickelt als beim Weibe. Diesen Unterschied fand
Gall in der ganzen Säugetierreihe von der Spitzmaus bis
zum Elefanten bestätigt.
IV. Werden Menschen und Tiere vor der Pubertät
kastriert, so bleibt das Kleinhirn in seiner Entwicklung
zurück.
V. Wird nur ein Hoden exstirpiert, so atrophiert nur
die eine Hälfte des Kleinhirns, und zwar an der gekreuzten
Seite. Gall will dies nicht nur bei Tieren, sondern in
mehreren Fällen bei zufälligen Verletzungen, auch am
Menschen beobachtet haben.
VI. Der Mensch, in welchem der Geschlechtstrieb das
ganze Jahr über rege ist, hat ein stärker entwickeltes Klein-
hirn als die Tiere, bei denen sich der Geschlechtstrieb nur
zur Zeit der Brunst regt.
Galls bestechende Behauptungen entbehren vielfach
einer exakten zahlenmäßigen Grundlage und sind daher
auch vielfach bestritten und heftig angegriffen — der edle
Gelehrte hatte unter dem Haß der Kirche und dem Neid
der Fachgenossen namenlos leiden müssen — , sie sind
aber noch keineswegs widerlegt. Für seine Annahme
spricht die neuerdings festgestellte Tatsache, daß sich die
sensiblen Nervenbahnen von der ganzen Körperoberfläche
her bis zum Wurm des Kleinhirns verfolgen lassen, und
zwar reichen die ersten Neurone bis zu den Qarkeschen
Säulen, von wo aus sie auf den Kleinhirnseitenstrangbahnen
weiter ziehen.
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166
Die Hypophyse.
Manches spricht dafür, in den so zentral gelegenen
Gebilden der Epiphyse und vor allem in der, an der Hirn-
basis so wohlgeschützt in der sella turcica eingebetteten
Hypophyse die zerebralen Mittelpunkte sexueller Vorgänge
zu erblicken.
Es ist dieselbe mediale Region, in der Cartesius einst
den Sitz der Seele suchte, eine Anschauung, die fallen
mußte, als man erkannte, ein wie vielgestaltiges Ding
Fühlen, Denken und Wollen des Menschen, die unter dem
Begriff Seele zusammengefaßte Trias, ist.
Auch bei der Annahme, daß die Hypophyse Sitz der
Geschlechtsseele, des Sexualzentrums sei, handelt es sich
vorlaufig nur um eine Vermutung, doch scheint sie wesent-
lich fundierter als die Theorie des Cartesius. Die Auffin-
dung sekretorischer Drüsenzellen und Ausführungsgänge")'
in der Hypophyse legt die Vermutung nahe, daß hier die
Aufspeicherung und Absonderung jener chemischen
Rauschsubstanz stattfindet, auf die, wie noch des näheren
auseinandergesetzt werden soll, der sexuelle Lustzu-
stand letzten Endes zurückzuführen sein dürfte. Auch
der Umstand, daß die Gehirnanfänge des Nerv, sympa-
thicus in der Trichterregion belegen sind, verweist auf die
Zusammenhänge dieser Gehirnpartie mit dem Sexualleben.
Vor allem würde es sich empfehlen, recht genau ver-
gleichend diesen Hirnteil (und auch andere) bei kastrierten
und nicht kastrierten Menschen und Tieren zu untersuchen,
um festzustellen, ob und inwieweit diese Teile dort ver-
kümmert sind, wo man die Keimstöcke entfernte, und dies
geschieht ja heute noch namentlich bei Tieren in ausge-
5l ) Die Ausführwege der Hypophyse von L. Edinger (Archiv
f. miskroskop. Anat. LXXVII1. 1911.) Ref.: P. Röthig (Charlotte*,
burg).
V
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Der innere Chemismus.
dehntem Maße, um Mastvieh zu züchten oder Lasttiere ge-
duldiger zu machen.
Wir berühren hier den wichtigen Zusammenhang und
unverkennbaren Einfluß, welchen die Keimzellen und die
Unterdrückung ihrer Sekretion auf die Tätigkeit des Sexual-
zentrums ausüben.
Dieser Einfluß ist kein absoluter — das will sagen:
das Sexualzentrum ist auch dann nicht völlig
außer Tätigkeit, wenn die Keimdrüsen nicht oder noch
nicht oder nicht mehr absondern. Es unterliegt aber
keinem Zweifel, daß erst mit dem Moment, in dem das
Leben in den reifenden Eier- und Samenstöcken einsetzt,
die große Veränderung im Körper und in der Seele des
Menschen vonstatten geht, daß nunmehr das bis dahin
auch vom Sprachinstinkt sehr fein als neutral erfaßte Kind
ein Qeschiechtsvorzeichen erhält, also ein Mann oder
eine Frau wird. Fast alle Autoren, 52 ) die sich mit der
Wechselwirkung zwischen Keimzellbildung und Libido be-
schäftigten, erklären sich diese Vorgänge durch inneren
Chemismus, also so, daß von der Zeit der Reife ab, ähn-
lich wie zur Zeit der Brunst der Tiere, Körperdrüsen —
ob hauptsächlich die Keimdrüsen, bleibe zunächst dahinge-
stellt — einen Stoff absondern, der durch chemische Rei-
zung gewisser Stellen dort ruhende Kräfte lebendig macht
Diese Substanz, die in des Wortes wörtlichster Bedeu-
tung als Lebenssaft bezeichnet werden kann, um-
spült die bis dahin nur in Keimen vorhandenen Flaum-
härchen und läßt sie sprossen, umspült die Stimmbänder
des Mannes und läßt sie wachsen, die Brustdrüsen der
Frau und läßt sie schwellen, sie umspült auch in völlig
sa ) Mit Ausnahme von Moll, vgl. Loewenfeld, loc. dt. p. 38.
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168
Speisung des Sexualzentrums.
analoger Weise das bis dahin schlafende Sexualzentrum und
bringt es zum Leben. Wer sich einmal darüber klar ge-
worden ist, wie die heute durch das Rasiermesser spurlos
entfernte Barthaarschicht morgen schon wieder in Stoppeln
nachgewachsen ist — ein Bild der im Korper unausgesetzt
tatigen Aktivität — , kann sich auch eine Vorstellung da-
von machen, wie die Entleerung der Keimsubstanzen eine
Weile zwar die Erregbarkeit des entlasteten Sexualzentrums
herabsetzt, wie dieses jedoch nach kurzer Zeit mit neu
gebildeten Stoffen frisch gespeist und wieder für die Reize
voll empfänglich gemacht wird, bis es völüg gesattigt
schließlich nach erneuter Entspannung drängt
Von Wichtigkeit ist dabei zu konstatieren, daß diese
reizende Substanz die Anlage selbst in ihrer individu-
ellen Eigenart, vor allem ihrer Triebrichtung, nicht ver-
ändert, sondern lediglich ihre Tätigkeit anregt, sie er-
weckt.
Um über die Wirksamkeit des nach innen sezernierten
Keimsaftes Klarheit zu gewinnen, ist es vor allem nötig,
sorgsam die Ausfallserscheinungen an Tieren und beson-
ders an Menschen zu studieren, bei denen diese Abson-
derung künstlich ausgeschaltet ist. Es ist recht bezeichnend
für die Aufmerksamkeit, die der primitive Mensch den
Sexualvorgängen zuwandte, daß die Entfernung der Keim-
stöcke (die sogen. Kastration) einer der ältesten, vielleicht
sogar der älteste operative Eingriff war, den die Menschen
an Tieren und Menschen vornahmen. Was nun die Fol-
gen der Fortnahme eines so bedeutsamen Gebildes für das
beraubte Individuum selbst betrifft, so zeigen diese unter
den verschiedenen Tieren und unter Tieren und Menschen
eine ganz auffallende Obereinstimmung. Wallach und Ochs
'verhalten sich zu Hengst und Stier auf der einen, Stute und
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Kastratenstudien
169
Kuh auf der andern Seite ganz ähnlich wie der mensch-
liche Kastrat zum Manne und Weibe, .und selbst der Kapaun,
die Poularde nehmen hinsichtlich ihrer Eigenschaften
gegenüber Huhn und Pute einerseits und Hahn und Puter
andererseits eine ganz ähnliche Mittelstellung ein.
Von menschlichen Kastraten, die ja erfreulicherweise'
jetzt viel seltener sind als früher, nahm ich Gelegenheit,
zwei Gruppen näher kennen zu lernen: Die Lipowaner
in Bukarest und die auch unter dem jungtürkischen Regime
noch immer ziemlich zahlreichen und einflußreichen Eu-
nuchen in Konstantinopel. Die Lipowaner, welche der
Skopzensekte angehören — sie sind fast ausschließlich Kut-
scher — unterziehen sich der Verschneidung freiwillig mit
Bezug auf folgende Schriftstellen (der Text nach de Wette):
Matth. 19, 12: Es gibt nämlich Verschnittene, die
von Mutterleibe also geboren sind; und es gibt Ver-
schnittene, welche verschnitten worden sind von den Men-
schen, und es gibt Verschnittene, die sich
selbstverschnittenhabenumdes Himmel-
reichs willen. Wer es fassen kann, der fasse es!
Col. 3, 5: So tötet nun Eure Glieder,
die irdischen, Hurerei, Unzucht, Leidenschaft, böse
Begierde und die Habsucht, als welche Götzendienst ist . .
Jes. 56, 3: Und nicht spreche der Fremdling, der
sich an Jehovah anschließt: Ausscheiden wird mich Jehovah
von seinem Volke; und nicht spreche der Hämm-
ling: Sieh', ich bin ein dürrer Baum!
Die Eunuchen werden meist zwischen dem 3. und 10.
Lebensjahr von Händlern ihren Eltern abgekauft und von
jenen meist gänzlich ihrer äußeren Genitalien beraubt, so
daß sich vom Damm nach dem Nabel zu eine große, glatte
Schnittnarbe erstreckt, in der sich nur die kleine Ausgangs-
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170
Lipowaner und Eunuchen.
Öffnung für den Harn befindet. Bei dieser Operation —
Wunde und Körper des Kindes werden, nachdem die Teile
mit einem Rasiermesser abgeschnitten sind, einige Tage
mit heißem Sand bedeckt — sollen von 100 Knaben 90 zu-
grunde gehen.
Was mir sowohl bei den Lipowanera als bei den Eu-
nuchen am meisten auffiel, war der große Mangel an In-
dividualitat. Sie zeigen untereinander im Aussehen und
Wesen eine viel größere Ähnlichkeit, als sie sonst Männer
und Frauen unter sich erkennen lassen. Ihrem Charakter
nach sind die Eunuchen und Skopzen meist liebenswür-
dige, zuvorkommende, anhängliche und dankbare Men-
schen. Fast alle geben viel auf ihr Äußeres, kleiden sich
ungemein sorgsam und sauber, tragen gern Schmuck, sind
fromm, gehen viel in Kirchen und Moscheen, lieben Tiere,
besonders Pferde. Die Lipowaner sind bei weitem die besten
Kutscher auf dem Balkan, die Eunuchen die besten Reiter
Konstantinopels. Die Eunuchen in Konstantinopel haben
eine besondere Vorliebe für Hammel, die sie großziehen,
um sie am Beiramfest an gute Freunde zu verschenken. Vor
allem aber lieben sie Kinder; die Eunuchen adoptieren
solche nicht selten, um sie aufzuziehen, von ihrem Gelde
auszustatten und als Erben einzusetzen.
Wie alles von der Norm in sexueller Hinsicht Abwei-
chende, sind auch die Kastraten sehr verschämt, sprechen
sich nicht leicht aus, und es kostet Mühe, ihr Vertrauen zu
gewinnen (eine Gabe, die man sich übrigens, wenn man
sie nicht besitzt, schwer geben kann). Die Bekanntschaft
der türkischen Eunuchen verdankte ich der durch einen
armenischen Freund mir vermittelten Beziehung zu einem
Leibarzt des früheren Sultans Abdul Hamid. In keiner
oder nur sehr geringfügiger Weise werden die rein intel-
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Mangd an Individualität.
171
lektuellen Fähigkeiten von der Kastration beeinflußt. Es
gibt sowohl unter den Lipowanern als namentlich unter
den Eunuchen sehr intelligente, fein gebildete Leute. Als
Beispiele hervorragender Kastraten unter geschichtlichen
Persönlichkeiten führen Möbius und Rieger den
Kirchenvater Origenes, den Feldherrn Narses und den
Philosophen Abälard an.
Trotzdem die Eunuchen völlig ein Besitztum ihrer
Herrschaft sind, beherrschen sie diese oft vollkommen; die
Obereunuchen waren bis in unsere Tage die mächtigsten
Hofbeamten der Sultane. Der Eunuch, der in feinen Häu-
sern meist den Frauen als ein Teil ihrer Brautausstattung
mitgegeben wird, gilt als „Haussohn" und wird als solcher
sehr gut gehalten, oft verhätschelt und verwöhnt, zumal da
nicht wenige von schwächlicher Gesundheit sind. Viele
sterben bereits jung an Tuberkulose, noch mehr gehen an
Cystitis und Nephritis zugrunde, da trotz peinlichster
Sauberkeit nicht selten durch die unverschlossene Harn-
röhrenmündung Infektionskeime eindringen; diejenigen,
welche das 30. Jahr glücklich überstanden haben, erliegen'
später meist der Herzverfettung, die als Teilerscheinung der
allgemeinen Fettsucht auftritt, an der in vorgerückten Jahren»
fast alle leiden.
In jüngeren Jahren zeigt sich bei den Kastraten das
Längenwachstum in auffallender Weise stärker als das
Wachstum in die Breite. Vom 16. Jahre ab bis Ende
der Zwanzig sind die meisten sehr hoch aufgeschossen und
schmal. Die Beine und besonders die Arme sind viel län-
ger, als es den normalen Körperproportionen entspricht.
Schon Pelikan hat auf dieses exzessive Längenwachs-
tum bei den Skopzen hingewiesen. Es rührt offenbar
davon her, daß die innerlich sezernierte Keimflüssigkeit
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Ausfallserscheinungen.
die Verknöcherung der knorpeligen Skeletteile bewirkt.
Ich sah Eunuchen, deren Arme, ausgestreckt, bis in die
Gegend der Kniee reichten. Ihr Gang ist infolge dieser
Bauart und der meist schlaffen Muskulatur eigentümlich
schlenkernd, ungraziös, durchaus nicht etwa weiblich.
Die Haut der Kastraten ist glanzlos, eigentümlich fahl
und hell und schon ziemlich früh welk; bei den weiß*
rassigen Kastraten Bukarests erscheint sie pergamentartig.
Die Eunuchen Stambuls, die zu etwa 70% aus Nubien,
zum kleineren Teil aus Arabien und Persien stammen,
sind meist dunkel gefärbt, vom lichten Braun bis zum
tiefen Schwarz, so daß hier der Hautkontrast zwischen ihnen
und ihren nicht verschnittenen Landsleuten schwer feststell-
bar ist. Die Haut ist, abgesehen von dem ziemlich reich-
lichen, strähnigen, fettlosen, bei den Skopzen oft strohfarbenen
und strohartigen Haupthaar, vollkommen haarlos, auch
die Achselhöhlen- und Schamhaare fehlen den Früh-
kastrierten gänzlich. Möbius betont, daß Eunuchen nicht
kahlköpfig werden, er zitiert auch Gruber und Bü-
na r z , die angaben, daß, wenn bei Kastrierten Schamhaare
vorhanden sind, diese nicht die bei Männern gewöhnliche
Rhombusform, sondern die weibliche Dreiecksform zeigen.
Man hört manchmal, daß sich bei den Kastraten meist
weibliche Brüste entwickeln. Dies ist eine unrichtige Mei-
nung, offenbar entstanden durch die bei ihnen stattfindende
Ansammlung von Unterhautfettgeweben, die vom 30. Jahre
ab sehr reichlich ist und in der Brustgegerid weibliche
Formen vortäuscht. Es finden sich jedoch auch in der
zuverlässigeren Literatur über diesen Gegenstand Beobach-
tungen angeführt von echter Weibbrüstigkeit — Gynäko-
mastie — bei Kastraten mit geringer Milch- und Kol-
1 osf rumsekretion .
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Keimsaftwirkung.
173
Sehr bekannt und in der Tat recht auffallend ist die hohe
Kastratenstimme, deren Erzeugung vor noch gar nicht allzu
langer Zeit ein nicht seltener Grund war, die Keimstöcke
vor der Reife auszulösen. Die Sangeskunst der italienischen»
Verschnittenen war im ganzen Mittelalter weit gerühmt.
Noch während des ganzen 18. Jahrhunderts wurden zu
diesem Zweck in den Kirchenstaaten jährlich mehr als
2000 Kinder kastriert. „La voix des castrats imite celledes
cherubins au ciel a , lautete ein weitverbreiteter Spruch, und
an den Schaufenstern fast jedes Heilgehilfen und Barbiers
konnte man lesen: „ici on chätre ä bon march£ a oder „qui
si castrano ragazzi ä buon mercato" (hier wird billig ver-
schnitten). Rossini schrieb 1827 die Oper „Aureliano in
Palmyra" für den Kastraten Velutti, und Napoleon soll zu
Tränen gerührt gewesen sein (emu jusqu'aux larmes), als
der Kastrat Crescentini vor ihm in „Romeo und Julia" sang.
Ich hatte selbst noch Gelegenheit, mir in Rom einige
Kastratensänger aus dem berühmten Chor der Peterskirche
vorstellen zu lassen, die allerdings schon alte Leute waren.
Dupuytren will konstatiert haben, daß der Kastraten-
kehlkopf um ein Drittel kleiner sei als der des normalen
Mannes. Die Stimme der meisten Kastraten gleicht auch
noch im Alter einer hellen Kinderstimme, wie man sie
übrigens auch bei völlig normalen Männern gar nicht so
selten findet.
Außer dieser hohen Stimmlage ist es gewöhnlich
der kindliche Gesichtsausdruck, der am stärksten mit den
großen Figuren kontrastiert. Ein guter Kenner der Buka-
rester Lipowaner sagte mir, daß das Alter dieser Leute
oft ungemein schwer zu bestimmen sei; 50 jährige sähen
wie 20 jährige aus, aber auch das Umgekehrte komme vor.
Die meisten jungen Kastraten haben übrigens hübsche,
r
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Gespräche mit Eunuchen.
durch die Freundlichkeit ihres Wesens noch verschönte Ge-
sichter, so daß man den Berichten alter Schriftsteller wohl
Glauben schenken kann, daß die römischen Verschnittenen,
die man Spadones nannte, in gewissen Kreisen der rö-
mischen Frauenwelt sehr favorisiert wurden.
Das gutmütige und geduldige Wesen der Kastraten ist
um so mehr zu bewundern, als sie fast ausnahmslos see-
lisch sehr leiden und vielfach einen starken Hang zur Me-
lancholie haben. Man könnte einwenden, daß sie die Liebe,
nach der sie kein oder doch nur ein sehr geringes Ver-
langen hätten, doch auch nicht sonderlich vermissen
dürften. Dem ist jedoch in Wirklichkeit nicht so. Selbst
wenn ihr Geschlechtstrieb nur sehr gering wäre — was aber,
wie wir gleich noch auseinandersetzen werden, keines-
wegs durchgängig der Fall ist — , so belehrt sie das,
was sie von anderen sehen, hören und lesen, genug
über das, was sie entbehren. Mein türkischer Kollege
stellte mir einmal einen Eunuchen aus sehr vornehmem
Hause vor. Wir trafen ihn an einem Freitag — dem Sonn-
lag der Mohammedaner — an den „süßen Wassern Euro-
pas^ jenem kleinen, vom Goldenen Horn abgehenden Flüß-
chen, auf und an dem man an Feiertagen viele Tausende
tiefverschleierter Haremsdamen, ebenso wie Männer aller
Gesellschaftsschichten in Kajaks (kleinen Kähnen), zu
Wagen, Pferde und Fuß beobachten kann, wie sie der mo-
notonen Musik lauschen, plaudern, Mokka schlürfen oder
stundenlang still hockend auf den allmählich zum Fluß ab-
fallenden Bergwiesen sitzen. Hier kann man auch sehr
viele Eunuchen sehen, die meisten zu Pferde, fast alle sehr
elegant. Als mein Begleiter seinen Bekannten traf, stieg dieser
vom Sattel. Er trug die graue „Stambuline", den langen
Gehrock, der eine Art Uniform der Eunuchen ist, hatte
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Innersekretorische Vorgänge.
175
viele Brillanten an den Händen und in der Krawatte und
unterhielt sich in sehr verbindlicher Form und elegantem
Französisch eine ganze Weile mit uns, indem er uns auf
eine Anzahl älterer und jüngerer Prinzen, auf bekannte
Paschas und andere merkwürdige Dinge und Menschen
aufmerksam machte. Als er dann auch allerlei von dem
überaus prunkvollen Leben seines Hauses erzählt hatte,
machte ich die Bemerkung, daß es doch schön sein müsse,
in so luxuriösen Villen und Gärten, umgeben von so viel
Glanz und Reichtum, zu leben. Da sagte er: „Glauben Sie
mir, Doktor, arm wollte ich sein, ganz arm, wenn ich nur
das eine hätte, was mir fehlt."
Alle die erwähnten Folgeerscheinungen der Kastra-
tion sind um so deutlicher ausgeprägt, je früher diese er-
folgte. Sie verschwinden zum großen Teil wieder, wenn
die aus ihrer ursprünglichen Lage und Verbindung her-
ausgehobenen Hoden und Eierstöcke in eine beliebige an-
dere Stelle des tierischen Körpers versenkt werden. Es ist
nicht einmal nötig, daß zu diesen Verpflanzungen der
ganze Keimstock genommen wird. Größere Stücke ge-
nügen. Solche Transplantationsversuche, welche auf die
dunklen innersekretorischen Vorgänge Licht zu werfen ge-
eignet sind, wurden schon im Jahre 1849 von B e r t h o 1 d
an Hühnern vorgenommen. Ein Experiment, das, soweit ich
die Literatur übersehe, bisher noch nicht gemacht ist, je-
doch bei Tieren einmal in größerem Maßstabe ausgeführt
werden sollte, wäre die Einpflanzung männ-
licher Keimstöcke auf weibliche, sowie
die Übertragung weiblicher Eierstöcke
auf männliche Tiere.
Je später die Verschneidung vorgenommen wird, um
so weniger markant sind die Ausfallserscheinungen, um so
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176
deutlicher zeigt der Kastratentypus Einschläge von Virüität,
Annäherung an den männlichen Typus. Ganz besonders
gilt dies für den Geschlechtstrieb; im reiferen Alter vor-
genommene Kastration verändert ihn fast gar nicht.
Die Richtung des Triebes bleibt völlig die gleiche. Es
bestätigt dies, daß sie lediglich von der Beschaffenheit
des Sexualzentrums und den diesem adäquaten Sexual-
reizen abhängt. Nur die Intensität des Triebes
wird beeinflußt, aber auch nur vermindert, keineswegs auf-
gehoben. Wiederholt haben Personen, die unter einer ab-
normen Stärke oder einer ihnen nicht genehmen Richtung
des Geschlechtstriebs litten, Ärzte veranlaßt, die Kastra-
tion an ihnen vorzunehmen, und mir ist mehr als ein Fall
bekannt, in dem diese Operation auch tatsachlich ausgeführt
wurde; aufgehoben wird aber dadurch — wie übri-
gens auch bei der neuerdings vorgeschlagenen und nament-
lich in Amerika bereits) viel angewandten Sterilisation durch
Durchschneidung der Ausführungsgänge der Hoden — nur
die Fruchtbarkeit, die Triebstärke wird vermindert,
die Triebrichtung dagegen nicht geändert. Diese Er-
fahrungen an Menschen stimmen völlig überein mit zahl-
reichen Beobachtungen von Tierärzten und Vivisektoren,
die angeben, daß die Kastration bei reifen Tieren die sexu-
elle Erregbarkeit nicht aufhebt und auch bei noch nicht
reifen die Entwicklung einer oft nicht unbeträchtlichen
sexuellen fteizbarkeit nicht hindert. Erst vor einigen Jahren
verbannte der Sultan einen Eunuchen, der sich in Liebes-
händel eingelassen hatte, und sowohl über die Eunuchen
in der Türkei, in Ägypten, Persien und China als auch
über die russischen Skopzen liegen verbürgte Mitteilungen
über sexuelle Exzesse vor.
Gut beobachtet ist die Szene zwischen dem Eunuchen
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Hämmlinge.
177
Mardian und seiner Herrin, die Shakespeare in „Antonius
und Kleopatra" schildert. „Du, Hämmling Mardian", ruft
Kleopatra. „Was gefällt Eurer Hoheit?" „Nicht jetzt Dich
singen hören", erwidert Kleopatra und fragt dann: „Kannst
Du lieben?" „Ja, gnädige Fürstin". „In der Tat?" fragt
die Königin. Darauf Mardian:
„Nicht in der Tat! Ihr wißt, ich kann nichts tun,
Was in der Tat nicht ehrsam wird getan.
DochfühP ich h e f t'g e T r i e b', und denke mir,
Was Venus tat mit Mars."
Wie vertragen sich nun aber diese Tatsachen mit der
Auffassung, daß die Tätigkeit des Geschlechtszentrums von
libidinösen Substanzen abhängig ist, die von den Keim-
drüsen ausgehend im Blute kreisen? Bei den Mohammeda-
nern besteht die Meinung, daß die sexuell erregten Ka-
straten entweder „Hämmlinge" oder Kryptorchisten seien.
Es gibt nämlich außer den ganz Verschnittenen (bei denen
auch das membrum virile mit entfernt ist) sogenannte Bur-
misch-Eunuchen, bei denen die Hoden in frühester Kind-
heit nur zerdrückt („zer hämmert") sind. Zwischen
diesen beiden Gruppen stehen die Halbverschnittenen, die
den antiken Spadones entsprechen. Sie besitzen den Phallus,
sind jedoch der Testikel vollkommen beraubt, die entweder
aus dem geöffneten Skrotum herausgelöst oder mit diesem
zusammen abgeschnitten sind. Die Halbverschnittenen und
die Burmisch-Eunuchen stehen, weil unzuverlässiger, niedri-
ger im Preise als die ganz Verschnittenen. Aber auch
unter den Halbverschnittenen gibt es sexuell Reizbare, und
da meinte unser türkischer Kollege, daß es sich um solche
handeln dürfte, bei denen die Hoden, als sie verschnitten
wurden, noch in der Bauchhöhle (über dem Leistenring)
saßen, oder daß sie beim Schnitt nach oben ausgewichen
Hirse hfeld, Naturgesetze der LJpbc. 12
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178
Reizstoffe.
seien (Kryptorchisten). Diese Erklärung hat manches für
sich, doch scheint mir folgende Auffassung begründeter
und einleuchtender. Wir wissen, daß das Sperma nicht
nur aus den Spermatozoen, den Keimzellen, besteht, die
das rein korpuskulare Sekret der Testikel sind, sondern
auch aus einer Zwischenflüssigkeit, einem Drüsensaft, der,
vor allem aus der Prostata sowie in geringem Maße aus
den Cowperschen Drüsen und den Drüsen der Samenbläs-
chen stammend, den Spermatozoen beigemischt wird. Diese
Sekrete sondern sich auch bereits vor der Reife, wenn schon
in sehr winzigen Mengen, ab; sehr viel starker, wenn Keim-
zellen produziert werden, am stärksten bei sexueller Er-
regung, wo sie sich oft ohne Beimengung von Keimzellen
nach außen ergießen. Nach Entfernung der äußeren Geni-
talien atrophieren alle diese Drüsen in hohem Grade
(eine Zeitlang versuchte man ja sogar auf Grund die-
ser Erfahrung die Prostatahypertrophie der Greise, eine
physiologische Veränderung des männlichen Klimakteriums,
durch Kastration zu beheben), sie stellen aber, namentlich
wenn sie bereits einmal in Funktion getreten waren, ihre
Saftbildung nicht mehr völlig ein.
Danach kann also nicht der Hodenextrakt selbst, es
dürften auch nicht die interstitiellen Leydigschen Zellen des
testikulären Gewebes allein das Agens sein, das im Blute
zirkuliert und als Organreiz wirkt, vielmehr muß man an-
nehmen, daß die in den Hodenkanälchen und Samenbläs-
chen befindlichen Spermatozoen erst reflektorisch
die Saftproduktion und -Sekretion der Prostata und ver-
wandter Drüsen, die zugleich Träger des innersekreto-
rischen Reizstoffes sind, anregen. Auch die Pollutionen
scheinen mir nicht direkt durch Überfüllung der Samen-
bläschen bedingt zu sein, sondern dadurch, daß diese Ple-
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Andrin
179
tfaora erst reflektorisch eine Prostatorrhoe veranlaßt, die
durch den auf der Schleimhaut der Harnröhre ausgeübten
Kitzel zu libidinösen Traumvorstellungen und orgastischen
Pollutionen führt. Es mag dahingestellt bleiben, ob noch
andere Drüsen innerer Sekretion, etwa die so viel beschäf-
tigten und nach so verschiedenen Seiten einflußreichen
Schilddrüsen oder die Thymusdrüse oder die Nebennieren
oder andere Drüsen des großen polyglandulären Systems,
dessen verwickelte Aufgaben zu verstehen wir erst seit
kurzem begonnen haben, Substanzen in die Blutbahn
schicken, die gleichfalls die Tätigkeit des Zentralnerven-
systems anregen. Einige Beobachtungen an Tieren und
Menschen, die innersekretorischer Drüsen beraubt waren,
sprechen dafür, und wir wissen, daß die Natur gerade da,
wo es sich um das Sexuelle handelt, in ihrer Fürsorglich-
keit meist „mehrere Eisen im Feuer" hat. Für das, worauf
es uns hier ankommt, ist aber diese Feststellung von
untergeordneter Bedeutung gegenüber der wichtigen Er-
kenntnis, daß die chemische Substanz, welche
die im Sexualzentrum ruhenden Kräfte
lebendig macht, nicht direkt aus den
Keimdrüsen stammt und nicht unbedingt
und unmittelbar an ihr V o r h a n de n sie i n
und ihre Tätigkeit gebunden ist.
Diesen chemischen Stoff, welcher auf die Tätigkeit des
Sexualzentrums etwa ähnlich wirkt, wie der Gehalt an
Kohlensäure im Blut auf das Atemzentrum, dessen kraft-
steigernde Wirkung auf den Organismus jedoch mit keiner
anderen trophischen Substanz im Körper verglichen wer-
den kann, könnte man als „Andrin" bezeichnen. Es wird
bereits vor der Pubertät, wenn auch in geringen, so doch
nicht ganz unwirksamen Mengen abgesondert, zirku-
lär
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180
Anorchisten.
liert von der Reifezeit ab besonders reichlich bei starker
Spermaproduktion in der Saftebahn, findet sich im Alter
etwas spärlicher vor, ist aber auch nach Entfernung, bei
Nichtvorhandensein oder Nichtfunktionieren der Testikel
vorhanden, wenn auch in wesentlich schwächeren Portionen.
Es stimmt dies auch vollkommen mit den Be-
obachtungen überein, die ich an zwei Anorchisten, Per-
sonen ohne funktionsfähiges Keimgewebe, machte, beides
Menschen in der zweiten Hälfte der Zwanziger, der eine
ein Kaufmann aus Schlesien, namens T., der andere ein
österreichischer Schriftsteller. Bei beiden waren die äußeren
Genitalien vollkommen infantil geblieben, ein eigentliches
Skrotum war überhaupt nicht vorhanden, nur zwischen
Damm und Gliedwurzel Andeutung einer Naht (Raphe).
Auch im Innern kein Keimstock palpabel, keine Spur von
Spermasekretion. Beide Personen erinnerten in ihrem Aus-
sehen an Kastraten: völlig bartlose, kindlich-freundliche
Gesichter, große, etwas ungeschlachte Figuren, Anlage
zur Fettbildung, namentlich in der Umgebung der Brust-
warzen. Die Intelligenz war gut, in dem einen Fall über
dem Durchschnitt 68 ), beide waren beruflich tüchtig, T. unter-
stützte in hervorragender Weise seine Familie. Was uns
hier aber vor allem interessiert: Der Geschlechtstrieb war
in beiden Fällen vorhanden, auf einen bestimmten weib-
lichen Typus gerichtet und auch in der Stärke rege, so daß
M ) Nicht ohne Interesse für etwaige Zusammenhänge zwischen
Tatkraft und Intelligenz einerseits u. Anorchie u. Mikrorchie anderseits
ist die Stelle, die sich in dem Sektionsbericht des englischen Militärarztes
Henry (British Museum, Additional Mss. Band 202—14, fol. 200—20)
über den Körper Napoleons I. findet. In diesem Protokoll heifit es am
Schluß : „Der Geschlechtsteil und die Hoden waren sehr klein
und der ganze Geschlechtsapparat schien die Abwesenheit sexueller
Wünsche und die Keuschheit zu erklären, die dem Verstorbenen eigen
gewesen sein soll."
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Weibliche Kastraten.
181
beide, namentlich T., den ich gemeinsam mit den Kollegen
Bloch und Stabel beobachtete, sehr deprimiert waren, den
sexuellen Verkehr nicht in normaler Weise ausführen zu
können. Zum Beweise, daß ein vollkommen determi-
nierter Geschlechtstrieb bei gänzlichem Mangel an Fort-
pflanzungszellen bestehen kann, sei hier auch noch der Fall
eines 1564 wegen Notzucht aufgehängten Soldaten als be-
sonders eigenartig herangezogen. Dieser Sittlichkeitsver-
brecher wurde von dem berühmten Anatomen B a r t h o-
lomeus Cabrol unter Assistenz mehrerer Gelehrten
seziert, die feststellten, daß weder im Skrotum noch in der
Leibeshöhle ein Tesukel vorhanden war. 54 )
Auch bei der Frau hat die Entfernung der Keimstöcke
auf die Richtung des Geschlechtstriebes gar keinen,
auf die Stärke fast keinen Einfluß. Kastrationen an weib-
lichen Tieren und Menschen vor der Reife sind ja aller-
dings so selten ausgeführt, daß über ihre Wirkung kaum
etwas Sicheres mitgeteilt werden kann.
Etwas häufiger sind die Fälle und Beobachtungen,
in denen von Geburt an die Ovarien fehlten, noch häufiger
die, in denen keine nachweisliche Eiabstoßung, vor allem
auch keine Menstruation stattfand. Ich selbst kenne einige
weibliche Personen, die zwischen dem 15. und 20. Jahre
einige wenige Male ihre Periode hatten und seitdem völlig
amenorrhoisch sind. Es steht außer Frage, daß in allen
diesen Fällen der weibliche Habitus sowohl in körper-
licher als in seelischer Hinsicht nicht so vollkommen aus-
gebildet ist wie bei regelrecht ovulierenden Frauen. Stark
männliche Frauen, namentlich solche mit Bartansatz und
M ) Eine nähere Beschreibung des Falles findet sich bei W.
Gruber, welcher 1868 im XV. Bande des „Medizin. Jahrbuchs" 30
Fälle von kongenitaler Anordne aus der Literatur bearbeitet hat.
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üynäcin.
Körperbehaarung, zeigen oft Menstruationsanomalien. Da-
gegen lehrt die Erfahrung, daß. die sexuelle Bedürftigkeit fast
in allen solchen Fällen vorhanden ist. Loewenfeld (loc.
cit. p. 36) zitiert einen Bericht von Barrus, der bei der Sek-
tion einer an periodischer Manie leidenden Frau, die heftig*
masturbierte und sich auch auf außerehelichen Verkehr ein-
ließ, vollkommenen kongenitalen Mangel an Uterus und
Ovarien fand, ein absolutes Seitenstück also zu dem ge-
hängten testikellosen Soldaten. Auch bei den ziemlich zahl-
reichen Frauen, denen nach der Reife der erkrankte Ge-
schlechtsapparat, einschließlich der Ovarien, operativ ent-
fernt wurde, zeigte sich kein Nachlassen der Libido, eher
war sogar in einigen Fällen eine Steigerung nachzuweisen
(Fälle von Lawson Tait und B a n t o c k im British
Medical Journal 1899, p. 975).
Man wird hier nun mit Recht die Frage aufwerfen, ob
denn auch bei der Frau unabhängig von der Ovarialsekre-
tion chemische Substanzen abgesondert werden, die man
nach der männlichen Analogie „Gynäcin" bezeichnen
könnte. Diese Frage ist — allerdings mit Einschränkun-
gen — zu bejahen. Wir wissen, daß die Bartholinischen
Drüsen des Weibes einen dem von den Cowperschen Drü-
sen des Mannes sezernierten sehr ähnlichen Saft abgeben,
und auch die Schleimhautdrüsen der Gebärmutter, — die
ja entwickelungsgeschichtlich dasselbe ist wie Teile der männ-
lichen Prostata, vor allem die Cervikaldrüsen, — kommen
in Betracht, abgesehen von den beim Manne erwähnten
Sekreten nicht genitaler Drüsen, wie der Schild- und Thy-
musdrüse, die wohl beim weiblichen Geschlecht die gleiche
funktionelle Bedeutung haben wie beim Manne.
Gleichwohl dürfte aber wahrscheinlich die sexuelle
Energiesubstanz bei der Frau in geringeren Mengen
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Energiesubstanzen.
183
als beim Manne das Sexualzentrum durchsetzen. Wir
schließen dies nicht sowohl aus der durchschnittlich
größeren sexuellen Passivität des Weibes, sondern vor
allem daraus, daß die Keimzellen, deren Abstoßung auf
die Quantität der Absonderung deutlichen Einfluß hat, in
unverhältnismäßig geringerer Zahl produziert werden als
beim Manne: im Zeitraum eines Jahres kommen auf 12
bis 13 Eizellen ebenso viele Milliarden Samenzellen. Die
Sekrete der weiblichen Genitalien dienen auch gar nicht der
Fortbewegung der Eizellen, die mechanisch von den
Flimmerhärchen der Tubenschleimhaut besorgt wird, son-
dern hauptsächlich der sicheren und schnelleren Beförderung
der Samenzellen, deren Beweglichkeit durch die weiblichen
Genitalsekrete lebhaft beschleunigt wird.
Selbst wenn in ihrer chemischen Zusammensetzung,
also qualitativ, sich der männliche und der weibliche Reiz-
stoff wenig oder gar nicht voneinander unterscheiden soll-
ten, besteht ein sehr erheblicher quantitativer Unterschied,
und wenn es richtig ist, was sehr vielfach angenommen
wird — meines Erachtens trifft es nur teilweise zu — ,
daß der Geschlechtstrieb des Weibes, das Verlangen nach
körperlicher Vereinigung, erst durch den Verkehr mit dem
Manne erweckt wird, so könnte man meinen, daß dies da-
durch geschieht, daß erst nach der ersten spermalen Injek-
tion die chemische Reizsubstanz des Weibes in höherem
Grade abgesondert und ihrer Blutbahn einverleibt wird.
Es könnte aber auch so sein, daß das in der männlichen
Spermaflüssigkeit enthaltene Andrin in den weiblichen Or-
ganismus eingebracht wird und in seine Säftebahn als
reizendes Agens übergeht.
Ältere Autoren haben sogar angenommen, daß die
Spermatozoen selbst durch die Gewebe hindurchdringen
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184
Telegonie.
und auf den ganzen weiblichen Körper einwirken können.
Gustave Loise l 55 ) suchte hierdurch die eigentümliche
Erscheinung der Telegonie, der Ähnlichkeit eines Kindes
nicht mit seinem Erzeuger, sondern mit einem früheren
Partner der Mutter, zu erklären.
Auch Ort h 56 ) (Angeborene und vererbte Krankheiten)
in „Krankheiten und Ehe", I. Teil, p. 42) meint, „daß durch
die nicht zur Kopulation gelangten Spermatozoen des
ersten Mannes, die sich im mütterlichen Organismus auf-
gelöst haben, eine Veränderung hervorgebracht werden
könne, derart, daß den noch im Eierstock vorhandenen
Keimzellen schon der Stempel der Eigentümlichkeit des
Mannes aufgedrückt worden sei."
Orths Erklärung bezweifelt R o h 1 e d e r und hält
hier eine rein psychische Beeinflussung für
wahrscheinlicher. Übrigens ist die Telegonie, die
man auch als Imprägnation bezeichnet hat, mit Sicherheit
beim Menschen bisher ebensowenig einwandfrei beobachtet
wie das Versehen der Schwangeren. Dagegen scheint sie
bei Tieren eine festgestellte Erfahrungstatsache zu sein.
Namentlich behaupten zuverlässige Pferdezüchter mit Be-
stimmtheit, daß, wenn eine reinrassige Stute einmal von
einem nicht reinrassigen Hengst gedeckt wurde, spätere
Belegungen mit reinrassigen Tieren keine reinrassigen
Nachkommen mehr zur Folge haben, weil der Einfluß
früherer unedler Deckungen die Reinheit der Rasse für
immer vernichtet habe.
Die regenerierende und stimulierende Wirkung der ins
Blut aufgesogenen Stoffe beim Manne findet vor allem
dadurch ihre Bestätigung, daß die Formen der Frau, ihr
M ) Loisel: Comptes rendus hebdomadaires des seances de la
Sociäe* de biologie. Tome LVIII. 1905. Nr. 9.
»•) Zitiert nach R o h 1 e d e r , Zeugung, pag. 164.
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Andrin und Arsen.
185
Gesichtsausdruck, ihr seelischer und nervöser Zustand ganz
augenscheinlich auf das Günstigste durch den Sexualver-
kehr beeinflußt werden. Man muß dabei berücksichtigen,
daß der männliche Reizstoff, das Andrin, ebenso wie
das direkt vom Weibe abgesonderte Gynäcin nicht etwa
selbst Aktivitäts- oder Passivitätseigenschaften besitzen oder,
gar Träger männlicher oder weiblicher Charaktere sind,
sondern daß diesen Substanzen sowohl beim Manne wie
bei der Frau lediglich die Bedeutung zukommt, schlum-
mernde Anlagen des Leibes und der Seele zu
wecken. Ob also eine Frau einen männlichen Charakter!
hat, hängt nicht von der Aufnahme männlicher Sexual-
stoffe ab, sondern von ihrem endogenen Sexualzentrum,
ihrer eigenen angeborenen Mischung männlicher und
weiblicher Eigenschaften. Der Chemismus der
Reizstoffe wirkt nur irritativ, anregend,
auslösend oder, wie H a 1 b a n sich einmal ausdrückte,
protektiv, nicht etwa neuschaffend. Seine belebende Wirkung
ist allerdings eine recht beträchtliche. Die alten Ärzte, welche
blutarmen, nervösen, seelisch deprimierten Mädchen „das
Heiraten" verordneten, stützten sich jedenfalls auf gute Be-
obachtungen. Sie hatten am lebenden Objekt oft genug
wahrgenommen, wie die eckigen, scharfen Gesichtszüge und
Formen, das niedergedrückte Gemütsleben durch den Sexu-
alverkehr schwand, wie die zur Erschlaffung und Ver-
kümmerung neigenden Organismen älterer Mädchen nach
Eingehung der Ehe nicht selten erstaunlich aufblühten. Sie
handelten und behandelten deshalb sicherlich rationeller und
erfolgreicher als viele der modernen Ärzte, die gegen die-
selben Zustände mit Eisenpillen und Arsenwässern und
Sublimierungsvorschlägen vorgehen. Andrin wirkt
besser als Arsen.
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Teil III.
Der Liebesausdruck.
(Die zentrifugale Phase der Liebe.)
Wir kommen nun zur zentrifugalen Phase der Liebe,
der von innen nach außen strömenden und wirkenden
Sexuallösung, der Umsetzung der ruhenden in die leben-
dige Kraft der Liebe, der Liebeserfüllung. Der Kreis, der
von einer Person als Sexualreiz seinen Ausgang nahm,
unser Gehirn passierte und nun zu derselben Person als
Sexualziel zurückkehrt, schließt sich — die Kette wird zum
Ring. Vergegenwärtigen wir uns nochmals kurz die Vor-
aussetzungen, die wir als Vorbedingung dieser nach außen
gerichteten Wirkungen erkannten. Es sind ihrer drei. Zum
ersten: eine individuell organisierte, nur für entsprechende
Außenreize abgestimmte Stelle in uns selbst; zum zweiten:
lebende Objekte, von denen Sinnesreize ausgehen (oder die
statt der direkten Reizung Erinnerungsbilder zurücklassen),
für welche das Sexualzentrum die assoziative Aufnahme-
fähigkeit besitzt; zum dritten: ein in uns zirkulierender
Reizstoff, der diese Zentralstelle durchtränkt, sie dadurch
zum Leben erweckt und lebendig erhält. Von den Rei-
zungen ist weder die nervöse äußere, noch die chemische
innere entbehrlich. Würde die äußere fehlen, dann würde
sich vermutlich die innere Sexualspannung in Form eines
dunklen Geschlechtshungers gleichwohl fühlbar machen^
Digitizeci by Google
Die Liebeserfüllung.
187
aber es wäre ein ziel- und steuerloser Drang. Würden die
inneren Reizstoffe fehlen, dann würden zwar vermutlich
die äußeren Eindrücke auch bis an die Zentralstelle drin-
gen, aber sie würden dort als sexuell wirkungslos und in-
different abgleiten, da die Rauschsubstanz fehlt, deren che-
mische Zersetzung das Lustgefühl hervorruft.
Im Einzelfalle dürfte freilich der Anteil beider Reize
ein sehr verschiedener sein. Man könnte sagen, daß das,
was wir gemeiniglich Geschlechtstrieb nennen, mehr auf
der vom inneren Reizstoff erzeugten Spannung beruhe,
während das, was gewöhnlich Liebe heißt, in höherem
Grade durch die nervöse Erregung bedingt sei. Tatsach-
lich bedarf aber beides — Geschlechtstrieb und Liebe —
beider Einwirkungen. Man kann den Vorgang, daß das
chemisch geladene Sexualzentrum nach Reizschwingungen
fahndet, auf die es am passendsten eingestellt ist und am
stärksten reagiert, etwa so ausdrücken: Der Ge-
schlechtstrieb sucht innerhalb der Er-
scheinungen, die seiner Richtung nahe
kommen, nach der Erscheinung, welche
ihm am nächsten kommt. Deshalb ist — zunächst
nur allgemein gefaßt — der Geschlechtstrieb mehr zum
Wechsel geneigt, unbeständiger, polygamer, die Liebe
monogam.
Es ist nicht ganz richtig, wenn Ellen Key 57 ) die Mei-
nung, daß die Monogamie durch die Liebe hervorgerufen
sei, als irrig bezeichnet und hinzufügt: „. . . der Ursprung
der Monogamie in der menschlichen Gesellschaft ist in
eigentumsrechtlichen Verhältnissen, religiösen Begriffen,
staatlichen Nützlichkeitsgründen zu suchen." Wir sehen,
daß auch dort, wo die herrschenden Sexualordnungen der
9r ) Ellen Key, Liebe und Ehe, pag. 64.
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Individualisierter Geschlechtstrieb.
Polygamie keinerlei Schranken auferlegen, die Mono-
gamie selbst unter den Wohlhabenden weit verbreitet ist.
Die Liebe ist indi vi dualisierter Ge-
schlechtstrieb. Dabei bedarf es wohl kaum noch
der Erwähnung, daß Geschlechtstrieb und Liebe weder
Gegensatze noch scharf umschriebene Empfindungskom-
plexe sind, daß vielmehr von dem unsicher tastenden Sexu-
aldrang bis zu der ganz individuellen Liebe eine lücken-
lose Verbindungslinie führt. Diese Grenzunsicherheit zeigt
sich auch darin, daß sich häufig jemand bei einem heftigen
Geschlechtsdrang von wirklicher Liebe entflammt wähnt,
und daß umgekehrt nicht selten ein starkes Sehnen ein Ge-
fühl als Liebe erscheinen läßt, das lange nur für Ge-
schlechtslust gehalten wurde. Im übrigen faßt und deckt
auch heute noch die Bezeichnung Geschlechtstrieb
treffend dasjenige, was es bedeutet und bedeuten soll, vor-
ausgesetzt, daß man sich unter Geschlecht nicht das Ge-
nitale als pars pro toto denkt, sondern das Ganze im Auge
hat, was die Geschlechter zueinander treibt. In dieser All-
gemeinheit und Vereinheitlichung ist der Ausdruck bei
weitem objektiver und prägnanter als Bezeichnungen wie
Fortpflanzungstrieb, wo Folgen zu Absichten erhoben wer-
den, oder gar Kontrektations- und Detumeszenztrieb, welche
teils eine selbstverständliche Begleiterscheinung jedes Triebes
— die Annäherung — teils eine mit der Endlust verknüpfte
Erscheinung aus dem Mechanismus des Treppenreflexes
herausgreifen. Der vielfache Gebrauch solcher Nomenkla-
turen zeigt, wie wenig tief man bisher in das Naturgesetz-
liche des Phänomens eingedrungen ist.
Um mißbräuchlichen Auffassungen des vielsagenden
Wortes Geschlecht vorzubeugen, wäre es vielleicht noch
richtiger und treffender, statt Geschlechtstrieb Liebestrieb
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Reiz und Lust.
189
zu sagen und den Liebestrieb von der Liebe so zu unter-
scheiden, daß der Liebestrieb der Trieb nach Liebe,
nach einem Objekt der Liebe ist, während die Liebe
selbst die auf das gefundene Objekt sich erstreckende Emp-
findung bedeutet. Nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch
umfaßt ja das Wort „lieben" nicht allein das zentrale Ge-
fühl der Liebe, im Sinne von „verliebt sein", sondern ent-
hält schon den Gedanken einer sich in irgendeiner Weise
äußernden, kundgebenden Liebestätigkeit.
Vertiefen wir uns noch in den Sinn und die Anwen-
dung zweier anderer Worte, die im Liebesleben die größte
Rolle spielen, so erhellt sich uns durch sie der verborgene
Kern des Reflexvorgangs in besonders anschau-
licher Weise. Gerade bei einer Naturerscheinung, an der
im Laufe der Geschichte so viel herumgemenschelt wurde,
wie an der Liebe, können wir froh sein, daß wir in den
Worten Überreste einer ungekünstelteren) Auffassungsperiode
besitzen, die uns Kunde geben, was das Ursprünglichere,
und man kann mit gutem Grunde auch hinzusetzen, was
das Natürlichere war. Die Worte, die wir meinen, um-
fassen die Begriffe, auf die in der Liebe alles ankommt :
Reiz und Lust, und da sehen wir bei beiden das
Merkwürdige: daß nämlich ihr Gebrauch ein doppelter,
ein subjektiver und ein objektiver ist. Wir nennen Reize
die anziehenden Eigenschaften einer Person selbst, sprechen
in diesem Sinne beispielsweise von den Reizen einer Frau
und nennen auch Reize die Veränderungen, die von den
Reizen in uns hervorgerufen werden. Ebenso bezeichnen
wir als Lust das, was wir in uns spüren, wie wir von
der Lust sprechen, die wir haben, etwas zu tun: der Lust
an etwas und zu etwas. So werfen wir von der Sammel-
und Umschahstelle des Gehirns, wo Reiz und Lust sich
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190
treffen, beide vom Subjekt auf das Objekt zurück. Dadurch
fallen in uns die Mündung der Reize und die Quellen
der Lust und außer uns die Quellen der Reize und die
Mündung der Lust in eins zusammen. Diese Zweieinheit
schwebte vielleicht dem Philosophen Hegel vor, als er
schrieb: „Die Liebe ist ein Unterscheiden zweier, die doch
für einander schlechthin nicht unterschieden sind. Das
Bewußtsein, Gefühl dieser Identität,
dies Anschauen, dies Fühlen, dies Wissen
der Einheit ist die L i e b e. a Und auch Ange-
lus S i 1 e s i u s mag an Ähnliches gedacht haben, als er
dichtete:
„Der Mensch hat eher nicht vollkommene Seligkeit,
Bis daß die Einheit hat verschluckt die Anderheit. u
P 1 a t o aber drückte denselben Oedanken so aus: „Das
Finden seiner verlorenen Hälfte ist das Entzücken der
Liebe, und diese ist die unbegreifliche Sehnsucht, das un-
aussprechliche Verlangen und Suchen. Wenn sich zwei
dieser Hälften begegnen, überfällt sie anfänglich ein wun-
dersames Erschrecken, dann eine Anhänglichkeit, eine In-
brunst, eine Freundschaft, welche so gewaltsam ist, daß
davon ihre ganze Seele überfüllt ist und sie womöglich
wünschten, hier auf Erden wie auch nach dem Tode wieder
zu einem Wesen vereinigt fortzuleben. u
Daß der vom Reiz zur Lust führende Weg sogleich
von dieser selben Lust zu höherem Reize und stärkerer
Lust steigt — „Und im Genuß verschmachf ich nach Be-
gierde" — , kennzeichnet den ganzen Vorgang als einen
Treppenreflex, der stufenförmig zu einer Höhe geleitet,
einer Höhe freilich — und auch hier wieder stoßen wir
auf eine der zahlreichen Gegensätzlichkeiten, an denen die
menschliche Liebe so überreich ist — , die von vielen für
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Der Kuß.
191
eine Tiefe gehalten wird, teilweise vielleicht deshalb, weil
der Abstieg nicht staffelweise, wie der Anstieg, sondern
ohne Etappen abfällt (vgl. Tafel II). Vom ersten Fol-
gen des Blickes, von der ersten leichten Wendung des
Kopfes nach dem geliebten Objekt, beherrscht die Lust
am Reize und damit das Verlangen nach der reiz-
tragenden Person die zentrifugale Liebesphase. Die
rasche Aufeinanderfolge von Nervenzustrom und Nervenab-
strom, verbunden mit dem Zusammenfall von Sexualreiz
und Sexualziel, bewirkt, daß es oft fast unmöglich ist, die
Reiz
horizontale Strecke Reiz Lust von der vertikalen J zu
Lust
unterscheiden (vgl. Tafel II).
Nehmen wir, um dies etwas deutlicher zu machen,
als Beispiel den Kuß. Wer wird zweifeln, daß er eine
Äußerung der Liebe ist, die vom liebenden Subjekt
zum geliebten Objekt strömt, aber ebenso sicher ist, daß
der Kuß unter den Liebes reizen, die sich umgekehrt
von der geliebten auf die liebende Person fortpflanzen, einer
der stärksten ist. Aber nur hinsichtlich seiner Intensität
nimmt er eine besondere Stellung ein, im übrigen unter-
scheidet er sich nicht von allen andern Liebeshand-
lungen; bei jedem, auch dem geringsten Liebesakt ist das
gebende und empfangende, egoistische und altruistische,
aktive und passive, fast könnte man auch sagen, das männ-
liche und weibliche Moment, so eng miteinander ver-
knüpft, daß in der Trennung dieser, wie Hegel sagt,
„schlechthin nicht zu unterscheidenden Momente* eine der
Hauptschwierigkeiten in der wissenschaftlichen
Behandlung des Liebesproblems liegt.
Um hier noch etwas bei dem Kuß als einer unter den
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192
Qualität der Küsse.
Kulturvölkern so weit verbreiteten und viel gefeierten Liebes- V
handlung zu verweilen, so verdankt er seine beson-
ders große Schätzung vermutlich vor allem dem Umstände,
daß es mehrere Sinnesorgane sind, denen er gleichzeitig
Lust- und Kraftströme zuführt. Abgesehen von den be-
sonders erogenen Nervenendkörperchen der Lippenschleimw
haut (wohl den erogensten nächst denen der Genitalzone)
sind es der Geruchs- und Geschmackssinn, deren periphere
Endorgane, wenn auch nur in viel schwächerer Weise, in
Mitschwingungen versetzt werden. Die alte Redewendung,
daß der Kuß „gut schmeckt", deutet auf die Mitbeteiligung
des Geschmackssinnes hin. Was man sonst noch alles in
den Kuß hineingeheimnist hat, beweist nur seine wichtige
Rolle im Liebesleben, ist aber im übrigen nichts als unbe-
wiesene Hypothese. Dies gilt auch von der Meinung Frh.
v. R e i t z e n s t e i n s , 58 ) der sagt: „...ich stehe nicht
an, zu behaupten, daß unser Küssen auf einen alten Be-
fruchtungszauber zurückgeht, da man glaubte, auf diese
Weise (durch gegenseitiges Anhauchen) die Seele einhauchen
zu können."
Wie das Reichen der Hand, so gehört auch das Geben
des Kusses zu den Handlungen, die ihre erotische Bedeu-
tung lediglich durch das Objekt erhalten. Wenn Schil-
lers Amalia sagt:
„Seine Küsse — paradiesisch Fühlen!
Wie zwei Flammen sich ergreifen, wie
Harfensaiten ineinander spielen
Zu der himmelsvollen Harmonie —
Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zu-
sammen,
■*) F. Frh. v. Reitzenstein, Liebe und Ehe in Ostasien etc.
Stuttgart, o. J., p. 79.
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Kußformen.
193
Lippen, Wangen brannten, zitterten,
Seele rann in Seele — u ;
wenn Heine im „Schlachtfeld bei Hastings" singt:
„Auf seinen Schultern erblickt sie auch,
Und sie bedeckt sie mit Küssen
Drei kleine Narben, Denkmale der Lust,
Die sie einst hineingebissen",
so ist ohne weiteres klar, daß die Qualität dieser Küsse
eine andere ist als etwa die des segnenden Kusses, den der
Vater auf die Stirn des in die Fremde ziehenden Sohnes
drückt.
Es ist zurzeit nicht mehr recht feststellbar, ob der
Kuß primär ein Sexualakt war, der, verflüchtigt (subli-
miert), dann zu einem Symbol freundlicher Gesinnung her-
absank, oder ob er entwicklungsgeschichtlich zuerst ein in-
stinktiver Kontakt war, der erst durch das Zusam-
mentreffen mit einem Sexualziel zu einem
erotischen Akt wurde. Einige Kußformen, wie das unbe-
holfene Küssen des Kindes als erste Liebkosung seiner
Mutter, lassen die letztere Deutung zu; andere, wie der
Begrüßungs- und Abschiedskuß auf Wangen und Hand,
der segnende Kuß auf die Stirn, der Judaskuß nicht zu
vergessen, legen die andere Anschauung nahe, die auch
Spencer vertritt, wenn er schreibt: „Vom Küssen —
als einem natürlichen Zeichen von Liebe — stammt
jenes her, welches als ein Mittel, Liebe vorzuspiegeln, den
Geküßten ein gewisses Vergnügen bereitet und, indem es
dies tut, Neigung daran erweckt, so daß wir hier den
augenscheinlichen Ursprung des Küssens von Füßen, Hän-
den und Kleidungsstücken als Teil eines Zeremoniells
haben." Wie sehr aber der sexuelle Untergrund des Kussel
trotz aller Symbolisierung noch heute gegenwärtig ist, geht
Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 13
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194
Wunscherfüllung.
daraus hervor, daß in vielen Gegenden der Kuß auf den
Mund unter anderen als Braut- und Ebeleulen ver-
pönt ist.
Der Kuß ist auch ein gutes Beispiel dafür, daß der
Treppenreflex, wenn er auch seiner ganzen Natur nach
möglichste Lusthöhe erstrebt, gleichwohl auf jeder Staffel
der Leiter, sei es spontan, sei es infolge von Hemmungen
unterbrochen werden kann, mit Ausnahme vielleicht der
allerletzten Reflexstufen, wo bei ungemein schnellem und
intensivem Reiz- und Lustwechsel die Hemmungen im all-
gemeinen nicht mehr oder nur noch mit größter Willens-
anspannung (die vielfach auf Kosten der Gesundheit des
Nervensystems geht) sperrend eingreifen können.
Das Ende der Reflexleiter hängt von sehr verschiede-
nen Umstanden ab, die wir bei Besprechung der Hem-
mungsmechanismen näher betrachten wollen. Ausschließ-
lich sind diese letzteren jedoch keineswegs maßgebend,
auch ist der Abschluß einer Liebeshandlung nicht so sehr
von der Stärke der äußeren Reize und der inneren Sexual-
spannung beeinflußt, als vom Verhalten des passiven Teils
und vor allem von dem Inhalt des Erstrebten, der
Wunscherfüllung. Vielfach ist der Wunsch nur
darauf gerichtet, Sinnesorganen wie Auge und Ohr den
entbehrten oder ersehnten Genuß zu verschaffen, und
wenn auch meist die Tendenz vorhanden ist, über dieses
Ziel hinauszugehen, so tritt doch gewöhnlich ein Zustand
von Befriedigung schon auf einer Stufe ein, die der er-
strebten Lust näherliegt, als der denkbaren Endlust. Ge-
rade bei sehr heftigem Liebesgefühl genügen oft schon die
beim bloßen Zusammensein vorhandenen Ausstrahlungen*
des geliebten Objekts, um im Subjekt einen Zustand der
Unruhe in einen solchen der Ruhe zu verwandeln. Wir
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Gefühl des Geborgenseins. 195
geben ein Beispiel aus der Literatur und eins aus dem
Leben. Wir verweisen auf die pag. 65 zitierte Stelle aus
den „Wahlverwandtschaften", wo Goethe in anschau-
licher Weise schildert, wie die beiden Liebenden nur des
reinen Beisammenseins bedurften, um „i m vollkom-
menen Behagen sich mit sich selbst und
mitder Welt zufrieden" zu fühlen. Ein zwei-
tes Beispiel ist das folgende: Eine Frau in Berlin,
die sich von einem Manne, den sie überaus liebte,
verlassen glaubte, weil sie über ein Vierteljahr von ihm,
dessen Aufenthalt sie nicht erfahren konnte, kein Lebens-
zeichen erhalten hatte, gab folgende Schilderung ihres Zu-
Standes: Ein Gefühl von Betäubung und Müdigkeit, auf-
steigendes Brennen in der Gegend des Brustbeins, „Herz-
schmerzen", namenlose Angst, bei der es ihr zeitweise
war, als verlöre sie die Besinnung, sehr großer Durst, Un-
fähigkeit, etwas zu arbeiten, fast vollkommener Schwund
des Gedächtnisses. Die Empfindung, als ob Arme und
Beine nicht bewegt werden könnten, als ob ein eisernes
Band die Stirn von einem Ohr zum andern einpresse. Ein
Drang, laut aufzuschreien oder etwas zu zerstören und zu
zerschlagen. Ihre Umgebung — so teilte ihre Mutter mit
— fürchtete, sie werde sich das Leben nehmen. Alle
Mittel, die gegen die geschilderten Beschwerden angewandt
wurden, psychische Beeinflussung, medikamentöse oder
sonstige Agentien erwiesen sich als erfolglos. Eines Tages
aber kam sie völlig verändert. Mit der Rückkehr des
Mannes war das monatelange Sehnen erfüllt. Sie schil-
derte nun ihre Heilung in auschaulicher Weise, wie folgt:
„. . . es war mir, als ob eine Starrheit aus meinem Kör-
per wiche, als ob man in einem warmen Zimmer „auf-
taut"; wie mit einem Schlage waren die entsetzlichen Qualen
13*
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196
Lust ist Rausch.
verschwunden; ich finde nicht Worte, das leichte, wohlige,
behagliche Gefühl des Geborgenseins auszudrücken, das nun
über mich gekommen ist.*
Die hier geschilderten, sehr typischen Erscheinungen
bei dem Vermissen stark gewohnter oder begehrter Sexual-
reize erinnern, wenn man sie oft und genau studiert, un-
gemein an die Abstinenzerscheinungen, die wir bei Perso-
nen auftreten sehen, die an narkotische Mittel gewöhnt
sind. Menschen, die das Bedürfnis haben, sei es periodisch,
sei es konstant, ihr Zentralnervensystem unter schwächere
oder stärkere Dosen berauschender Mittel, wie Morphium,
Alkohol, Haschisch, zu setzen,leiden in völlig analoger Weise
bei Enthaltung unter Empfindungen grenzenloser Leere
und Appetenz wie Liebeskranke. Diese Ähnlichkeit ist eine
so frappante, daß schon sie allein den Gedanken nahe-
legt, ob nicht auch bei dem sexuellen Orgasmus chemische
Stoffe einen Rauschzustand des Gehirns herbeiführen, der
schon bei geringerer Reizung in leichterem Grade vor-
handen ist, bei Entbehrungen aber Abstinenzerscheinungen)
hervorruft. Ohne daß man etwas von chemischen Reizstoffen»
im Organismus ahnte, hat man ja schon oft vom „Liebes-
rausch" gesprochen und sich bildlich dahin ausgedrückt,
daß jemand von Liebe „trunken* sei.
Wir sind aber fast sicher, daß dies mehr als ein
bloßer Vergleich ist. Man kann annehmen, daß, wenn das
Sexualzentrum von den adäquaten Sexualreizen getroffen
wird, durch die nervöse (der elektrischen vergleichbare)
Reizung eine Umsetzung der chemischen Sättigungssub-
stanz stattfindet, anfangs eine geringe, bei «stärkerer Erregung
eine stärkere, bei heftiger Irritation eine sehr heftige. Wir
kommen auf diesem Wege dazu, uns ein Bild nicht nur von
der Entstehung des lustbetonten Affekts, sondern von
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Lustdefinitionen.
197
dem zu machen, was die geschlechtliche Lust überhaupt ist:
Lust ist Rausch. 59 )
Wenn wir Rohleder darin folgen, daß der Orgas-
mus sowohl beim Manne als bei der Frau darauf beruht,
daß die Schleimhautsekrete durch enge, mit besonders reiz-
baren Tastkörperchen versehene Kanäle (beim Manne die
Gegend des colliculus seminalis, bei der Frau der Cervi-
calkanal) hindurchgetrieben werden, so ist dadurch doch
nur die periphere Reizung, nicht aber die zentrale Lust, der
eigentliche Orgasmus, erklärt. Dieser dürfte vielmehr
darauf beruhen, daß in demselben Moment, wo an den
M ) Von früheren „Lust" -Definitionen, die, soweit ich sehe,
sämtlich psychologisch sind, seien zwei angeführt G r a n t Allen
(Der Farbensinn) sagt: „Lust ist die psychische Anschauung einer
endgültigen physiologischen Tatsache, die in physischer Beziehung
als die ungehinderte Tätigkeit einer vollkommen ernährten und nicht
übermüdeten, in unmittelbarem Zusammenhang mit dem zentralen
Sinnessystem stehenden nervösen Struktur aufgefaßt werden kann.
— Lust ist also das Gefühl, welches sich ergibt, wenn ein Sinnes-
zentrum einen Reiz empfängt, der weder quantitativ stark, noch
auch über die Empfindungsgrenzen der betreffenden Struktur hin-
ausgehend ist. Ein jedes Zentrum erfährt bei jedem Reiz bis zu
einem gewissen Grade eine Desintegration; wenn nun diese Des-
integration über einen bequem wieder zu ersetzenden Punkt hin-
ausgeht, so tritt Unlust ein. Auf der andern Seite aber werden, so-
lange der Reiz mäßig ist, jene Nervenbildungen durch Übung in
ihrer allgemeinen Wirksamkeit bestärkt, und letztere ist daher mit
einem Gefühl von Lust verbunden. — Mit jedem Anwachsen der
Struktur (eines Organs) wird auch die Lust an der Funktion dieser
Struktur wachsen". — Und Marshall (Pain, Pleasure and
Aesthetics) : „Lust erfahren wir, wenn ein Oberschuß von aufge-
speicherter Energie in Reaktion auf den Reiz sich entlädt; Schmerz
dagegen, wenn ein Reiz eine größere Energieentwicklung in der
Reaktion beansprucht, als das Organ aufzubringen in der Lage
ist- Natürlich ist damit über das Wesen des Lustgefühls gar nichts
gesagt. Vgl. auch Arthur Kronfeld, Das Divergenzprinzip und
die sexuelle Kontrektation. In der „Zeitschr. für Sexualwissenschaft",
1908, pag. 257 ff.
198
Rauschsubstanzen.
Genitalien des Mannes oder Weibes die explosive Eruption
eines Sekrets erfolgt, dies gleichzeitig auch im Gehirn ge-
schieht, indem sich vom Sexualzentrum aus die aufge-
speicherte Rauschsubstanz über die Gehirnzellen e r g i e ßt.
Daß es sich bei der sexuellen Lust um die Folge einer
im menschlichen Körperhaushalt selbst erzeugten Rausch*
Substanz handelt, wird durch die Wirkung bestätigt, welche
die sexuelle Erregung auf den Blutkreislauf ausübt. Genau
so, wie die Rauschsubstanzen, welche wir durch die
Lungen oder den Magen aufnehmen, die Betäubungsmittel,
welche der Mensch in den verschiedenen Breiten der Erde
einatmet, trinkt, verzehrt oder einspritzt, auf die vom Ge-
hirn zu den Blutgefässen ziehenden Nerven erweiternd oder
verengernd wirken, beeinflußt auch der sexuelle Rausch-
stoff, wenn er durch zentripetale Reizung eine chemische
Umsetzung erfahren hat, die Blutzirkulation. Durch Er-
regung der Vasodilatoren erweitern sich die elastischen
Schläuche der Blutbahn, sie füllen sich infolgedessen
stärker, und eine, wenn auch zunächst nur leichte, so doch
merkliche Vermehrung der an die Bluttemperatur gebunde-
nen Körperwärme, verbunden mit Rötung („Erröten*)
und Drucksteigerung, tritt ein. Namentlich strömt die Blut-
welle von dem erregten Herzen nach allen erogenen Zonen,
wie den Schwellkörpern der Nase, den erogenen Nerven-
endkörperchen im Auge, im Ohr und in der Haut. Zu-
standsschilderungen, wie wir sie vielfach bei Dichtern
finden: „. . . errötend folgt er ihren Spuren", „mit
klopfendem Herzen harrt sie seiner Schritte", „die
Lippen brennen", „es schwelgt das Herz in Seligkeit",
bedeuten, ins Physiologische übersetzt, Hauthyperämien
und vasomotorische Kongestionserscheinungen. Bei stär-
kerer Rauschwirkung dehnen und füllen sich schließlich
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Herz-Bcteiligung
199
auch die erektilen Gewebe, wie sie in den weiblichen Mam-
millen, sowie in den Genitalien beider Geschlechter vor-
handen sind. Die Beteiligung des Blutkreislaufs an sexu-
ellen Vorgängen aller Art ist so augenfällig, daß ältere Be-
obachter meinten, der Sitz der Liebe sei das Herz. Noch
heute spricht man ja von herzlicher Liebe, vom Herz-
liebchen.
Wie die glückliche Liebe auf die gefäßerweiternden,
so wirkt die unglückliche auf die gefäßverengernden Ner-
ven, die Vasokonstriktoren. Deshalb wird auch der Liebes-
kummer und Liebesgram in der Herzgegend als ein Gefühl
von Herz k r a m p f , („das Herz krampft sich vor
Schmerz zusammen") und Herzensangst wahrgenommen.
Klopstock singt: „Ach, warum o Natur, warum o zärt-
liche Mutter, gäbest Du zum Gefühl mir e i n zu bieg-
sames Herz und in das biegsame Herz die unbe-
zwingliche Liebe, dauernd Verlangen und ach, keine Ge-
liebte dazu!"
„H e r z e 1 e i d e" heißt die Mutter Parsifals, deren
Sohn geboren wurde, als sein Vater im Kampf erschlagen
war. Die Beobachtungen vieler Autoren, daß die Herzneu-
rose in der weitaus großen Mehrzahl der Fälle in einem
unbefriedigten Sexualleben wurzelt — schon G a 1 1 e 1 sagt
(1898): „Die Angstneurose tritt überall da auf, wo eine
Retentio der Libido stattfindet", und Freud: „Die neuro-
tische Angst entspricht einer von ihrer Bestimmung abge-
lenkten, nicht zur Verwendung gelangten Libido 4 * (loc. cit.
p. 115) — wären danach so zu deuten, daß hier Zustände
von Präkordialangst (angina pectoris) vorhegen, dadurch
bedingt, daß ein unzersetzter Reizstoff die Vaso k o n s t r i k-
t o r e n zusammenzieht, da die reflektorische Außenrei-
zung mangelt. Sowie diese wieder eintritt, pflegt auch die
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200
Die Angst.
Angstneurose wie mit einem Schlage
verschwunden zu sein. Die erhebliche Beteili-
gung der Blutzirkulation an den sexuellen Vorgängen muft
naturgemäß sowohl in positiver als negativer Beziehung
für den Gesamtorganismus von hoher Wichtigkeit sein.
„Die Angst ist ein libidinöser Impuls, der vom Un-
bewußten ausgeht und vom Vorbewußten gehemmt wird,*
sagt Freud an anderer Stelle.
Wissen wir doch, daß alles, was die Blutbewegung,
die Zufuhr arteriellen sauerstoffhaltigen und die Abfuhr ve-
nösen kohlensäurereichen Bluts fördert, auch den Stoff-
wechsel steigert, der Ernährung des Körpers dienlich ist,
seine Leistungsfähigkeit hebt, daß dagegen alles, was die
Blutbewegung herabsetzt, wie etwa ein träges Leben, ein
kummervolles „zwischen Sorgen und Särgen", eine zu fett-
reiche Kost dem Organismus zum Nachteil ist.
So muß sicherlich auch die sexuelle Betätigung fin-
den Körper gut sein, zumal wenn wir in Betracht ziehen,
daß es nicht nur die im Blut selbst vorhandenen Nutz-
stoffe, wie Sauerstoff und Eisen, sind, die intensiver herum-
geschleudert werden, sondern auch jene durch die Liebe
stärker sezernierte innerliche Sexualsubstanz, von der wir an-
nehmen müssen, daß sie ebenfalls einen für den Aufbau des
Körpers bedeutsamen Faktor darstellt. G o e t h e 60 ) sagt ein-»
mal in den „Sprüchen in Prosa", vielleicht in bezug auf eigenes
Erleben: „Einem alten Manne verdachte man, daß er so
viel mit jungen Frauenzimmern verkehrte." „Es ist", ent-
gegnete er, „das einzige Mittel, sich zu verjüngen, und das
will doch jedermann."
60 ) Möglicherweise schwebte Goethe bei dieser Bemerkung die
Bibelstelle 1. Kön. 1, 1—4, vor:
1. Der König David aber war alt, in die Jahre gekommen,
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Verjüngung durch Liebe.
201
Freilich kommt es hier, wie bei allen dem Körper
förderlichen Agenden, Nahrungs- und Heilmitteln, auf das
richtige Maß an. Für die Bewertung jedes Faktors, der
unser Leben beeinflußt, ist das individuell verschiedene
Verhältnis zwischen dem Zuviel und Zuwenig, der Ruhe
und Tätigkeit, Übung und Schonung, das Entscheidende.
Wovon hinsichtlich der Liebesbetatigung dieses Maß
im Einzelfalle abhängt, werden wir noch zu berühren haben,
soweit es der Gegenstand dieser Studie erfordert, die ja
mehr biologisch als hygienisch gedacht ist, wenngleich
das eine die Grundlage des andern sein sollte. Hier
sei nur erwähnt, daß die Anschauung, welche u. a. Frei-
herr Christian von Ehrenfels 61 ) vertritt, „daß
vollkommene Enthaltsamkeit bis zur vollen Reife, also bis
durchschnittlich ins 25. Lebensjahr, der Konstitution von
Vorteil sei, indem vielleicht durch Resorption der Samen-
stoffe der Aufbau psychischer und physischer Spannkräfte
durch sie begünstigt werde, und daß diese günstigen Wir-
kungen bei elastischen Naturen auch noch über die ge-
und man bedeckte ihn mit Gewändern; aber es wurde ihm nicht
warm.
2. Da sprachen zu ihm seine Knechte: Man suche meinem
Herrn, dem Könige, eine Dirne, eine Jungfrau, und sie stehe vor
dem Könige, und sei seine Pflegerin, und schlafe an seinem Busen,
daß es meinem Herrn, dem Könige, warm werde.
3. Und man suchte eine schöne Dirne im ganzen Lande Israels,
und man fand Abisag, die Sunamitin, und brachte sie zum
Könige.
4. Die Dirne aber war gar sehr schön. Und sie ward dem
Könige Pflegerin, und bediente ihn; aber der König erkannte sie
nicht.
Vgl. auch Bloch, Sexualleben, p. 694, über „Sunamitismus".
•*) Sexuales Ober- und Unterbewußtsein, Pol.-Anthropol. Re-
vue, II. Jahrg., Nr. 6, September 1903, p. 465.
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202
Aphrodisin
nannte Altersgrenze hinaus, andauern könnte", nur sehr
bedingt und in dieser Allgemeinheit sicherlich nicht als
richtig unterstellt werden kann.
Durch die Erklärung sexueller Lustgefühle als Wir-
kungen einer Rauschsubstanz sind uns auch die Einflüsse
verständlicher, welche künstlich dem Gehirn zugeführte
narkotische und exzitierende Mittel auf die Starke der
Libido und Potenz haben. Von manchen, wie Alkohol
in stärkeren Dosen, wissen wir, daß sie die Lustempfin-
dung sehr erheblich schwächen, von andern, wie Opium,
daß sie selbst sexuelle Erregungen und orgastische Emp-
findungen mit konsekutiven erotischen Vorstellungen her-
vorzurufen imstande sind.
Der vielfach behauptete, wenn auch nicht in allen
Fällen festgestellte Einfluß gewisser pflanzlicher und tie-
rischer Extrakte, die seit den Zeiten des Altertums bis
heute von Ärzten als Aphrodisiaka, von Laien als Liebes-
tränke angepriesen werden — es seien das Yohimbin, Sper-
min, Kantharidin, Muriacithin genannt — , wäre dann so
aufzufassen, daß sie dem in unserm Körper selbst gebil-
deten Aphrodisin verwandte Stoffe enthalten. Wenn
auch von der Rinde des Yohimbinbaums durch Tier-
versuche erwiesen zu sein scheint, daß sie potenzstei-
gernd wirkt, so wird man doch im allgemeinen diesen
pharmazeutischen Präparaten skeptisch gegenüberstehen
müssen und kaum erhoffen dürfen, daß eine den normalen
Stoff Wechselprodukten auch jnur annähernd gleichende
Droge gefunden werden kann.
Ob es wohl nur ein Zufall ist, daß eine Reihe der
Vorkämpfer für die Enthaltung vom Alkohol zugleich
für eine freiere Auffassung sexueller Nichtenthaltung
eintreten? Ist ihnen aus ihrem SpezialStudium und ihrer
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Liebe als Fieber
203
Spezialkenntnis der in Betracht kommenden Dinge
und Menschen die vielleicht zunächst unbewußte Er-
kenntnis erwachsen, daß die künstlichen Berauschungs-
mittel in den Körper etwas Fremdes, Schädigendes
hineintragen, während in den im Organismus selbst
sich entwickelnden erotischen Rauschstoffen nützliche, ja
sogar unentbehrliche Stärkungsmittel enthalten sind? Be-<
steht nicht vielleicht sogar zwischen beiden eine gewisse
Wechselwirkung? Es kann wohl sein, daß sich der Miß-
brauch künstlicher Rauschmittel weniger weit und weniger
tief in die Kulturmenschheit eingenistet hätte, wenn diese
in sexueller Hinsicht ausgeglichener, befriedigter, kurz, wenn 1
sie glücklicher gewesen wäre.
Außer mit Rauschzuständen hat man die Liebe des
öfteren, namentlich wenn sie sehr heftig ist oder wenn sie
unerwidert bleibt, mit einer Krankheit verglichen, und
zwar entweder mit einer Geistesstörung oder mit einem
Fieber. Von den alten Römern, die den Spruch hatten
„amantes amentes", bis zu den modernen Franzosen, unter
denen namentlich Laurent in seinem Buche „L'amour mor-
bide a8U ) ausführlich auseinandersetzt, daß eine starke Liebe
„une veritable Obsession" sei, die „den Menschen zum
Narren mache", haben sich immer wieder einige Autoren
die Unbeeinflußbarkeit der Liebe durch vernunftgemäße
Vorstellungen, das häufige Mißverhältnis zwischen der
Größe der Empfindung und der tatsächlichen Beschaffen-
heit des Objekts nicht anders erklären können, als indem
sie Geisteskrankheit, „pathologische Zwangsliebe" oder gar
„impulsives Irresein" annahmen, wo in Wirklichkeit nur
eine besonders heftige Liebesleidenschaft vorlag. Beruht
die Auffassung der Liebe als Geistes k r a n k h e i t auf der
*»•) Vgl. auch Lomer, Liebe u. Psychose. Wiesbaden 1907.
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204
Liebe als Kampflust.
Unkenntnis ihrer wahren Wesenheit, so trifft der Vergleich
der Liebe mit einem Fieber allerdings insofern etwas Rich-
tiges, als es sich hier wie dort um den Einfluß chemischer
Stoffe handelt, die, wenn auch in verschiedener Weise, vom
Gehirn aus die Nerven des Organismus, vor allem die der
Blutgefäße, erregen. Besonders Stendhal bezeichnet
die Liebe mit Vorliebe als Fieber; so sagt er in der Ein-
leitung seines Buches über die Liebe: „Die Liebe ist wie
das Fieber. Sie entsteht und vergeht, ohne daß der Wille
Gewalt darüber hat," und er fügt hinzu: „Hat die Ge-
liebte wirklich gute Eigenschaften, so verdanken wir das
nur einem glücklichen Zufall."
Es sei hier noch eine Stelle aus den Leiden des jungen
Wertherangeführt, in der Goethe vortrefflich die Analogie
zwischen einer Liebe und einer Krankheit durchführt:
„. . . ihr Geliebter verlaßt sie", schreibt Werther kurz
vor seiner Selbsttötung an Albert, „erstarrt, ohne Sinne,
steht sie vor einem Abgrunde; alles ist Finsternis um sie
her, keine Aussicht, kein Trost, keine Ahnung! Denn der
hat sie verlassen, in dem sie allein ihr Dasein fühlte. Sie
sieht nicht die weite Welt, die vor ihr hegt, nicht die
vielen, die ihr den Verlust ersetzen könnten, sie fühlt sich
allein, verlassen von der Welt — und bünd, in die Enge
gepreßt von der entsetzlichen Not ihres Herzens, stürzt sie
sich hinunter, um in einem rings umfangenden Tode alle
ihre Qualen zu ersticken. — Sieh, Albert, das ist die Ge-
schichte so manches Menschen! Und sag, ist das
nicht der Fall der Krankheit? Die Natur
findet keinen Ausweg aus dem Labyrinthe der verworrenem
und widersprechenden Kräfte, und der Mensch muß ster-
ben. Wehe dem, der zusehen und sagen könnte: Die
Törin! Hätte er gewartet, hätte sie die Zeit wirken lassen,
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Verzicht auf Liebe.
205
die Verzweiflung würde sich schon gelegt, es würde sich
schon ein anderer, sie zu trösten, vorgefunden haben. Das
ist eben, als wenn einer sagte: Der Tor stirbt am
Fieber. Hätte er gewartet, bis seine Kräfte sich er-
holt, seine Säfte sich verbessert, der Tumult seines Blutes
sich gelegt hätten, alles wäre gut gegangen, und er lebte
bis auf den heutigen Tag."
Ist es für den Menschen schon schwierig, sich ein
künstliches Reizmittel abzugewöhnen, dem sich das Ner-
vensystem allmählich angepaßt hat, selbst dann, wenn er
erkannt hat, daß es Körper und Seele schädigt, um wie
viel schwerer muß es sein, wenn es überhaupt möglich ist,
auf ein Reizmittel Verzicht zu leisten, das tief in unserer
Natur begründet hegt, dessen Genuß .unausgesetzt wirkt, das,
in nicht zu starken Dosen genossen, lebenserhaltend und
lebensverlängernd wirkt, ja, das dem Leben der meisten
erst Inhalt, Wert und Schönheit gibt. Dieser lebens-
bejahende Standpunkt kann nicht deutlich genug ausge-
sprochen werden angesichts der weitverbreiteten, lebens-
verneinenden Anschauung der Askese, die ursprünglich
vielleicht eine ganz wohlmeinende Reaktion war im Sinne
des alten Wahrspruchs, der in der Fassung eines Kinder-
liedes lautet: „Die Freuden, die man übertreibt, verwan-
deln sich in Schmerzen", die aber weit über das Ziel hin-
ausschoß, als sie etwas zu einer schweren Sünde stem-
pelte, was in Wirklichkeit nur die Bedeutung eines Diät-
fehlers hatte. Jean Paul sagt einmal: „Eines Mechanikers,
Piloten oder Astronomen Fehler kostet vielen Tausenden
ihr Leben, aber die Irridee in dem Kopf eines Machthabers
kann eine Welt verstümmeln." Die Irrideen auf sexuellem
Gebiet haben in der Tat unzählig vielen Menschen das
Leben und, was mehr ist, das Lebensglück gekostet.
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206 Kampf gegen die Liebe.
•
Indem sich die Menschheit zwei Jahrtausende in den
Bann antihedonistischer Übertreibungen stellte, beging sie
eine Selbstverstümmelung, deren verhängnisvolle Schwere
kaum groß genug veranschlagt werden kann. Wie recht
hat doch der Privatdozent Dr. Oskar Ewald, wenn
er in einem „Fruchtbarkeit" überschriebenen Artikel sagt:
„Ein Naturtrieb, insbesondere ein so elementarer und mach-
tiger wie der erotische, kann sich nicht in seiner Reinheit
und Ursprünglichkeit bewahren und noch weniger sich
entfalten und schöne, duftende Blüten treiben, wenn das
Schuldbewußtsein seine Wurzeln zerfrißt." Wie viele Men-
schen laufen mit schuldbeladenem Gewissen herum um
einer Schuld willen, die gar keine ist; wie viele machten
ihrem Dasein ein Ende wegen einer Sünde, die keine war.
Sehr richtig sagt Hedwig Doh m 62 ) „Der Kampf, den
die christliche Kirche, seit Augustin vor allem, gegen die
Geschlechtsliebe führt, hat die Menschen nicht wirklich ge-
schlechtsloser machen können. Er hat sie nur zur Ge-
wissensquälerei und zu Heuchlern erzogen." Und noch
schärfer läßt Gerhart Hauptmann in seinem tiefen
Roman „Der Narr in Christo, Emanuel Quint", Dr. Hülse-
busch sagen: „. . . Ich bin ein Gegner des Christentums,
ich bin mit Goethe, Schiller und unsern größten Philo-
sophen der Ansicht, es ist durch die christliche Lehre ein
lebensfeindliches Element in die europäische Menschheit ge^
kommen. Das Christentum hat zum Bei-
spiel mit der Verdammung, Entheili-
gung und Entwürdigung des Geschlechts-
lebensallein schon maßloses Unheilan-
gerichtet. Es hat den Vorgang der Liebe
der Geschlechter, aus dem die neuen Men-
M ) Ehe? Zur Reform der sexuellen Moral, pag. 41.
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Jede Liebe — Eigenliebe.
207
sehen hervorgehen, auf eine Stufe mit
den Vorgängen in einer Latrine oder
Kloake gebracht. Ja sogar auf eine noch tiefere
Stufe. Ich betrachte das Christentum noch immer* überhaupt
als den wahren Krebsschaden unserer gesamten mensch-
lichen Zustände."
Aus allem, was wir über die Begriffe Reiz, Lust und
Rausch im Sexualleben erkannten, geht hervor, daß die
motorische Reflexhälfte der Liebe lediglich bestrebt ist, sich
in den Besitz dieser drei so überaus geschätzten Lebens-
güter zu setzen. Werther schreibt einmal: „. . . Weiß der
große Gott, wie einem das tut, so viele Liebenswürdigkeit
vor einem herumkreuzen zu sehen und nicht zu-
greifen zu dürfen; und das Zugreifen
ist doch der natürlichste Trieb der
Menschheit!" Wenn auch der Liebende sich nicht
darüber klar ist, ja es zu bestreiten geneigt ist, bei gerecht
abwägender Betrachtung unterliegt es keinem Zweifel, daß,
wer liebt, von seinem eigenen Wohlbehagen geleitet wird
und daher so egoistisch wie möglich handelt. Jede Liebe ist
Eigenliebe. Mit Recht schreibt Ninon de Lenclos 63 )
„Glaubt einem Menschenkenner wie La Rochefoucauld! Er
sagt: „Wenn man glaubt, daß man seine Geliebte ihr zu-
liebe liebt, so täuscht man sich gründlich." Und nicht min-
der treffend N i e t z s c h e: 64 ) w . . . im Durchschnitt machen
es die Künstler wie alle Welt, sie mißverstehen die Liebe. Sie
glauben in ihr selbstlos zu sein, weil sie den Vorteil eines
andern Wesens wollen, oft wider ihren eigenen Vorteil.
Aber dafür wollen sie jenes andere Wesen besitzen ... er
wird schrecklich, wenn man ihn nicht wiederliebt. L'amour
6a ) Briefe, herausgegeben von A. Saager, p. 117.
M) Der Fall Wagner, pag. 10.
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208
Das Glück des Beglückens
— mit diesem Spruch behält man unter Göttern und Men-
schen Recht — est de tous les sentiments le plus egoiste, et
par consequent, lorsqu'il est bless£, le moins gerereux
(B. Constant.). a Viele Millionen Frauen sagen tagtäglich
von einem bestimmten Manne: das ist mein Mann, und
ebenso viele Männer von einer Frau: das ist meine
Frau. Wie wenige haben aber jemals darüber nachgedacht,
daß dieses „mein" ein Eigentumswort ist, daß sich in
diesem „mein" das ganze Gefühl des Besitzes kundtut.
Wie aber ist es zu erklären, daß es gleichwohl kein
altruistischeres Gefühl gibt, als das egoistischste der Liebe,
keins, das mehr bemüht ist, einem andern Gutes zuzufügen,
keins, das wie die Liebe im Beglücken das höchste Glück
findet, keins, in dem das eigene Selbst absoluter in einem
zweiten aufgeht. Hat doch der Sexualtrieb oft genug so-
gar die Tendenz, über das ethische Gleichgewichtsgebot —
liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst — hinausgehend,
um der Liebe willen Leiden auf sich zu nehmen.
Dieser Dualismus in der ganz von Gegensätzen, aber
nicht von Widersprüchen beherrschten Liebe ist darin be-
gründet, daß das Objekt, in dessen Besitz der Liebende
sich zu setzen trachtet, kein lebloses Stück, sondern ein
lebendiges Wesen ist. Um zu dem ersehnten Ziel zu ge-
langen, bedarf der Liebende der Mitwirkung des Partners,
seines Willens, zum mindesten seiner Willfahrigkeit. Einen
zweiten Willen kann man aber auf die Dauer nur erobern,
indem man sich ihm fügt, man kann ihn sich nur unter-
werfen, indem man sich ihm wenigstens bis zu einem ge-
wissen Grade unterwirft. Wenn man sich nicht einen Men-
schen mit Aktivität und Agressivität, mit Gewalt im Kampf
zu eigen machen kann, muß man ihn naturgemäß mit
friedlicheren Mitteln zu erobern suchen. Man erreicht oft mit
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Don Juan und Werther.
209
Demut mehr, als mit dem Mut. H ö f f d i n g 65 ) sagt
in bezug auf den sexuellen Instinkt, daß er, der in seinen
niedersten Formen den befriedigenden Gegenstand nicht
zu kennen braucht, geläutert und veredelt wird, je mehr er
an das Bild eines andern selbständigen Individuums ge-
knüpft ist und durch dasselbe bestimmt wird. Anstatt mit
einer Forderung und einem Machtspruch aufzutreten, kann
das Gefühl dann nur durch freie Ergebung befriedigt wer-
den. Er zitiert Schiller, welcher sagt: „Die Lust kann
er, der Mächtige, rauben, aber die Liebe muß eine Gabe
sein." Wir haben also in der Liebe zwei entgegengesetzte
Arten der Gewinnungsmittel von Reiz, Lust und Rausch
zu unterscheiden: Die aktiven und passiven
Mittel. Den Typus des aktiven Liebhabers repräsentiert
Don Juan, den des passiven, Werther.
Im Tierreich tritt der gewaltsame Charakter der Liebe
unverhüllter und krasser zutage, wie jeder erkennen kann,
der nachdenkend beobachtet hat, wie der Hahn die Henne
packt, oder der Frosch sich auf das Froschweibchen stürzt.
Andererseits sagt aber Büchner, der wie Bölsche und
Brehm über das Liebesleben der Tiere viel Bemerkenswertes
geschrieben hat: „Die Geschlechtsliebe ist bei den
Tieren durchaus nicht immer und überall jener rohe
Trieb, als welcher er in der Regel angesehen oder geschil-
dert wird, er ist bei sehr vielen Tieren mit dem Schimmer
eines poetischen Hauches umgeben, den man bei uns Men-
schen sehr oft vergeblich suchen oder nur vereinzelt an-
treffen wird." In der Tat finden wir für alle Vorkomm-
nisse im menschlichen Liebesleben: Sehnsucht und Eifer-
sucht, Untreue und Treue über den Tod hinaus, individu-
«) H ö f f d i n g „Psychologie", pag. 349.
Hlnohfeld, Naturgesetze der Liebe. 14
r
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210
Liebeshaß
eile Auslese, Aufopferung, monogamische und polyga-
mische Verbindungen, Dauer- und Zeitehen, im Tierreich
nachweisliche Vorstufen, die zum Teil als Vorbilder gelten
könnten.
Es kann keinem Beobachter entgehen, daß der Kampf
in der Liebe bis zur höchsten Erbitterung keineswegs nur
im Tierreich vorkommt, sondern auch für den Kulturmen-
schen von heute noch zu Recht besteht. Wenn auch Schick-
salstragödien, wie die der Salome und Carmen nicht gerade
häufig sind, so könnte sich doch auch noch heute mancher
Mann mit dem Schrei Don Joses über die Geliebte werfen:
„Ja, ich habe sie getötet,
ich — meine angebetete Carmen!"
und manches Weib hat heute noch wie Salome den Drang,
die toten Lippen zu küssen, die sich ihr lebend versagten.
Diese Gewalttätigkeiten der Liebe, dieser Liebeshaß ent-
springt ganz unmittelbar dem egoistischen Trieb, das reiz-
vermittelnde Geschöpf sich zu eigen zu machen. Auf sexu-
ellem Gebiet verhalten sich Liebe und Haß, Zuneigung und
Abneigung, wie Entgegenkommen und Widerstand, Hoff-
nung und Zweifel. Die Sucht zu herrschen kann in ex-
tremen Fällen bei manchen Konstitutionen zu Grausam-
keiten führen, für die der Name Sadismus eine weite Ver-
breitung gefunden hat, eine allzu weite, fügen wir hinzn,
da neuerdings oft Akte gesteigerter Aktivität, die keines-
wegs den Charakter krankhafter Hypertrophie tragen, dar-
unter begriffen werden.
Dieses zerstörende Element der Liebe findet sich bei
beiden Geschlechtern, und wenn es noch eines Beweises
bedürfte, daß männliche und weibliche Eigenschaften nicht
unbedingt an das Vorhandensein männlicher und weib-
licher Keimzellen gebunden sind, so ist es dies, daß die
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Die Eifersucht.
211
menschliche Phantasie in Erinnyen und Furien, Megären
und Hexen, also in weiblichen Gestalten die Repräsen-
tanten qualvollster Aktivität erblickte. Freilich sind es
meist sexuell Unbefriedigte, Verschmähte, der Gegenliebe
Ermangelnde, die in diesen menschlichen Zerr- und
Schreckensbildern ihren Ausdruck gefunden haben.
Loewenfeld sagt: 66 ) „Seit langer Zeit wird die
Xanthippeneigenschaft, wie ich glaube, mit Recht auf Mangel
sexueller Befriedigung zurückgeführt. Die durch diesen
Mangel erzeugte Gereiztheit und Verbitterung führt aber
nicht lediglich zu Zank- und Schmähsucht, sie macht sich
bei ethisch tiefer stehenden Personen, wie oben angeführt
wurde, in Roheit und selbst Grausamkeiten Luft. Dabei
handelt es sich nicht um Vorkommnisse, die dem Gebiete
des Sadismus angehören."
Nichts verdirbt und verbittert den Charakter eines
Menschen mehr als sexuelle Not. Der auf Widerstand be-
ruhende Liebeshaß verwandelt sich in; Zorn, Wut und Raserei,
besonders dann, wenn zu der Nichterwiderung der Leiden-
schaft ein anderer, dem menschlichen Charakter tief inne-
wohnender Instinkt tritt, der Neid — in diesem Falle der
Neid, daß das Objekt so heftigen Ringens und Sehnens
einem anderen mühelos zuteil wird, die Eifersucht.*) Sie
gehört, wie die Sehnsucht, zu den sexuellen Unlustgefühlen,
deren Stärke nach ihrer Beseitigung dem Grade der Lust-
gefühle entspricht. Schon ein alter Schriftsteller meinte: „Ex
vera zelotypia affectus Semper crescit amandi" („Durch echte
Eifersucht wächst die Liebe immer").
Es gibt namentlich unter den Frauen besonders stark
•») Loewenfeld, Über die sexuelle Konstitution und andere
Sexualprobleme, pag. 216.
♦) Mittelhochdeutsch: Nid = Eifersucht.
14*
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212
Reiz der Eroberung.
von Instinkten und Kontrainstinkten geleitete — sie pflegen
sich temperamentvoll und impulsiv zu nennen — , welche
in der Besitzergreifung, dem Streben, den Mann in Ab-
hängigkeit und Unterjochung zu bringen, schließlich so
weit gehen, alles zu hassen, wovon sie meinen oder besser
gesagt, fühlen, daß es der Beschäftigung mit ihnen Ab-
bruch tut. Aber auch unter den Männern kommt Ähn-
liches vor; so berichtet Michels von einem Fall, in dem
ein Wiener Sänger Burschen in die Oper sandte, um seine
Frau, eine berühmte Sängerin, auspfeifen zu lassen. Diese
Erscheinungen gehören zu manchen ähnlichen, in denen
Liebende den Geliebten immer anders wünschen, als er ist,
ohne sich klar zu sein, daß, wenn er so wäre, wie man ihn
möchte, man ihn voraussichtlich nicht lieben würde. Manche
Menschen, und diese scheinen wiederum unter den Männern
zahlreicher zu sein als unter den Frauen, sind so wenig
glücklich veranlagt, daß sie nur der Kampf um den Besitz,
die Eroberung, die Unterwerfung reizt, nicht aber der Be-
sitz, der sie im Gegenteil ernüchtert. Einen besonders!
krassen Fall erwähnte ich bereits früher, den des Kapell-
meisters.*) Im allgemeinen dürfte es allerdings so sein, und
hier liegt eine der stärksten Wurzeln der Monogamität, daß
der stark Liebende sich seinen Besitz zu erhalten, zu
sichern, zu vertiefen sucht.
Von dem Moment an, wo einer nach dem Besitz des
anderen trachtete, und das ist derselbe Zeitpunkt gewesen,
in dem die Natur vermutlich im Verfolg größerer Differen-
zierung und Vervollkommnung der Lebewesen dazu über-
ging, die Geschlechter zu trennen, begann unter ihnen ein
Kampf um die Vorherrschaft, der auch heute noch nicht
*) Vgl. pag. 35.
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Kampf der Geschlechter.
213
als beendet anzusehen ist: Der Kampf u m e i n s t a r-
kes und schwaches Geschlecht. Strind-
berg, der nur die eine Seite des Problems sieht, drückt
dies in seiner extremen und deshalb unrichtigen Anschau-
ungsweise in bezug auf die Ehe so aus: „Zwei zusammen-
gekettete Feinde — Marin und Weib — zerstören sich ge-
genseitig, zerreißen, zerfleischen, verderben einer des an-
dern Menschentum."
Das männliche Geschlecht war in diesem Wettstreit
von vornherein das besser situierte. Seine Organisation
ermöglichte es ihm, in verschwenderischer Fülle Keimzellen
zu zerstreuen und, nachdem er sich befreit und entlastet,
seiner Wege zu gehen, als wäre nichts geschehen; der Mann
war es, der gab, sie aber gab sich hin, gab sich her, sie war
die nehmende, aufnehmende, die, wenn sie die Folgen
„trug* und an ihnen trug, oft genug als leidender Teil
allen Grund gehabt hätte, schmerzerfüllt zu sagen: Geben
ist seliger denn Nehmen. Für ihn war der erste Verkehr
ein Vorfall, der seinen Geist wenig, seinen Körper über-
haupt nicht änderte; für sie war er ein Ereignis, das einen
der wichtigsten, vielleicht den wichtigsten Einschnitt in
ihrem Leben bedeutete, sie war von da ab körperlich, oft
auch seelisch eine andere, sie war defloriert, erschlossen.
Schopenhauer meint einmal: „Der Mann kann bequem
über hundert Kinder im Jahre erzeugen, wenn ihm ebenso-
viele Weiber zu Gebote stehen; das Weib hingegen könnte mit
noch so vielen Männern doch nur ein Kind (von Zwil-
lingsgeburten abgesehen) zur Welt bringen. Daher sieht
er sich stets nach andern Weibern um; sie hingegen hängt
fest dem einen an: denn die Natur treibt sie instinktmäßig
und ohne Reflexion, den Ernährer und Beschützer der
künftigen Brut zu erhalten. Demzufolge ist die eheliche
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214
Das Weib als „Schatz".
Treue dem Manne künstlich, dem Weibe natürlich, und
also Ehebruch des Weibes, wie objektiv, wegen der Fol-
gen, so auch subjektiv, wegen der Naturwidrigkeiten viel
unverzeihlicher als der des Mannes." (Schopenhauer, Welt
als Wille und Vorstellung.)
Dieser eminente Unterschied findet auch sprachlich
seinen Ausdruck. Der Mann behielt dieselbe Bezeichnung,
ob er ein Weib „nahm" oder keines „besaß", er wurde
nicht aus „Herrlein" „Herr", wie sie aus „Fräulein"
„Frau"; er war Herr und blieb Herr, die Ehe änderte auch
seinen Familiennamen nicht, sie aber erhielt den Namen
des Mannes, dem sie sich „zu eigen gab" und dem sie „an-
gehörte". Alles das entwickelte sich nicht aus beabsichtig-
ter Willkür, sondern weil im Kampfe der Geschlechter in-
folge der biologischen Vorbedingungen der Mann in der Of-
fensive sich leichter zum starken Geschlecht entwickeln konnte
als das sich wehrende Weib. Die Lage des Weibes wäre
eine noch viel ungünstigere geworden, wenn der Mannes
nicht so sehr geliebt hätte, wenn er es nicht als sein kost-
barstes Gut begehrt hätte, dessen Wert er am besten selbst
bezeichnete, wenn er es in allen Sprachen mit „mein
Schatz", anredete.
Als das Weib diesen seinen Wert erkannte, und das
muß sehr früh gewesen sein, waren damit auch ihr die Mittel
gegeben, den Kampf der Geschlechter erfolgreich aufzu-
nehmen. Die Mittel, über die s i e dann verfügte, waren der
Widerstand, aktiver und passiver Widerstand, das Sichver-
sagen oft nach vorhergegangener Lockung, das Stellen
von Bedingungen und Prämien für ihren als so wertvoll
anerkannten Besitz. Wie sehr dies auch noch heute zu-
trifft, verrät sich deutüch in dem Artikel, den die SchriftsteU
lerin von Kahlenberg vor kurzem über die Sinnlichkeit
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Die Macht des Weibes.
215
des Weibes veröffentlichte. Sie schreibt: „Die Frau ist sich
ihrer Macht über den Mann, die seine Sinnlichkeit ihr
gibt, bewußt und nützt sie aus, heiter, gelassen und wenn
sie klug ist, sparsam! Er soll betteln, begehren, soll der
Werbende, Empfangende bleiben. Sie hat recht. Wenn sie
ihm dazu noch weißmachen kann, daß sie seine ihr ko-
mischen oder angenehmen Steigerungen teilt, wenn sie die
Technik der Liebe — es liegt schon so viel Kaltblütigkeit
und Wissenschaftlichkeit in dem Wort — beherrscht, ist
er ihr rettungslos, auf Gnade und Ungnade verfallen. Sie
besitzt etwas, was er haben muß, wofür er immer noch,
auch im zwanzigsten Jahrhundert, die größten Opfer bringt,
und er hat kein Äquivalent; sie ist von ihm frei, ist von
etwa gleichwertigen Trieben in keiner Weise abhängig. Das
ist wirklich Macht — eine Macht, wie sie ähnlich kein
Stimmzettel der Welt verleihen kann."
In der vortrefflichen Monographie: „Sadismus und
Masochismus" sagt Albert Eulenburg: „So lange
der den eigenen Begierden gegenüber widerstandsfähige Mann
noch „verliebt", d. h. im wesentlichen so lange sein ge-
schlechtliches Begehren noch ungestillt ist, kann ein be-
rechnendes, schlau versagendes und verheißendes Weib
alles mit ihm machen, ihn (wie Lili ihren „Bären") trium-
phierend herumführen."
So sehen wir denn, daß aus dem Kampf, den Mann
und Weib als Geschlecht und als Individuum miteinander
führten, bald das eine, bald das andere siegreich hervor-
ging. Kam man zu einem Friedensschluß, zur Vereini-
gung, so beruhte das Bündnis, selbst wenn dem Du das
Ich ebenso anziehend erschien, wie das Ich dem Du, meist
auf einem Kompromiß, indem beide Teile gleichzeitig ge*
wannen und verloren.
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216
Geschlechtsordnungen
Verfolgen wir den Kampf, den ein Geschlecht um
das andere und mit dem andern führte, über die Zeiten
historischer Überlieferung zurück bis in jene früheren
Perioden, aus denen nur noch die Wortbildung kündet,
was war, so ist es kaum zweifelhaft, daß es nicht so sehr
das Biologische direkt, als das im Biologischen begründete
kapitalistische Übergewicht war, dem der Mann seine
Herrenstellung zu verdanken hat.
Die Unfreiheit des Weibes begann erst, als der Mann
ihr „Ernährer" wurde. Bedeutet doch der Mann in den
meisten Sprachen — wie im Französischen l'homme, im Eng-
lischen man — dasselbe wie Mensch, während dife Familie
(wie famulus usw.) von fames = Hunger ihren
Namen hat und gleichbedeutend ist mit den Nahrungsbe-
dürftigen. Auch in dem sachlichen Vorzeichen „das", wie
in den Worten: „das" Weib und „das" Frauenzimmer
— einem noch zu Lessings Zeiten allgemein üblichen Aus-
druck — drückt sich der Standpunkt aus, von dem der
primitive Mann das Weib sah, das er bei manchen Völ-
kern sogar verschenken und verkaufen konnte. Noch heute
verspricht die Frau bei der Eheschließung in England dem
Manne „to love, to serve, and to obey."
Um sich ihr lebendiges Eigentum zu sichern, gelang-
ten die Männer schon auf verhältnismäßig früher Kultur-
stufe dahin, sich auf Grundlage der gegebenen Dreieinheit
— Vater, Mutter und Kind — Sexualordnungen zu schaffen.
Wie bei den Vögeln mit der Liebe der Nestbautrieb er-
wacht, so entwickelten sich beim Menschen in Verbindung
mit seinen sexuellen Bedürfnissen die Triebe, die ihn dazu
führten, sich in Haus und Hof ein Nest zu gründen, aus
deren Vielheit schließlich Städte und Staaten wurden.
Im einzelnen zeigen die Geschlechtsordnungen nach
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Altjungfertum und Prostitution. 217
Ort und Zeit eine ganz enorm mannigfaltige Gestaltung,
vor allem hinsichtlich der Stellung der Frau. Nur eins war
konstant: was der Gebrauch, die Sitte der betreffenden
Gegend und Zeit war, galt auch alsbald als sittlich —
nicht nur int Sinne des alten Sprichworts: ländlich sittlich — ,
sondern im Sinne des noch heute so viel Verwirrung an-
richtenden Begriffs der „Sittlichkeit".
Die Zustände jedes Volkes und Landes sind nicht als
sittlich oder unsittlich in sich begründet. Sie erhalten diesen
Stempel von der Zeitanschauung. Die unsrige schuf die
Extreme des Altjungfertums und der Prostitution und in
deren Gefolge viele seelische Störungen und Geschlechts-
krankheiten, für die nicht sowohl die Natur, als vielmehr
die herrschende Sitte verantwortlich gemacht werden muß.
Greifen wir aus der Fülle sexualmotorischer Formen und
Gebräuche einige heraus, so war es sicherlich ein Fortschritt,
als der Mann den lange über die Zeit der vorstaatlichen Hor-
den hinaus weit verbreiteten' Frauenraub, die auch heute in
manchen Ländern noch nicht ganz erloschene Entführungs-
sitte, aufgab, um das erwählte Objekt auf mehr gütlichem
Wege zu erwerben, indem er es gegen andere Wertgegen-
stände, meist Getreide oder Vieh oder gegen Metallstücke,
also Geld, eintauschte. Es gibt eine ganze Reihe von Völ-
kern, bei denen sich der Frauenkauf und -tausch oft für
höchst sonderbare Artikel, wie Felle, Butter, Flinten bis auf
die Gegenwart erhalten hat, und Bloch meint wohl nicht
, mit Unrecht, daß sich in der Prostitution noch ein Rest
der Kaufehe in Verbindung mit der Zeitehe („Stundenehe"),
in unsere Kulturperiode verpflanzt hat. Noch heute kosten
Kaffernbräute 5—30 Kühe, für Häuptlingstöchter hat man
sogar schon an 100 Rinder bezahlt. Ratzel sagt darüber:
„Die tiefste Wurzel hat diese Sitte dabei nicht etwa im
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218
Sitte und Sittlichkeit.
Herzen der Männer, sondern vielmehr in dem der Weiber,
in welchen das Gefühl ihres Wertes mit der Zahl der
Rinder sich erhöht, um welche sie gekauft werden." Und
Bö Ische, der diese Äußerung zitiert, fügt hinzu:
„Ist die Frau in der Ehe besonders leistungsfähig, was
Arbeit und Kindersegen angeht, so kommen nicht selten
die Angehörigen noch mit einer Nachforderung. Umge-
kehrt ereignet es sich, daß der Mann dem Schwiegervater
die Tochter als unbrauchbar heimschickt und um Rück-
zahlung der Kaufsumme anhält. Geht der Alte nicht darauf
ein, so degradiert jetzt der Mann die Frau zur Sklavin. "
Während bei uns der Schwiegervater eine „Mitgift" leisten
muß, erhält derselbe bei den Zulukaffern einen Kaufpreis.
„Lieblich mischen sich hier die Melodien aus den Hirten-
bildern des alten Testaments ein," fährt Bölsche fort, —
„In der Sage von Jakob, der um die Rahel freit, hast Du
den Frauenkauf in seiner idyllischsten Form."
Der Wert der Frauen regelt sich augenscheinlich in
erster Linie nach „Angebot und Nachfrage". Ein Beispiel
hierfür gibt uns Emin Pascha in einem Bericht aus
Uganda, in dem es heißt: „Die Frauen sind so zahlreich
hier, und so wenig Wert wird auf sie gelegt, daß ich
gestern zu meinem Erstaunen bei meinen schwarzen Trä-
gern Frauen fand, und als ich fragte, wessen Eigentum sie
seien, zur Antwort erhielt: sie haben sich zu uns gefunden
und leben nun mit uns. — Handelt es sich um eine Heirat,
da gilt es nicht, die Frau zu erkaufen, sondern man ver-
langt ganz einfach vom Vater die Tochter, und er gibt
sie schon ohne Entgelt. Auch kommt es vor, daß Mäd-
chen ohne weiteres in irgendein Haus gehen, sich dort
als Frau des Hausherrn installieren und mit ihm zusam-
menleben. Solche Verhältnisse haben nichts Anstößiges
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Liebe und Geld
219
und werden von beiden, dem Vater und dem Gatten, als
völlig bindend anerkannt. — Besonders hervorstechend
aber in dieser Beziehung sind die Schwestern der Könige,
die sich dem Gesetze nach nicht verheiraten sollen und mit
großer Ungeniertheit ihrem Privatvergnügen nachzugehen
pflegen."
Berücksichtigt man, wie untrennbar von dem Mo-
ment ab, wo Liebe und Geld existierten, beide als er-
strebter Besitz in vielfach wechselnden, aber stets vorhan-
denen Beziehungen miteinander verbunden waren, so wird
man es begreifen können, daß es auch heute noch Völker
gibt, bei denen der Prostitution der Makel der Schande
gar nicht oder nur in sehr geringem Grade anhaftet. So er-
zählt R. Michels : 67 )
„Es hat mich immer interessiert, wie ganz anders die
Asiaten zur Frage der Sinnlichkeit stehen. Dort ist die
„Prostitution" keine Schande wie bei uns, sondern etwas
ganz Natürliches. Und die Freudenmädchen im „Yoshi-
wara" in Tokio sitzen in ihren goldenen Käfigen mit so
viel Schönheit, Würde und Harmlosigkeit und sprechen und
winken fast herablassend zu all den vorbei drängenden und
sie anstarrenden fremden Damen. Das wird einem nur
dann verständlich, wenn man begreift, daß dort keiner dies
Gewerbe als „Schande" empfindet. Es gibt ein Yoshiwara
in jeder japanischen Stadt. Die Mädchen werden von den
Eltern auf fünf Jahre für, ich glaube, neunhundert Yen an
die Freudenhäuser vermietet. Danach kehren sie wohlge-
mut, mit Geschenken überhäuft, ins Elternhaus zurück, um
sich bald zu verheiraten. Sie machen die besten
Ä7 ) Robert Michels, Die Grenzen der Geschlechtsmoral.
München u. Leipzig 1911.
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*
EhesiHen
Partien, denn der Mann verspricht sich Großes von
ihrer „ars amandi a . a
In vielen Ländern erhöhte sich der Wert der Männer
zu Ungunsten der Frauen so sehr, daß schließlich nicht
mehr die Frauen, sondern die Männer Geld kosteten. Je
angesehener ihr Stand, je höher ihr Titel, je eleganter ihr
Äußeres, um so höher standen sie im Preise. Diese völlige
Umkehrung der Volkssitte rührte zum Teil davon her, daß
die Ehe für den Mann zur Stillung eines Naturtriebes, zur
Erlangung eines Wirkungskreises keine solche Notwendig-
keit bildete, wie für die Frau. Er „fiel" nicht, wenn er vor
der Ehe verkehrte; er blieb eher sitzen, wenn er heiratete,
sie dagegen, wenn sie nicht heiratete. Der Mann verlor,
die Frau gewann in der Ehe an Freiheit. Es ist nicht mög-
lich und in diesem Buche nicht der Platz, auch nur im
entferntesten eine Übersicht der Ehesitten zu geben, wie
sie uns auf der Erde in größter Mannigfaltigkeit entgegen-
treten. Nur eine der eigentümlichsten Formen der Ehe-
schließung sei noch erwähnt, die namentlich bei uns in
Deutschland im Mittelalter weit verbreitet war: Das Los-
bitten zum Tode verurteilter Verbrecher durch sogenannte
Kriminalbräute. Fand sich ein Weib, das bereit
war, einem dem Henker Verfallenen als Ehegattin ins Exil
zu folgen, so rettete sie ihm das Leben. Innerhalb zweier
Monate stand ihr noch das Recht zu, von ihrer ersten
Meldung bei der Gerichtsbehörde zurückzutreten. Tat sie
es nicht, dann wurde die Ehe geschlossen, und der Ver-
brecher war für immer frei. Nicht wenige „alte Jung-
frauen" sahen in diesem seltsamen Gebrauch einen Ret-
tungsanker. Boshafte Chronisten bemerken bei Schilderung
solcher Vorkommnisse nicht selten, man dürfe getrost an-
nehmen, daß eine derartige Heirat eine schlimmere Strafe
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Liebe und Pflicht.
221
gewesen sei als der Tod. Geliert legt in seinen „Mo-
ralischen Erzählungen" einem Verurteilten die Worte in den
Mund:
„Ihr werdet mich zeitlebens quälen,
Ich seh's Euch an!
Was will ich lange wählen? —
Haut zu! — So komm' ich doch der Qual auf
einmal los!"
Ob aber der Mann einen Kaufpreis gab oder eine Mit-
gift erhielt, ob er sich die Frau kaufte oder sich der Frau
verkaufte, in jedem Fall war er bemüht, dafür zu sorgen, daß
das, was ihm gehörte, ihm auch verblieb. Er erfand den
Begriff der „ehelichen Pflicht". Liebespflicht, Liebe und
Pflicht, ist ein Widerspruch in sich selbst, da nur frei-
willige Liebe auf die Bezeichnung „Liebe" Anspruch erheben
kann. Mit Recht sagt Rüdebusch in seinem gehalt-
vollen Buch „Freie Menschen in der Liebe und Ehe": „Wo
bleibt der Reiz des Werbens und Gewährens, wenn die
innige Vereinigung zur ehelichen Pflicht wird," und ebenso
treffend bemerkt einmal Heinrich Heine zu Fanny
Lewald: „Die Liebe befestigt kein Mietskontrakt, sie be-
darf der Freiheit, um zu gedeihen."
Nirgend, so sehr verschiedene Machtfaktoren es auch
erstrebten, gelang es jedoch, die Ehe zur alleinigen Stätte
sexueller Vereinigung, geschweige denn der Liebe, zu er-
heben. Überall und in allen Zeiten bestand und besteht
daneben eine sehr weitgehende Promiskuität; immer gab
es Männer, die in ihrem Leben mit weit über 100 Frauen,
Frauen, die mit noch weit mehr Männern sexuellen Ver-
kehr gepflogen hatten; überall machten die außer der Ehe
empfangenen Kinder einen nicht unbeträchtlichen Bruchteil
der Geborenen aus.
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222
Sexuelle Gleichberechtigung
Neuerdings sucht die Frau ihre Lage dadurch zu ver-
bessern, daß sie mehr und mehr wirtschaftliche, intellektuelle
und soziale Selbständigkeit und Unabhängigkeit vom
Manne anstrebt. Gelingt ihr dies, und sie scheint auf gutem
Wege, so wird dies für sie einen großen Schritt vorwärts be-
deuten in der Erkämpfung sexueller Gleichberechtigung..
Statt Erkämpfung könnte man hier auch Wiedererlangung
setzen, denn es spricht vieles dafür, daß das Weib in den
Zeiten des Matriarchats — der Mutterfamilie — , als Mann
und Weib, wenn auch nicht gleichartig, so doch gleich-
wertig und vor allem gleichberechtigt ein Nomadenleben
führten, ungleich mehr Sexualfreiheit besessen hat, als ihr
jemals später wieder zuteil geworden ist. Es waren jene
Zeiten, von denen M u 1 1 a t u 1 i sagt: „Im Anfang waren
alle Kinder unecht, und es kam niemandem in den Sinn, ein
Mädchen zu verachten, weil es Mutter war. Das wäre
nicht anders gewesen, als würde man auf eine Blume böse
sein, weil sie sich vermaß, zu „blühen"."
Sexualfreiheit heißt Freiheit des sexuellen Willens.
Geht nun aber dieser sexuelle Wille dahin, möglichst keinen
Willen zu haben, sich dem Willen des Geliebten völlig
zu überlassen, so müssen wir auch in dieser Willenlosig-
keit noch einen Willensausdruck erblicken. Tatsächlich
stärkt ja die Liebe nicht nur den Willen, die Aktivität, sie
hemmt ihn auch, macht den Menschen willensschwach,
nachgiebig, unterwürfig, unfrei, gebunden bis zur „sexu-
ellen Hörigkeit". Unter beiden Geschlechtern gibt es in
der Liebe geborene Herren und geborene Sklaven.
Wenn in „Der Widerspenstigen Zähmung" die Gattin Pe«
trucchios am Ende ausruft: „Was einem Könige ein Unter-
tan, das schuldet eine Gattin ihrem Gatten", so entspricht
diese Äußerung einer Zeitanschauung, die auch heute noch
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Sexuelle Hörigkeit.
223
keineswegs völlig verschwunden ist. Auch unter den
Männern gab es jederzeit solche, die sich an Unterwürfig-
keit nicht genug tun konnten. Als Beispiel sei hier auf
den Minnedienst des Mittelalters verwiesen, in dem die
Aufopferung und Hingabe der Männer wahre Orgien feierte.
„. . . die meisten dieser Helden", erzählt Wein hold, „unter-
warfen sich jeder Weiberlaune und die verrücktesten Dinge,
führten sie aus, um ihren Damen zu gefallen; nicht nur
Verstümmelungen, sondern auch unsinnige Handlungen der
sonderbarsten Art wurden bekannt. Ein solcher Liebes-
ritter zog sich z. B., um seine Geliebte zu ehren, die
„Loba", d. h. Wölfin, einen Wolfsbalg, über und lief
heulend auf allen Vieren in der Nähe der Burg seiner Her-
zensdame umher. Leider verstanden sich die Hirten und
ihre Hunde auf den Minnedienst schlecht. Sie hieben und
bissen ihn als einen wirklichen Wolf und richteten ihn so
übel zu, daß er für tot in das Schloß einer andern Dame
seines Herzens, der Loba von Puegnantier, getragen ward."
Weinhold erzählt weiter: „Um seiner Herzdame seine
Herzhaftigkeit zu zeigen, ließ sich Ulrich v. Lichtenstein
einen Finger abhacken und sandte ihr denselben ausge-
schmückt in einem prächtigen Kästchen zu; sie brach in
Verwunderung darüber aus, daß ein verständiger Mensch
solche Narrheit tun könne. Als junger Knabe hatte dieser
Ritter bereits mit Entzücken das Wasser getrunken, worin
seine Herrin sich gewaschen hatte." Und Henne am
R h y n , welcher sich ebenfalls über den eigenartigen Lie-
besdienst der Minnesänger ausspricht, schreibt: „Die Ge-
liebte wurde wie eine Göttin verehrt; ihr Name wurde in
Baumrinden geschnitten, ihre Fußspuren wurden geküßt;
sie erhielt Namen, wie: rote Rose, weiße Lilie, Sommer-
wonne, Glücksborn, Maientau, Osterblume, glänzender
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224
Die Lust am Leide
i
Morgenstern usw. in zahlloser Menge. Übermütige Da-
men verlangten von ihren Anbetern hohnvoll die unmög-
lichsten Leistungen in Herbeischaffung dieses oder jenes
Gegenstandes oder gar einen Kreuzzug. u
Auch jetzt noch ist bei vielen Frauen und Männern
Liebe geradezu die Lust am Leide. Die extremsten Steige-
rungen dieser Leidenschaft stellen eine unter dem Namen
Masochismus oft beschriebene Erscheinung dar, eine der
bei beiden Geschlechtern vorkommenden, und zwar häu-
figsten Absonderlichkeiten sexuellen Fühlens.
Wie verträgt sich nun aber dieses Aufgeben des Ich,
diese extreme sexuelle Passivität, mit dem, was wir von dem
egoistischen Charakter der Liebe ausführten? Um diese schein-«
bare Gegensätzlichkeit zu erfassen, müssen wir uns wieder
erinnern, wie unmittelbar sowohl zeitlich als ursächlich die
zentripetale und zentrifugale Komponente des Liebesre-
flexes einander folgen, Reiz und Lust. Um die begehrten
Reize zu empfangen, müssen wir wie ein Gefäß uns zur
Aufnahme bereit halten. Die Hingabe an die Reize ent-
spricht aber der Passivität, die Lust an ihnen der Aktivi-
tät der Liebe, und so wie Reiz und Lust in uns eins wer-
den und außer uns eins sind, so sind auch Aktivismus
und Passivismus in der Liebe eines jeden untrennbar mit-
einander verknüpft, wenngleich, entsprechend der indivi«
duellen Beschaffenheit ihrer Stärke, in sehr verschiedenen
Verhältnissen gemischt.
Wer einmal über das Wort Liebesdienst tiefer
nachgedacht hat, wird erkannt haben, wie nahe in der
Liebe das Dienen als etwas passiv Gehorchendes dem
Dienen als aktivem Erweisen von Dienstleistungen („Ga-
lanterie") steht. Untersuchen wir genauer das Motiv der
Liebesbezeugungen, so werden wir finden, daß selbst die
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Opferwilligkeit der Liebe,
225
Akte, die nicht unmittelbaren Reizgewinn erstreben, doch
mittelbar den Zweck verfolgen, den Träger der Reize und
damit diese zu gewinnen.
Es mag die Erkenntnis, daß so selbst der Altruismus
der Liebe dem Egoismus entspringt, daß das Gute, das
Verliebte erweisen, sie sich selbst erweisen, für viele, na-
mentlich für die, denen der Dank höher steht als der Oe-
danke, etwas Schmerzliches haben. In Wirklichkeit setzt
es aber den hohen Nutzen der Liebe für die Allgemeinheit
keineswegs herab, wenn wir inne werden, daß die
Opferwilligkeit der Liebe ihr als ein Lebensbe-
dürfnis, als Funktion anhaftet, wie etwa der Lunge das
Atmen, dem Herzen der Herzschlag.
Liebe bedeutet in jeder Beziehung ein Übersichhinaus-
wachsen, die größte Steigerung der in uns ruhenden Kräfte
und Möglichkeiten. Zur Erorberung der Liebesobjekte steht
uns aber noch ein weiteres Mittel zur Verfügung: außer
dem, was wir tun, das, was wir sind. Je mehr jemand an
Vorzügen bieten kann und bietet, um so größer sind seine
Aussichten in der Liebe. So schmückt sich das Weib mit
schönen Gewändern, der Mann mit Kenntnissen; so sucht
sich der Mann in künstlerischem, wissenschaftlichem, poli-
tischem, sportlichem Wettstreit hervorzutun, die Frau durch
Leistungen und Tugenden auf anderen, neuerdings auch
vielfach auf verwandten Gebieten, beide oft im unbewußten
Liebeszweck, um bedeutender und begehrenswerter zusein
oder wenigstens zu erscheinen.
Mantega zza richtet einmal in einer seiner zahlreichen
Schriften über die Liebe folgenden Appell an die Männer:
„Mann, willst Du geliebt sein? So sei stark an Muskeln
und Gedanken, an Leidenschaften, Kühnheit und Geistes-
Hirschfeld, Naturgesetze der Liebe. 16
226
Sexuelle Äquivalente.
blitzen. Eine Frau, welche bewundert, steht an der
Schwelle der Liebe."
Es entspricht dieser oft unbewußte Ansporn genau
dem, was Darwin uns an vielen Beispielen aus der Tier-
welt geschildert hat. Wie diese im Liebesdrang und Liebes-
wettstreit ihre schönsten Farben entfalten und leuchten, ihre
besten Liebeslieder erschallen lassen, so tut es auch der
Mensch mit dem, was er zu bieten vermag. Darwins Mei-
nung geht dahin, daß alle sexuellen Geschlechtscharaktere,
alles, was der Mann vor der Frau, und sie vor ihm vor-
aus hat, entwicklungsgeschichtlich auf diesen Wettstreit zu-
rückzuführen sei.
Von verschiedenen Seiten wird noch eine andere
Wechselwirkung zwischen sexueller und geistiger Produk-
tivität und Leistungsfähigkeit angenommen, nicht in dem
Sinne, daß die eine die andere steigert, als vielmehr so,
daß eins das andere ersetzen kann. Man stellt sich vor, daß
die in uns schlummernden Sexualkräfte in andere als sexu-
elle umgesetzt werden könnten; der entspannende Abstrom
habe dabei nicht Sexualreize zum Ziel zentrifugaler Liebes-
betätigung, sondern erstrecke sich auf andere, und zwar
sehr verschiedenartige Objekte, denen er produzierend und
schaffend gegenübertritt. Freu d 68 ) hat dafür den (übri-
gens schon von Nietzsche im gleichen Sinne gebrauchten)
Ausdruck „Sublimierung", Bloch den meines Erachtens
prägnanteren „sexuelle Äquivalente" gewählt. „Aus diesen
innigen Beziehungen zwischen sexueller und geistiger
M ) Freud Prei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 2. Aufl.,
p. 39) bemerkt: „Die Kulturhistoriker scheinen einig üi der An-
nahme, daß durch Hinlenkung auf neue Ziele ein Prozeß, der den
Namen Sublimierung verdient, mächtige Komponenten für alle kul-
turellen Leistungen gewonnen werden.
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Sublimierung der Liebe.
227
Produktivität erklärt sich die merkwürdige Tatsache,
daß gewisse geistige Schöpfungen an die Stelle des rein
körperlichen Sexualtriebes treten können, daß es psychische
sexuelle Äquivalente gibt, in die sich die potentielle Energie
des Geschlechtstriebes umsetzen kann. Hierher gehören
viele Affekte, wie Grausamkeit, Zorn, Schmerz und die pro-
duktiven Geistestätigkeiten, die vor allem in Poesie, Kunst
und Religion ihren Niederschlag finden, kurz, das ganze Phan-
tasieleben des Menschen im weitesten Sinne vermag bei
Verhinderung der natürlichen Betätigung des Geschlechts*
triebes solche sexuellen Äquivalente zu hefern, deren Be-
deutung in der Entwicklungsgeschichte der menschlichen
Liebe wir noch näher zu betrachten haben." 60 ) Nach allem,
was wir von dem Reflexmechanismus der Liebe wissen,
hätte man sich die Sublimierung nicht, wie es meist
geschieht, als eine Erhebung, ein Aufsteigen der geni-
talen in die zerebrale Sphäre zu denken, sondern eher als
ein Nichtsinkenlassen seelischer Vorgänge in geschlechtliche ; ;
es würde also mehr eine Hochhaltung als eine Erhöhung;
sein. Von den Dingen und Tätigkeiten, die als sexuelle
Äquivalente angegeben werden, seien folgende angeführt:
Kunst, Wissenschaft und Philosophie, letztere oft mit dem
Hinweis, daß die großen Philosophen von der älteren bis
in die moderne Zeit, von Plato und Aristoteles über
Descartes, Spinoza, Leibniz bis zu Kant, Schopenhauer
und Nietzsche meist unverheiratet waren. Plato selbst
nannte das Denken einmal: „sublimierten Geschlechtstrieb*.
Von vielen Seiten ist die R e 1 i g i o n als Ersatz sexu-
eller Lust angesprochen worden, was v. Krafft-Ebing
sehr präzise so ausdrückt: „Religiöser und sexueller Affekt-
zustand zeigen auf der Höhe ihrer Entwicklung Über-
Bloch, Sexualleben, pag. 100.
15*
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228
Liebesersatz
einstimrnung im Quantum und Quäle der Erregung und
können deshalb unter geeigneten Verhältnissen v i c a r i -
ieren". Nietzsche aber sagte: „Allen, denen die
Sitte und Scham die Befriedigung des Geschlechtstriebes
untersagt, ist die Religion als eine geistigere Auslösung
erotischer Bedürfnisse etwas Unersetzbares."
Ferner hat man gemeint, daß allgemeine Men-
schenliebe, humanitäre, philanthropische, soziale Bestreu
bungen aller Art, weiterhin Liebe zu Tieren, wobei man
vor allem an die Zärtlichkeiten vieler alleinstehender Per-
sonen zu Hunden, Katzen, Singvögeln, auch Pferden
dachte, als Substitute erotischer Liebe auftreten können, auch
leidenschaftliche Neigung zu leblosen Dingen, wie sie im
Sammeltriebe hervortritt. Endlich hat man auch in körper-
licher Tätigkeit, vor allem im sportlichen Wettkampf einen
sexuellen Sublimierungsvorgang erblickt. F. Nietzsche 70 )
meint einmal: „. . . der Geschlechtstrieb könnte an die Ma-
schine gestellt werden und nützlich arbeiten lernen, zum
Beispiel Holz hacken oder Briefe tragen oder den Pflug
führen. Man muß seine Triebe ausarbeiten. Das Leben
des Gelehrten erfordert namentlich so etwas."
Überblickt man diese Zusammenstellung, die auf Voll-
ständigkeit keinen Anspruch erheben kann, so wird man
finden, daß es eigentlich nichts gibt, wovon man nicht
angenommen hat, daß es an die Stelle sexueller Betätigung
treten könnte.
In einer Beziehung läßt die Literatur über diesen
Gegenstand allerdings vielfach zu wünschen übrig, näm-
lich in der scharfen Umgrenzung dessen, was unter
»°) Bd. XII. der Gesamtausgabe, Leipzig 1901, p. 149. Zitiert
nach Bloch a. a. O.
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Einfluß auf geistiges Schaffen
229
den Begriff der Sublimierung des Geschlechtstriebes
fällt. Wir sehen nämlich, daß nicht selten auch unter
Sublimierung die Anregung zum geistigen Schaffen ver-
standen wird, die nicht die sexuelle Enthaltung, sondern
im Gegenteil die Betätigung hervorbringt. Wenn bei-
spielsweise in bezug auf künstlerische Sublimierung
auf die Bemerkung von Krafft-Ebing verwiesen wird:
„Was wäre die bildende Kunst und die Poesie ohne
sexuelle Grundlage! In der sinnlichen Liebe gewinnt
sie jene Wärme der Phantasie, ohne die eine wahre Kunst-
schöpfung nicht möglich ist, und in dem Feuer sinn-
licher Gefühle erhält sich ihre Glut und Wärme. Damit
begreift sich, daß die Dichter und Künstler sinnliche Na-
turen sind", so ist wohl klar, daß dieser Gewinn an
schöpferischer Kraft durch die Liebe ganz anders bedingt
sein kann als „durch Verhinderung der natürlichen Betä-
tigung des Geschlechtstriebes" oder auch „durch Ablen-
kung sexueller Triebkräfte vom sexuellen Ziele auf andere"
oder dadurch, „daß ein Quantum libidinöser Triebkraft von
der Sexualsphäre auf Gebiete peripherer Tätigkeit überge-
führt, d. h. sublimiert wurde."
Von Sublimierung und sexuellen Äquivalenten sollte
man, wenn die Erörterung dieser Frage von Konfusion frei
bleiben soll, nur bei Personen reden, die über größere
Zeitläufte geschlechtlich enthaltsam leben, so daß also
nicht etwa eine einfache Kraft- und Lebenssteigerung als Folge
eines sexuellen Auslebens vorliegt, sondern begründete Ver-
mutungen bestehen, daß die psychische Leistung mit der
sexuellen Nichtleistung vicariierend im Zusammenhang steht.
Wenn es zuträfe, daß die sexuelle Enthaltung die
geistige Produktion günstig beeinflußt, so müßten die Ent-
haltsamen geistig bedeutender sein, in Kunst, Wissenschaft
230
Sexuelle Abstinenz
und den Zweigen, die als sexuelle Äquivalente gelten, mehr
zutage fördern als Nichtabstinente. Dies trifft aber in dieser
Allgemeinheit sicherlich nicht zu. Im Gegenteil, es hat den
Anschein, als ob die Enthaltsamen sich auch ansonsten
nicht durch Aktivität auszeichneten; die, welche ich beruf-
lich sah, waren eigentümlich ängstliche, sehr um sich be-
sorgte, scheue Menschen, nicht gerade unproduktiv, aber
auch nicht aus ihrer Schicht hervorragend. Sie hatten alle
selbst nicht den Eindruck, als ob durch die geschlechtliche
Enthaltung ihre Körper- und Geisteskräfte größer seien
oder geworden seien. Loewenfeld vergleicht in seiner
wertvollen Erörterung der Sublimierungsfrage einmal den
katholischen mit dem protestantischen Klerus und gelangt
zu dem wohl zutreffenden Schluß, daß man nicht behaup-
ten könne, daß die im Zölibat lebenden katholischen Priester
die verheirateten evangelischen Geistlichen an Intelligenz,
Energie und Tüchtigkeit überträfen.
Wiederholt hat man historische Persönlichkeiten her-
angezogen, um aus ihrem anscheinend sexuell unbewegten
Leben den Nutzeffekt zt folgern, den dieses für ihre gei-
stige Produktion gehabt hat. Erst neuerdings verwiest
Eulenburg in diesem Sinne in der Dresdner Diskussion
über die sexuelle Abstinenzfrage auf die großen „Zöliba-
tarier" der Weltgeschichte. 70fc ) Ich habe demgegenüber be-
reits damals geltend gemacht, daß eheliches Zölibat und
sexuelle Enthaltung nicht gleichzusetzen seien, daß wir viel
zu wenig über diese intimsten Vorgänge im Leben jener
großen Männer wüßten, um für die so komplizierte Frage
70a ) Verhandlungen der Achten Jahresversammlung der Deutschen
Oesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in Dresden
am 10. u. 11. Juni 1911 In der Zeitschrift für Bekämpf, der Geschlechts-
krankh. XIII. Bd. Leipzig 1911, pag. 7ff.
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Da9 Geniale und Genitale.
231
der Sublimierung daraus Schlüsse ziehen zu können. Selbst
wenn es aber zutreffen sollte, daß bei einzelnen bedeutenden
Persönlichkeiten das Geniale völlig das Genitale absor-
biert, ist zu bedenken, daß für diese Höhen- und Aus-
nahmemenschen Gesetze obwaltend sein könnten, die für
das Gros keine Gültigkeit haben, ganz abgesehen davon,
daß die Zahl der bedeutenden Männer und Frauen we-
sentlich größer ist, bei denen ein starkes Liebesleben mit
ebenso intensivem Geistesleben verbunden war.
Am ehesten scheint es noch, daß zwischen geistiger
und körperlicher Fruchtbarkeit insofern eine Wechselwir*
kung besteht, als auffallend häufig geniale Menschen so-
wohl hinsichtlich der Qualität als der Quantität ihrer Nach-»
kommenschaft von geringer Leistungsfähigkeit sind. Wenn
nicht in ihnen selbst, so endet in der übergroßen Zahl der
Fälle ihr Stammbaum mit ihren Kindern oder Enkeln.
In der Sprache verrät sich, daß man Zusammenhänge
zwischen geistigem und körperlichem Zeugen schon sehr
früh ahnte. Genus — das Geschlecht und genius — der Geist
leiten sich beide von ysvv&v = zeugen ab; Zeugung und
Überzeugung, Brunst und Inbrunst, die doppelte Anwen-
dung von Worten, wie Schaffen und Fruchtbarkeit lehren,
wie nahe sich in der Vorstellung die schöpferische Tätig-
keit der Hirn- und „Hodenhemisphären* 71 ) berührte. Alles
in allem will es uns bedünken, daß wir über die Umsetzung
sexueller Spannkräfte in Energien, die auf anders gearteten
Gebieten liegen, bisher recht wenig Zuverlässiges aussagen
können.
Zwei Punkte müssen allerdings als Ausnahmen her-
") Bloch erwähnt loc. dt. pag. 99, daß man im Zeitalter der
Schellingschen Naturphilosophie von den Hodenhemisphären ge-
radezu als von einer Analogie der Hirnhemisphären sprach.
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232
Umsetzung sexueller Spannkräfte
vorgehoben werden: erstens die Substituierung erotischer
Empfindungen und Triebkräfte durch religiöse, und zwei-
tens die teilweise Umgestaltung sexu-
ellen Drangs in einen rein motorischen.
Was zunächst das religiöse und sexuelle Gefühl betrifft, so
besteht zwischen beiden Affekten eine große Verwandt-
schaft. Beiden sind seit altersher dieselben Ausdrücke
eigen. Ist jemand von starker Liebe zu einem Menschen
erfüllt, so „betet er ihn an a , er „vergöttert" ihn. Der Mann
betrachtet seine Geliebte wie eine „Heilige", er fühlt sich
durch sie „beseligt", bringt ihr die größten „Opfer", und
Anreden, wie mein „Engel", „mein Abgott" sind nichts
Ungewöhnliches.
Umgekehrt macht die inbrünstige Hingabe an die Gott-
heit, den Schöpfer, den Erlöser, an die unbefleckte Jung-
frau Maria, die Heiligen, bei heidnischen Völkern die An-
betung der Götzen und Fetische oft den Eindruck ero-
tischer Substitution. In früheren Zeiten war es förmlich
Sitte, „ins Kloster zu gehen", um dort in der himmlischen
Liebe Trost zu finden für den Verlust einer irdischen. Statt
einem geliebten Menschen „weihte" man sich einem höheren
Wesen.
Auch inbezug auf die sexuellen Gefühlsanomalien und
Hypertrophien finden sich im religiösen Leben auffallende
Analogien, so zwischen der Reliquienverehrung und dem
Fetischismus, zwischen religiösem und sexuellem Flagel-
lantismus, zwischen den Selbstkasteiungen und maso-
chistischen Praktiken, zwischen den im Namen der Religion
und der Liebe verübten Grausamkeiten, wie sie in den
Hexen- und Ketzerverbrennungen beredtesten Ausdruck
fanden. In Heiligenlegenden, alten Gebeten und Kirchen-
liedern finden sich nicht wenige Stellen, in denen die Schil-
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Erotische und religiöse Exstase.
233
derung der religiösen Ekstase der der sexuellen zum Ver-
wechseln gleicht. Nur einige wenige Zitate seien heraus-
gegriffen. So heißt es in den Schriften der Mechthild
von Magdeburg (1212 — 1277) 72 ): „O, Herr, minne
mich gewaltig und minne mich oft und lang; je
öfter du mich minnest, um so reiner werde ich; je gewal-
tiger du mich minnest, umso schöner werde ich; je länger
du mich minnest, umso heiliger werde ich auf Erden." Gott
antwortete: „Daß ich dich so oft minne, das habe ich von
meiner Natur, denn ich bin selber die Liebe. Daß ich dich
gewaltig minne, das habe ich von meiner Begier, denn:
auch ich begehre, daß man mich gewaltig minne. Daß ich
dich lang minne, das ist von meiner Ewigkeit, denn ich
bin ohn* Ende."
Die heilige Agnes widmet „ihrem himmlischen
Bräutigam" folgende Worte: 73 )
„Entbrannt in Deine Schöne, Geliebter, Lieg
ich, erkrankt von Liebe Ich schmachte, verschmachte
Komm, Ersehnter, und labe die Sieche mit freund-
lichem Zuspruch. — — Laß mich ruhen, Geliebter, an
Deinem Busen, und langsam Trinke die Seele hinweg
in einem schmerzlichen Kusse!"
ChristineEbner träumte sogar, „daß sie unseres
Herrn schwanger geworden sei". In römisch-, mehr noch
in griechisch-katholischen Kirchen hat man oft Gelegenheit
zu sehen, mit welcher Innigkeit Frauen und Mädchen Küsse
auf Antlitz und Füße der Heiligenbilder pressen.
n ) Zitiert nach E. B 1 e u 1 e r , „Jahrbuch für Psychoanalytische
und Psycho-Pathologische Forschungen". 1911, p. 203. Vgl. auch den
trefflichen Artikel von Lydia Stöcker: „Mystik und Erotik" in „Die
neue Generation", 8. Jahrg. 1912, Heft II.
7S ) Stiert nach Kosegartens Legenden.
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234
Oraf Zinzendorf.
Eines der krassesten Beispiele der Übertragung von
erotischen Empfindungen auf religiöse Schwarmgeisterei
schildert ausführlich der Züricher Pfarrer Dr. Oskar
Pf ister in dem Werke „Die Frömmigkeit des Grafen
Ludwig von Zinzendorf". Pfister führt unter vielem an-
dern aus Zinzendorfs Schriften und Liedern Stellen an wie
„Der Mensch ist Braut, und Gott ist Bräutigam". Ein Ge-
bet zu Jesus versichert: „Mein Braut-Herz hält sich keusch,
mir g'nügt an deinem Fleisch". In einem Liede heißt
es: „Reiner bräutgam meiner seelen, tilge fremder Liebe
flamm, laß mich deine lieb erwehlen, auserwehlter bräuti-
gam! Welcher unter allen denen, die natur verbinden kann,
die sich nach geliebten sehnen, welcher gleichet meinem
mann? Aber deines mundes küsse, die voll lieblichkeiten
sind, schmecken einem himmel süße, wenn man dein ver-
wehntes kind", und in einem andern Liede: „Wenns aber ans
umarmen geht, ans küssen und ans herzen, so zieht der
Sohn als ein magnet, und macht ihr liebes-schmerzen, der
braut, die Er für sich erschuf, und ihr zum ewigen behuf,
sich ihr selbst e i n n a t u r t e."
Es liegt zweifellos viel Wahres darin, wenn ein so
gründlicher Kenner der sexuellen Kulturentwicklung wie
Iwan Bloch (Sexualleben p. 105) meint: „In gewissem
Sinne kann man die Geschichte der Religionen als Geschichte
einer besonderen Erscheinungsform des menschlichen Ge-
schlechtstriebes, besonders in einer Wirkung auf die Phan-
tasie und ihre Gebilde bezeichnen", oder wenn die Ge-
brüder Goncourt in einer ihrer geistvollen Schriften
sagen: „Die Religion bildet einen Teil des weiblichen Ge-
schlechtslebens."
Sind wir uns über die engen psychologischen Be-
ziehungen klar, welche zwischen der Hingabe an ein gött-
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Liebe als Sünde.
235
liches und der an ein menschliches Wesen bestehen, Be-
ziehungen, die noch durch sehr viele Beispiele er-
härtet werden könnten, so wird uns auch der fa-
natische, jahrtausendelange Kontrainstinkt begreiflich, mit
dem die Prediger der Gottesliebe die fleischliche Liebe
verfemten und verfolgten. Es ist wohl zu weit gegan-
gen, wollte man sagen, daß die Priester das nächst
der Ernährung heftigste Bedürfnis der Menschen zur Sünde
stempelten, weil sie von der Sünde lebten, oder wenn ein
moderner Autor sich ausdrückt: „Die Priester vertraten die
asketische Anschauung, um ihre eigene Daseinsberechtigung
zu begründen." Richtig aber ist, daß die Religionen Men-
schen brauchten, die sich für schuldbewußt, schwach,
schlecht, gebunden und elend hielten, die von Unruhe,
Reue, Zerknirschung und Zweifeln erfüllt waren, und durch
nichts war dies leichter zt bewerkstelligen — es geschah
dies vielleicht mehr unterbewußt als wissend — , als wenn
dem Geschlechtsbedürfnis als dem vitalsten Drang der
Charakter von etwas Niedrigem, Gemeinem, Sündhaftem,
von etwas Dämonischem, Heimlichem und zugleich Un-
heimlichem gegeben wurde. Nietzsche sagt einmal in
„ Menschliches, Allzumenschliches": „In allen pessimisti-
schen Religionen wird der Zeugungsakt als schlecht an sich
empfunden. Alles Natürliche, an welches der Mensch die
Vorstellung des Schlechten, Sündhaften anhängt (z. B. in
betreff der Erotik) belästigt, verdüstert die Phantasie, gibt
einen scheuen Blick, läßt den Menschen mit sich selbst
hadern und macht ihn unsicher, vertrauenslos gegen sich
selbst. Selbst seine Träume bekommen einen Beigeschmack
des gequälten Gewissens."
Sexuell ausgeglichene Menschen fühlen sich harmo-
nisch. Harmonische aber konnte die Kirche nicht gebrau-
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Das Weib als Sünde.
chen, wenigstens nicht solche, die ihr Glück in der Liebe
zu etwas Anderem als zu Gott fanden.
So handelte von ihrem Standpunkte aus die Kirche
völlig konsequent, wenn sie von ihren Dienern den Zöli-
bat forderte, wenn sie die Abtötung des Fleisches pre-
digte, die viele bis zur Selbstverstümmelung trieben,
wenn sie die Ehe als einen niedrigen Stand und gele-
gentlich das Weib schlechthin als die Sünde bezeichneten.
Noch der gelehrte Kirchenhistoriker Joh. Gottfried
Arnold (gest. 1714) vertrat die Auffassung, „daß
fleischliche Liebe die Liebe zur himmlischen Sophia zer-
störe". Luther scheint die enge Wechselwirkung, diei
zwischen sexueller Enthaltung und religiöser Betätigung
besteht, nicht völlig erkannt zu haben, als er erklärte:
„Wer den Naturtrieb wehren will und nicht lassen
gehen, wie Natur will und muß, was tut er anders, denn
er will wehren, daß Natur nicht Natur sei, daß Feuer
nicht brenne, Wasser nicht netze, der Mensch nicht esse,
noch trinke, noch schlafe." Das Gleiche gilt für einen vor-
bildlichen Prediger unserer Tage, F r e n s s e n , der im
„Schlußwort zu Hilligenlei" sagt: „Die Sinnlichkeit ist
nicht Sünde, sondern ganz im Gegenteil ein Schmuck des
Lebens, eine Gabe Gottes, wie Frühling- und Sommer-
wind; man soll sie mit gutem Gewissen und Freude ge-
nießen und soll sie gesunden, erwachsenen Menschen, die
sie begehren, von Herzen wünschen, wie man ihnen den
Anblick des Meeres wünscht, und daß der Herbstwind
ihnen um die Stirn weht." Solche Aussprüche aus geist-
lichem Mund gehören zu den größten Seltenheiten. Die
Mehrheit protestantischer Geistlicher geht in dieser Frage
nicht mit Luther, übertrifft vielmehr an Zelotismus noch
den katholischen Klerus.
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Enthaltung oder Mäßigkeit.
Da die Forderung sexueller Enthaltung an Stelle der
antiken Empfehlung sexueller Mäßigkeit sich für die
meisten auf die Dauer als etwas Undurchführbares er-
weisen mußte, man andererseits aber wohl empfand, wie
sehr die Erhaltung dieser Sünde für das Bewußtsein sünd-
hafter Gebundenheit notwendig war, wurde mit diesem
Verlangen zugleich auch ein Keim zu der großen Unwahr-
haftigkeit gelegt, welche das ganze Sexualleben durchsetzt.
Befremdlich erscheint es zunächst nur, muß aber auch
psychobiologisch begründet sein, wie stark sich die aske-
tische Suggestion von der Sündhaftigkeit des Geschlechts-
lebens von Generation auf Generation vererbte, so stark,
daß viele, die sich im übrigen längst von den priesterlichen
Vermittlern dieser Lehre abgekehrt hatten, fest daranhieltem
wie an einem unerschütterlichen Dogma, ohne jemals auch
.nur eine Erklärung zu fordern, worin denn der Schade
einer nicht ansteckenden und nicht zu häufigen Sexualbetä-
tigung zu erblicken sei. Man kann schon daraus mit
Recht folgern, daß das Keuschheitsgebot auf einen emp-
fänglichen Boden fiel; es mußten unbedingt noch andere
als religiöse und metaphysisch-mystische Ursachen vor-
handen sein, die dem reflektorischen Vorgang einen so
hemmenden Widerstand entgegensetzten.
Diese psychologischen Hemmungsmechanismen der
Libido sind teils instinktiver, teils intellektueller, teils auch
suggestiver Natur. Ihr mehr gefühlsbetonter als verstandes-
mäßiger Charakter verrät sich meist sehr deutlich in sub-
jektiven Ausdrücken des Widerwillens. Worte wie: ab-
stoßend, abscheulich, ekelhaft, furchtbar, gräßlich, entsetz-
lich sind in vielen auf objektive Wissenschaftlichkeit
mit Unrecht Anspruch erhebenden Schriften der Medico-
Theologen, wie N y s t r ö m sie treffend charakterisierte, an
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Wurzeln der Askese
der Tagesordnung. Sehr bezeichnend ist, daß in einem der
verbreitetsten Bücher dieser Kategorie der Schwede Rib-
bing'**) ausführt, daß „eine Reihe von ernsten und wohl-
gesinnten Menschen zu dem Schlüsse gekommen seien, daß
die ganze geschlechtliche Lebensäußerung als unheilvoll,
verleitend und erniedrigend zu betrachten sei; sie hätten,
(vielleicht wohl etwas übereilt, wie Ribbing hinzufügt), aus-
gesprochen, die Fortpflanzung des Menschengeschlechts
hätte nicht sollen an eine geschlechtliche Paarung und Ver-
mischung gebunden sein".
Welches aber sind nun wohl die biologischen Wur-
zeln der Askese? Da kommen recht verschiedenartige Mo-
mente in Betracht, die oft nur mittelbar, nicht aber un-
mittelbar antihedonistisch wirken. So erhöhte oft genug
der die Spannung steigernde Widerstand die Begierde nach
und damit die Lust der Entspannung. Nicht selten gingen
die Exzesse der Enthaltung in Exzesse der Ausschweifung
über. Aber selbst wo es nicht zur Sprengung der Hem-
mungen kam, trug der Kampf mit dem „Dämon der Un-
keuschheit", das Liebesmartyrium, vielfach den Charakter
der Lust am Leide, was ein Widerspruch in sich wäre,
wenn es sich nicht um die Liebe handeln würde. Sehr bezeich-,
nend sind die Worte, mit denen Hans Dankberg sein
kluges Buch vom „Wesen der Moral" schließt. Sie lauten:
„An die Konstruktion der Moral hat das Genie der
Menschheit seinen besten Willen und seine beste Kraft ge-
setzt. Und dann, wo blieben die Farben und Formen des
Lebens, wo der lockende Reiz der Sünde
ohne Moral?"
Der masochistische Einschlag der Askese dringt dem
7U ) Seved Ribbing, Vorträge über sexuelle Hygiene und Ethik,
pag. 4.
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Reiz des Verbotenen.
239
Träger der Empfindung meist ebensowenig in das Ober-
bewußtsein, wie ihr sadistisches Gegenstück, der Drang, im
Liebesleben Personen um ihrer Neigung willen zu er-
niedrigen. Aber selbst Verfolgungen, Auferlegung von ent-
ehrenden Strafen wirken nicht selten luststeigernd. Was
man leicht haben und besitzen kann, gewährt keinen so in-
tensiven Genuß als das, was unter Gefahren errungen
werden muß. Das Verbotene, Heimliche reizt, „schmeckt
süß a und verleiht dem Ziel der Sehnsucht den Zauber des
Romantisch- Mystischen. Die Leiden und das Glück einer
Liebe verhalten sich meist in ihrer Stärke proportional. Das
Goethesche „Leid will Freud, Freud will Leid haben" hat
im Sexualleben volle Gültigkeit. Es nähert sich dem, was
Eduard von Hartmann einmal dahin formulierte:
„Es gibt keine Lust, die nicht einen Schmerz enthielte, und
keinen Schmerz, mit dem nicht eine Lust verknüpft wäre."
Eng verbunden mit dem sadistischen Liebeshaß ist
die Eifersucht gegenüber der von andern genossenen
Liebeslust. Am markantesten treten diese Neid- und Miß-
gunst-Empfindungen in den Bestimmungen gegen die
Kuppelei zutage, den einzigen Gesetzen, in denen die
Beihilfe, ja sogar die Duldung bei Handlungen unter
Strafe gestellt wird, die selbst straflos sind. Denn
die Unzucht, der nach dem Wortlaut des § 180 nicht Vor-
schub geleistet werden soll, ist dem Gesetzgeber gleich-
bedeutend mit sexuellem Verkehr. So jagen antisexuelle
Affekte die Betätigung eines Naturtriebs obdachlos auf
die Straße und setzen ihn nicht nur erst recht der Aus-
beutung, sondern auch, wie dies L i o n 74 ) und Hille r 75 )
") Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsre-
form, pag. 282 ff.
n ) „Die neue Generation", 6. Jahrg., 11. Heft, pag. 454.
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240
Die Scham.
sehr richtig hervorheben, gefährlichen Krankheiten und dem
sittlichen Verkommen und der Rechtlosigkeit aus.
Neben den genannten Empfindungen wirken hemmend
auf den Reflex: die Reaktion gegen die Lust, das uralte
„omne animal post coitum triste", die Ernüchterung, die je
nach den Begleitumständen bald stärker, bald schwächer
auftretende Reue, der „Liebeskatzenjammer", der nament-
lich beim Manne oft bis zur Verachtung des Weibes
gehende Degout nach besiegtem Widerstand. Wenn auch
diese Unlustreaktion schwächere Erinnerungsspuren zu-
rückläßt als die Lustempfindung, so wirkt sie doch im Ge-
dächtnis unterbewußt vibrierend nach.
Ein weiterer Hemmungsfaktor ist die Scham. Ich habe
mich in früheren Arbeiten 76 ) denen angeschlossen, die sie
für etwas Erworbenes halten. Von neueren Autoren, die
über den Ursprung des Schamgefühls sich äußern, seien
Dankberg genannt, welcher sagt: „Der Fonds des
Schamgefühls ist nicht: ich schäme mich, sondern: ich soll
mich schämen" (loc. cit., pag. 58), und Josef Köh-
ler, 77 ) der schreibt: „Das Schamgefühl ist nichts von
Natur Gegebenes, sondern etwas durch die Natur Ent-
wickeltes, welches in der Erziehung mehr oder weniger
gesteigert, ja selbst bis zur Entstellung übertrieben werden
kann. Ihm eine absolute Bedeutung beizumessen, ist irrig."
Daneben aber hat die Scham wie alles Erworbene auch
eine endogene Wurzel, und diese hängt mit dem dem Spiel
der Liebe eigenen Sträuben und Zögern, Sichversagen und
Wehren zusammen, jenen passiven Faktoren, die so un-
7e ) Vgl. in „Die Transvestiten" den Abschnitt „Die Kleidung als
Ausdrucksform seelischer Zustände", pag. 257 ff.
") In „Der Begriff d. Unzüchtigen« im „Tag" vom 23. VII. 1901.
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Objektivierung der Empfindungen. 241
gemein viel dazu beitragen, den Reiz und die Lust, Rausch
und Wunsch, Spannung und Drang zu vermehren.
Handelt es sich bei den genannten Hemmungsfaktoren
um Kontrainstinkte und Suggestionen mehr oder weni-
ger allgemeiner Natur, so kommen noch andere hin-
zu, die individueller und spekulativer sind. Die Subjektivi-
tät und Differenziertheit der sexuellen Empfindungen ist so
groß, das Lustgefühl, welches das einem jeden gerade ent-
sprechende Objekt vermittelt, so exzeptionell, daß jemand,
der es nicht selbst fühlt, schwer versteht, wie Erscheinungs-
formen, die von dem eigenen Typus weit entfernt sind,
überhaupt sexuellen Eindruck zu machen imstande sind. Weil
ihn die Reize abstoßen, findet er nach dem Gesetz der
Objektivierung, welches auch das Liebesleben beherrscht, die
Objekte, von denen die Eindrücke ausgehen, objektiv ab-
stoßend und ebenso die Subjekte, auf welche die Objekte
Eindruck machen.
Gründe sind, wo Hemmungen vorhanden sind, leicht
gefunden. Ebenso wie derjenige, welcher Liebe fühlt, be-
müht ist, seine Neigung vor sich und der Welt zu erklä-
ren, so sucht der Antisexuelle, der von Antipathie oder
Liebeshaß Erfüllte, seine Abneigung zu begründen. Das
Wirkliche ist aber in der Liebe nur das Subjektive, und
in dem Subjekt nicht der Gedanke das Tatsächliche,
sondern das Gefühl, nicht das Bewußte, sondern das
Unbewußte. Sehr mit Recht sagt H o r w i t z (in seiner
psychologischen Analyse auf physiologischer Grundlage,
Halle 1875, p. 179): „Das Denken ist eine Folgeerschei-
nung des Gefühls, wie es auch die Bewegung ist", ein
Satz, der dem französischen „penser c'est sentir" entspricht.
Dabei ist ohne weiteres zuzugeben, daß es auch Re-
flexionen mit positiveren Unterlagen gibt, die sich dem
Hirschfeld, Naturgesetz« der Liebe. 16
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242 Soziale Hemmungen.
Reflexablauf in den drei Hauptstätten sexueller Betätigung
sperrend entgegenstellen. So treten dem Gebrauch der
Prostitution die Gefahr der Infektion, der freien Liebe die
Möglichkeit der Befruchtung, dem Eingehen der Ehe das
Risiko materieller Not und ihre Unauflöslichkeit als Gegen-
motive in den Weg.
Damit berühren wir die soziale Seite der Hemmungen,
die Sitte, die jeweilige Moral, die namentlich bei uns für
das Weib so strenge Regeln vorschreibt. So werden sicher-
lich nicht selten Frauen, die sich einem leidenschaftlich
geliebten Manne zu eigen geben möchten, davon abgehalten
werden durch die Vorstellung der Schande, die an der un-
ehelichen Mutter und an unehelichen Kindern haftet.
Überschauen wir die generellen und individuellen
Grundlagen und Gründe der Sexualhemmung, so verliert
sich nach ihrer psychobiologischen Würdigung ein Teil des
Grolls, den man zunächst den lebensverneinenden, destruk-
tiven Elementen entgegenbringt, die sich so feindlich gegen
das höchste Gut, das der Mensch besitzt, verhalten. Man
erkennt dann wieder die Wahrheit des tiefen Wortes von
Spinoza: „Alle Dinge geschehen aus Notwendigkeit;
es gibt in der Natur kein Gutes und kein Schlechtes."
Auch die Hemmungsmechanismen sind wie die Re-»
flexmechanismen in der Psyche begründet. In sehr vie-
len Fällen wirken sie ihrer Absicht völlig entgegenge-
setzt, indem der zur Aufhebung von Hemmungen nötige
Aufwand die Lust steigert. Dieses freilich nur, wenn die
Hemmungen nach nicht zu langem Zeitraum überwunden
werden können. Wird die befreiende Entspannung zu
lange, zu gewaltsam unterdrückt, dann treten ungün-
stige Folgen ein, die in hohem Maße dazu angetan
sind, dem Wert eines Lebens und dem Fortschritt des
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Lustgewinn und Lustersparnis.
Ganzen, der von den einzelnen Lebenswerten abhängig ist,
Abbruch zu tun.
Ehe wir dazu übergehen, zu erörtern, wie das Indi-
viduum am geeignetsten das Gleichgewicht, die Harmonie
zwischen den Reflex- und Hemmungsmechanismen, zwischen
dem Lustgewinn und der Lustersparnis herstellt, müssen
wir noch kurz auf die motorischen Auslösungen zurück-
kommen, von denen oben gesagt wurde, daß sie ebenfalls
der sexuellen Entspannung dienen können.
Nach allem, was wir wissen, unterliegt es keinem
Zweifel mehr, daß, wenn sexuelle Eindrücke keinen
entsprechenden Ausdruck finden, ein Druck zu-
rückbleibt, der als Drang empfunden wird. Wird dieser
nicht entspannt, so nimmt er zu und erzeugt ein Gefühl
der Niedergedrücktheit, der Depression, (Pression =
Druck, Depression = Niedergedrücktheit) verbunden mit
Unlust und Unruhe.
In vielen Fällen gelingt es, durch die genannten
Hemmungen den Druck zu unterdrücken, den
Drang zu verdrängen, meist jedoch nur vor-
übergehend. Infolge der von neuem wirkenden äußeren
und inneren Reizungen erneuert und verstärkt sich immer
wieder der Spannungsdruck. Entwickelt er sich bis zu
einem gewissen Grade doch selbst noch bei Menschen, die,
um den „Anfechtungen" und „Versuchungen" der Außen-
reize zu entgehen, sich in die Einsamkeit zurückziehen,
der Welt entfliehen, Einsiedler und Sonderlinge — Ab-
sonderlinge — werden, ja, wie wir sahen, sogar bei
solchen, die sich der Innenreize durch Entmannung zu
entledigen suchten. Mit wie tief erschütternden Worten
schildert aber OskarWildein „The bailad of Reading
16*
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244
Wert der Aussprache.
goal", wie sich noch im Zuchthause im Zustand größter
Apathie dieser Drang regt. Er sagt:
„And all, but Lust
is turned to dust
in Humanity's machine". 78 )
Wäre in vereinzelten Fällen nun aber auch eine voll-
kommene dauernde Unterdrückung sexueller Triebregungeri
möglich, so könnten uns diese Ausnahmen von der Regel
hier nicht interessieren, wo wir von Menschen handeln,
die in der Welt, mitten im Leben stehend, die übergroße
Mehrheit bilden. Bei diesen sucht sich oft ein Teil des nicht
unterdrückten Drucks, und zwar derjenige, welcher die
innere Unruhe bewirkte, durch äußere Unruhe zu ent-
„lasfen.
Die äußere Unruhe gibt sich als Aktivität in mannig-
fachster Weise kund. So dient dieser Abfuhr nicht selten
der S c h r e i. Ein Freud-Schüler — Otto Rank — meint ■
einmal, daß der Schrei der ursprünglichste Laut des Men-
schen war, aus dem sich die Sprache als differenzierter
Ausdruck der Gefühle entwickelt hätte. Trifft dies zu, dann
hat sich sicherlich zu dem Angstschrei der Sich-Wehrenden,
zum Lustschrei der Überwindenden alsbald der Notschrei
gesellt und mit ihm das Seufzen und Stöhnen als moto-
rische Lösung verhaltener Spannungen, als Notwehr gegen
zwangvollen Schmerz und drangvolle Pein.
Eine ganz ähnliche Befreiung von innerer Last stellt
das Weinen dar — mit Recht spricht man von der Wollust
der Tränen, dem Glück, sich ausweinen zu können. Das
wichtigste Mittel der Abreaktion aber bildet die Sprache,
78 ) „Alles im menschlichen Triebwerk ist zerstäubt außer der
sinnlichen Begierde".
■s
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Liebe und Wandertrieb
245
die Aussprache. Wie eine körperliche Wunde der Ab-
sonderung bedarf, so bedarf der seelische Schmerz der Er-
leichterung durch das Wort. Deshalb hat bei vielen psy-
chischen Störungen die eingehende Rede und Gegenrede
mit einem verständnisvollen Arzte an sich schon die
Bedeutung eines Heilmittels von hohem Wert.
Bei manchen Personen dient dem Zwecke sexualmoto-
rischer Entlastung auch das Schreiben, vor allem das
Briefschreiben. Ich kenne mehrere Fälle, in denen an starker
Affektverdrängung leidende Frauen sich dadurch Luft ver-
schafften, daß sie Tausende von Briefen schrieben. Der In-
halt der Briefe braucht kein obszöner zu sein, und dadurch
unterscheiden sie sich in etwas von den Zuständen, die
Bloch unter dem Namen Erotographomanie beschrieben
hat; dagegen sind sie meist von starker Leidenschaftlichkeit,
oft von Übersinnlichkeit erfüllt, und Anreden, wie „mein
Gott", „mein Heiland" sind in ihnen nichts Ungewöhnliches.
Eine andere motorische Umsetzung sexueller Unruhe
ist nicht selten der Wandertrieb; man könnte hier von
Erotodromomanie sprechen. Der sexuell
Befriedigte ist seßhaft, bodenständig,
der sexuell Unbefriedigte heimflüchtig,
ruhelos. Da reisen diese alleinstehenden Männer und
Frauen, von den Beatifikationen des Papstes zum Selamlik
des Sultans, von den heulenden Derwischen zu den in-
dischen Fakiren, vom Yoshiwara zum Yellowstonepark; da
findet man diese unbewußt von sexuellem Drang Getrie-
benen in Bayreuth und Oberammergau, auf allen mon-
dainen Sammelplätzen, in Monte Carlo und Ostende wie in
den Palasthotels am Rande der Sahara und am Ufer der
Themse, immer friedlos und rastlos. Auch unter den For-
schungsreisenden, die sich, vom sexuellen Stachel getrieben,
246
Liebe und Sport.
in Gefahren aller Art begeben, und auch in der ärmsten
Schicht der Vagabonden, unter dem Wandervolk sah ich
sie; in den deutschen Herbergen zu Rom und Neapel und
sicherlich auch an vielen anderen Plätzen findet man Men-
schen, die 20 Jahre und mehr „auf der Walze liegen",
unter ihnen manchen, der einst vermögend war, sich aber
erst glücklich fühlte, als er nichts mehr zu verlieren hatte.
Gelingt es, das Vertrauen dieser oft sehr verschlossenen!
Armen der Landstraße zu gewinnen, so erfährt man fast
immer, daß unglückliche Sexualverhältnisse der Antrieb
ihrer Unrast waren und noch sind.
Wie im Wandern, so wird viefach auch in sportlichen
Kraftleistungen bewußt und unbewußt eine Ablenkung und
Abfuhr sexueller Spannkräfte gesucht. Seit altersher hat
man angenommen, und wie es scheint mit Recht, daß
Enthaltung während des Trainings — die Abwendung
von Bacchus und Venus — die Sportleistung im Endkampf
zu steigern geeignet ist.
Damit ist aber noch nicht das Umgekehrte erwiesen,
nämlich daß körperliche Anstrengung die sexuelle Reizbar-
keit und Kraftaufspeicherung wesentlich herabmindert, und
die Annahme verschiedener Autoren, daß übermäßige
Sportübungen die sexuellen Funktionen stark herabsetzen,
„Sport mit Maß betrieben hingegen eine ziemlich neutrale
Wirkung auf einen normalen Trieb habe", dürfte so zu
deuten sein, daß körperliche Ausarbeitung zwar ein gutes:
Abfuhrmittel sexueller Spannkräfte ist, aber unter gewöhn-
lichen Verhältnissen kein Mittel, das wesentlich über die
Zeit hinauswirkt, in der es in intensiver Weise zur An-
wendung gelangt.
Auch der Einfluß, den völlige oder teilweise Enthal-
tung auf die geistige Aktivität hat, ist — falls er vorhan-
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Enthaltung und Nervosität
247
den ist — nur der eines motorischen Antriebs. Sicherlich
ist sexuelle Betätigung oder Nichtbetatigung nicht imstande,
künstlerische oder wissenschaftliche Fähigkeiten zu er-
zeugen oder zu erwecken, der innerlich sezernierte Sexual-
stoff könnte vielmehr auf vorhandene Talente und Anlagen
nicht anders als höchstens stimulierend wirken. Doch ist
nicht zu übersehen, daß gerade geistig regsame Menschen
oft bekunden, daß sie sich durch sexuelle Eindrücke belebt,
angeregt fühlten, und daß sie sich bei sexueller Betätigung
freier, leistungsfähiger, produktiver befunden hätten; die
Enthaltung hingegen hätte sie in ihrer Schaffensfreudigkeit
geschwächt und gelähmt, sie unruhig, nervös, schlaflos
gemacht.
Wir sind damit in der Übersicht sexualmotorischer
Äquivalente, die auf Vollständigkeit keinen Anspruch er-
hebt, allmählich zu jenen motorischen Äußerungen unter-
drückter Sexualkraft gelangt, die den Charakter der Un-
ruhe tragen, welche gepaart mit erhöhter Reizbarkeit und
konsekutiver Schwäche der Neurose eigen ist. Strind-
berg 81 ) sagt einmal von seinem Fischermeister Axel Borg:
„Die Empfindlichkeit der Nerven wuchs bei dem heran-
wachsenden Jüngling dadurch, daß er enthaltsam war und
sein Geschlechtsleben in strenger Zucht hielt. u Es ist in
der Tat für den Laien, mehr aber noch für den Kenner
des menschlichen Nervensystems überaus naheliegend, daß
das Verdrängen sich immer wieder vordrängender Triebe,
dieses mehr oder weniger bewußte Ringen mit tief in der
Natur wurzelnden Begierden in hohem Maße geeignet ist,
ein nicht sehr widerstandsfähiges Nervensystem auf die
Länge der Zeit zu erschüttern. Das Nervensystem überaus
zahlreicher Menschen befindet sich nun aber bereits aus he-
81 ) Strindberg „Am offenen Meer", p. 175.
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248
Der Sexualrhythmus.
i
reditären Ursachen, die klarzulegen außerhalb des engeren
Rahmens dieser Arbeit fällt, mehr in einem labilen als sta-
bilen Gleichgewicht.
Sicherlich tragen an der Riesenausbreitung der Krank-
heiten, die unter dem Sammelnamen der Neurasthenie und
Hysterie gehen — von anderen psychischen Störungen (um
nicht das Problem noch mehr zu komplizieren) zu schwei-
gen, — nicht allein sexuelle und hereditäre, sondern auch
andere äußere Ursachen Schuld. Vergleichen wir nur ein-
mal die Anforderungen, die in unseren Tagen an die pe-
ripheren und zentralen Nerven gestellt werden, mit denen
voreisenbahnlicher Zeiten, so kann man wohl sagen, daß
von unserm Nervensystem das Doppelte von dem bean-
sprucht wird, was es in der Biedermeierzeit zu leisten
hatte, als Wochenblättchen, Nachtwächter und Großvater-
stühle noch weit verbreitete Einrichtungen waren. Aber
alle die äußeren Nervenschädigungen würden weniger ver-
hängnisvoll sein, wenn sie ein fest fundamentiertes, gut
verankertes Nervensystem träfen, keins, das durch sexu-
elle Überspannung und übermäßige Verdrängung ge-
lockert ist. Mehr als jede andere Zeit bedarf daher die
unsrige sexuell befriedigter Menschen, Personen, die ihre
auf Sexualfehler so fein reagierenden Neurone von dem
Extrem der Ausschweifung ebenso fern halten wie von dem
Extrem nicht minder nachteiliger Unterdrückung.
An welcher Stelle zwischen dem Maximum und Mini-
mum sexueller Betätigung das Optimum liegt, kann
nicht nach einem Schema entschieden werden. Das ist im Ein-
zelfall von dem Grade der Reizbarkeit, der Stärke der Span-
nung und der Macht der Hemmungen abhängig. Von
wesentlicher Bedeutung ist hier aber noch ein anderer Fak-
tor, dem wie alles Lebendige auch das Sexualleben in her-
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Lebenswelle und Triebwelle.
249
vorragendem Maße unterliegt: der zyklische Rhythmus, die
periodische Welle aller Lebenserscheinungen.
Ein Buch über die Naturgesetze der Liebe würde sehr
unvollständig sein, wenn es uns nichts über diesen Sexual-
rhythmus zu sagen hätte. Wie für alles Stoffliche das
Linne'sche Wort gilt: „natura non facit saltus", so für
alles Zeitliche der Satz: „omnia facit natura in rhythmis".
Alle zeitlichen Schwankungen aber sind an stoffliche
Schwingungen geknüpft. Im Sexualleben hängt das perio-
dische Auf und Nieder substantiell von dem Grade der
innersekretorischen Sättigung ab. Bei den Menschen
müssen zwei Sexualwellen unterschieden werden: die große
Lebenswelle und die intermediäre Trieb welle.
Bei fast allen übrigen Lebewesen tritt eine dritte Kurve in
den Vordergrund: die Jahreswelle, deren Gipfel mit
der Jahreszeit zusammenfällt, in der die am reichlichsten
fließenden Nahrungsquellen ein Wachsen über sich hinaus
am ehesten gestatten. Die J a h r e s w e 1 1 e ist bei dem
Menschen nur noch in Rudimenten vorhanden, die ihren
Ausdruck finden in einer leichten Steigerung der Befruch-
tungen im April und Mai, 82 ) sowie in den sogenannten
„Frühlingsgefühlen", die jedoch mehr auf direkten klima-
tischen Einflüssen als auf der dadurch bedingten Nahrungs-
veränderung zu beruhen scheinen.
Für die Verwischungen der menschlichen Jahreskurve
sind offenbar dieselben Kulturfaktoren wirksam, die An-
82 ) Nach den auf Grund der Berliner Geburten-Statistik an-
gestellten Berechnungen von Dr. A. G r ü n s p a n im Archiv für
Rassen- und Gesellschartsbiologie ist das Konzeptionsmaximum im
April und Mai nur noch sehr gering; während der Jahresdurch-
schnitt 47,0 Geburten pro Tag ausmacht, beträgt er in den Tagen,
die 9 Monate nach April und Mai liegen, 49,2 Geburten pro Tag.
250
Verlust der Periodizität.
laß geben, daß die Brunst bei den in der Gefangenschaft
lebenden und bei den Haustieren ihren periodischen Cha-
rakter verloren hat, daß andererseits aber infolge reich-"
licherer Fütterung diese Tiere vielfach fruchtbarer sind als
ihre wilden Stammesgenossen; so legt die Wildente im
Jahre 5—10 Eier, während die zahme Ente in derselben
Zeit 80 Eier legt. Die Jahreswelle aber sowohl wie die
Lebenswelle, vor allem auch die intermediäre Triebwelle,
stehen in Parallele mit Reizstoffen, die zyklisch an die Säfte-
bahn abgegeben werden. Trotzdem es äußere Umstände
genug gibt, die den Ablauf der Kurven stören, — Gelegen-
heit, Gewohnheit beeinflussen ihn nach der einen, man-
gelnde Gelegenheit, willkürliche Enthaltung, Ablenkung
nach der andern Richtung, — so tritt ihre Abhängig-
keit von der Keimzellenbildung doch unverkennbar deut-
lich in Erscheinung. Der eigentliche Liebestrieb be-
ginnt erst mit der inneren Absonderung der Substanzen,
welche mit der Keimreife zeitlich und im wesentlichen auch
ursächlich zusammenfällt. Wenn auch Sexualäußerungen
im Kindesalter häufiger vorkommen, als bisher von Kinder-
ärzten und anderen angenommen wurde, wenn namentlich
auch die zentrale Geschmacksrichtung, sowie die eigene
psychosexuelle Individualität meist deutlich präformiert er-
scheinen, so führen doch, von Ausnahmen abgesehen, die
äußeren Sinneseindrücke vor der Reife kaum jemals zu aus-
gesprochenen Sexualspannungen, die nach Entspannungen)
drängen. Es fehlt eben noch die chemische Ladung des
Sexualzentrums, die der genitalen und körperlichen ent-
sprechende zerebrale und psychische Reife, welche erst das
wirkliche Haften der lustbetonten Reize ermöglicht.
Das Alter, in dem die Keimzellen und das Sexualzen-
trum aus dem Schlummer erwachen, beide durch denselben
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Pubertäts- Feste.
chemischen Reiz, welcher auch die anderen bis dahin nur
in Vorstufen vorhandenen Sexualcharaktere zum Leben er-
weckt, schwankt unter den Menschen nach Klima, Rasse,
Familie, Umgebung und Lebensweise nicht unbeträchtlich.
Im Durchschnitt fällt er in unserer Breite bei beiden Ge-
schlechtern etwas vor die Mitte des zweiten Lebensjahrzehnts.^
Dieser Zeitpunkt ist nächst dem der Befruchtung der wich-
tigste im individuellen Leben,, bedeutsamer vielleicht als
der der Geburt, welche als Erlebnis gewiß nicht zu unter-
schätzen, streng biologisch aber doch kaum etwas anderes
als ein Wechsel des Milieus ist. Sicherlich ist es kein Zu-
fall, daß bei fast allen Völkern unter den sexuellen Festen
neben der Hochzeit vor allem die Geschlechtsreife mit vielen
Zeremonien gefeiert wird; die Konfirmation, die Ein-
segnung, die in ähnlicher Weise bei fast allen Religionen
und Rassen wiederkehrt, war ursprünglich nichts anderes
als ein Fest der Pubertät — eine Tatsache, die bezeichnender-*
weise zurzeit meist weder den Eltern und Priestern, ge-
schweige denn den Kindern geläufig ist.
Wenige Jahre, nachdem mit der Reife die sexuelle
Reizbarkeit eingesetzt hat, macht sich anfangs mehr unklar,
allmählich aber deutlicher das Bedürfnis nach Entspannung
geltend. Von da ab setzt dann der intermediäre Trieb-
rhythmus ein, im regelmäßigen Tempo von Anstieg —
Höhepunkt — Abstieg — Pause — , der mehrere Jahr-
zehnte anhält.
Die Bedürfniskurve steht mit der Keimzellen-
bildung nicht in absolutem Kausalzusammenhang, da der
Trieb zwar um die Zeit gesteigerter Tätigkeit in den Keim-
stöcken höher ansteigt, aber auch zu Zeiten vorhanden ist,
wo diese sistiert, andererseits aber gelegentlich bei reger
Keimzellenproduktion ausbleiben kann.
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252
Die Bedürfniskurve.
Würde der Trieb mit der Keimzellenbildung überein-
stimmen, so müßte er sich bei der Frau nur alle 4 Wochen
kurz vor der Menstruation geltend machen, wo allerdings
nach Angabe der meisten Frauen in der Tat eine erhöhte
Erregbarkeit vorhanden ist; beim Manne dagegen müßte
er täglich auftreten, da nach Bunge und anderen sich die
Menge der Keimzellen innerhalb eines Tages wieder er-
setzt. In Wirklichkeit zeigt aber die Erfahrung, daß beim
Weibe das Liebesbedürfnis stärker, beim Manne geringer
ist als ihre Keimproduktion und Befruchtungsmöglichkeit.
Wesentlich beeinflußt wird der Ablauf der interme-
diären Triebkurven durch äußere Reizungen. Das Verhält-
nis beider zueinander ist ein ebenso wichtiges wie schwie-
riges Problem. Im allgemeinen kann man sagen: je
stärker der chemische Innenrei z auf das
Sexualzentrum wirkt, eines um so gerin-
geren nervösen Außenreizes bedarf es
zu seiner Erregung, und umgekehrt: je gerin-
ger derChemismus, um so intensivere Au-
ßenreizesinderforderlich. Im einzelnen kom-
men aber auch hier (zwischen den extremen Formen der
Asexualität und Hypersexualität) so bedeutende individuelle
Verschiedenheiten vor, daß sich bestimmte zahlenmäßige
Werte für die der Bedürfniskurve zugrunde liegenden Zwi-
schenräume kaum geben lassen. Sie schwanken zwischen
Tagen und Wochen, in Ausnahmefällen sogar zwischen«
Stunden und Monaten.
Wie bei der Alterskurve spielen auch bei der Trieb-
kurve Klima und Rasse, Körperkonstitution und vor allem
die Lebensweise eine erhebliche Rolle. Die häufigsten Ab-
lenkungen erleidet aber die Bedürfniswelle von Seiten der
sexuellen Wahrnehinungsbahnen, die das Sexualzentrum
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Liebe und Wille
253
leicht häufiger in Spannung versetzen können, als es der
spontanen Periodizität entspricht. Hier tritt uns auch der
Begriff der Verfuhrung entgegen als der einer peri-
pheren Reizung, durch die ein Bedürf-
nis, bevor es sich selbständig Geltung
verschafft, erweckt werden kann. Vor allem
aber modifiziert das Begegnen adäquater Liebesobjekte den
Triebablauf in positivem Sinne, während ein Fehlen solcher
Eindrücke (Eremitentum) ihn in negativer Richtung beein-
flußt.
Sicherlich waren gegenüber der Häufigkeit, mit der die
sexuellen Reflexmechanismen sowohl beim Manne als beim
Weibe in Wirksamkeit zu treten vermochten, Schranken ge-
boten, da ein ungehemmtes und ungezügeltes Liebesleben
auf die Dauer dem Oesamtorganismus leicht erheblichen;
Schaden zufügen konnte. Die Unterordnung der Liebesbe-
tätigung unter den Willen war daher zweifellos für den
Menschen eine große Kulturerrungenschaft. War es ihm
nicht möglich, auf die Trieb r i c h t u n g willkürlichen
Einfluß zu nehmen, so konnte er doch auf dem Gebiet der
Trieb b e t ä t i g u n g in der Beherrschung und Ablenkung)
sexueller Antriebe Wesentliches leisten. Das Wort Askese be-
deutet ursprünglich Übung — nicht etwa Enthaltung — ,
Übung im Trieb widerstand, also Mäßigkeit, und
als solche war sie gegenüber den fast unbegrenzten
Verkehrsmöglichkeiten von hohem Wert. Es gab Zeiten,
wo mit asketischen Übungen ein förmlicher Sport getrie-
ben wurde. Besonders markante Beispiele sind die Probe-
nächte der Enthaltsamkeit, die nach Weinhold im
Mittelalter über das ganze kultivierte Europa verbreitet
waren. So berichten die Gesänge der Troubadoure von
solchen Liebesnächten in der Provence. Ein Beispiel sei
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254
Probenächte der Enthaltsamkeit.
angeführt: „Herrn Almeric hatte eine Dame eine Nacht
verheißen, wenn er ihr schwöre, sich am Kusse zu be-
gnügen und wenigstens gegen ihren Willen nicht weiter zu
gehen. Er fragte nun den Freund um Rat, ob er die Marter
ertragen oder meineidig werden sollte, und Elias erwiderte;
er wisse sehr wohl, wie er sich in solchem Falle zu halten
habe, seine Dame solle ihn meineidig sehen. — Almeric
blieb aber bedenklich, denn er meinte, durch den Eidbruch
verliere er Gott und die Geliebte zugleich, er wolle sich
also lieber am Kusse begnügen lassen. Doch Elias schalt
ihn ob seiner bürgerlichen Beschränktheit aus; die Dame
könne durch Tränen, Gott aber durch eine Fahrt nach
Syrien versöhnt werden." (Raynouard 4. 22.)
Etwas Ähnliches wie die Probenächte war das bei den
nordischen und altindischen Völkern weitverbreitete Schwert-»
klingengelübde. Mann und Weib legten ein nacktes
Schwert zwischen sich zum Zeichen eines keuschen Bei-
lagers. So tat Sigurd mit Brunhilde, und auch König
Marke findet Tristan und Isolde in der Minnehöhle schla-
fend, aber voneinander gekehrt und das bare Schwert
zwischen sich (Gottfried, Trist.). In einem alten deut-
schen Volksliede 83 ) sagt der Herr, zu dem sich das Mäd-
chen legt, indem er sein „guldiges Schwert zieht": „Das
Schwert soll weder hauen noch schneiden, das Anneli soll
ein Mägetli bleiben." Hartmann von der Aue
aber meint in seinem „Jwein": „Wenn einer das für ein
Wunder erklärt, daß Jwein bei einem fremden Mädchen
so nahe lag, ohne der Liebe zu pflegen, der weiß nicht,
daß ein tüchtiger Mann sich alles enthalten kann, dessen
er sich enthalten will." In manchen ländlichen Gegenden
88 ) U h 1 a n d , Volkslieder, Nr. 121.
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Begriff der Unmaßigkeit
255
Deutschlands soll sich diese uralte Sitte bis in unsere Tage
fortgepflanzt haben. 84 )
Es ist ohne weiteres klar, daß diese sonderbaren Sexu-
algebräuche wenig zu schaffen haben mit den Forderungen
totaler Abstinenz, wie sie für beide Geschlechter auch jetzt
noch vielfach vertreten werden. Es sei hier noch ein Aus-
spruch Nietzsches angeführt, in dem er sich gegen die
beiden hier in Frage kommenden Extreme wendet; in
„Menschliches, Allzumenschliches", pag. 146, sagt er: „Be-
kanntlich wird die sinnliche Phantasie durch die Regel-
mäßigkeit des geschlechtlichen Verkehrs gemäßigt, ja
fast unterdrückt; umgekehrt, durch Enthaltsamkeit
oder Unordnung im Verkehr entfesselt und wüst."
Es liegen von Solon, Zoroaster, Mohammed, Luther,
Albrecht von Haller und anderen zahlenmäßige Angaben
vor über das, was im Sexualleben als Regelmäßigkeit und
Mäßigkeit bezeichnet werden könnte. Aber alle diese
Ziffern können keinen wissenschaftlichen Wert bean-
spruchen, da sie weder die individuellen Verschiedenheiten
noch die komplizierten Vorbedingungen berücksichtigen,
als deren Resultate uns eine sexuelle Handlung entgegen-
tritt. Weniger scharf und schwankend als der Begriff der
Mäßigkeit ist der der Unmaßigkeit, von der Loe-
w e n f e 1 d — loc. cit., pag. 89 — ein ganz besonders
krasses Beispiel aus seiner Praxis bringt: „Ein Pastor,
ein geistig hochbegabter, aber mit Libido nimia behafteter
Mann, übte im Verlauf einer 12jährigen Ehe im Durch-
schnitt dreimal täglich den Koitus aus. Die Frau des
Pastors, deren Nerven durch die maßlose sexuelle Inan-
spruchnahme bedeutenden Schaden erlitten hatten, ergab
•*) Vgl. Fischer, Über die Probenächte der deutschen Bauern-
mädchen, Berlin 1780.
256
Wechseljahre des Weibes.
sich aus Verzweiflung über das Verhalten ihres Gatten
dem Trünke." Wenn der Münchener Sexualforscher hier von
„libido nimia" spricht, so ist nicht anzunehmen, daß die
übergroße Begehrlichkeit dieses Geistlichen in einer beson-
ders intensiven Keimbildung ihren Grund hat; es dürfte
vielmehr eine gewohnheitsmäßige Steigerung des Rausch-
bedürfnisses vorliegen, wie wir sie bei der Gewöhnung an
künstliche Rauschmittel z. B. bei Trinkern und Morphi-
nisten vorfinden.
Die relative Unabhängigkeit des Triebes 1
von den Zellreifungsprozessen innerhalb der Keimstöcke
zeigt sich nicht nur in der intermediären Bedürfniskurve,
sondern auch in der Lebenskurve, besonders augenfällig
bei der Frau, bei der das Liebesbedürfnis meist lange jene j
Zeiten überdauert, die von den Deutschen Wechseljahre,
von den Engländern change of life, von den Franzosen
Tage de retour genannt werden. Die Beispiele der George
Elliot, die im Alter von 60 Jahren den um 30 Jahre jün-
geren Mister Croß heiratete, von Ninon, in die sich drei
Generationen verliebten, stehen nicht vereinzelt da. Ninon
„verführte" — so wird verbürgt berichtet — mit 34 Jahren
den Herrn v. Sevigne, mit 50 Jahren seinen Sohn, mit
76 Jahren seinen Enkel. Dieses letzte Verhältnis hatte sie
kurz nach der großen Tragödie ihres Lebens, die darin
bestand, daß der junge Villiers von Liebe zu der großen
Amoureuse ergriffen wurde. Sorgfältig hatte man ihm ver-
borgen, daß sie seine Mutter war. Als Ninon, erschreckt
über seine Leidenschaft, ihm das Geheimnis seiner Geburt
enthüllte, erdolchte er sich vor ihren Augen.
Auch beim Manne hat man nach dem 5. Lebensjahr-
zehnt eine dem weiblichen Klimakterium 85 ) entsprechende
w ) Kurt Mendel, Die Wechseljahre des Mannes (Climacterium
virile). Neurolog. Centralblatt, 1910, Nr. 20.
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Wechseljahre des Mannes. 257
Rückbildungszeit mit Nachlaß der sexuellen Bedürfnisse
konstatieren wollen. Organisch stellt sich in dieser Zeit sehr,
häufig eine charakteristische Vergrößerung der Prostata
ein, die auf Sekretionsstauung zu beruhen scheint. Sollte dies
zutreffen, so würde die verminderte? Absonderung des Prosta-
tasaftes die verminderte Erregbarkeit des Sexualzentrums
wohl erklären können. Wir setzten oben auseinander, daß
vermutlich gerade in dem Sekret der Prostata, von dem
übrigens F ü r b r i n g e r 86 ) in seinen Aufsehen erregenden 1
Arbeiten bereits nachwies, daß es „in spezifischer Weise das
in den starren Spermatozoen schlummernde Leben auszu-
lösen vermag", jene als Andrin bezeichnete Substanz ent-
halten ist, die für die Belebung aller in der Reifezeit sich
entwickelnden Sexualcharaktere von ausschlaggebender Be-
deutung ist.
In sehr vielen Fällen bleibt jedoch die Prostatainvolu-
tion aus, und selbst wo sie besteht, sehen wir, daß so-
wohl Libido als Potenz von ihr relativ unbeeinflußt sind.
Die Dauer der beiden letzteren unterliegt beim männlichen
Geschlecht ebenso erheblichen Schwankungen wie beim
weiblichen. Loewenfeld 87 ) meint auf Grund seiner Erfah-
rungen, daß beim Manne die Potenz zumeist zwischen dem
60. und 70. Lebensjahre, vorwaltend erst Ende der 60 er-
lischt, daß aber Fälle nicht selten sind, „in denen ge-
schlechtliche Bedürfnisse und Potenz noch in den siebziger
Jahren sich recht deutlich kundgeben".
Auch mir sind in der Praxis eine Anzahl Personen
zwischen 70 und 80, zwei noch ältere, begegnet, die be-
s«) In der „Berliner klinischen Wochenschrift", 18S6, p. 476,
und in seinen „Störungen der Geschlechtsfunktionen des Mannes".
Wien, 1895, p. 7fi.
") Loewenfeld, loc. cit, pag. 22.
H i r 8 c h 1 e 1 d , Naturgesetze der Liebe. 17
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258 Liebe im Alter.
tonten, „daß ein schönes Weib heute noch denselben Reiz
auf sie ausübe, wie ehedem." Auch hier fehlt es nicht, wie
unter den Frauen, an analogen Beispielen berühmter
Männer. In erster Linie wäre an Goethe zu erinnern, der
noch nach seinem 80. Lebensjahre in Liebe entbrannte.
Rubens war bereits weit in den Fünfzigern, als er 1630
Helena Fourment heiratete, die ihm in den zehn Jahren
bis zu seinem Tode noch 5 Kinder gebar. Vor nicht langer
Zeit wurde aus Heidelberg gemeldet, daß sich dort ein be-
rühmter Professor der Rechte im 84. Lebensjahre mit einer
„bekannten Schönheit" vermählte.
Jedenfalls ist die weit verbreitete Annahme, daß das
Tempo der Bedürfniskurve sich bereits nach dem 40. oder
50. Jahre wesentlich verlangsamt, unzutreffend. Im all-
gemeinen scheint allerdings die sexuelle Ein-
drucksfähigkeit länger anzudauern als
die sexuelle Ausdrucksmöglichkeit.
Wie in der Einleitung bemerkt, sollte und konnte es
nicht die Absicht dieses Buches sein, über die Naturgesetze
oder auch nur über Regelmäßigkeiten der Liebe Erschöp-
fendes zu sagen. Dazu ist der Gegenstand bisher zu wenig
biologisch erforscht und untersucht worden, dazu ist vor
allem das Gebiet zu unerschöpflich groß.
Unsere Hauptaufgabe war der Nachweis, daß der
Liebende trotz seiner größeren Aktivität nicht Subjekt, son-
dern Objekt der Liebe ist, und daß diese ein komplizierter
Treppenreflexmechanismus ist, dem Hemmungsmechanismen
gegenüberstehen.
Betrachten wir die Liebe, nachdem wir uns mit ihr als
Einzelphänomen beschäftigten, mit wenigen Worten noch
als Menschheitsphänomen, so unterliegt es keinem Zweifel,
■
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Die Liebe als Menschheitsphänomen.
259
daß sie in ihrer ersten Periode ähnlich wie bei den unter
uns stehenden Lebewesen im wesentlichen den Charakter
des reinen Reflexmechanismus trug. Dann kam eine zweite
Periode, innerhalb derer wir uns jetzt noch befinden. In
ihr gewannen die Hemmungsmechanismen das Überge-
wicht. Die Menschheit schuf sich Sexualordnungen ver-
schiedenster Art, die in der jeweiligen Sitte und Moral
ihren Ausdruck fanden. Indem diese Sexualbeschränkungen
in mannigfacher Hinsicht der Naturerkenntnis ermangelten,
stellten sie sich zum großen Teil als Zwangsmaßregeln und
Willkürakte dar, die einen schweren Eingriff in das freie
Verfügungsrecht zweier erwachsener Menschen über sich
selbst bedeuten.
Spannungen, die nicht zu Entspannungen
führen, verursachen Überspannungen, nicht selten
auch Überspanntheiten. So finden wir in dieser zweiten
Periode des menschlichen Sexuallebens ein wirres Durch-
einander seltsamer Einrichtungen, von denen das Alt-
jungferrum und die Prostitution zwei, und zwar nicht
einmal die krassesten Beispiele sind; wir finden in dieser
, Epoche Anschauungen, denen ungezählte Menschen zum
Opfer fielen.
In der dritten Periode endlich, deren erste Anzeichen
seit einigen Jahrzehnten am fernen Horizonte sichtbar sind»
wird zwischen den Reflexmechanismcn und Hemmungsmecha-
nismen das Gleichgewicht hergestellt werden. Aus der Ver-
söhnung beider soll unser Wesen die ihm fehlende Har-
monie erhalten, die weder in der Zügellosigkeit noch in
jenem Übermaß der Entsagung liegt, von der einmal C a r-
p e n t e r sagte, daß sie „ein Aufgeben der Welt für ihren
eigenen Schatten" ist. Der große rhythmische Pendelschlag
aller Lebenserscheinungen, wie er uns im Wachen und
17*
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260
Das Bewußtwerden des Unbewußten.
Schlafen, in der Pulsation des Herzens, in der In- und Ex-
spiration und tausend anderen Dingen entgegentritt, ist
auch auf sexuellem Gebiet die Voraussetzung gesund fort-
schreitender Entwicklung.
Aus der Erkenntnis des Unerkannten, aus dem Be-
wußtwerden des Unbewußten, das heißt aus
der Wissenschaft, soll die Sitte, befreit von Vorurteilen, die
in Wirklichkeit nur Nachurteile waren, soll die Sittlichkeit,
die bisher mehr Sache der Geographie als der Biologie
war, jene natürliche Grundlage erhalten, auf die einzig und
allein Sittengesetze sich aufbauen dürfen.
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-...hemmungsbahner).- •
Udungsbahnen
i
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Namen-Register.
Abaelard 12L
Abdul Hamid im
Abisag 2QL
Agnes, Heilige 233*
Albrecht von Haller 255,
Allen Grant 19L
Apollo von Belvedere 54.
Aristarch von Samos 16,
Aristoteles 5, 221.
Arnold, J. Gottfr., 236.
Athena 134.
Aucassin u. Nicolette 114.
Audoux, Marg., 145.
Augustinus 13. 206.
Bantock 182,
Barrus 1_82.
Baudelaire 83.
Beethoven 54.
Behrisch 3L
Berthold 175,
Bilharz 112,
Binet 104. 161. 233.
Bleuler 15. 19. 22,
Bloch, Iwan, 6. 12. 71. 102.
160, 181, 201. 217, 226. 227,
231, 234. 245.
Bölsche 54, 88, 200. 218.
Brehm 2D9,
Brunhilde 254,
Büchner 209,
Buddha IL
Bunge 164. 252.
Butler, Samuel, 3L
Byron 130.
Cabrol, Barth., 18L
Caesar, C. J., 101.
Carmen 210.
Carpenter 250.
Cartesius 131. 166. 22L
Casanova 13.
Chamfort 94.
Cherbuliez, Victor, 79.
Chrysostomus 3Q.
Constant, B., 208.
Cooke, James, 80.
Copernikus 16.
Cornelia (Goethes Schwester)
12,
Crescentini 173,
Dampt 55.
Dankburg, Hans, 238. 239.
Dante 30, 34, 94.
Darwin 17. 130- 132, 226.
David (König) 201.
Descartes 13L 166, 227.
Dohm, Hedwig, 206.
Don Jose* 210,
Don Juan 209.
Dupuytren 113.
Ebner, Christine, 233.
Edinger. L., 166.
Ehrenfels, Chr. v., 20L
Elliot, George, 97. 256,
Ellis, Havelock, 12. 43. 54. 80,
83, 97, U4, 137, 142.
Emin Pascha 218.
Empedokles 4.
Eulenburg, Albert, 215. 230,
Ewald, Oskar, 206.
Felzmann 15.
Fischer 255*
Fliess 87,
Fol, Hermann, 141.
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262
Namen-Register.
Forel 12, 14,
Fourment, Helena, 258.
Frenssen 236,
Freud, Sigm., 15. 16. 2L 143.
199. 200. 226,
Frey, von, 88.
Friedrich der Große 6L
FUrbringer 257,
Galilei 25*
Gall, F. J., IM, 165,
Galtel 199.
Geliert 22L
Goethe 3, 14. 37. 38, 5L 56,
63. 65. 69, 70. 98. 101, 104.
112, im 139. 144, 151. 163.
195. m 204, 206. 2QL 239.
258.
Goltz 46,
Goncourt, Gebrüder. 234.
Gottfried von Straßburg 245.
Grillparzer 13.
Gruber 112, 181.
Grünspan, A., 249,
Häckel, Ernst, 139,
Halban 185*
Haller 80,
Hanson, Ola, 57.
Harmening 81.
Hartmann von Aue 254.
Hartmann, Eduard von, 239,
Hauptmann, Gern., 206,
Hegel 19Ü, IfiL
Heilige Agnes 233*
Heine, HL 10Q. 193. 221,
Helmhouz 107,
Heimus, W., 140.
Henry ISO,
Henne am Rhyn 223.
Herzeleide 199.
Hiller 230.
Hippokrates 15.
Hirschfeld 99, 113. 132, 240.
Höffding 209,
Hohes Ued 71. 83. 108.
Horwitz 24L
Houdoy 114.
Humboldt 1QL
Indisches Liebesbrevier 72,
Irische Sagas 83*
Isolde 254,
äger, Gustav, 50, 83. 86.
ean-Paul 205.
ordan, Wüh., 8L
Kahlenberg, H, von, 2L 4Q,
214.
Kant 227,
Karte 44,
Key, Ellen, 187.
Kierkegaard, S., 13.
Kisch 4L
Klopstock 199.
Kohler, Josef, 240,
Kopernikus 16,
Körber 58.
Kosegartens Legenden 233,
Krafft-Ebing, von, 103, 106.
161. 22L 229.
Kroatisches Volkslied 81.
Kronfeld, Arthur, 192.
La Rochefoucauld 202,
Laurent 203.
Lawson, Tait, 132,
Lazarus 82,
Leibniz 227,
Lenclos, Ninon de, 13, 31, 38.
202. 256.
Leonardo da Vinci 139.
Lessing 140, 216,
Levvald, Fanny, 221.
Liebesbrevier, Indisches, 22,
Liebeslied eines Mädchens 20,
Linne* 249,
Lion 239.
Löb 49. 92,
Loewenfeld 153. 154. 167. 182.
211. 230, 255, 252,
Loisel, Gustave, 184,
Lombroso 104.
Lomer 203,
Luther 101. 236. 255.
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Namen-Register.
26.3
Maeterlinck 145.
Mantegazza 13. 26. 30, 45, 138.
Marke 254.
Mark Twain TL
Marshall 197.
Maupassant 14, 140.
Mechthild von Magdeburg 233.
Mendel, Curt, 09, 256,
Michel-Angelo 111.
Michelet 37. 55. 138.
Michels, Rob., 139. 212. 210,
Minnesang 20. 2L
Minneregeln 38,
Moebius 12, 164, 17L 112.
Mohammed 255.
Moll, Alb., 43. 150. 167.
Moltke 1QL
Mommsen 101.
Müller, Jon., 48, 152.
Multatuli 222.
Napoleon fOl. 173. 180.
Narses 171.
Neurologisches Zentralblatt 99.
Nicolette 114.
Nietzsche 2, 32. 4L 64. 83.
107. 132. 163. 207. 226. 227.
228. 235. 255,
Ninon de Lenclos 13. 3L 38,
2QL 256,
Nyström 8, 237.
Origenes HL
Orth 184.
Ostwald 9, 10.
Pali-Kanon IL
Panurg 77.
Paulus 5-
Pearson, Karl, 142.
Pelikan HL
Persius 34.
Pfister, O., 234,
Platen 13.
Plato 5. m 22L
Ploß-Bartel 114,
Poiret OL
Pryzbyszewski 23,
Quilbeau, Edgar, 79.
Rabelais 77.
Raffael 11L
Rank, Otto, 244.
Ratzel 212.
Raynouard, F. J. M., 254,
Regulae amoris 33-
Reitzenstein, F. v., 192,
Retif 13.
Reyher, Oskar, 8.
Rhyn, Henne am, 223,
Ribbing, Seved, 8, 238,
Ricord 18,
Rieger HL
Riehl 134.
Rochefoucauld, La, 202.
Rohleder, Herrn., 2. 12. 42,
184. 197,
Rossini 123,
Rousseau, J. J., 13,
Rubens 258,
Rüdebusch 22L
Sagas, Irische, 83,
Salome 210.
Santayana, O., 2L
Sehelling, 23L
Schiff 87,
Schiller 37. 63. 05. 101. 13Q.
102. 206. 20Q.
Schönkopf (Käthchen) 32,
Schopenhauer L 3L 4L 64,
1D2, 135- 133, 156, 213, 214.
222,
Sevigne', de, 256.
Shakespeare 122. 222,
Sigurd 254,
Silesius, Angelus, 190,
Sokrates 5.
Solon 255.
Sophokles 5L
Spencer, Herbert, 103.
Spinoza, B. de, 36. 24. 222,
242.
Stabel 18L
Stendhal, H^ 204,
jd by Google
264
Stein, Ch. von, 130,
Stern, Bernh., HL
Sterne 46.
Stöcker, 31,
Stöcker, Eydia, 233,
Strindberg 213, 24L
Talmud 82*
Tizian 10Q.
Tristan 254.
Troubadours 253,
Uhland 254
Namen-Register.
Vehitti 133,
Villiers 25k
Volkslied, kroat., 8L
Wächter, Th. von, 4L 60*
Weber, Ernst, 158,
Weinhold, 20, 223, 253,
Weininger 52, 136,
Werther 51, 55, 209-
Wette, de, 160,
Wilde, Oskar, 28, 243.
Zinzendorf, L. von, 234,
Zola 83,
Zoroaster 255.
9d by Google
Sach-Register,*)
Abfuhr sexueller Spannungen
244»
Abneigung gegen Barl usw. 99.
Absicht strafbarer Handlungen
90,
Abstinenzerscheinungen 195.
Adhärente Druckwirkungen 12Q*
Gerüche 119.
„ Partialreize 1Ö5,
„ Sexualreize 112,
Ähnlichkeit der Liebenden 14L
Äquivalente, sexuelle, 226, 22L
„ „ Kunst 226.
„ „ Philoso-
phie 226,
„ „ Wissen-
schaft 226,
Äußerung der Liebe: Kuss
19L
Affekte, heruntergewürgte 13,
Age de retour 256.
Aktive Liebhaber 208.
Aktivismus, Mischung von —
u. Passivismus 156.
„ sexueller, 154.
Akustische Reize 73.
Akzentuierung der Geschlechts-
unterschiede 133,
Algolagnistische Konstitution
153,
Altruismus, Wurzel des — , 62,
225,
Alkohol, Wirkungen des — s
auf das Sexualzentrum 202,
Altjungferntum 2LL
Andrin 122.
„ Bedeutung des — s, 185.
„ und Gynäcin 183.
„ Obergehen des — s in
die Säftebahn des Wei-
bes 183,
„ Wirkungen des — s auf
das Sexualzentrum 170.
Angeborensein der Triebrich-
tung, 14^ 148,
Angenehme Impressionen 68,
Angstneurose 129, 200.
Anhänglichkeit an Tiere 6L
Anorchisten 180.
„ Geschlechtstrieb bei
— , 180,
„ Intelligenz bei — ,
180.
Antihedonismus 6.
Anziehender Typus und eigene
Persönlichkeit 145.
Anziehung, erotische 6A.
„ des Gegensätzlichen
138,
des Gleichen 138,
Resultate über die
— , 142. 143,
Anziehungsgesetze 3.
Anziehungskraft 3L
n
n
•) Für die gütige Unterstützung bei Fertigstellung des Buches bin ich zu
Dank verpflichtet den Herren Kollegen Jwan Bloch, Ernst Burchard, Robert
H e i n z e , sowie den Herren Georg P 1 o c k und Horst Witte. — Einige Ab-
schnitte dieses Buches stammen aus Arbeiten, welche ich bereits früher in der
„Zeitschrift für Sexualwissenschaft", den „Sexual-Problemen", den Jahrbüchern
für sexuelle Zwischenstufen", dem „Neurologischen Centraiblatt" und anderen
periodischen Zeitschriften veröffentlichte.
jd by Google
266
Sach -Register.
Anziehungsmittel, Geistige Ei-
genschatten als — 95. 96.
Aphrodisiaka 202,
Aphrodisin 202,
Apollo von Belvedere 54,
Arbeiten, Automatisches — der
Reflexmechanismen 9L
„ Beschreibende — in der
Sexualwissenschaft 10.
Asexualität 252.
Askese, Wurzel der — , 238,
Asketen, Masochistischer Ein-
schlag bei — m
Asketisch-spiritualistische Lehre
Asketischer Geist 5,
Assoziationsbahnen, Unterbe-
wusste — , 160.
Assoziative Übertragungen 5fL
Attraktion, Partielle — bei
Krafft-Ebing 103.
„ , Vernachlässigung
sexueller — , 132,
Auditive Sexualreize 118.
Aufeinanderfolge der Reize 04.
Auffassung der Theologen betr.
Geschlechtsliebe 39.
Auffassungsverschiedenheiten
Aufklärungszeitalter 6,
Auge als Organ der Liebe 7&
108. 109,
„ als Primärreiz 10Q.
Ausdruck der Liebe 47» 137 f.
Ausdrucks- u. Eindrucksfähig-
keit 25A
Ausgangspunkt der Liebe 122,
Auslese, sexuelle, 130.
Aussprache bei psychischen
Störungen 244,
Autobiographien 13,
Automatisches Arbeiten der Re-
flexmechanismen 91.
Bart, Abneigungen gegen — ,
99,
„ Schopenhauer über — ,
102,
»>
n
»»
Bartholinische Drüsen 182.
Bedeutung des Andrin 135,
erotischer Träume für
Diagnostik 14Q.
des Gynäcin 13JL
des Kusses 19L
der Liebe 36,
Begriff „Geschlecht" ZL
„ „Libido" bei Freud 2L
„ „Männlich" 137,
„Sittlichkeit" 217,
„Weiblich« 137,
Bedürfniskurve 251. 252,
Beeinflussung der Intensität d.
Triebes 176.
Beherrschbarkeit des Ge-
schlechtstriebes (§ 51 R.St.
G.B.) 90,
Beobachtungen von Fol 141.
Berührungen, Körperliche —
als Symbole 62,
Beschreibende Arbeiten in der
Sexualwissenschaft 10.
Bestrebungen, Antihedonistische
6,
Beurteilung, Objektive — sexu«
eller Vorkommnisse 130.
Bewegte Sehreize 107. 111.
Bewusstwerden des Unbewuss-
ten 260,
Biologische Wurzeln der As-
kese 238,
Blutzirkulation, Erhöhung der
— 193,
Bonellia viridis 133.
Brautraub 36.
Brillenfetischisten 131.
Brustfetischisten 09.
Burrrrisch-Eunuchen 177.
Cervicaldrüsen 132,
Change of life 256,
Chaos und Kosmos 4.
Charakter der Liebe 34. 209,
„ Psychophysischer —
der Sehnsucht 65,
Chemismus, Wirkungen des — ,
185.
9d by Google
Sach-Reglster.
267
Chemotropismus 64.
Civilisierten, Reize bei Primi-
tiven und —, Iii 114,
Cohärente Sexualreize bei Ci-
vilisierten und Primitiven
113, 114,
Contrektationstrieb 43,
Cowpersche Drüsen 128. 182-
Darwinismus 16.
Definition der Liebe 20.
„ der Lust 24* 121
„ der Wissenschaft 9,
Depression des Zentralnerven-
systems 68.
Detumescenz-Trieb 43.
Diagnostik, Bedeutung eroti-
scher Träume für — , 140.
Dimorphismus, Sexueller — ,
133.
Dinge, Erotische Neigung zu
leblosen — n, 59, 60.
Disposition, Neuropathische — ,
153.
n für Triebrichtung
152,
Dissonanzen als Reize 113.
Distanzielle Reize = Lockreize
94,
„ Sinnesreize 75.
Distomum haematobium 133.
Dolus 9SL
Doppelleben 12.
Druckwirkungen, Adhaerente
— , 120,
Drüsen, Bartholinische 182,
„ Cowpersche 178, 182.
Dualismus der Liebe 208,
Egoismus in der Liebe 2QL
225.
Egozentrischer Charakter der
Liebe 34,
Ehe 220,
Eifersucht 21L 239.
Eigenschaften, Geistige — als
Anziehungsmittel 95,
96.
Eigenschaften, Sympathische — ,
98,
Eigentümlichkeiten, körperliche,
bei Kastraten 169—175.
Eindrucks- und Ausdrucksfähig-
keit 258,
Eindruck, Zustandekommen des
— s im Objekt, 124. 125, 126.
Einfluss auf die sexuelle Trieb-
richtung 256.
Einschlag, Masochis tischer —
bei Asketen, 238,
tinzelattraktionen, Summe der
— , 98,
Elektivismus 159.
Elementargewalt des Ge-
schlechtstriebes 4L
Emanzipation der Frau 222.
Empedokles' Lehre 4.
Empfangs- und Reizstellen 128,
Empfindsamstes Organ 16,
Ende der Reflexleiter 194,
Enthaltsamkeit, Probenächte
der — , 253, 254.
Enthaltung, Sexuelle — , 201.
229, 230,
Entstehung der Staaten 62.
Entwickelung, Künstliche —
von Seeigelkeimzellen 92,
Erhebungen, Methode für sta-
tistische — , 25,
Erhöhung der Blutzirkulation
198,
Erinnerungsbilder, Sexuelle — ,
55,
Erkenntnis seelischer Vor-
gänge 5,
Ermöglichung sexueller Zucht-
wahl 129,
Eroberung des Liebesobjekts
225.
Erogene Stellen 84,
„ „ der Nasen-
schleimhaut 92,
Erotisch-empfindsamstes Organ
26.
jd by Google
Sach-Register.
Erotische Anziehung 64*
Neigung zu leblosen
Dingen 59. 60-
Neigung zu Tieren
228,
Sympathieen bei Kin-
dern 142.
und nicht-erotische
Sensationen 5L
Erotischer Schönheitsbegriff 120,
„ Träume, Bedeutung
— für Diagnostik 14Q.
Erotodromomanie 245.
Erotographomanie 245,
Erotomanische Zustände 12*
Erworbensein der Triebrichtung
141 f.
Erinnyen 211.
Eugenik 132,
Eunuchen 171. (Siehe auch
Kastraten.)
Fern- und Nah-Reize 23«
Festigkeit der Triebrichtung
150.
Fetischhass auf sekundäre Ge-
schlechtscharaktere 100. 101.
Fetischismus 102, 104.
Fetischzauber 103.
Folgeerscheinungen bei Kas-
tration 166 ff.
Folgen der Hemmungen der
Reflexe für das Nervensystem
194,
Folgen sexueller Mimikry 1<L
Forschungen, Psychologische
— , 15.
Forschungsmethoden, Unzu-
länglichkeit der — , 16.
Fortpflanzungstrieb 40,
Frau, Emanzipation der — , 222,
„ Wert der — 214, 217.218.
Frauen, Kastration bei — . 18L
„ Steigerung der libido
bei kastrierten — , 182,
Frauenkauf 212«
Frauenraub 212.
Frauentausch 217.
Freundschaft und Liebe 52, 53,
Frigidität 12,
Frisur als Reiz 109,
Furien 2LL
Galanterie 224.
Oalls Hypothesen 164. 165,
Gefühl = tadus 1D8,
Gefühlstöne 50. 68« 25«
„ und Reflexbogen 75.
Gegenliebe und Liebe 34,
Gegensätzliches und Gleiches
138.
Gehirn, Organ und Sitz der
Liebe 15. 126.
Gehör als Liebesreizempfängeu
Geist, Asketischer — , 5.
Geistige Eigenschaften als An-
ziehungsmittel 95. 06.
Genitalzone, Visueller Reiz der
— , 11k
Genotropismus 64.
Geotropismus 64.
Geruch in Mittelstellung 80,
„ als Reiz 80. 119.
Gerüche, adhaerente 11Q.
„ inhaerente 1 IQ.
Geschlecht, Begriff des Wortes
-, 23,
Starkes u. schwaches
-, 213,
Geschlechtscharaktere, Fetisch-
hass auf sekundäre — , 100.
101.
Geschlechtsliebe, Kirchliche Auf-
fassung der — y 39.
Geschlecntsordnungen 216, 259.
Geschlechtsregulierungen 180«
Geschlechtstrieb bei Anorchisten
180.
„ bei Kastraten 115 f.
„ und Kirche 206,
und Liebe 188,
und Liebestrieb 188.
Beeinflussung der
Intensität des — s, 176.
»
ed by Googl
Sach-Register.
Geschlechtstrieb, Beherrschbar*
keit des — s, (§ 51
R.St.G.B.) 90.
„ Elementargewalt des
— s, 4L
„ Sublimierung des
— s, 22Ü, 227,
Geschlechtsunterschiede, Ak-
zentuierung der — 13JL
Geschlechtszeichen, Sekundäre
— bei Naturvölkern
134.
„ Sekundäre — bei
Tieren 132,
Geschmacksabsonderlichkeiten
132.
Geschmackstrieb, Individuali-
sierter — , 188,
Geschwisterliebe 51.
Gesetze der Anziehung 3*
„ der spezifischen Sinnes-
energieen 48. 157.
Gesicht als stärkster Reiz 111.
Verhüllung des — s bei
den Orientalen 111.
Gewaltsamer Charakter der
Liebe 209.
Glatzenfetischisten 131.
Gleichgewicht zwischen Reflexen
und Hemmungen 248.
Gleiches und Gegensätzliches
142. 143.
Goethe und Maupassant (Ver-
gleich) 14.
Griechische Naturphilosophen 4.
Gravitation, Sexuelle — , 69.
4. 5_.
Gründe der sexuellen Ge-
schmacks- und Triebrichtung
128.
Gründe sexueller Mimikry 18,
Grund für Angeborensein der
Triebrichtung 142. 148.
Gruppen von Sexualreizen 73,
Gustatorische Reize 23,
Gynäcin 182.
„ und Andrin 183.
„ Bedeutung des — s, 183.
»
Gynäkomastie bei Kastraten
172,
Händedruck 63.
Handlungsbahnen 162.
Hang zur Melancholie bei Kas-
traten 174.
Hauthyperämieen 193.
Hautreize 13, 105,
Heilmittel bei psychischen Stö-
rungen 244.
Heliotropismus 64.
Hemmungen, Folgen der —
für das Nervensystem 194.
Hemmungsbahnen 161.
Hemmungsfaktor, Moral als
— 242.
„ , Suggestion als — ,
241.
Hemmungsmechanismen, psy-
chologische, 237, 248.
Hemmungsvorstellungen 16.
Heroenkultus 58.
Heruntergewürgte Affekte 12,
Herzneurose 109.
Heuchelei, sexuelle, 18.
Hexen 21L
Hirn- und Hodenhemisphären
231.
Hör-Reize 13,
Hut als Reiz U2.
Hypersexualität 252.
Hypokrisie, sexuelle 18,
Hypophyse 106.
Hysterie 15, 19.
Ideenverbindung, Unbewusste
— , 56.
Impressionen, Angenehme — ,
öS.
Individualisierter Geschmacks-
trieb 188,
Individueller Fetischzauber 103.
Inhärente Parüalreize 105.
Instinkt und Intellekt 45.
„ Sozialer — , 62.
Instinktiver Kontakt: Kuss
192,
jd by Google
270
Sach-Register.
»
Intellekt und Instinkt 45.
„ bei Anorchisten 13CL
„ bei Kastraten 12L
Intensität, Beeinflussung der
— des Geschlechtstriebes
176.
Intermediärer Triebrhythmus
251.
Involution der Prostata 251.
Tahreswelle 240.
Jus primae noctis 36.
Kantharidin 202,
Kastraten, Beeinflussung des
InteUeks bei — , HL
„ Beeinflussung der In-
tensität ctes Ge-
schlechtstriebes bei 1
— , 125,
„ Burmisch-Eunuchen
HL
Frauen als — , 181.
Geschlechtstrieb bei
- 112.
„ Gynäkomastie bei — ,
1ZL
„ Hang zur Melancho-
lie bei — , 114»
„ in der Literatur 1TL
„ Körperliche Eigen-
tümlichkeiten bei — ,
16Q-175.
„ Lipowaner 169.
„ Mangel an Individu-
alität bei — , 120.
Opern für — , 173,
„ Spadones 177,
„ Stimme bei — , III
„ Wachstum bei — , 171.
„ Weibbrüstigkeit bei
— , 172.
Kastration, Folgeerscheinungen
der — , 166—180.
„ bei Frauen 1SL
„ Steigerung der Li-
bido bei Frauen nach
— , 132.
„ bei Tieren 168.
Kasuistik in der Sexualwissen-
schaft 12*
Katholischer und protestanti-
scher Klerus 230.
Kaufehe 217.
Kauf der Frauen 217.
Keimsaft, Wirkung des sezer-
nierten — s 168.
Keimstöcke, Transplantation
der — , 126.
Keimzellenbildung 25L
„ und Libido 167.
Kinder, Erotische Sympathieen
bei — n, 149.
„ aus neuropathischen
Familien 149*
„ Uneheliche — , 21L
Kindesliebe 5L
Kindheit, Sexualität in der — ,
16,
Kirche und Geschlechtsliebe
206.
Klerus, Katholischer und pro-
testantischer — , 230.
Klimakterium des Mannes 178.
„ des Weibes 178.
Körper, Nackter — als Reiz
m.
Körperliche Berührungen als
Symbole 62,
„ Eigentümlichkeiten
bei Kastraten
169—175.
Konsequenzen der Mannigfal-
tigkeit der Triebrichtung 120.
Konstanz der eigenen Persön-
lichkeit 144,
„ der Typenliebe 145.
Konstitution, Algolagnistische
—,153.
Konstitutionstypen 153.
Kontaktliebe 92
Kosmos und Chaos 4^
Krankheit, Liebe als — , 201
204.
Kryptorchisten 177
Kultur- und Natur-Völker 113
114,
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Sach-Register.
271
Kunst als sexuelles Aequiva-
lent 226,
„ , Nacktes in der — ,
106.
„ und Technik 26,
Kunstwerke, Lustempfindung
n ^4
Kuppelei und Mißgunst 239,
Kuß als Äußerung der Liebe
191.
„ unter Braut- und Eheleu-
ten 134.
„ als instinktiver Akt 192.
r»
als Sexualakt !<&
„ Unerotischer — , 63,
Kusses, Bedeutung des — ,
191*
Langeweile, Sexuelle — , 35.
Lebenssaft 167,
Lebenswelle 249.
Leblose Dinge, Neigung für
— , 50. 60*
Lehre des Empedokles 4
„ Spiritualistisch-asketische
5.
Leid, Lust am — e, 12. 224,
Leitungsbahnen, Nervöse — ,
157.
Libido, Begriff der — bei
Freud 2L
„ und Keimzellenbildung
167.
„ Steigerung der—, 12Q.
Liebe. Äußerung der — :
Kuß 19L
„ im Alter 258,
„ Ausgangspunkt der — ,
120.
„ Bedeutung der — , 36,
„ Definition der — , 20,
„ Dualismus der — , 208,
„ Egoismus der — , 2QL
n Egozentrischer Charak-
ter der — , 34.
„ als Fieber, 204.
„ und Freundschaft 52. 53,
m „ Gegenliebe 34
Liebe u. Geschlechtstrieb 187.
„ Gewaltsamer Charakter
der — , 209.
„ als Krankheit 203, 204,
n des Mannes und Weibes
33.
„ Organ der — , Auge 18.
108. 109,
n Organ und Sitz der — ,
15.
„ Phasen der — , 44. 47,
18L 190.
„ und Sport 246,
„ Stellung der Kirche
zur — , 206.
„ und Streit 4.
„ Subjekt und Objekt der
— , 30.
„ Subjektivität der — , 34
„ als Sünde 235
„ zu Tieren 228.
„ Ursprung der — , 138.
„ Widersprüche in der — ,
208.
„ Zentralstelle der — , 126,
128,
„ Zerstörendes Element der
— , 210,
„ Zweck der — , 38. 32.
„ Zweieinheit der—, 190,
Liebesausdruck 47, 18L
Liebesbetätigung 47,
Liebesdienst 224.
Liebesdrang 4L
Liebeseindruck 29 ff.
Liebeshaß 2LL 239.
Liebeskatzenjammer 240.
Liebesleben der Pflanzen und
Tiere 12^
Liebespflicht 22L
Liebesphasen 44 187, 190,
Liebesrausch 196,
Liebesreizempfänger: Ohr 84
Liebestränke 202,
Liebestrieb = Trieb nach Liebe
188.
Liebeswettbewerb der Sinne 85,
222
Sach-Register.
Liebhaber, Aktive und passive,
208.
Lipowaner 169.
Literatur, schöngeistige 13
, der Sexualwissen-
schaft 12,
Lockreiz = distanzieller Reiz
94,
„ Visueller — der Geni-
talzone 110»
Lust, Definition der — , 102.
„ am Leide 12± 224»
„ und Rausch 102*
„ „ Reiz ISO»
Lustempfindungen bei Kunst-
werken 54.
Madonna, sixtinische, 54.
Männlich, Begriff — , 132.
Männliches Klimakterium IIS.
„ Prinzip 155»
Mangel an Individualität bei
Kastraten HO»
Mann, Wert des —es, 220»
„ und Weib, Liebe von
— , 33.
Mannheit 156.
Mannigfaltigkeit der Triebrich-
tung 120,
Masochismus 224.
„ Ursprung des — ,
154.
Masochistischer Einschlag bei
Asketen 238,
Masochistisch-sadistischei Kon-
stitution 153»
Maupassant und Goethe, Ver-
gleich, 14.
Medico-Theologen 8» 237»
Megären 2LL
Meinung, Öffentliche — , lß»
Melancholie bei Kastraten 114»
Melodie als Reiz 1QL
Methode für statistische Erhe-
bungen 25»
.Methoden für Untersuchungen
24»
Methoden, Unzulänglichkeit
der Forschungs-, 16.
Mimikry, sexuelle. 12.
„ „ Folgen 15»
a „ Gründe 18.
Minne 20.
Minnedienst 223.
Mischung von Aktivismus und
Passivismus 156.
Mischungsverhältnis männli-
cher und weiblicher Eigen-
schaften 135. 156.
Mißgunst und Kuppelei 230.
Mona Lisa 55.
Monogamie und Polygamie
187.
Monogamität 212,
Moral als Hemmungsfaktor
242.
Moralisten, Die — , 5.
Moschus 110-
Müllers Gesetze der spezifi-
schen Sinnesenergien 48» 152.
Muliebrilität 156.
Muriacithin 202.
Mutterliebe 50.
Nackter Körper als Reiz 106»
Nacktes in der Kunst 106.
Nächstenliebe 64»
Nah- und Fern-Reize 73.
Nasenschleimhaut, Erogene
Stellen der — , OL
Naturvölker, Sekundäre Ge-
schlechtsunterschie-
de der — , 134.
„ und Kulturvölker
134.
Naturphilosophen, Griechische,
4. 5.
Naturphilosophie, (Schelling-
sche) 231»
Neigung zu leblosen Dingen
50. 60»
„ zu Tieren 228.
Nervenschädigung durch sexu-
elle Verdrängung 247.
Nervensystem 18. 10»
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Sach-Regteter.
273
Nervöse Leitungsbahnen 157.
Neurasthenie 15.
Neuropathische Disposition
153.
Kinder 140.
Neurose des Herzens 199.
Nicht-Erotische Sensationen
51.
Not, Sexuelle — , 21L
Objekt und Subjekt der Liebe
30.
„ Zustandekommen des Ein-
drucks im — , 124* 125«
Objektive Beurteilung sexueller
Vorkommnisse 130.
Objektiver Schönheitsbegriff
120.
Öffentliche Meinung liL
Ohr als Organ der Liebe 79.
Olfaktorische Reize 73.
Opern für Kastraten 123*
Optische Reize 23.
Organ Erotisch empfindsamstes
-, 2k
„ der Liebe: Auge als
— 78. 108. 109.
„ und Sitz der Liebe 15.
Orgasmus 197.
Orientalen, Gesichts Verhüllung
bei den — , 111.
Osphresiologie 84.
Pansexualismus 23. 53.
Parfüms als Reize 1Q5*
Partialismus, Sexueller — , 12a
123,
Partialreize, adhaerente, 105.
„ , inhaerente, 105.
Partialspezialismus 120, 123.
Partielle Attraktion 103.
Passive Liebhaber 208.
Passivismus und Aktivismus
Pathologie und Physiologie
104.
Periphere Sinnlichkeit 32.
Persönlichkeit und anziehender
Typus 145*
Persönlichkeit, Wesen der — ,
156.
Pflanzen, Liebesleben der —
und Tiere 12.
Phasen der Liebe 4L 1SL 190.
Philosophie als sexuelles Äqui-
valent 226=
Physiologie und Pathologie
104.
Physische und psychische Reife
250.
Pollutionen, Ursachen der — ,
35. 129,
Polygamie und Monogamie
187.
„ Ursachen der — , 35.
35.
Präkordialangst 199.
Prädilektionsstellen am Kopfe
109,
„ am Rumpfe
im
Primärreiz 7^ 98.
„ Äuge als—, 109.
Primitive, Cohärente Reize bei
— n und Zivilisierten 1TL
114.
Prinzip, Männliches u. weib-
liches — , 155. 156.
Probenächte der Enthaltsam-
keit 253. 254.
Prostatahypertrophie bei Grei-
sen 128.
Prostatainvolution 25L
Prostata, Vergrößerung der
— , 252.
Prostatorrhoe 179.
Prostitution 212. 219.
Protestantische Zeloten 236,
Protestantischer und katholi-
scher Klerus 230,
Proximalreize 95.
Pseudoerotik 32,
Psychische und physische
Reife 250.
Hirachfeld, Naturgesetze der Liebe.
IS
■
TIA
Sach-Register.
Psychische Störungen, Heil-
mittel bei — n — , 244,
Psychologische Forschungen
IS,
Psychologische Hemmungsme-
chanismen 23Z.
Psychophysischer Charakter
der Sennsucht 68.
Pubertät 25L
Pygmalionismus 55,
Quellen, Reiz-, und Empfangs-
stellen 128.
Rausch und Lust 197.
Rauschsubstanz 198.
Rauschsucht = Sehnsucht 68.
Rauschzustand des Gehirns
136.
Reflexbogen und Gefühlstöne
25.
Reflexe, Hemmungen der — ,
194.
„ und Hemmungsmecha-
nismen 134. 248,
„ und Reflexionen 45.
„ und Tropismen 10,
Reflexionen und Reflexe 45.
Reflexleiter, Ende der — , 194.
Reflexmechanismen, Automati-
sches Arbeiten der — OL
Regelmäßigkeit des geschlecht-
lichen Verkehrs 255.
Reife, Psychische und physi-
sche — , 250.
Reiz und Empfangsstellen 123.
„ und Lust 189.
Reize, Akustische — , 23, 167.
„ Aufeinanderfolge der
Q4 j
Bewegte — , 23. 107,
„ Cohärente — , 113.
„ Dissonanzen als — , 118.
„ Distanzielle — , 73,
„ Fern und Nah-, 73.
„ Frisur als — , 109.
„ Gesicht als — , 111.
„ Gustatorische — , 107.
n
Reize, Haut-, 105, 102,
Hör-, 23. HL IIB.
Hut als — 73. 112.
Melodie als — 1Q2.
Nackte Körper als — ,
106.
Olfaktorische — , 23*
Optische — , 23,
Parfüms als — , 105,
Primär-, 23,
bei Primitiven 113, 114.
Proximal-, 73.
Rhythmische — , 23,
102.
„ Riech-, 23.
„ Ruhende — , 107.
Schmeck-, 73.
Schuh als —, 106, 112,
Sekundäre — , 73,
Seh-, 23,
Tactile — , 23,
Tanz als — , 107.
Tast , 23.
„ Wahrnehmbarkeit der
— , 48.
Reizstellen, sensorische 42.
Religiöse Schwarmgeisterei
234.
Religiöses und sexuelles Ge-
fühl 232, 234.
Renaissance 6.
Rhythmus, zyklischer, 249.
Richtung des Triebes, Zentral-
stelle für die — , 128,
Ruhende Reize 107.
Sadismus, Ursprung des — ,
154. 210.
Sadistischer Liebeshaß 239.
Sadistisch-masochistische Kon-
stitution 153.
Schamgefühl 240.
Scheinliebe 32.
Schilddrüse 182.
Schmeckreize 73.
Schmerzsinn 88.
Schöngeistige Literatur 13.
9d by Google
Sach-Register.
22h
Schönheitsbegriff, Erotischer — ,
120.
„ Objektiver — ,
120*
Schuh als Reiz 106, 112,
Schwaches und starkes Ge-
schlecht 213.
Schwarmgeisterei, Religiöse — ,
234,
Schwertklingengelübde 254»
Sekundäre Geschlechtscharak-
tere bei Primitiven
134.
„ Geschlechtscharaktere
bei Tieren 133.
„ Reize 73.
Seelische Vorgänge, Erkenntnis
-r -, 5,
Sehnsucht = Rauschsehnsucht
68.
n Psychophysischer
Charakter der — , 68,
Seh-Reize 73, 111.
Seeigelkeimzellen, Künstliche
Entwickelung von — , 92.
Sein, Wurzel altes — s, 163.
Sensationen, Erotische und un-
erotische — , 51.
Sensorische Reizstellen 4L
Sequi 64,
Sexualfreiheit 222,
Sexualität in der Kindheit 16.
Sexualkräfte, Umsetzung der
— , 226,
Sexualordnungen 216. 25Q.
Sexualpartialismus 108.
Sexualrhvthmus 249.
Sexualreiz, Zustandekommen
des — e° 24,
Sexualreize 50
„ adhärente — , 112.
„ auditive — , US,
„ Gruppen von — n,
73.
Sexualtrieb, Angeborensein des
— s, 14L 148.
Sexualverdrängung 15.
Sexualwissenschaft 6. LS. 10,
„ Kasuistik in
der — , 12,
„ Literatur in
der — , 12,
Sexualzentrum 164,
„ Wirkungen des
Alkohols auf das — , 202.
Sexuelle Äquivalente 226. 22L
„ Attraktion, Vernachläs-
lässigung der — n — , 132.
„ Auslese 130.
„ Enthaltung 201. 229.
230.
„ Erinnerungsbilder 55.
„ Gravitation 60.
„ Heuchelei 13.
„ Hypokrisie IS.
„ Langeweile 35.
n Mimikry 17. 18. 19.
„ Not 2LL
n Reize im Unterbewußt-
sein 102,
„ Spannung 244.
„ 1 riebrichtung 142 ff.
n Zuchtwahl 12Q.
Sexueller Dimorphismus 137.
„ Partialspezialismus 120.
n Spannkraft, Abfuhr — ,
244,
Sexuelles und religiöses Gefühl
232. 234.
Sexus von sequi 64*
Sinne, Liebeswettbewerb der
— , 85,
Sinnesenergieen, Spezifische — ,
48. 157.
Sinnesreize, distanzielle — , 75.
Sinnlichkeit, Periphere — , 32.
Sittlichkeit, Begriff — , 21L
Sitz und Organ der Liebe 15,
Soziabilität, Wurzel der — ,
2L 62,
Sozialer Instinkt 62.
Spadones 177.
Spannkraft, Abfuhr sexueller
— , 244.
Spannung, sexuelle — , 244,
18*
jd by Google
276
Sach-Register.
Spezifische Sinnesenergieen 48*
Spermin 202.
Spinozas Definition „Liebe" 14»
Spiritualistisch-asketische Lehre
5.
Sport und Liebe 246.
Staaten, Entstehung der — ,
62»
Starkes und schwaches Ge-
schlecht 213.
Statistische Erhebungen, Me-
thode für — , 25,
Steigerung der Libido bei ka-
strierten Frauen 182.
Stellen, Erogene — , 92.
Stellung der Kirche zur Oe-
schlechtsliebe 206 i.
Stimme der Kastraten 173.
Stimulierende Gerüche 105.
Störungen, Aussprache bei psy-
chischen — , 244.
Streit und Liebe 4.
Stundenehe 211.
Subjekt und Objekt in der
Liebe 30,
Subjektivität der Liebe 34.
Sublimierung des Geschlechts-
triebes 227.
Sünde, Liebe als — 235.
Suggestion als Hemmungsiaktor
241.
Suggestion der Tradition HL
Summe der Einzelattraktionen
Symbole, Körperliche Berüh-
rungen als — , 62.
Sympathien, Erotische — bei
Kindern 149.
Sympathische Eigenschaften 98.
Gefühl 108.
Gefühl 108.
Tactus = Takt =
Takt — tactus -
Taktile Reize 23.
Tanz als Reiz 107.
Tast-Reize 23,
Tatsache und Theorie 1_L
Technik und Kunst 26.
Teilanziehung 1Ö3_
Telegonie beim Menschen 184.
„ bei Tieren 184,
Theologische Auffassung der
Liebe 39.
Theorie und Tatsache Ii.
„ Wissenschaft & 10.
Thymusdrüse 119. 182.
Tiere, Anhänglichkeit an — ,
ÖL
Liebesleben der — , 12»
Liebe zu — n, 228»
Tradition, Suggestion der — ,
18,
Träume, Bedeutung der ero-
tischen — für Diagnostik 149.
Transplantation von Keim-
stöcken 176.
Treppenreflex 45, 14* 190»
Triebbahnen 162.
Triebbetätigung, Einfluss auf
253.
Trieb nach Liebe 188.
Triebrhythntus, Intermediärer
— , 25L
Triebrichtung, sexuelle, Ange-
borensein der — ,
142«.
„ Beeinflussung der
— , 256.
„ Disposition für die
— , 152»
„ Erworbensein der
147.
„ Festigkeit der — ,
150.
„ Verschiedenheit der
— , 128.
„ Zentralstelle für die
L28.
Triebwelle 249.'
Tropismen 49.
„ und Reflexe KL
Troubadoure 253.
Tu meszenz trieb 43.
Typenliebe 122.
Typus, Anziehender — , 145.
9d by Google
Sach-Register.
222
Uebergänge vom Pathologischen
zum Physiologischen 104.
Uebergehen des Andrins in
die Säftebahn des Weibes
183.
Ueberlragungen, assoziative 56,
Uganda 213.
Umsetzung der Sexualkräfte
226,
Unabhängigkeit des Ge-
schlechtstriebes 256.
Unbewusste Ideenverbindung
56.
Unbewussten, Bewusstwerden
des — , 260.
Uneheliche Kinder 211.
Unerotische Küsse 63,
„ Sensationen 5L
Unfreiheit des Weibes 216.
Unordnung des Geschlechtsver-
kehrs 255.
Unruhe 243.
Unterbewusste Assoziations-
bahnen 160.
Unterbewusste Sexualreize 102.
Unterdrückung sexueller Trieb-
regungen 243.
Unterschiede des Andrins und
Gynaans 183,
Unterschiede der Liebe des
Mannes und des Weibes 33.
Untersuchungsmethoden 24,
Ursachen der Pollutionen 35.
179,
„ der Polygamie 35.
Ursprung des Altruismus 62.
der Liebe 138,
„ des Masochismus 154.
„ des Sadismus 154.
„ der Soziabilität 62,
Unzulänglichkeit der For-
schungsmethoden 16.
Vasomotorische Kongestionser-
scheinungen 198.
Venus von Milo 54,
Venus von Tizian 100.
Verdrängung der Sexualität 15.
242.
Vergleich Goethes und Mau-
passants 14.
Vergrößerung der Prostata
257.
Verhältnis der Reflexbogen und
Gefühlstöne 25,
n der Reiz- und Emp-
fangsquellen 128,
Verhüllung des Gesichtes der
Orientalen 1_L
Verkehr, Regelmäßigkeit des
— s, 255,
„ Unordnung des — s,
255.
Vernachlässigung sexueller At-
traktion 132.
Verschiedenheit der Auffassung
„ der Triebrichtung
128.
Verstärkungsreize 94.
Virilität 156,
Visuelle Lockreize 110.
Vorgänge, Erkenntnis seelischer
-, 5.
Vorkommnisse, objektive Be-
urteilung sexueller — , 130,
Vorlust 23.
Vorstellungsbahnen 158.
Voyeur 55,
Wachstum bei Kastraten 171.
Wahrnehmbarkeit der Reize 48.
Wahrnehmungsbahnen 157.
Wandertrieb 245.
Wechseljahre 256,
Weibbrüstigkeit bei Kastraten
122,
Weib, Unfreiheit des —es, 216.
Weibheit 156.
Weiblich, Begriff — , 132,
Weibliches Prinzip 156,
Wellismus 16.
Weltliteratur 14,
Wert der Frau 214* 21L 218,
„ des Mannes 220.
jd by Google
278
Sach-Register.
Wesen der Persönlichkeit 156.
„ der Wissenschaft <L
Widersprüche in der Liebe 208.
Wirksamkeit des sezernierten
Keimsaftes 168.
Wirkungen des Alkohols auf
das Sexualzentrum
202.
„ des Andrins auf das
Sexualzentrum 17Q.
„ des Chemismus 135.
Wissenschaft, Definition der
- 9,
„ als sexuelles Äqui-
valent 226,
„ und Theorie <L lü.
„ Wesen der — , Q,
Wissensfundamente 27.
Wurzel alles Seins 163,
„ des Altruismus 62- 225.
„ der Askese 238,
„ der Soziabilität 2L
Yohimbin 202,
Zeitehe 217.
Zeloten, Protestantische — , 236,
Zentrale Phase der Liebe
124 ff.
Zentraler Vorgang im Gehirn
126.
Zentralnervensystem HL IQ.
Zentralstelle der Triebrichtung
128.
Zentrifugale Phase der Liebe
126. 187. 191.
Zentripetale Phase der Liebe
126.
Zerstörendes Element in der
Liebe 210.
Zölibat 230,
Zones erogenes 85.
Zuchtwahl 120,
Zuneigung 33.
Zusammentreffen der zentripe-
talen und zentrifugalen Ener-
gie 126.
Zustände, Erotomanische — ,
12.
Zustandekommen des Eindrucks
im Objekt 124.
125. 126,
„ des Orgasmus
74,
„ des Sexualrei-
zes 74.
Zweck der Liebe 38. 39.
Zweieinheit der Liebe 190.
Zyklischer Sexualrhythmus 248.
öd by Google
Inhaltsangabe.
Einleitung. Liebe und Wissenschaft Seite 1—27.
Ooethe und Empedokles. — Vor- und Nach-Sokratiker. —
Antihedonismus. — Liebe als Kunstobiekt. — Medico-Theo-
logen. — Wesen der Wissenschaft. — Sexualwissenschaft. —
Theoretisches und Tatsächliches. — Literaturbesitz. — Auto-
biographien. — Goethe und Maupassant. — Freud und
Hippokrates. — Schwierigkeit der Sexualwissenschaft. — Sexu-
elle Mimikry. — Gründe sexueller Mimikry. — Folgen
sexueller Mimikry. — Liebe und Minne. — Freuds Begriff
„Liebe 4 *. — Begriffsbeschränkung. — Das Wort „Ge-
schlecht". — Untersuchungsmethoden. — Statistik. — Na-
tur und Technik. — Wissensfundamente.
Teil I. Der Liebeseindruck. (Die zentripetale Phase der Liebe).
Seite 29-123.
Subjekt und Objekt. — Liebe und Gegenliebe. — Schein-
liebe. — Frauenliebe. — Subjektivität der Liebe. — Sexuelle
Langeweile. — Positive Gefühlstöne. — Liebe und Lebens-
lust. — Zweck der Liebe. — Christliche Asketik. — Fort-
pflanzung ohne Liebe. — Liebe ohne Fortpflanzung. — Drei-
facher Liebeszweck. — Verschwendung von Liebeskraft. —
Phasen der Liebe. — Reflexe und Reflexionen. — Treppen-
reflexe. — Ernst der Liebe. — Eintrittstore der Liebe. —
Tropismen. — Mutterliebe. — Körperliche Sensationen. —
Freundschaft und Liebe. — Pansexualismus. — Liebe zu
Kunstwerken. — > Übertragungen der Liebe. — Assoziative Ver-
kniipiungen. — Ola Hanson. — Heroenkult. — Liebe zu
leblosen Dingen. — Kristallfetischismus. — Anhänglichkeit
an Tiere. — Liebe und Soziabilität. — Liebessymbole. —
Genotropismus. — Innere Harmonisierung. — Liebesan-
ziehung. — Liebessättigung. — Impressionen und Depres-
sionen. — Sehnsucht als Unlust. — Körperliche Durchströ-
mung. — Beteiligung aller Sinne. — Quellen der Liebe. —
Fern- und Nahreize. — Vorlust und Höchstlust. — Abdrücke
der Eindrücke. — Bedeutung des Auges. — Lehrreiche
Anekdote Rabelais'. — Sicherheitsmassregeln der Natur. —
Liebe der Blinden. — Wirkung der Stimme. — Wechsel der
Sinne. — Gesang als geistige Entblössung. — Geruchsbe»
Digitized by Google
280 Inhaltsangabe.
rauschung. — Geständnis der Liebe. — Wettbewerb der
Sinne. — Geruchsantipathien. — Nasale Geschlechtspunkte.
— Erogene Zonen. — Sexuelle Erregungsstellen. — Kon-
taktreflexe. — Sexueller Automatismus. — Liebe ge-
schlechtsloser Lebewesen. — Voraussetzungen taktiler Reiz-
barkeit. — Attraktionsskala. — Lock- und Verstärkungsreize.
— Körperliche Vermittlung seelischer Eigenschaften. — Die
Sexualobjekte. — Der Primärreiz. — Partielle Attraktion.
— Partielle Aversion. — Fälle von Fetischhaß. — Der Bart.
— Prinzip der Individualisierung. — Breite des Physiolo-
gischen. — Einteilung der Partialreize. — Abstoßung des
Nackten. — Rhythmische Reize. — Beschleunigung der
Reizfolge. — Gesichts- und Augenausdruck. — Überschätzung
der Genitalzone als Lockreiz. — Scham und Sittlichkeit. —
Adhärente Sexualreize. — Cohärente Reize. — Narbenver-
zierungen und Renommierschmisse. — Spezifizierung der
Sehreize. — Typenschilderungen. — Differenziertheit der Ge-
hörsreize. — Reizverstärkung durch Bewegung. — Inhärente
und adhärente Gerüche. — Subjektive und objektive Schön-
heit. — Ästhetik und Erotik. — Kombination der Partial-
reize. — Zusammenfassung.
Teil II. Der Liebesdrang. (Die zentrale Phase der Liebe.)
Seite 124—185.
Erklärung der Gefühlsverschiedenheit. — Abgestimmtheit der
Empfangsstellen. — Umschaltung der Sexualströmungen. —
Die endogene Variabilität. — Die Sexualindividualität. —
SexueUe Auslese. — Anziehung des Häßlichen. — Rassen-
veredelung. — Sexueller Dimorphismus. — Geschlechtsdiffe-
renzierung. — Neutralisierung von Einseitigkeiten. — Prin-
zip der Ergänzung. — Die Begriffe „Männlich" und „Weib-
lich". — Anziehung des Gegensätzlichen. — Der Reiz des
Unbekannten. — Anziehung gleicher Eigenschaften. —
Ähnlichkeit der Liebenden. — Statistische Gegenüberstellun-
gen. — Untersuchungsresultate. — Das wirksame Moment
der Fesselung. — Ähnlichkeit reizausübender Subjekte. —
Reizkombinaüonen. — Sexuelle Zielstrebigkeit. — Erworben
oder angeboren? — Obiektfindung des Kindes. — Änderung
der Triebrichtung. — Individuelles Gepräge der Haftstelle.
— Außenreiz und Konstitution. — Konstitutionstypen. — Un-
begrenztheit spezifischer Anlagen. — Aktivismus und Passi-
vismus. — Männliche und weibliche Erbmasse. — Das Wesen
der Persönlichkeit. — Wahrnehmungsbahnen. — Vorstellungs-
bahnen. — Assoziationsbahnen. — Hemmungsbahnen. —
Trieb- und Handlungsbahnen. — Projektionsbahnen. — Mün-
dungsstelle der Leitungsbahnen. — Galls Kleinhirntheorie.
— Die Hypophyse. — Der innere Chemismus. — Speisung
des Sexualzentrums. — Kastratenstudien. — Lipowaner und
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Inhaltsangabe. 281
Eunuchen. — Mangel an Individualität. — Ausfallser-
scheinungen. — Keimsaftwirkung. — üespräche mit Eu-
nuchen. — Innersekretorische Vorgänge. — Triebin tensität.
— Hämmlinge. — Reizstoffe. — Andrin. — Anorchisten. —
Weibliche Kastraten. — Gynäcin. — Energiesubstanzen. —
Telegonie. — Andrin und Arsen.
Teil III. Der Liebesausdruck. (Die zentrifugale Phase der Liebe.)
Seite 186—260.
Die Liebeserfüllung. — Individualisierter Geschlechtstrieb. —
Reiz und Lust. — Zweieinheit der Liebe. — Der Kuss. —
Qualität der Küsse. — Kussformen. — Wunscherfüllung. —
Gefühl des Geborgenseins. — Lust ist Rausch. — Lustdefi-
nitionen. — Rauschsubstanzen. — Herz-Beteiligung. — Die
Angst. — Verjüngung durch Liebe. — Aphrodisin. — Liebe
als rieber. — Liebe als Kampflust. — Verzicht auf Liebe. —
Kampf gegen die Liebe. — Jede Liebe ist Eigenliebe. — Das
Glück des Beglückens. — Don Juan und Werther. — Liebes-
haß. — Die Eifersucht. — Reiz der Eroberung. — Kampf
der Geschlechter. — Das Weib als Schatz. — Die Macht
des Weibes. — Geschlechtsordnungen. — Altjunglertum und
Prostitution. — Sitte und Sittlichkeit. — Liebe und Geld, r—
Ehesitten. — Liebe und Pflicht. — Sexuelle Gleichberechti-
gung. — Sexuelle Hörigkeit. — Die Lust am Leide. —
Opferwilligkeit der Liebe. — Sexuelle Äquivalente. — Sub-
limierung der Liebe. — Liebesersatz. — Einfluss auf gei-
stiges Schaffen. — Sexuelle Abstinenz. — Das Geniale und
Genitale. — Umsetzung sexueller Spannkräfte. — Erotische
und religiöse Ekstase. — Graf Zinzendorf. — Liebe als
Sünde. — Das Weib als Sünde. — Enthaltung oder Mäßig-
keit. — Wurzel der Askese. — Reiz des Verbotenen. —
Die Scham. — Objektivierung der Empfindungen. — Soziale
Hemmungen. — Lustgewinn und Lustersparnis. — Wert der
Aussprache. — Liebe und Wandertrieb. — Liebe und Sport.
— Enthaltung und Nervosität. — Der Sexualrhythmus. —
Lebenswelle und Triebwelle. — Verlust der Periodizität. —
Pubertätsfeste. — Die Bedürfniskurve. — Liebe und
Wille. — Probenächte der Enthaltsamkeit. — Begriff der
Unmäßigkeit. — Die Wechseljahre des Weibes. — Die Wech-
seljahre des Mannes. — Liebe im Alter. — Die Liebe als
Menschheitsphänomen. — Das Bewußtwerden des Unbe-
wußten.
2 Tafeln: Sexualbahnen und Sexualkurven. Nach Seite 260.
Namen-Register. Seite 261—264.
Sach-Reglster. Seite 265—278.
Druck von Edmund Stein in Potsdam
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